„Nicht nur für die dunkle Zeit” – Lieder zur Nacht

Manuskript: Maximilian Preisler
DeutschlandRadio Berlin
Variationen mit Thema
Red.: Dr. Gerald Felber
Sonntag, 17. 12. 2000

CD Mel Tormé: Swingin´ On The Moon, Track 5, 3:08
Mel Tormé: How High The Moon (Lewis/Hamilton) LC 0383, VS 62144

AUTOR:
Mel Tormé stimmte uns ein, mit einem Lied zur Nacht. „How High The Moon“, ein Gesang an den Mond, ein Lied über die Liebe: eben war alles noch so einfach, der Mond schien, da war die Nacht erleuchtet, eine Brise kam auf, da war es windig. Dann aber verliebte er sich, alles war plötzlich ganz anders, auch der Mond, er war plötzlich so weit, weit weg. Und Musik lag in der Luft.
Woher kommt diese Verehrung für die Nacht, für die Dunkelheit und das Geheimnisvolle? Wir müssen die Romantiker zitieren, wir müssen vor allem Franz Schubert bemühen, um zu den Anfängen zurückzukehren. Dabei sind in den Schubertschen „Nachtgesängen“ durchaus zwei unterschiedliche Phantasien am Werk, im Wort und in der Musik. Die Nacht als selige Zeit, als Zeit der Liebe, als Stunde der Hinwendung zu Gott. Davon spricht das Lied „Die Nacht“.

CD Franz Schubert: Nachtgesang, Track 8, 2:57
RIAS-Kammerchort: Die Nacht (Schubert/Krummacher) LC 7045, HMC 901669

AUTOR:
Ganz anders das Lied „Grab und Mond“. Sang eben noch der RIAS Kammerchor von der „freundlichen Stille“und der „himmlischen Ruh“ der Nacht, lautet nun die tiefernste Frage: „Alles stumm?“, und es folgt die beängstigende Aufforderung: „Nun stilles Grab, rede du“.

CD Franz Schubert: Nachtgesang, Track 2, 3:30
RIAS Kammerchor: Grab und Mond (Schubert/Seidl) LC 7045, HMC 901669

AUTOR:
Eine ganz andere Art des Musizierens zur Nacht stellen die „Notturni“ dar, wir malen uns dazu einen Fürstenhof aus, Kandelaber, auf denen die Kerzen entzündet sind, Spiegel, die die Gestalt der Musiker und der adligen Damen verdoppeln, jene Damen, die vielleicht dem Konzert lauschen, vielleicht auch schon dem Perücke-tragenden Nachbarn einen koketten Blick zuwerfen. Oder es ist eine Musik, die im Freien intoniert wird, die Töne erreichen nur kaum die lauschigen Bänke und verschlungenen Pfade des Parks.
Der Begriff „Notturno“ bezog sich tatsächlich noch bis weit ins 18. Jahrhundert hinein auf eine mehrsätzige Musik zur Nacht. Erst seit der zweiten Dekade des 19. Jahrhunderts wird daraus ein ganz eigenwilliges Musikstück, dessen Merkmale so zu beschreiben sind: es sind meist Klavierstücke, lyrisch gehalten, einsätzig, oft mit weichen Klangfarben ausgestattet. Vor allem aber sind es intime Stücke, der Komponist hält Zwiesprache mit der Nacht und mit sich selbst, im Grunde sind es also Schöpfungen, die weder im Salon noch im Konzertsaal ihren wahren Platz finden, der kann nur ganz „entre nous“ sein, am besten unter vier Augen, vier Ohren. Wir erhoffen allerdings für Frederic Chopins Nocturne op. 32, Nr. 1, ein größeres Publikum.

CD Frederic Chopin: Nocturnes, Disc 1, Track 9, 4:32
Artur Rubinstein: Nocturne Op. 32, Nr. 1 H-dur (Chopin) BMG 09026 63049-2

AUTOR:
Im Jahre 1817 erschienen in Berlin acht neue Erzählungen von E. T. A. Hoffmann, die dieser unter dem Titel „Nachtstücke“ veröffentlichen ließ. Er wurde nun von interessierter Seite endgültig als „Gespenster-Hoffmann“ abqualifiziert, von den düsteren, an phantastischen Tagträumen leidenden Helden seiner Stücke, dem Nathanel in „Der Sandmann“ oder Theodor, dem Erzähler in „Das öde Haus“ schloß man schnell auf den Autor und attestierte ihm Geistesverwirrtheit. Anderen hatte er aus der Seele gesprochen mit seinen wunderlich-wunderbaren Geschichten. Ein Bewunderer Hoffmanns war auch Robert Schumann. Zweimal ließ er sich bei seinen frühen Klavierwerken von dessen Erzählungen inspirieren, bei den „Fantasiestücken“ und bei seinem Opus 23, für das er den Titel von Hoffmanns Erzählungen übernahm: Nachtstücke. Wir wollen eine Gegenüberstellung wagen, wobei keineswegs behauptet werden soll, der vierte Satz aus den Schumannschen „Nachtstücken“ sei ein direktes Spiegelbild des Auszugs aus dem „Öden Haus“. Die Grundstimmung allerdings ist sehr ähnlich.

Theodor erzählt von seinem Besuch beim Konditormeister, dessen Laden direkt neben dem öden Haus liegt. Dieser berichtet ihm gar schreckliche Begebenheiten.

SPRECHER:
Nur zwei lebendige Wesen hausen darin, ein steinalter menschenfeindlicher Hausverwalter und ein grämlicher lebenssatter Hund, der zuweilen auf dem Hinterhofe den Mond anheult. Nach der allgemeinen Sage soll es in dem öden Gebäude häßlich spuken, und, in der Tat, mein Bruder (der Besitzer des Ladens) und ich, wir beide haben in der Stille der Nacht, vorzüglich zur Weihnachtszeit, wenn uns unser Geschäft hier im Laden wach erhielt, oft seltsame Klagelaute vernommen, die offenbar sich hier hinter der Mauer im Nebenhause erhoben. Und dann fing es an so häßlich zu scharren und zu rumoren, daß uns beiden granz graulich zumute wurde. Auch ist es nicht lange her, daß sich zur Nachtzeit ein solch sonderbarer Gesnag hören ließ, den ich Ihnen nun gar nicht beschreiben kann. Es war offenbar die Stimme eines alten Weibes, die wir vernahmen, aber die Töne waren so gellend klar, und liefen in buten Kadenzen und langen schneidenden Trillern so hoch hinauf, wie ich es, unverachtet ich doch in Italien, Frankreich und Deutschland so viel Sängerinnen gekannt, noch nie gehört habe. Mir war so, als würden französische Worte gesungen, doch konnt ich das nicht genau unterscheiden, und überhaupt das tolle gespenstige Singen nicht lange anhören, denn mir standen die Haare zu Berge. Zuweilen, wenn das Geräusch auf der Straße nachläßt, hören wir auch in der hintern Stube tiefe Seuzer, und dann ein dumpfes Lachend, das aus dem Bodern hervor zu dröhnen scheint, aber das Ohr an die Wand gelegt, vernimmt man bald, daß es eben auch im Hause nebenan so seufzt und lacht.

CD Robert Schumann – Paul Gulda, Track 15, 3:46
Paul Gulda: Nachtstücke op. 23, IV. Satz (Robert Schumann) Musica 780009-2

AUTOR:
Nicht nur die dunklen Seiten der deutschen Romantik interessierten die Künstler in anderen Ländern, auch das weiche, tröstende fand begeisterte Nachfolger. Sie glauben, der Weg von Johannes Brahms zum zeitgenössischem Jazz sei unbegehbar? Die Antwort lautet: Nichts leichter als das, zumindest wenn der Trompeter Clark Terry heißt und das Stück, auf das er sich beziehen kann, ein berühmtes Wiegenlied ist. Im Amerikanischen nennt es sich jetzt „Lullabye“ und Terry geht aus von der einfachen Melodie des Lieds. Um nach gehörigen Improvisationen auch dorthin wieder zurückzukehren. Ein ruhiges Lied zur Nacht, ein Gute-Nacht-Lied – nicht nur für Kinder in der Wiege.

CD Clark Terry: Mellow Moods, Track 4, 3:40
Clark Terry: Lullabye (Brahms/arr. Terry) PCD 24136-2

AUTOR:
Die Nachtstunden scheinen die richtige Zeit zu sein, um Liebe zu beschwören, oder mit dem Geliebten zusammen zu sein. So einige Sänger folgtem dem klassischen Diktum von Ray Charles „The night time is the right time to be with the one you love“. Was sind die Vorzüge der Nacht? Verschwiegenheit, gewiß; die Dunkelheit spielt ebenfalls eine wichtige Rolle, denn nur jetzt kann ein tiefes Erröten, weil der Liebesschwur gar zu überraschend kam, oder auch weil eine zurückgewiesene Liebeserklärung gar zu beschämend ist, im Verborgenen bleiben. Wenn nur nicht der Mond wäre, mit seinem Silberstrahl. Er kann alles enthüllen, und er kann zu unglaublichem Leichtsinn verführen. Billie Holiday wußte es auch. „What A Little Moonlight Can Do“, und man beachte unbedingt die Phrasierung des ersten Wortes, ein einfaches „Oh“, was kann Lady Day daraus machen!

LP Billie Holiday, Seite 1, Track 2, 2:40
Billie Holiday: What A Little Moonlight Can Do, CL 2666

AUTOR:
Teddy Wilson und sein Orchester begleiteten Billie Holiday, eine Aufnahme aus dem Jahr 1935.
Als sich in den 60er Jahren die Soul Music als vorherrschendes Genre innerhalb der afro-amerikanischen populären Musik etablierte, sprachen die Lieder zumeist von den Erfahrungen in der Stadt. „The bright lights in the- Big City“, die hellen Lichter der Großstadt, dienten den Landflüchtigen als Leuchtfeuer. Die Nacht wurde in der Stadt zum Tag gemacht, das spiegelte sich auch in den Songs dieser Zeit – wenn Wilson Picket von der „Midnight Hour“ sang, dann galt die Mitternacht nun nicht mehr als Stunde der Geisterbeschwörungen, sondern als fiebriger Höhepunkt für alle Tanz-Bessesenen. Um so überraschender, daß einer der musikalischen Ohr-Würmer jener Tage, der sich bis heute in vielen Kompilationen herumschlängelt, mit der dichten Beschreibung des angstvollen Erlebnisses der Nacht beginnt. „When the night has come, and the land is dark, and the moon is the only light we´ll see“, wenn die Nacht hereinbricht, das Land im Dunkeln liegt und der Mond das einzige Licht ist, das wir sehen. Jetzt folgt sofort der drängend vorgebrachte Wunsch „Stand by me“, „Bleib an meiner Seite“. Sollte die uralte Furcht vor der Nacht, die sich in diesem Song ausweitet zur Angst vor dem Weltuntergang, dem Zerbrechen der Berge, dem Anschwellen des Meeres, auch durch die Neon-Lichter der Stadt nicht zu bannen sein? Allerdings: der Erfolg in den Hitparaden wird durch diese beängstigenden Zeilen nicht gefährdet, denn alle Fährnisse wird ER er durchstehen, wenn SIE nur in seiner Nähe bleibt – in der Dunkelheit der Nacht.

CD All About Soul, CD 2, Track 3, 2:50
Ben E. King: Stand By Me (King) LC2982, 7567-80595-2

AUTOR:
Und natürlich gibt es auch Duette, die in der Nacht gesungen werden sollen. Wir haben einen Zwiegesang ausgesucht, in der ein Mann den drängenden Part übernimmt. Es ist schon spät, sagt er, bleib doch bei mir, draußen bläst der Wind, es stürmt, es ist kein Taxi mehr zu bekommen, hier drinnen brennt das Feuer im Kamin, ganz warm ums Herz wird es dir sein. Doch sie zögert, soll sie diese Einladung annehmen? Ja, der Abend war sehr schön, aber: Ihre Eltern werden sich Sorgen machen, ihr Bruder auf sie warten, die Schwester einen Verdacht entwickeln, die Nachbarn sich wundern. Nein, ich kann nicht bleiben, ich muß gehen, lautet ihre vorletzte Zeile, doch die letzte wird gemeinsam gesungen: But it´s cold outside.

CD Ray Charles And Betty Carter, track 7, 4:05
Ray Charles and Betty Carter: Baby, It´s Cold Outside (Loesser) GZS 1050

AUTOR:
Manchmal ist eine lange Nacht nur schal, zuviel wurde geredet, zuviel zerredet, zuviel getrunken, zuviel zerbrochen. Von einer solchen Nacht und dem Morgen danach, der kalt und erbarmungslos die Linien im Gesicht nachzieht, wurde in dem Film „La Notte“ von Michelangelo Antonioni erzählt. Der Abspann des Films zeigte die Namen der Hauptdarsteller: Jeanne Moreau, Marcello Mastroianni und Monica Vitti. The Song „The Party´s Over“ hätte sehr gut zum Abspann dieses Films gepaßt, hier singt ihn Anita O´Day.

CD Anita O´Day´s Finest Hour, Track 18, 3:08
Anita O´Day: The Party´s Over (Comden/Green/Styne) Verve 543 600-2

AUTOR:
Vor kurzem erschien der erste Band einer auf insgesamt sechs Bände angelegten Werkausgabe der literarischen Arbeiten des amerikanischen Schriftstellers Paul Bowles. Mit „The Sheltering Sky“, „Der Himmel über der Wüste“ betrat Bowles 1949 zum ersten Mal literarischen Boden, bis zu jenem Zeitpunkt hatte er eher durch seine unermüdliche Reisetätigkeit und durch seine Kompositionen von sich Reden gemacht. Von nun an lebten Paul und Jane Bowles, sie ebenfalls Schriftstellerin, in Tanger, ihre Wohnung wurde über dreißig Jahre lang zum Anlaufpunkt für alle Suchenden, für diejenigen, die Erfüllung durch die Kunst suchten, und für diejenigen, die in freigelebter Sexualität und ungehindertem Haschisch-Konsum ihr Ideal sahen. Paul Bowles evoziert in seiner Musik und in seinem Schreiben die geheimnisvolle Hafenstadt im Norden Marokkos, bei Tag – und bei Nacht.

SPRECHERIN:
Er ging durch die Straßen, unbewußt die dunkleren suchend und glücklich, daß er allein war und die Nachtluft auf seinem Gesicht spürte. Die Straßen waren belebt. Menschen stießen ihn im Vorbeigehen an, starrten ihm aus Fenstern und Hauseingängen nach,riefen sich laute Bemerkungen über ihn zu – ob gute oder bösartige, konnte er von ihren Gesichtern nicht ablesen -, und manchmal blieben sie sogar stehen, nur um ihn besser betrachten zu können.

Allmählich begann die Straße abzufallen; dies erstaunte ihn, denn er hatte geglaubt, die ganze Stadt sei auf dem Abhang gegnüber dem Hafen gebaut, und er hatte bewußt einen Weg landeinwärts und nicht nach dem Meer zu gewählt. Die Gerüche in der Luft wurden immer schärfer. Sie wechselten in ihrer Zusammensetzung, aber es handelte sich immer um Schmutz irgendwelcher Art.
Die Straßenlaternen waren jetzt sehr weit voneinander entfernt, und die Pflasterung hatte aufgehört. Aber es hockten noch Kinder in den Rinnsteinen. Sie kreischten und spielten mit Abfällen. Ein kleiner Strein traf ihn plötzlich im Rücken. Er drehte sich blitzschnell um, um festzustellen von wo er kam. Im schwachen Licht sah er eine Gruppe Kinder vor ihm weglaufen.

Jenseits einer bestimmten Stelle hörte jede Beleuchtung auf, und die Gebäude waren dunkel. Der Wind, direkt von Süden kommend, fegte über die kahlen Berge, die unsichtbar vor ihm lagen, über die weite, flache Sebkha, bis an die Ränder der Sadt; wirbelte Vorhänge aus Staub auf, die sich über die Kuppe des Hügels erhoben und schließlich in der Luft oberhalb des Hafens verloren. Er blieb stehen; der äuerste Vorort war am dünnen Faden der Straße aufgereiht gewesen. Hinter der letzten Hütte fiel der mit Abfällen und Geröll bedeckte Weg dreigeteilt und übergangnslos in den Abgrund. Port hob seine Augen zum Himmel auf: Die Spur der Milchstraße war wie ein gewaltiger Riß quer über den Himmel, durch den das blasse weiße Licht durchsickerte. In der Ferne hörte er ein Motorrad. Als dieses Geräusch verklungen war, blieb nichts mehr als ein gelegentlicher Hahnenschrei; wie der höchste Ton einer sich wiederholenden Melodie, deren übrige Noten nicht zu hören waren.
„Jetzt fängt das Unheil an“, dachte Port. Er rührte sich nicht.

CD Paul Bowels: Migrations, Track 22, 4:02
Hermann Kretzschmar/Olga Balakleets: Night Waltz (Bowles)LC 8943, Largo 5131

AUTOR:
Eine Paul Bowles Komposition: Night Waltz.
Eine Nacht und ihre Gesänge haben wir ausgelassen, und dabei dreht es sich um die Nacht der Nächte. Zumindest für die Christen in aller Welt. Immer noch wird gesungen in der „Heiligen Nacht“, wenn auch viele der traditionellen Lieder arg gebeutelt daherkommen, so lange schon mußten sie in der künstlich ausgedehnten Vorweihnachtszeit Dienst tun in den Geschäften und Fahrstühlen. Dabei finden sich aber immer wieder Kleinodien, denen das Funkeln noch nicht ausgetrieben wurde. The Fairfield Four, eine afro-amerikanische Gospel-Gruppe stimmt ein solches Lied an, wir verabschieden uns mit „Last Month Of The Year“. Wann wurde Jesus geboren? Im Januar? Nein. Im Februar, nein, nein. Im März oder April? Nein, Jesus wurde in einer Nacht im letzten Monat des Jahres geboren.

CD Fairfield Four: Standing In The Safety Zone, Track 9, 3:06
Fairfield Four: Last Month Of The Year (public domain) WB 26945-2

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>