„Sweet Jesus“ – Die frohe Botschaft in den Liedern afro-amerikanischer Kulturen.

Manuskript: Maximilian Preisler
Deutschlandradio Kultur
Red. Dr. Gerald Felber
30. Oktober 2005
16:05 Uhr – 17:00 Uhr

Variationen mit Thema

MUSIK:
Mississippi Fred McDowell: Jesus Is On The Mainline, ausblenden bei 0:58, darauf AUTOR:
CD Mississippi Fred McDowell, Capitol Blues Collection, 833919-2

AUTOR:
Geschichten und Töne waren die Ausgangspunkte für den afro-amerikanischen Autor Alex Haley, als er sich auf die Suche nach seinen Vorfahren machte. Die Geschichten hatten die Großmutter und ihre Freundinnen erzählt, wenn sie sich an heißen Sommertagen nach dem Essen und dem Spülen des Geschirrs auf die Front Porch, die Veranda, des kleinen, weißgetünchten Hauses setzten, sich Luft zufächelten, und von den Ahnen erzählten. Erst als Erwachsener fand Haley heraus, dass diese Geschichten und die ihm unverständlichen Worte, die er als kleiner Junge in Tennessee gehört hatte, ein kohärentes Bild ergaben. „Kin-tay“, so ihr Name für den Urahn, ließ sich als Bezeichnung eines Klans in Westafrika lokalisieren, „Kumby Bolongo“, entpuppte sich als Bezeichnung für den Gambia River, und, ebenfalls aus der Sprache der Mandinka übernommen, machte auch das Wort „ko’an“ Sinn – es stand für Banjo. Viel später, während seiner Recherchenreise nach Afrika, hörte Alex Haley einem Griot-Sänger in Mali zu – der konnte davon erzählen, wie „Kin-tay“ im Wald gekidnappt wurde, als er, um eine Trommel zu bauen, einen Baumstamm schlug.
Der Sklave Kin-tay durfte später in Maryland, dort lebte sein Herr, vielleicht Banjo spielen, vor der Trommel aber hatten die weißen Herren Angst. Sie könnte von Aufruhr sprechen, sie könnte zu Widerstand anstacheln, deshalb war dieses Instrument auf den meisten Plantagen strikt verboten.
Es war nicht die einzige Schwierigkeit vor der die Sklavenhalter standen. Als noch drängender stellte sich ein anderes Problem dar, es kulminierte in der Frage: Besitzen Schwarze eine Seele? Zu gerne wäre man dieser Frage ausgewichen, denn wenn sie mit Ja beantwortet wurde, dann war es Pflicht der Plantagenbesitzer, die Sklaven taufen zu lassen und ihnen zu erlauben, an christlichen Gottesdiensten teilzunehmen. Die Vorstellung einer unkontrollierten Versammlung von Schwarzen allerdings war jedem Sklavenhalter ein Gräuel.

MUSIK:
Gospel Hummingbirds: Pray On (Nichols/Thomas) Track 7, ausblenden bei 2:20
CD Preaching In Rhythm And Funk, Vol. 1, US-0281

AUTOR:
Die Erinnerungen eines früheren Sklaven zeigen, dass die Weißen stets misstrauisch und furchtsam waren, selbst wenn sie die Schwarzen unter Beaufsichtigung an Camp Meetings, an religiösen Erweckungsveranstaltugen teilnehmen ließen.

ZITATORIN:
Die Weißen ließen uns zu den Camp Meetings gehen, sie ließen uns auch singen. Sie sagten ja immer die Farbigen können viel besser singen. Die Weißen saßen vorn, wir saßen ganz weit hinten. Manchmal ließen sie uns auch am Abend einen eigenen Gottesdienst abhalten, dann saßen wir ganz vorn und die „Patarollers“, das waren berittene Bewacher, saßen hinter uns. Die farbigen Prediger sagten uns immer, wir sollten unserem „Master“ und der „Mistress“ gehorchen. Weiter fiel ihnen meist nichts ein. Aber wenn sie etwas anderes predigen wollten, dann waren die Bewacher schnell zur Stelle und befahlen ihnen sofort aufzuhören. Einmal sangen wir „König Jesus, reite voran, keine kann Dich stoppen“, da sprangen die Bewacher auf und sagten, wir sollten sofort aufhören zu singen. Wenn nicht, würden sie uns schon zeigen, dass sie uns sehr wohl stoppen könnten.

MUSIK:
Cora Martin: Didn’t It Rain (Trad.) Track 23, 2:57
CD The Great Gospel Women, Shanachi 6004

ZITATORIN:
Die Weißen hatten immer Angst, wir Neger könnten uns einbilden, wenn wir erst einmal unsere eigene Kirche hätten, dann könnten wir auch irgendwann einmal frei sein. Aber wir trafen uns trotzdem, wir sangen und beteten für uns, wie bei einem der Erweckungstreffen. Wir nahmen dann Töpfe und legten sie umgekehrt auf die Mitte des Versammlungsraums, so drang das Singen und Beten nicht nach draußen, und die Weißen konnten sich nicht einmischen und uns stören. Denn wenn man diese Töpfe umgekehrt hinstellt, dann bleiben die Töne im Raum. Und dann wurde auch um Freiheit gebetet. Damals dachte ich, das sei närrisch, aber die alten Sklaven dachten immer, sie müssten eines Tages wieder frei sein. Das muss ihnen irgendjemand verkündet haben. Wenn damals jemand beim Schreiben erwischt wurde, dann wurden ihm die Finger gebrochen, wenn er das Buch nicht losließ, dann wurde sogar ein Finger abgeschnitten. Und doch wussten sie, dass sie eines Tages frei sein würden.

MUSIK:
Marion Williams: Go Down Moses (Trad.) Track 20, 2:44
CD Great Gospel Women, Vol. 2, Shanachie 6017

AUTOR:
Die Sklaven in Nord-Amerika mussten ihre alten afrikanischen Götter aufgeben. Einige der Verschleppten wurden zwangsgetauft, andere wollten Christen werden. Die Mehrheit der Sklaven, später auch der befreiten Schwarzen gehörte der Methodistischen Kirche und den Baptisten an. Beide Kirchen wandten sich zu Beginn gegen die Sklaverei. Massenbekehrungen fanden zur Zeit des Great Revival statt, von1734 bis 1740, und des Great Awakening, von 1800 bis 1840. Die „bekehrten“ Schwarzen entwickelten nun eine eigene Musikform. In „Spirituals“ wurden biblische Themen, vor allem aus dem Alten Testament, entnommen und neu interpretiert, in dem die Erfahrung der Sklaven in Amerika zum Beispiel an die Stelle der Leiden der Juden im ägyptischen Exil gesetzt wurde. Oder man identifizierte sich mit dem armen Mann Hiob. Er verliert Besitz, Haus und Kinder, er wird krank, Geschwüre ergreifen Besitz von seinem Körper – dennoch verflucht er Gott nicht. Ein Leben in Demut lässt ihn wieder Gottes Glanz sehen – und seine weltlichen Besitztümer erhält er gleich zweifach zurück. Was für ein Lohn für einen Gedemütigten!

MUSIK
Golden Gate Jubilee Quartet: Job, Track 10, 2:37
CD How Can I Keep From Singing, Vo. 2, Yazoo 2021

AUTOR:
Bei den traditionellen Spirituals und auch bei den späteren Gospel Songs ist die Verknüpfung von Elementen, die aus Afrika stammen, mit europäischen Charakteristiken, vor allem in der Harmonik, offenkundig. Der afrikanische Ursprung bleibt dabei immer hörbar, vor allem im Rhythmus und im Call-and-Response Schema, aber auch in der ganz eigenen Interpretation der christlichen Religion. Die Frohe Botschaft wird als Hoffnung für eine bessere Zukunft verstanden, im Himmel und auf Erden. Im Anrufen und im Beschwören wechseln sich Gemeinde und Prediger ab. Dabei sind die Übergänge fließend, der Sprechgesang des Predigers geht in Gesang über, die gerufenen und gesungenen Antworten der Gemeinde unterstützen den „lead“-Gesang, verstärken die Aussage und stellen ein Gemeinschaftsgefühl her. Am Ostersonntag des Jahres 1934 trägt Reverend Griffin, der sich den sprechenden Beinamen „Sin-Killer“ – „Sünden-Killer“ gegeben hat, die frohe Botschaft des höchsten christlichen Feiertags vor. In seiner Auslegung der Geschehnisse vom Karfreitag bis zu Ostersonntag überwiegt eindeutig der Gedanke der Errettung, der Erlösung. Die Vorgänge werden dramatisch geschildert, der Prediger zitiert die Worte des Propheten Isajas, der verkündete: Die Toten in der Erde werden das Wort Jesu hören und auferstehen. Und der Höhepunk der Predigt des Reverend Sin-Killer Griffin ist die Versicherung für die Gemeinde: Selbst wenn ihr im Unglück seid, die Kirche wird euch retten: Wie kann ich sterben, wenn Jesus lebt? „How can I die when Jesus lives?” Du, oh Gott, kümmerst Dich um mich. Thou carest, Lord.

Sin-Killer Griffin: The Man Of Calvary, Track 9, ca. 1:00
CD Negro Religious Songs And Services, LC 3719, Rounder 1514
MUSIK
Holy Ghost Sanctified Singers: Thou Carest Lord (Trad.) Track 17, einblenden bei 1:40
CD How Can I Keep From Singing, Vol. 2, Yazoo 2021

AUTOR:
Drei große Ströme von erbeuteten, gekauften und geraubten schwarzen Menschen aus Afrika nach Amerika lassen sich benennen: nach Nordamerika, in die Karibik und nach Brasilien. Viele Historiker sind dabei der Meinung, dass das System der Sklaverei in Brasilien – auch wenn es dort durchaus auch zu Ungerechtigkeiten und Brutalitäten kam – nicht so unmenschlich war wie in anderen Ländern. Dabei wird unter anderem auf einen frühen Bericht hingewiesen, in dem die „middle passage“, die Überfahrt von Afrika nach Brasilien auf portugiesischen Schiffen geschildert wird.

ZITATORIN
Sie kümmern sich um die Krankheiten der Sklaven, verabreichen ihnen Medizin, etwa Zitronen und weißes Blei gegen Würmer. Sie haben Matten auf denen sie liegen, und es wird so ein großer Vorrat mitgeführt, dass sie alle 10 bis 15 Tage eine frische Matte erhalten. Die Überfahrt dauert insgesamt 30 Tage.

AUTOR:
Wie viele Schandtaten von portugiesischen Sklavenhaltern bis 1890, dem offiziellen Ende der Sklaverei, tatsächlich begangen wurden, lässt sich heute auch deshalb nicht mehr feststellen, weil 1891, also nur ein Jahr später, angeordnet wurde, alle Dokumente, die sich auf die Sklaverei bezogen, vollständig zu vernichten. Viel stärker als in Nordamerika blieb allerdings bei den Sklaven in Brasilien, und hier wiederum vor allem im Norden des Landes, in der Gegend um die Stadt Bahia, die religiöse und kulturelle Erinnerung an die afrikanische Heimat bestehen.

MUSIK
Cantigas de Angola (Trad.) Track 16, 2:55
CD Capoeira, Samba, Candoblé, Museum Collection Berlin, CD 16

AUTOR:
Warum lässt sich an dieser religiösen Musik aus Bahia so deutlich ablesen, wie nahe für die Musiker Afrika liegt, wie kam es zu der Beibehaltung so vieler afrikanischer Riten, ja, in einigen Fällen, sogar der Sprache? Wenn auch in jüngster Zeit allgemein von einer Brasilianisierung die Rede ist, und nur noch wenige die Yoruba und Fon Ausdrücke verstehen und anwenden können. Als wichtigster Punkt muss wohl die in Brasilien vorherrschende katholische Religion genannt werden.

ZITATORIN:
In weiten Teilen der Karibik und Südamerikas bot die katholische Religion eine besonders fruchtbare Möglichkeit für den Synkretismus zwischen den beiden religiösen Traditionen. In Bahia und anderen Städten des brasilianischen Nordens bewahrte sich das afrikanische religiöse System bis in die heutige Zeit. Dieses System funktioniert nach wie vor in Kult-Gruppen, die eine spezielle, lebendige Form von Glaubensinhalten und Glaubenspraktiken weitergeben.

MUSIK:
Cantigas de Angola, Track 15, 2:15
CD Capoeira, Samba, Candoblé, Museum Collection Berlin, CD 16,

AUTOR:
Candomblé, aus afrikanischen Wurzeln gespeist, beruht auf der Ordnung von westafrikanischen Gottheiten, die sich auch in der neuen Welt als effizient erwiesen, die „überlebten“. Darüber hinaus werden diese Gottheiten eines afrikanischen Pantheons mit katholischen Heiligen identifiziert, Ogun zum Beispiel, Gott des Krieges und des Eisens mit dem Heiligen Antonius, Oshossi mit dem Heiligen Georg. Diese Heiligen, diese Gottheiten sind gekennzeichnet durch ihr Geschlecht, durch Symbole, ihnen sind bestimmte Farben und bestimmte heilige Tage zugeordnet, ihnen gebühren spezielle Anrufungen. Der Bilderkult und die Opferriten der katholischen Kirche boten sich da leicht als Bezugspunkte an, afrikanische, afro-brasilianische und katholische Bezüge verschmolzen.
Initiationstänze aus Afrika, erhielten dazu neue, geheime Funktionen: Selbstverteidigung, Rebellion und Aufbegehren. Die Tänzer und Kämpfer, die aus den vielen unterschiedlichen Capoeira Schulen kommen, haben eins gemeinsam: der Musik wird ein hoher Wert beigemessen. Und auch hier verschmelzen die unterschiedlichen Elemente – so wird zum Händeklatschen und zum Rhythmus der Trommeln Maria angerufen: Heilige Maria, Mutter Gottes.

MUSIK
Capoeira, Asluana, Track 2, einblenden bei 2:30

AUTOR:
Trance, Ekstase, spirituelle Entrückung – diese verbreiteten Formen der afro-brasilianischen Gottesverehrung finden sich durchaus auch im Norden des Kontinents. Nicht nur im abgelegenen ländlichen Süden der USA, auch in den für Außenstehende kaum zu entdeckenden kleinen „Store Front“- Kirchen der Großstädte kommt es jeden Sonntag zum „Sprechen in Zungen“, zu kollektiver Verzückung, zu Tanzausbrüchen und Wunderheilungen. Die Musik hat besonders bei den Sekten der Holiness Churches oder Sanctified Churches – auch Pfingstkirchen genannt: Pentecoastal Churches – einen entscheidenden Anteil am Gelingen des oft vier, fünf Stunden dauernden Gottesdienstes. In diesen oft primitiv ausgestatteten Räumen, in unvermieteten Büros oder leerstehenden Geschäften, haben viele später berühmte säkulare Soul Sänger nicht nur ihr Singen gelernt, sondern auch von den Predigern erfahren, wie Gestik und Mimik, wie der Körper die seelische Entrücktheit ausdrücken kann. „I sing with my body. It’s the only way I know.”

MUSIK:
Aubrey Ghent: Can’t Nobody Do Me Like Jesus (Trad., arr. Ghent) Track 6, ausblenden darauf AUTOR:
CD Overcome!, Vol. 2, US-0287, LC 04270

AUTOR:;
Noch immer ist die Landkarte der schwarzen Gospel-Musik noch nicht völlig vermessen. Vor gut einem Dutzend Jahren fanden sich, zur Verblüffung sowohl der Wissenschaftler als auch der weißen Fans der Gospel-Musik, in einigen Kirchen in Florida Gemeinden der Holiness Churches, bei denen Gospel-Bands auf den Ton der Steel Guitar setzten. Von der Lap Steel Guitar und der Pedal Steel Guitar hatte man angenommen, sie sei allein bei Country und Western Songs einsetzbar, nun halfen sie zum Beispiel dem Pastor der Church Of The Living God, seine Gemeinde auf den Weg zum rechten Glauben zu bringen. Inzwischen haben die Sacred Steel Gitarristen einen wahren Siegeszug angetreten.

MUSIK:
Aubrey Ghent: Can’t Nobody Do Me Like Jesus (Trad., arr. Ghent) Track 6, bis ca. 3:00
CD Overcome!, Vol. 2, US-0287, LC 04270

AUTOR:
Das Gefühl der Gemeinschaft, das sich vor allem in den Store-Front Churches einstellt, wird als Gefühl der Vorwegnahme der Glorie des Himmels verstanden. Wenn in den Kirchen einzelne Gläubige nach vorn drängen, um laut ihre Sünden zu bekennen, dann jubiliert die Gemeinde. Dieses Gemeinschaftsgefühl stellt sich aber nicht nur für die Teilnehmer am sonntäglichen Ritus ein. Singt am Sonntag die ganze Gemeinde, so wird vielfach am Samstagabend zum Zuhören beim „Quartet Singing“ eingeladen. Bereits lange bevor „große“ Gospel Gruppen populär wurden, reisten die talentiertesten Gospel Quartette durch den Süden, traten selbst in den großen Städten wie Chicago oder New York auf. Es sind fast ausschließlich Gesangsgruppen von Männern, die ihr weltliches Pendant im „Barber Shop Quartet“ haben. Und diese Art des Singens hatte großen Einfuß auf die säkulare Musik. Der kontrollierte Ausbruch des Lead-Sängers wurde zum Vorbild so manches Blues-Musikers, Rhythm and Blues Bands bezogen sich bei ihren Falsetto Klagen ebenfalls auf den Vortrag der Soul Stirrers, deren Lead Sänger Sam Cooke bald schon den Soul „miterfand“, auf die Sensational Nightingales, auf die rauen Stimmen der Five Blind Boys Of Mississippi, oder den geschliffen-treibenden Sound der The Swan Silvertones.

MUSIK:
The Swan Silvertones: Working On A Building Track 12, 2:52
CD Kings Of The Gospel Highway, Shanachie 6039

MUSIK
Seit den 30er Jahren zogen Quartette, später auch Gospel Groups und vor allem auch Solo Gospel-Sängerinnen den „Gospel Highway“ entlang und traten vor einem fachkundigen Publikum auf. Weitgehend unbemerkt von weißen Hörern entwickelte sich ein moderner Gospel Sound, der seinen Höhepunkt in den Jahren zwischen 1945 und 1960 hatte. Von der ersten Generation der Sängerinnen wären Salli Martin, Mahalia Jackson und Sister Rosetta Tharpe zu nennen, von der nachfolgenden Generation etwa Bessie Griffin und Dorothy Love. Diese Sängerinnen traten selbstbewusst auf. Wenn ihnen vorgehalten wurde, dass es vor allem auf den Pfarrer ankäme, wenn es um die Bekehrung der Sünder gehe, antwortete eine leicht erzürnte Roberta Martin Singer: „Nein, das stimmt einfach nicht. Der Pfarrer und seine Predigt, ja, das ist wichtig, aber durch das Singen sind schon viele Seelen gerettet worden.“

MUSIK:
Mahalia Jackson: What Could I Do (Dorsey) Track 1, 2:54
CD Great Gospel Women Vol. 2, Shanachie 6017

AUTOR:
Zum einen sind die schwarzen Kirchen Orte der Anbetung, der Bekehrung, manchmal auch der Wunderheilung, doch sie sind zugleich Zentren des sozialen und kommunalen Lebens der Afro-Amerikaner. Richard Wright, der schwarze Schriftsteller, der vor dem täglichen Rassismus seiner Heimatstadt Natchez im tiefen Süden zuerst nach Chicago, dann weiter nach New York und schließlich nach Paris hatte fliehen müssen, betont:

„Die Kirche ist das Tor, das uns zuerst erlaubte, die westliche Zivilisation kennen zu lernen, Religion war die erste Form, die wir hatten, um unsere Person auszudrücken.“
In der Kirche finden vielerlei soziale Aktivitäten statt, hier wird gekocht, hier wird Essen serviert. Baseball-Gruppen organisieren sich über die Kirche, Basketball Teams finden sich zusammen. Hier lernen junge Schwarze etwas über das Führen von Geschäften, erhalten erste Einblicke in Wirtschaftsfragen, der Pastor führt eine Kirche, die gleichzeitig eine soziale Agentur ist. Die ersten afro-amerikanischen Zeitungen wurden ebenfalls in Kirchen gedruckt. Und während der Bürgerrechtsbewegung der 60er Jahre waren die protestantischen schwarzen Kirchen der Kristallisationspunkt einer politischen Widerstandsbewegung. Die alten Lieder erhielten nun eine neue Funktion.

MUSIK:
Odetta: No More Auctin Block For Me (Trad.) Track 18, 2:09
CD Let Freedom Sing, VCD 79731-2

AUTOR:
William Faulkner hat in so manchem privaten und auch öffentlichen Statement gezeigt, dass auch ein hervorragender Schriftsteller in die Falle des Rassismus geraten kann. Und doch hat kein Autor einen solch tiefen Einblick in das Gefüge des amerikanischen Südens gegeben wie Faulkner. In seinem Roman „Schall und Wahn“, für den er den Nobelpreis für Literatur erhielt, führt Faulkner den Leser zu einem afro-amerikanischen Gottesdienst – ein Gang in eine andere Welt, eine beseelte Welt, eine Welt der Gemeinschaft und der unverstellten Spiritualität.

MUSIK, darauf ZITATORIN
Bessie Griffin: Moan Bessie, Track 22, 2:26

ZITATORIN
„Brüder“, flüsterte der Geistliche heiser, ohne sich zu rühren.
„Ja, Jeesus!“ sagte eine Frauenstimme, noch gedämpft.
„Brrüüder un Schwesterrn!“ Jetzt erklang seine Stimme wie ein Hornstoß. Er nahm den Arm vom Pult und richtete sich auf und hob beide Hände. „Mir wuurrde die Erkännt-nis un das Bluut des Lamm-es zuteill!“
Er wühlte in seinem Rock und zog sein Taschentuch heraus und wischte sich damit über das Gesicht. Ein tiefer, vielstimmiger Ton stieg auf aus der Gemeinde: „Mmmmmmmmmm!“ Und eine Frauenstimme sagte, „Ja Jeesus! Jesus!“
„Hööret, meine Brüder! Ich sähe den Tag. Marie sitzt in´er Tür mit Jeesuss auf´m Schoß, mit´em kleinen, kleinen Jeesuss. Ich höre sie singn, die Engel, sie singn von Friedn un Herrlichkeit; ich sähe die zu´nen Äuglein; ich sähe Marie aufsprringn, sähe die Soldatngesich-ter: Wir wern ihn tööten! Ich hör dass Weinen un dass Klaagen von der aarmem Mammy oh-ne Rettung und Worrt von Gott!“
„Mmmmmmmmmmmm! Jeesus! Kleiner Jeesus!“ Und eine weitere Stimme hebt an:
„Ich seh´s, O Jeesus! Oh, ich seh´s!“ Und dann noch eine, ohne Worte, wie Blasen, die im Wasser aufsteigen.
„Ich sähe es, Brrüüder! Ich sähe es. Sähe das ruchlose, blendende Bild! Ich sähe Golgathaa un die Kreuzesbäume, sähe den Dieb und den Mörrder un den Geringsten unter ih-nen; ich hööre dass Prah-len und dass Höh-nen: Bis du Jeesuss, so heb doch dein Kreuz auf un wandle! Ich hööre dass Wei-nen un Schrei-en, un ich sähe Gott mit abgewandtem Gesicht: Die ham Jeesuss gemorrdet; die ham meinSohn gemorrdet!“
„Mmmmmmmmmmmmm! Jesus! Ich seh´s, O Jeesus!“
„Oh, ihr blindn Sünn-der! Meine Brrüüder, ich saage euch; meine Schwestern, ich saage euch, wenn dr Herr Sein allmächtiges Antliss abwenndet un saagt, Iss kein Platz nich in Himmel for jedenn! Ich sähe den verwai-sten Gott Seine Pforrte verschließen; ich sähe die willde Fluut sich ranwälzenn; ich sähe den Tood unn die Finn-sterniss auf den Geschlächtern lasstenn ewiglich! Dann aber, ha!“ Brrüüder! Brrüüder! Was sähe ich? Was sähe ich, O Sünn-der? Ich sähe die Auf-er-steh-hung un ds Licht; sähe den holdn Jeesuss, un er saagt, Sie ham mich getöötet, auf dass ihr eewig läbet; ich bin gestorm, auf dass die, wo sähen und glauben, nimmer sterrben. Meine Brrüüder, O meine Brrüüder! Ich sähe den Jüng-sten Taag herreinbrächn un hööre die goldnen Posau-nen die Glorie verkünndn un die voon den Tooten auferstehen, wo dass Bluut un die Erkänntnis des Lammes ham!“

MUSIK:
Betty Griffin, bis zum Ende

AUTOR:
„I’m saved!“ „Ich bin gerettet“, so ruft der Sünder am Sonntagmorgen mit allen Mitgliedern der Gemeinde. Das wird ihn wohl nicht davon abhalten, in den kommenden Tagen erneut den Verführungen des Lebens zu verfallen. Jedoch darum geht es nicht in erster Linie. Schwarze Gläubige, die sich oft in einer feindlichen weißen Welt bewegen müssen, suchen in der Kirche Spiritualität und Entlastung. Sie finden dabei auch eine Identität. Nicht zuletzt durch die reiche religiöse Tradition der afro-amerikanischen Kirchen, die sich wiederum vor allen in ihren Liedern zeigt.

MUSIK:
The Blind Boys Of Alabama: Good Religion, Track 4, 2:57, auf Zeit fahren
CD Spirit Of The Century, CDRW95

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