Richard Cook: Blue Note – Die Biographie

Maximilian Preisler

DeutschlandRadio Berlin

Redaktion: Carola Malter

07. 05. 2004 – 14:05 Uhr

MusikNovitäten

 

EXPOSÉ

1) Die Geschichte des berühmten Jazz Platten Labels Blue Note ist eng verknüpft mit der Geschichte der beiden Männer, die das Label gründeten: Alfred Lion und Francis Wolff – hier schon in der amerikanischen Schreib- und Sprechweise, denn beide waren Emigranten, die aus Deutschland fliehen mussten, sie waren Juden und sie waren Fans der „Hot Music“, die sie als Jugendliche in Deutschland, vor allem in Berlin, hören konnten. Auch vom zweiten „Erweckungserlebnis“ ist in der „Firmen-Geschichte“ immer wieder die Rede gewesen – Alfred Lion besuchte das Konzert „From Spiritual To Swing“ in New York und beschloss auf der Stelle diese Musik zu produzieren. Die ersten Titel waren Piano-Boogies, ein erster Erfolg war dem musikbegeisterten Lion mit der „Summertime“- Version von Sidney Bechet gegönnt, ein Titel, der 1939 schon längst „überholt“ zu sein schien, denn inzwischen waren Swing Orchester „in“. Erst allmächlich entwickelte sich Blue Note von einer bewahrenden zu einer dem Neuen offenen Schallplattenfirma, die ihre wichtigste Zeit dann in den 50er Jahren hatte.

Diese Geschichten stehen auch am Anfang der „Biographie“ des Jazz Journalisten Richard Cook, der in „Blue Note“ einen chronologischen Zugang für seine Beschreibung gewählt hat. Das bietet Vorteile: man gewinnt so am besten einen Überblick über die verschiedenen Stile, die für das Haus von Bedeutung waren, zuerst also die Bewahrung des Hot Jazz, dann wird die Aufmerksamkeit von Lion und Wolff auf Be Bop gelenkt, später Hard Bop, und Cook hat vor allem einen profunden Überblick über sämtliche Platten, die jemals bei Blue Note erschienen sind, er kann Querverweise liefern, sieht Verbindungslinien, schält die „Geschäftspolitik“ dadurch heraus, geht auf die großen Namen gebührlich ein (John Coltrane, Herbie Hancock), vergisst aber keineswegs die weniger berühmten Musiker, die er dem Vergessen entreißen will (z. B. Grant Green, der Gitarrist). Der chronologische Ansatz hat dabei aber auch Fallstricke, und in denen verheddert sich der Autor zunehmend. Seine Liebe zum Detail ermüdet den wohlgesonnenen Freund des Jazz, für alle wichtigen Platten bietet er eine genaue Analyse, die einerseits erfreut, weil man auf gekonnte Soli, auf aufregende Breaks, auf unterschiedliche Takes aufmerksam gemacht wird, andererseits die Geduld schon bald erschöpft, so viele Namen, so viele Instrumente, so viele Sessions, so viele Alternative Takes – so viel auf einmal kann sich selbst ein hard-core Fan kaum merken. Zumal kein Register mitgeliefert wurde. Am besten man macht folgendes: man nimmt das Buch in die eine Hand und sucht sich dazu eine Platte oder eine CD von Blue Note heraus und liest und hört.

Dann hört man die eingängige Melodie des Anfangs von „The Preacher“, am Piano Horace Silver, und erfährt, dass Lion den Song gar nicht mochte, er war ihm zu leichtgewichtig. Doch gerade dieser Titel, neben Lee Morgans „The Sidewinder“ und Art Blakeys „Moanin’“, sollte einer der großen Erfolge der Firma Blue Note werden.

2)

„Es war unglaublich, ich musste einfach alles aufnehmen!“ – dieses Zitat, in dem Alfred Lion über die Musik des von ihm „entdeckten“ Pianisten Thelonious Monk spricht, könnte als Motto für das Lebenswerk von Lion stehen. Cook beschreibt, wie oft sich eine solche Situation ergab, nicht nur mit Monk, auch mit dem ebenso schwierigen Pianisten Bud Powell, mit Jimmy Smith, der darauf bestand, einen über 20minütigen Titel auf seiner Hammond Orgel einzuspielen, oder mit Heroin-Abhängigen Musikern, die nie rechtzeitig den Weg ins Studio fanden. In allen Fällen kümmerte sich Alfred Lion nicht um den möglichen Markt-Erfolg, sondern nur um die Qualität der Musik. Die Musik als Kunstform, das Label als ordentliche Handwerksarbeit, so prosperierte Blue Note. Lion und der immer die Photokamera mit sich herumtragende Francis Wolff, waren die Väter der Blue Note Familie. Auch die anderen Mitglieder beschreibt Cook, der Studiotechniker Rudy Van Gelder, Perfektionist wie die beiden Deutschen, war der wichtige Mann im Studio, der Klangtreue erreichen wollte, Reid Miles der Mann, der für die ausgefallenen, minimalistischen Cover verantwortlich war. Alles Weiße übrigens – die Musiker wiederum, bis auf wenige Ausnahmen, Schwarze. Leider werden hier von Cook keine „dichten Beschreibungen“ geliefert. Wie war das Verhältnis von schwarzen Musikern und weißen Produzenten? Zumal unter den Musikern sehr eigenwillige Persönlichkeiten waren. Wie gestaltete sich das Verhältnis Lion und Wolff, gab es Auseinandersetzungen über die „Linie“ des Hauses? Und wie sahen die Musiker die Plattenbosse: als Fans, als Leute, die ein Gespür für ihre Arbeit hatten? Oder als Eindringlinge von Außen – so erwähnt auch Cook, dass Lion bis zu seinem Lebensende

das Wort „grrrovy“ nicht richtig aussprechen konnte.

Spannender wird es, wenn Cook zu den Jahren nach Lions Rückzug aus dem Geschäft und den Jahren nach Wolffs Tod kommt. Zuerst wurde versucht, sich mit den vielen unveröffentlichten Stücken und mit Wiederveröffentlichungen über Wasser zu halten, Michael Cuscuna war der richtige Mann dafür; doch EMI, die neuen Besitzer von Blue Note, wollte keine Neuaufnahmen wagen. Das änderte sich erst mit dem Kommen von Bruce Lundvall, der als Teenager die ersten 78er Platten von Blue Note gekauft hatte. Er öffnete die Türen für Sängerinnen, wie Blues-Sängerinnen Cassandra Wilson, und Cross Over Musikern wie Bobby McFerrin.

Heute produziert Lundvall nach wie vor Musiker, die es bei anderen, großen Labels schwer haben würden, Greg Osby, Don Byron etwa, aber das ganze wird durch einen einzigen großen Erfolg am Leben gehalten: “Come Away With Me”, mit Norah Jones und ihre Nachfolge CD “Feels Like Home”. Die Ironie der Geschichte: das Jazz Label - „The finest in Jazz since 1939“ - das berühmt wurde durch seine sperrigen und vertrackten Instrumentalstücke, kann nur existieren, weil eine Sängerin mit einem Ohr für Einflüsse aus Pop, Country und Blues Platinum-CDs einspielt.

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