Singen im Nassen – Ganz und Gar unterschiedliche Arten, den Regen zu beschreiben

Manuskript: Maximilian Preisler
Red.: Dr. Gerald Felber
Sonntag, 21. 10. 2001

VARIATIONEN MIT THEMA

1) CD Singing In The Rain, Track 1, 2:56
Gene Kelly: Singing In The Rain (Brown/Freed) LC 0149, CDCBS 70282

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Gene Kelly ist das, er singt. Im Regen. Und er tanzt dazu. Er tanzt und singt im Regen. Er springt lustvoll in die Pfützen, läßt sich nassregnen, umklammert eine Laterne und singt. Im strömenden Regen. Einen Polizisten, der auch bei diesem Wetter seine Runde drehen muß, und der Kelly mißtrauisch beäugt, denn wer verhält sich schon so, während eines wahren Wolkenbruchs, diesen Polizisten bemerkt Gene Kelly gar nicht. Er ist verliebt. Und damit ist sein leicht verrücktes Verhalten im Film „Singing In The Rain“ genügend begründet.
Das ist eine Art, den Regen musikalisch zu beschreiben. Wir werden noch mancherlei andere Arten in unserer Sendung heute kennenlernen, jetzt wird das Naß vom Himmel erst einmal das genaue Gegenteil jenes Hochgefühls auslösen. Ann Peebles hält den Regen nicht mehr länger aus, der da gegen ihre Fensterscheibe trommelt. Denn dies weckt nur süße Erinnerungen – an jene Tage, als die Liebe noch heil war.

2) CD Oxford American CD # 5, Track 17, 2:29
Ann Peebles: I Can´t Stand The Rain (Bryant/Miller/Peebles) RGMCA 243

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Nun wollen wir aber erst einmal zurückgehen, zum Anfang. Zum ersten großen Regenbericht. Er ist in der Genesis zu finden und beschreibt eine Regenflut, die schließlich die ganze Welt bedeckte. Vor dieser Sinflut muß es zwar auch schon geregnet haben, denn immerhin gedieh jener Apfelbaum, von dem Eva und Adam naschten, anscheinden recht gut, und das ist ohne himmlische Bewässerung gar nicht vorstellbar. Doch über die Wetterverhältnisse im Garten Eden schweigt die Bibel. Recht präzise sind dagegen die Angaben zur Sintflut: Noah war zum Zeitpunkt des Baus der Arche immerhin schon 600 Jahre alt, und der Dauerregen hielt vierzig Tage und vierzig Nächte lang an.

Zwei ganz und gar unterschiedliche musikalische Darstellungen dieses Geschehens finden wir bei Igor Stravinski und im afro-amerikanischen Gospelsong. Stravinskys „The Flood“ erfreut sich an der Aufzählung all der Tierarten, die Noah mit in die Arche nahm, und auch die Widerspenstigkeit von Noahs Frau wird nicht unterschlagen. Die Frage des Golden Gate Quartets „Didn´t It Rain“, „Hat es nicht geregnet“ ist natürlich nur als Rhetorik zu begreifen. Der Gospelsong vergißt auch nicht die Androhung Gottes, daß er bei der nächsten Bestrafung der Menschheit nicht mehr auf Wasser sondern auf Feuer zurückgreifen werde.

3) CD Igor Stravinsky: The Flood, Tracks 4, 5 & 6, 5:41
London Sinfoniette/New London Chamber Choir: The Catalogue of the Animals, The Comedy (Noah and his wife), The Flood (Stravinsky)
4) CD The Golden Gate Quartet, Track 1, 2:22
The Golden Gate Quartet: Didn´t It Rain (trad.) EMI 780573-2

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Der holländische Dokumentarfilmer Joris Ivens gewann seine politischen und ästhetischen Maßstäbe vor allem an russischen Filmen der 20er Jahre. Noch bevor Ivens begann, in seinen Filmen politisch-didaktisch zu argumentieren, zeigte er mit einer kurzen Arbeit, „Regen“, welche Meisterschaft er mit der abstrakten Montage von Bildern erzielen konnte. 1929 war „Regen“ entstanden, ein Cinépoem, ein lyrisches Filmgedicht, in dem der Rhyhtmus des Regens die Abfolge der Filmbilder bestimmte. Erst in den vierziger Jahren, in der Zeit seiner amerikanischen Emigration, komponierte Hanns Eisler Musik zu diesem Avantgardefilm: „Vierzehn Arten den Regen zu beschreiben“. Eislers Musik sollte durchgängig den Film von Ivens begleiten, dazu wollte der Komponist mit seinen „Variationen“ eine Hommage an seinen Lehrer Schönberg abliefern und es sollte ein kammermusikalisches Werk sein, das für sich stehen konnte. Hier sind die drei ersten Eislerschen Arten den Regen zu beschreiben.

5) CD Hanns Eisler/Arnold Sch̦nberg, Track 1, 0:30 Р3:20
Kammermusikverein der Deutschen Staatsoper Berlin: Vierzehn Arten den Regen zu beschreiben (Eisler) LC 7082, 2100236

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Ungefähr um die gleiche Zeit, als Joris Ivens mit seiner Kamera ein verregnetes Amsterdam aufnahm, arbeitete Ernest Hemingway an einer Reihe von Kurzgeschichten, die 1927 unter dem Titel „The Fifth Column and the First Forty-Nine“ erschienen. Unter den „49 Geschichten“ findet sich die Erzählung „Katze im Regen“. Ein fremdes Land, eine fremde Sprache, eine fremde Kultur, nur eine starke Liebe könnte diese Belastung aushalten. Doch bei diesem Paar wird Gleichgültigkeit diagnostiziert, eine Fadheit ist zu spüren, eine tiefe Entfremdung. Das alles spricht spricht Hemingway nicht aus, aber die kargen, schmucklosen Sätze machen die trostlose Bilanz unausweichlich.

SPRECHERIN:
Ernest Hemingwas: Katze im Regen, ca. 4:00

6) CD Hanns Eisler/Arnold Sch̦nberg, Track 1, 5:08 Р6:42
Kammermusikverein der Deutschen Staatsoper Berlin: Vierzehn Arten den Regen zu beschreiben (Eisler) LC 7082, 2100236

AUTOR:
Noch eine weitere Art, nach Eisler, den Regen zu beschreiben. Ohne Worte. Johannes Brahms konnte auf ein Gedicht zurückgreifen bei seinem „Regenlied“, jedoch er wußte den musikalischen Gedanken auch ohne die von fast kindlich-fröhlicher Zuversicht geprägten Zeilen von Klaus Groth zu nutzen.
Als Clara Schumann zum ersten Mal die Noten der Sonate No. 1 in G-dur für Violine und Klavier von Brahms in der Hand hielt, erkannte sie sogleich den Gruß, der ihr damit vom Komponisten übermittelt wurde. In einem Brief berichtete sie davon: „Kannst Du Dir die Wonne vorstellen, als ich im dritten Satz meine so schwärmerisch geliebte Melodie mit der reizenden Achtelbewegung wiederfand!“

7) CD Johannes Brahms Lieder, Track 2, 1:31
Jessye Norman: Regenlied (Groth/Brahms) LC 0173, 413 311-2
8) CD Johannes Brahms Sonaten für Violine und Klavier, Track 3, bis 2:42
Viktoria Mullova & Piotr Anderszewski:Sonate Nr. 1 in G-dur, Op 78 (Brahms)LC 0305, 446 709-2

AUTOR:
Im Frühjahr des Jahres 1840 hatte Robert Schumann seine Braut Clara Wieck gedrängt, sich ans Komponieren eines Liedes zu setzen – „Denkst du denn etwa, weil ich so viel componire, kannst Du müßig sein?“. Clara wies das Ansinnen entschieden zurück: „Componiren aber kann ich nicht, es macht mich selbst zuweilen ganz unglücklich, aber es geht wahrhaftig nicht, ich habe kein Talent dazu.“ Doch ein Jahr später „ging es“ dann doch, Clara, inzwischen Clara Schumann, präsentierte ihrem Mann zum Geburtstag vier Lieder nach Texten von Rückert. Eins schien besonders auf ihr Verhältnis zu Robert Schumann zu passen: „Er ist gekommen in Sturm und Regen.“

9) CD Clara Schumann: Complete Songs, Track 6, 2:32
Gabriele Fontana/Konstanze Eickhorst: Er ist gekommen (Rückert/Schumann) LC 8492, cpo 999 127-2

AUTOR:
Das deutsche Sprichwort weiß: Wer im Trockenen sitzt, lacht über den Regen, und verkündet auch die Binsenweisheit: Wer im Regen geht, wird naß. Sollten wir also ein Volk von Stubenhockern sein? Nein, dazu muß man nur unseren Dichtern lauschen, für sie ist das Voranschreiten im Regen, noch lieber im Sturm, oder gar, dies das höchste der Gefühle, der kühne Trotz im Angesicht von Regen und Schnee, die wahre Herausforderung des Mannes. Als „Glück ohne Ruh“ begriff Goethe seine durchgeistigte Liebe zu Frau von Stein. Der gerade einmal 18jährige Schubert fand eine Melodie für die Klage – und es fiel ihm nicht schwer. Einem Freund vertraute er an: „Die Melodien strömen herzu, daß es eine wahre Freud ist. Bei einem schlechten Gedicht geht nichts vom Fleck; man martert sich dabei und es kommt nichts heraus als trockenes Zeug.“ .

10) CD Franz Schubert: Lieder, Track 8, 1:22
Wolfgang Holzmair/Gérard Wyss: Rastlose Liebe (Goethe/Schubert) LC 2365, Rudor 791

AUTOR:
Stürmend und drängend wollten sich die Romantiker dem Regenguß entgegenwerfen, der sich bei Körner dann sogar zu einem „blitzenden Regen“, zu einem Kugelregen, verdichtete, und gern verband sich „Regen“ mit „Frühling“, dann lobte man das Naß als wohltätigen Schauer, der die Erde bereit machte. Ganz anders bei Richard Strauss. In seinem Zyklus „Vier letzte Lieder“ ist vom Abschiednehmen die Rede, vom Abendrot, vom Schlafengehen. Das Wort „wandermüde“ aus einem Gedicht Eichendorffs wird für Richard Strauss zum Schlüsselwort. Neben dem Eichendorffschen stehen drei Gedichte von Hermann Hesse, „Frühling“, „September“ und „Beim Schlafengehen“, gleichfalls für hohe Gesangsstimme und Orchester. In „September“ fand der 83jährige Komponist auch im Herbstregen den Hinweis auf das bald kommende Unausweichliche, auf den Tod. „Der Garten trauert / Kühl sinkt in die Blumen der Regen.“ Die menschliche Stimme, hier die Stimme von Jessye Norman, wird in das Klangbild des Orchesters integriert, und über allem schwebt, trotz der Schatten, etwas Einfaches, fast Leichtes.

11) CD Richard Strauss: Vier letzte Lieder, Track 2, 5:26
Jessye Norman: September (Hesse/Strauss) Phlips 411052-2

AUTOR:
Wie für Eisler war auch für den japanischen Komponisten Toru Takemitsu das Schreiben von Filmmusik nicht nur Broterwerb sondern eine künstlerische Herausforderung. Von ihm stammt die Musik zu den Filmen „Harakiri“, „Die Frau in den Dünen“ und Shohei Imamuras Film über die Folgen des Atombombenabwurfs auf Hiroshima – „Black Rain“, „Schwarzer Regen“. In seinem Stück „Rain Tree“, „Regenbaum“, bezieht sich Takemitsu allerdings auf Literatur, auf eine gleichnamige Sammlung von Kurzgeschichten seines Freundes, des Romanautors Kenzaburo Oé. Wie vielfach bei Takemitsu verbinden sich in diesem intimen Stück japanische musikalische Vorstellungen, auch Zen-Ãœberlegungen, mit Anregungen aus nicht-japanischer Kompositionstechnik und westlich-inspirierter Instrumentierung. Die Marimbatöne überzeugen sofort in ihrer musikalischen Nachzeichnung der langsam von den Blättern des Regenbaums zur Erde perlende Regentropfen.

12) CD Japan – The Spirit Of Water, Track 4, 8:09 bis 10:44
Synergy: Raintree (Toru Takemitsu) LC 7869, 13172-2

AUTOR:
Es wird im Märchen von der dunklen Wolke erzählt, die dem unglücklichen Wanderer auf allen Wegen folgt, und gerade über ihm, und nur über ihm, den Regen fallen läßt. Doch selbst dieser Unglücksraben ist sich sicher: Es ist ganz anders: sein Gefühl sagt ihm, die ganze Welt sei verregnet. Und so besingt und beklagt es auch der amerikanische Soul-Sänger Brook Benton: hier, wo er ist, in Georgia, findet der nächtliche Regen kein Ende, und unter dieser Tristess, da ist er ganz sicher, wird heute nacht die ganze Welt erleiden, alle Städte, alle Länder versinken im triefenden Regen, denn wo keine Liebe ist, da ist auch nicht auf Sonnenschein zu hoffen.

13) CD All About Soul, CD 2, Track 15, 3:52
Brook Benton: Rainy Night In Georgia (White) Rhino 756780592

AUTOR:
Auch im Englischen hat der Regen ein äußerst schlechtes Image. „It´s raining cats and dogs“, so heißt es umgangssprachlich, wenn der Regengott wieder einmal zu heftig mit seinen Schlangenblitzem hantiert. Deshalb ist es wahrlich an der Zeit, den Ruf des Regens etwas aufzupolieren. José Feliciano kann da ein Verbündeter sein. Schon mit seiner Wahl der Flöte fügt er der üblichen musikalischen Regen-Palette ein neue Farbe hinzu. Die Flöte für den feinen Regenschauer, für den strömenden Regen werden die Streicher dazugebeten. Und der Text ist dem himmlischen Gruß gegenüber ganz und gar positiv eingestellt: „Hör´ dem herabstürzenden Regen zu, mit jedem Regentropfen wird meine Liebe stärker. Laß es die ganze Nacht lang regnen, dann wird auch meine Liebe zu dir anwachsen.“ Daß schließlich eine wettermäßige Relativierung erfolgt – „As long as we´re together, who cares about the weather“ – können wir in Kauf nehmen.

14) CD José Feliciano: The Definite Best, Track 10, 2:24
Jose Feliciano: Rain (Listen To The Falling Rain) (J & H. Feliciano) LC 00316, 7432184445-2

AUTOR:
Wir enden auf einer ganz und gar melodramatischen Note. Mit einem kleinen Auszug aus einem amerikanischen Roman und mit Fréderic Chopins „Prélude Des-dur“, ein Stück, das gerne mit der Bezeichnung „Regentropfen“ versehen wird, wie langsam und stetig fallenden Tropfen erklingen die Klaviertöne. Und das paßt ausgezeichnet zu Robert James Wallers Schilderung einer zeitlich arg limitierten, dafür zutiefst intensiven Liebesbeziehung. In seinem Roman „Die Brücken am Fluß“ findet das Liebespaar an einem höchst prosaischen Ort zueinander: dem flachen, eintönigen Farmland des Mittleren Westens der USA. Doch ihr Schicksal ist so traurig wie das ihrer literarischen Vorläufer, die in der Großstadt beheimatet sind. Noch zwingender war der gleichnamige Film, Meryl Streep, als tragisch ihre Liebe opfernde Farmersfrau, und Clint Eastwood, als ungebundener, nur der Kunst und dem Abenteuer verpflichteter Fotograf, diese beiden brachen die Herzen aller Mitfühlenden. Ein tränenreiches Ende – im Regen.

SPRECHERIN: ca. 2:00
Die Brücken von Madison County

15) CD Frédéric Chopin Préludes, Track 15, auf Zeit fahren, 7:21
Ivo Pogorelich: Prélude Des-dur „Regentropfen“ (Chopin) LC 0173, 429 227-2

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