Melvin Van Peebles

Manuskript                                                                     SFB
Maximilian Preisler                                                       04.11.1997
Red.: Christine Gerberding

Rezension ARTE Themenabend:

Melvin Van Peebles

AUTOR:
Der Kritiker der New York Times prangerte die Sex- und Gewaltszenen des Films an und war empört über dessen politische Tendenz. Aber auch die Zeitschrift „Ebony“, deren Zielpublikum vor allem die schwarze Mittelschicht der USA ist, tat den Film als „trivial“ und „geschmacklos“ ab. Ganz anderer Meinung war Huey Newton, seines Zeichens „Führer“ der radikalen „Black Panther Party“, für ihn war der Film ein „großartiges revolutionäres Dokument“.

„Sweet Sweetback´s Baadasssss Song“, der Film, um den zu Beginn der 70er Jahre eine heftige Kontroverse entstand, war das Werk des afro-amerikanischen Filmemachers Melvin Van Peebles. Er zeichnete als Regisseur verantwortlich, er  hatte das Drehbuch geschrieben, die Musik komponiert und selbst auch die Hauptrolle in seinem Film übernommen. Melvin Van Peebles war der erste unabhängige afro-amerikanische Filmemacher, der es „geschafft“ hatte: sein Filmheld wurde zum Vorbild vieler junger Schwarzer und die großen Studios in Hollywood ahmten schon bald den Stil des Films nach.

Wie kam Melvin Van Peebles zum Filmemachen? In seiner Biographie steht, er sei zuerst nach Paris gegangen, um dann, von dort aus, nach San Franzisko eingeladen zu werden. Warum dieser Umweg?

O-TON:

Ich arbeitete zuerst in San Franzisco, wo ich Kurzfilme drehte. Und diese Kurzfilme sah irgendjemand in Frankreich. Daraufhin wurde ich von der Cinémateque eingeladen, nach Paris zu kommen. Das war 1958. In San Franzisko hatte man versucht, mich vom Filmemachen abzubringen, es gab damals einfach keine afro-amerikanischen Filmemacher. Ich lebte eine ganze Weile in Holland und dann in Paris. Neun Jahre später, 1966, drehte ich einen Spielfilm in Frankreich. Ich war inzwischen französischer Autor geworden, ich hatte fünf Romane auf Französisch veröffentlicht. Und einen davon, „La Permission“, „The Story Of A Three-Day Pass“, verfilmte ich 1968. Dieser Film wurde dann – und das ist die Ironie der Geschichte – als offizieller französischer Beitrag für das Filmfestival in San Franzisco ausgewählt.  Das war die Stadt, in der ich zuletzt gelebt hatte und in der ich meine ersten Filme gedreht hatte. Und hier gewann ich den ersten Preis für meinen Spielfilm. Das war der Start meiner Karriere.

AUTOR:

Nach „Watermelon Man“, einem Hollywoodfilm, drehte Van Peebles 1971 „Sweet Sweetback“, ein Film, der schwarzen Straßenslang und ästhetische Experimente verband. So sahen schwarze Zuschauer sich selbst, so sahen sie ihre Situation, so sahen sie ihr Land. Der Film wurde ein Kassenschlager – vor allem in den schwarzen Wohnvierteln der Städte. Die Zugkraft des Films begann bereits mit seinem Titel: „Sweet Sweetback´s Baadasssss Song“. Was hat es mit der Magie dieses Titels auf sich?

O-TON:

In korrektem Englisch würde sich der Titel so anhören: „The Ballad Of The Indominable Sweetback“ (Die Ballade des unbeugsamen Sweetback). „Sweetback“ war vor langer Zeit der Name oder der Spitzname für einen Strichjungen oder einen Gigolo.  So jemanden nannte man „Sweetback“, weil er mit seinem Hintern liebte, und wenn er das gut machte, dann hatte er einen süßen Hintern. Und ich liebe Alliterationen, deshalb blieb ich beim „s“. Wenn man sagt, jemand kann etwas wirklich sehr gut, dann nennt man ihn „bad ass“, das heißt so viel wie „harter Junge“, „ganzer Kerl“. Das schien mir sehr gut zusammen zu passen: mein Held war ein kluger Kopf, ein harter Junge, also ein „bad ass“, und sein Name war „Sweetback“. Also mußte man sagen: Der süße Sweetback ist ein harter Junge. Ich habe das Wort dann absichtlich falsch buchstabiert, ich schrieb es so, wie man es sagt: „baadasssss“. Und wenn die Leute nun den Titel „Sweet Sweetback´s Baadasssss Song“ als Neonreklame über den Kinos sahen, dann sagten sie erst einmal: Wow!. So etwas, in ihrer eigenen Sprache geschrieben, hatten sie noch nie auf den Reklametafeln gesehen. Als ob da jemand in einer Geheimsprache etwas geschrieben hatte. Und das Medium, hier der Titel, ist eben Teil der Botschaft.

Die Leute wußten also bereits, dies war etwas für sie. Und mit „die Leute“ meine ich die große Schicht der Unterklasse und der politisch bewußten Menschen.

AUTOR:

Nach dem großen Erfolg von „Sweet Sweetback“ wandte sich Melvin Van Peebles dem Theater zu. Er schrieb und inszenierte zwei Musicals für Broadway-Theater, jedoch die große Masse der schwarzen Bevölkerung erreichte er mit diesen Stücken nicht. Es wurde ruhiger um das frühere „enfant terrible“. Mitte der 80er Jahre hörte man plötzlich wieder von ihm: Van Peebles tauchte als erster schwarzer Händler an der New Yorker Börse auf, seine Erfahrungen im Geldgeschäft machte er später in einem Ratgeber publik. Daß Melvin Van Peebles noch immer nicht seine Schärfe und seinen Zorn verloren hat, kann man nun an der Dokumentation „Classified X“ ablesen, einer Fernsehproduktion, in der er die Rolle der Schwarzen im Hollywoodfilm Revue passieren läßt. Wie kam es zu diesem Titel?

O-TON:

„Classified X“ bedeutet „verboten“ und ich bin wegen meines aggressiven, ungestümen Verhaltens so gut wie überall ein Außenseiter, ich bin auch „verboten“, deshalb nannte ich den Film „Classified X“.

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