Musiksammeln im eigenen Land – Die frühen Aufnahmen von Alan Lomax

Manuskript: Maximilian Preisler

DeutschlandRadio Berlin

Donnerstag, 22. Januar 1998

MUSIK: CD Southern Journey CD 1, Track 11, 1:20 bis Ende (2:46)

Uncle Charlie Higgins, Wade Ward & Dale Poe: Cripple Creek (trad.) LC 3719 Rounder CD 1701

AUTOR:

Alan Lomax war 1959, als diese Aufnahme des amerikanischen Folksongs „Cripple Creek“ entstand, 44 Jahre alt. Ein Jahr zuvor war er von einem langjährigen Aufenthalt in England zurückgekommen – dorthin hatte es ihn einerseits gezogen, denn dort konnte er die „oral tradition“ in der Musik Englands, Schottlands und Irlands dokumentieren, doch es war auch die fanatische politische Hetzjagd des Senators Joseph McCarthy und seiner willfährigen Anhänger, die Lomax aus den USA vertrieben hatte. Unabhängige politische Ansichten verfielen in den 50er Jahren sogleich dem Verdacht kommunistischen Ursprungs zu sein, und schnell wurde ein Unangepaßter als „anti-amerikanisch“ abgestempelt.

Nun, 1959, hatte sich die Situation entspannt, und Lomax nahm die Arbeit wieder auf, die ihn bereits in den 40er Jahren, damals noch zusammen mit seinem Vater John Lomax, beschäftigt hatte: er wollte Feldforschung betreiben, er wollte Lieder im eigenen Land sammeln, er wollte die noch erhaltene Musiktradition dokumentieren, um auf ihre Schönheit aufmerksam zu machen, um sie vor dem endgültigen Vergessen zu bewahren und um sie der nachfolgenden Generation weiter geben zu können. Seine Forschungen führten ihn vor allem in den Süden der USA.

MUSIK: Southern Journey, CD 2, Track 13,

Hobart Smith: Willow Garden (trad.) LC 3719, Rounder CD 1702, 1:34

ab 0:15 abblenden, darauf Autor und Sprecher, Musik unterlegen, am Ende wieder hochnehmen.

AUTOR:

Nur dort war gegen Ende der 50er Jahre noch eine lebendige Folkmusik zu finden. Alan Lomax:

SPRECHER:

Die Pioniere, die sich mutig den Gefahren der Wildnis stellten, waren Menschen schottisch-irischer Abstammung aus Pennsylvania und englischer Abstammung aus den Ebenen der Carolinas, sie suchten neues Land und die Freiheit, ihren non-konformistischen religiösen Glauben ausüben zu können. Die meisten waren arme Leute, Abkömmlinge armer Leute aus Großbritannien und Irland. Und damit waren sie auch Träger einer mündlichen Tradition, die aus Erzählungen bestand, aus Volkstänzen und Balladen. Diese Menschen entwickelten eine Liebe für das einfache Grenzer-Leben, für Jagen, Fischen und selbstgebrannten Whiskey. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde Amerika immer weiter besiedelt und immer stärker industrialisiert, nur Enklaven dieser hart-arbeitenden Menschen blieben übrig, in der relativen Isolierung der Berge und des Hinterlands im Süden. Der größte Teil des Landes gab die alten Balladen und die Melodien und die Erzählungen auf, doch die Menschen in den Bergen des Südens entwickelten langsam eine widerstandsfähige Volkskultur.

AUTOR:

Alan Lomax nahm dieses Stück, „Willow Garden“, im Südwesten Virginias auf, einer Gegend, die reich an traditioneller Musik war. Neben schnellen und langsamen Tänzen, four-steps und two-steps, und Liebesliedern waren Mörder-Balladen beliebt, sie wurden von Generation zu Generation weitergegeben. Estil Ball sang und spielte für Lomax „Pretty Polly“, das Lied erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die von ihrem treulosen Geliebten erstochen wird.

MUSIK: CD Southern Journey, CD 1, Track 13

Estil C. Ball: Pretty Polly (trad.) LC 3719, Rounder CD 1701, 2:26

AUTOR:

Estil Ball war eine Ausnahme unter den vielen Musikern, die Alan Lomax aufnahm, Ball verdiente sich zumindest einen Teil seines Unterhalts durch sein Singen und Spielen. Doch wenn sie auch ansonsten Farmer, Tagelöhner oder Hausfrauen waren, viele der Musiker, die Lomax entdeckte, hatten sich eine erstaunliche Virtuosität auf ihrem Lieblingsinstrument angeeignet. Die bevorzugten Instrumente waren Gitarre, Geige und vor allem das im ganzen Süden beliebte Banjo. Den Banjo-Spieler Wade Ward hatte Lomax bereits 1939 für die Library of Congress aufgenommen, nun 1959, hatte Ward sein Können noch verfeinert. „Old Joe Clark“ heißt das Stück..

MUSIK: CD Southern Journey, CD 2, Track 1

Wade Ward: Old Joe Clark (trad.) LC 3719, Rounder CD 1702, 1:49

AUTOR:

Natürlich beschränkte sich das Interesse von Alan Lomax nicht auf die weiße Musiktradition im Süden. Zumal gerade die von den schwarzen Sklaven aus Afrika mitgebrachten Rhythmen und Spielweisen wiederum die weiße Musik stark beeinflußt hatten.

Beispiele für traditionelles Musizieren fand Lomax in den schwarzen Kirchen des Südens. Er nahm Geistliche auf, die in ekstatischem Predigt-Gesang ihre Gemeinde zum „testifiying“ mitrissen, dem öffentlichen Glaubens- und Sünden-Bekenntnis, er dokumentierte den Gesang der schwarzen Kirchengemeinde, deren Freude über die Gnade Gottes sich in lautstarkem Rufen und Klatschen entlud, und er war dabei, als in Belleville, Virginia ein A Capella Chor das alte Lied „Gospel Train“ auf ganz neue Art interpretierte.

MUSIK: CD Southern Journey, CD1, Track 22,

Belleville A Capella Choir: The Gospel Train (trad.) LC 3719, Rounder CD 1702, 3:02

AUTOR:

„Communal Singing“, gemeinschaftlicher Gesang, so wie er von Sklaven bei der Arbeit und in der karg bemessenen Freizeit wohl ausgeübt wurde, konnte Lomax allerdings außerhalb der Kirchen nur noch an einem Ort finden: in den Gefängnissen des Südens.

SPRECHER:

Die Tradition des gemeinsamen Gesangs ging im Laufe der Zeit verloren, vor allem wegen des „sharecropping farm systems“, als das Land nur noch von einzelnen Farmern bearbeitet wurde, aber die Tradition blühte noch in den Gefängnissen des Südens, bis diese in den 60er Jahren reformiert und die Rassentrennung aufgehoben wurde. Man konnte den mächtigen Chor der hackenden Work-Gangs schon von weitem hören. Und wenn man nahe genug gekommen war, dann sah man die ungefähr 70 Hackenschwingenden, wie eine gigantische Mähmaschine bewegten sie sich, und das Singen konnte einem fast den Boden unter den Füßen wegziehen. Es war ein Sound wie ein Trompeten- und Posaunenchor, durchmischt mit verzwickten Harmonien, dabei immer auf dem Beat swingend. Der Begriff „Ruf- und Antwort-Schema“ ist inadäquat. Der Part des Vorsängers und der Part des Chores überlappten sich im Rhythmus, wenn der Chor den Vorsänger einholte und ihn ersetzte, bis er mit seiner nächsten Zeile fertig war. Und sein Singen überlappte sich wiederum mit dem des Chores, der seine letzte Note anhielt. Und damit schufen sie einen Polyrhythmus. Dann fuhr der Vorsänger unverhofft hinein mit einer gesalzenen Bemerkung, die darauf abzielte, jeden zum Grinsen zu bringen. Tatsächlich konnte man oft ein gargantueskes Lachen im überlappenden Chor hören, wenn er seine goldenen Harmonien in den heißen blauen Himmel hinaufsandte.

MUSIK: CD Southern Journey, CD 3, Track 19

Leroy Miller: Berta, Berta (trad.) LC 3719, Rounder CD 1703, ausblenden bei 2:45

AUTOR:

Leroy Miller als Vorsänger und eine Gruppe von Mitgefangenen der Parchman Farm, dem berüchtigten Staatsgefängnis in Mississippi, sangen für Alan Lomax den Worksong „Berta, Berta“, mit dem Traum der Sträflinge von der Freundin oder der Frau „draußen“.

Hier in Mississippi wurde Alan Lomax von einem Gewährsmann auch auf einen Sänger aufmerksam gemacht, der später, nach den Aufnahmen, die Lomax mit ihm machte, einen großen Erfolg, sogar internationalen Erfolg, als Sänger und Gitarrist haben sollte. Fred McDowell sang und spielte den Blues.

SPRECHER:

Fred war ein ruhiger Mann, mit einer samtenen Stimme, die Schultern gebeugt, es war leicht, ihn aufzunehmen. An jenem Abend lud er einige Nachbarn ein, um auszuhelfen. Einen Mann, der die zweite Gitarre spielte und seine Tante, Fannie Davis, die sollte den Bläserpart übernehmen, sie blies einen schmalen Kamm, der in Toiletten-Papier eingehüllt wurde. Wir nahmen draußen auf, nachdem es bereits dunkel war, Licht spendete eine Taschenlampe. Kein Wind war zu spüren und kein Ton zu hören, wir konnten die lebendige Stille ausnutzen, die natürliche Resonanz der Erde und der Bäume. Das Mischgerät und das Stereo-Tonband hatten Raum genug für diesen mehrschichtigen Sound, mit einem Mikrophon für Freds Stimme, einem für sein Zupfen und Spielen, und ein Mikrophon für die summenden und keuchenden Geräusche, die seine Tante mit dem Kamm produzierte. Der Sound machte uns trunken vor Freude. Der Blues, der durch Fred sprach, hörte sich an, wie ein mit einer tiefen Stimme versehener schwarzer Himmelsbote, dazu ein silber-stimmiger himmlischer Chor, der ihm mit den hohen Gitarrenseiten antwortete. Als wir ihm die Aufnahmen vorspielten, stampfte er die kleine Veranda auf und nieder, dabei stieß er Freudenschreie aus und lachte und umarmte seine Frau. Er wußte, er war gehört worden, und er fühlte, daß sein Glück gemacht sei. Seine alte Tante, die neben mir auf dem Boden saß, gab mir ununterbrochen kleine Klapse und sagte: „Lawd have mercy, Lawd have mercy!“

AUTOR:

Nicht nur für Mississsippi Fred McDowell stellten die Aufnahmen, die er für Alan Lomax an einem ruhigen Abend des Jahres 1959 machte, einen Schnittpunkt im Leben dar. Über 80 Stunden an Musik brachte Alan Lomax von seiner Reise in den Süden mit, 19 Alben mit ausgesuchtem Material erschienen innerhalb der nächsten Zeit, sieben wurden unter dem Titel „Sound Of The South“ veröffentlicht, zwölf Lps erhielten den Obertitel „Southern Journey“, diese sind nun, seit wenigen Monaten, als CDs neu zugänglich. Sie zeigen die amerikanische Folkmusic an einem entscheidenden Punkt, denn ein Resultat ihrer ursprünglichen Veröffentlichung war der immense Aufschwung, den die Folkmusik in den 60er Jahren erfuhr. Ohne diese Lieder sind die Erfolge des Kingston Trios, von Peter, Paul und Mary, aber auch von Bob Dylan und Joan Baez kaum vorstellbar.

MUSIK: CD Southern Journey, CD 3, Track 17

Fred McDowell: Fred McDowell´s Blues (McDowell) LC 3719, Rounder CD 1703, 4:08

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>