Louisiana Groove oder die graue Eminenz der Musikszene von New Orleans, Allen Toussaint

Manuskript: Maximilian Preisler

Radio Kultur

Jazzplatz, Red.: Ulf Drechsel

29. Juli 1998

Wortband Take 1: (0:10)

I´m Allen Toussaint, of New Orleans, songwriter, producer, arranger, etc.

MUSIK: Band, Take 1, 2:20

Allen Toussaint:Java, Lipstick Traces

AUTOR:

Allen Toussaint am Klavier, er spielte diese beiden Stücke, „Java“ und „Lipstick Traces“ -natürlich Eigenkompositionen – am Ende eines längeren Interviews, das ich mit dem Komponisten, Pianisten, Sänger, Produzenten und Arrangeur während des diesjährigen Jazz Festes in New Orleans führte. Wir trafen uns in den Sea-Saint Studios, in denen Toussaint schon viele Platten produziert hat. Mir gegenüber saß ein elegant gekleideter Herr, im gedeckten Anzug, Hemd und Krawatte in leichtem Gelbton aufeinander abgestimmt, ein höflicher, zurückhaltender Interviewpartner, der ein gewinnendes Lächeln besitzt. Allen Toussaint hatte sich Zeit genommen für mich, wir konnten ganz von vorn anfangen.

Wortband Take 2 (1:40)

darauf Sprecher:

Zuerst kam ich, dann kam ganz schnell die Musik. Als kleiner Junge, so etwa im Alter von 6 ½, machte ich Bekanntschaft mit dem Klavier. Und ich verliebte mich sofort. Ich begann, einfache Melodien nachzuklimpern. Das war wunderbar, und als meine Eltern dies bemerkten, meldeten sie mich an einer Musikschule für Kinder an. Fünf Unterrichtsstunden habe ich ungefähr mitgemacht, dann sah meine Mutter ein, daß ich viel mehr daran interessiert war, Boogie Woogies zu spielen, und daß ich die Hausaufgaben, die Sachen aus dem Lehrbuch, gar nicht so sehr mochte. Sie erlöste mich von der Pein, unvorbereitet zur Schule gehen zu müssen. Ich lernte weiter, so viel ich konnte, und woher ich es auch immer bekommen konnte. Meine Schwester nahm Klavierstunden und sie brachte mir etwas Theorie bei. Während ich lernte, mich auf dem Klavier auszudrücken, zeigte sie mir, wo das jeweils auf dem Notenpapier war. Ich lernte von ihr, wie die Töne zusammengehören, wie Akkorde entstehen, so etwas. Insgesamt hatte ich etwa 30 Tage formalen Unterricht, mehr nicht, aber als Kind lernte ich eine Menge auf eigene Faust. Und heute betrachte ich mich immer noch als Musikschüler.

MUSIK: CD The Wild Sound, Track 15, 2:30

Allen Toussaint: Second Liner (Toussaint) LC 5197, BCD 15641

AUTOR:

Allen Toussaint: Second Liner. Noch eine Frage zum Aufwachsen stellte ich: Welche Rolle spielten die Eltern, gab es eine musikalische Familie, in die Allen Toussaint hineingeboren wurde? Und welche Rolle spielte die Kirche, die, gerade auch wenn es um Musik geht, in New Orleans sehr wichtig ist?

Wortband Take 3 (1:44)

darauf Sprecher:

Mein Vater war Eisenbahner, er arbeitete 40 Jahre lang als Mechaniker bei der Eisenbahn. Daneben war er ein Wochenend-Trompeter. Er spielte, damals, in den Big Band Zeiten, in einer Band. Nur am Wochenende. Er war kein Solist, er improvisierte nicht. Er konnte aber vom Blatt spielen und in einer Band mitspielen. Mein Bruder lernte Gitarre spielen, als er noch ein Teenager war, und er spielte ziemlich gut. Er hat das Gitarrespielen aber nie so ernsthaft betrieben, um sich seinen Lebensunterhalt damit zu verdienen. Meine Schwester nahm Klavierstunden, wie gesagt, doch sie haßte es, sie entwickelte sich nie zur Pianistin. Das war´s so etwa. Aber ich war sofort verliebt und ich verbrachte den größten Teil meiner Kindheit am Klavier. Kirchenmusik war stets präsent, doch da ich sehr katholisch war spielte ich nicht in der Kirche. Wir hörten in der Kirche Musik von Bach, Händel und Mendelssohn. Dennoch: Kirchenmusik, Gospelmusik übte einigen Einfluß auf mich aus, so wie auf alle Musiker hier. Wir können ihr nicht entkommen, sie ist einfach zu mächtig, Gospelmusik erfüllt dich, durch und durch. Also: in der Zeit, in der ich aufwuchs, hörte ich Gospelmusik, aber ich spielte nie in der Kirche.

MUSIK: CD The Wild Sound, Track 27, 2:20

Allen Toussaint: Real Churchy (Toussaint) LC 5197, BCD 15641

AUTOR:

1958/59 begann die Musiker Karriere von Allen Toussaint. Er schrieb Stücke, Klavierstücke, die er anderen Künstlern verkaufte. RCA nahm eine Platte mit ihm selbst auf, doch es war kein Hit dabei. Dies war allerdings die Vorbedingung für weitere Aufnahmen. Dann ging es auf einmal ganz schnell, und Toussaint war mit gleich zwei Kompositionen erfolgreich, sein erster großer Hit war ein Song, den Ernie K-Doe sang:

Wortband Take 4 (0:42)

darauf Sprecher:

Ja, „Mother-In-Law“, das war einer meiner ersten Erfolge. Ich schrieb allerdings „Java“ noch vor „Mother-In-Law“. Doch „Mother-In-Law“ wurde ein Hit in den USA noch vor „Java“. Ich nahm damals eine Platte auf für RCA, nur eigene Sachen, und da war „Java“ dabei, ein Klavierstück, das später von Floyd Cramer eingespielt wurde und dann hatte Al Hirt einen Superhit damit. Dieses Klavierstück hatte ich bereits vor „Mother-In-Law“ geschrieben, nur – dieser Song kam eben früher heraus und es war dann mein erster Song, der Nummer 1 in der Hitparade wurde.

MUSIK: CD Minit Story, CD 1, Track 6, 2:30

Ernie K-Doe: Mother-In-Law (Toussaint) LC 8477, LAB 101/1

AUTOR:

Toussaint wurde nun von der Firma Minit Records beschäftigt. Minit Records, das war Joe Banashak, ein weißer Label-Besitzer, von dem Toussaint heute noch mit Respekt spricht. Gut, manchmal habe man damals einen Teil der Tantiemen abtreten müssen, um weiter produzieren zu können, oder um eine Platte in die Läden zu bringen. Doch er selbst habe nie das Gefühl gehabt, daß ihn jemand ausbeutete. Toussaint war der Haus-Komponist, der Haus-Pianist und er war derjenige, der für die Verpflichtung neuer Künstler zuständig war. Zu seinen Entdeckungen gehörte auch Benny Spellman.

MUSIK: CD Minit Story, CD 1, Track 18, 2:30

Benny Spellman: Lipstick Traces (N. Neville) LC 8477, LAB 101/2

Wortband Take 5 (0:58)

darauf Sprecher:

In diesen Jahren bei Minit schrieb und spielte ich gleichzeitig, die ganze Zeit über, das lief parallel. Spielen und Schreiben – das ging jeden Tag so. Alle Künstler, mit denen ich arbeitete, waren um mich herum, tatsächlich um mich herum, denn wir trafen uns im Wohnzimmer meiner Eltern. Wir verbrachten den Tag damit, am Klavier zu sitzen, Songs zu schreiben, und sie mit verschiedenen Leuten auszuprobieren. Aaron Neville war mit von der Partie und ich schrieb für ihn, K-Doe und Spellmann sangen Backup hinter Aaron. Dann schrieb ich ein Stück für Irma und Aaron und die anderen aus der Gruppe sangen backup für Irma. Danach ging´s dann ins Studio zum Aufnehmen. Und wenn wir damit fertig waren, ging es wieder zurück nach Hause und alles fing wieder von vorn an. Tagein, tagaus.

MUSIK: CD Minit, CD 2, Track 11, 2:36

Aaron Neville: Even Though (Reality) (N. Neville)

AUTOR:

Eine der ersten Aufnahmen von Aaron Neville: Even Though. Geschrieben von Allen Toussaint, der allerdings in diesem Fall – aus rechtlichen Gründen – den Mädchennamen seiner Mutter, Naomi Neville, benutzte. Wie war das beim Schreiben der Songs, wie ist der kreative Prozess zu beschreiben? War es eine Arbeit, die ihn oft alleine am Schreibtisch festhielt?

Wortband Take 6 (1:12)

darauf Sprecher:

Nein, diese Arbeit war keine einsame Arbeit. Zum Beispiel als ich „It´s Raining“ schrieb, für Irma, da saß sie auf der anderen Seite in einem Sessel und draußen regnete es. Ich schrieb „It´s Raining“ während es regnete und ich probierte den Song sofort mit ihr aus. Und er hörte sich gut. Alles, was ich für Irma geschrieben habe, das hat sich immer gut angehört, weil Irma Stimme einfach so gut ist. Man konnte gar nicht sagen, ob das Material schlecht war oder gut, alles hörte sich bei ihr gut an. Wenn ich die Songs schrieb, waren die Künstler dabei, erst abends kam dann der Part, wo ich alleine war. Der Tag war vorbei, morgen würden wir ins Studio gehen, und in der Nacht davor schrieb ich die Stimmen für die Musiker auf. Dazu brauche ich keine anderen Leute, da muß niemand dabei sein, während ich die Stimmen ausschreibe. Die Arrangements, das war der Teil der Arbeit, bei dem ich ganz alleine war. Die schrieb ich nachts, die Nächte hindurch, bis in den frühen Morgen, bevor die Künstler ankamen.

MUSIK: CD Minit Story, CD 2, Track 6, 2:01

Irma Thomas: It´s Raining (N. Neville) LC 8477, LAB 101/2

AUTOR:

Noch heute gelten die Songs, die AllenToussaint zu Beginn der 60er Jahre für Irma Thomas, die Soul Queen of New Orleans, schrieb und produzierte als Höhepunkte des New Orleans Rhyhtm and Blues. Am abend des gleichen Tages, als ich das Interview mit Toussaint führte, trat Irma Thomas beim Jazz Fest auf, über 40 000 Menschen hatten sich vor der Bühne eingefunden, und bejubelten eine zwar heisere aber dennoch packende Show der Sängerin. Und es schien als ob alle Zuschauer ihre Lieder mitsingen konnten. Zu den Lieblingssongs der Fans gehörte „It´s Raining“ und „Ruler Of My Heart“.

MUSIK: CD Minit Story, CD 1, Track 25, 2:40

Irma Thomas: Ruler Of My Heart (N. Neville) LC 8477, LAB 101/2

AUTOR:

Art Neville und Aaron Neville, Leo Nocentelli, George Porter und Zig Modeliste, diese fünf Musiker initiierten Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre einen Stil, den man später als Funk bezeichnete. Die Gruppe nannte sich „The Meters“ und als ihr Entdecker und Produzent ist ebenfalls Allen Toussaint im Buch verzeichnet.

Wortband, Take 7 (1:35)

darauf Sprecher:

The Meters, eine wunderbare, perkussive Gruppe. Ich nenne sie perkussiv, weil jeder sein Instrument wie ein Perkussion Instrument spielte. Wo man hinhört: Synkopen. Die Geschichte mit den Meters verlief so: Ich ging eines abends über die Bourbon Street und kam an einem Club vorbei, wo eine richtige „funky music“ zu hören war. Die Gruppe spielte Top 40 Songs, aber die ungemein funky. Als ich reinschaute, waren es Art Neville and the Neville Sound, so hießen die Meters damals. Ich sagte mir: Art Neville hat es wieder mal geschafft. Art Neville ist ein magischer Bursche. Wenn er Leute zusammenbringt, dann ist das Zauberei. Irgendetwas gibt es da: entweder er erlaubt ihnen, sich hoch zu schwingen, ihren Geist in die Luft fliegen zu lassen, und zwar in dem er ihnen aus dem Weg geht, oder er offeriert ihnen etwas, das sie zusammenhalten läßt, und dann ist es das, was die Magie erzeugt. Jedenfalls, als ich die Gruppe hörte und dann sah, wer sie waren, bat ich Art, mit dem ich damals schon lange befreundet war, ins Studio zu kommen und über die Gruppe zu reden. Er nahm das Angebot sofort an. Und sie machten eine unglaubliche Musik, funky, voller Synkopen.

MUSIK: CD The Meters, CD 1, Track 4, 2:57

The Meters: Sophisticated Sissy (Nocentelli – Porter – Neville – Modeliste) R2 71869

Wortband Take 8 (1:05)

darauf Sprecher:

Ich habe nicht viele Songs für die Meters geschrieben, sie brauchten das nicht. Das einzige, was wir tun mußten: wir mußten die Tür öffnen und sie hereinlassen. Bei manchen Leuten, wenn man sie produzieren will, muß man ihnen nur aus dem Weg gehen. Für andere mußt du alles mögliche tun. Du führst sie in einen Song ein und bringst ihnen den Song bei. Aber The Meters, sie waren so von sich überzeugt, da brauchten wir nur eine gute Umgebung für sie herzustellen. Sie genügten sich selbst. Sie brauchten keinen anderen. Art spielt so funky, und er steht niemandem im Weg, er läßt den anderen so viel Raum, daß sie sich darin bewegen können. Und Leo mit diesen Synkopen, der Ryhthmus wird durchgehalten und die Synkopen springen hoch, wie Spritzer, wie kleine Ausrufezeichen, die überall auftauchen. Die Gruppe hat Magie. The Meters. Und, um das zu wiederholen: die Meters produziert man so: man öffnet die Tür des Studios, läßt sie herein und dann schließt man sie ein.

MUSIK: CD The Meters, CD 1, Track 19, 3:19

The Meters: Ride Your Pony (N. Neville) R2 71869

AUTOR:

The Meters, Ride Your Pony, ein Song von ihrem Album „Struttin“, 1970 veröffentlicht, ein Song von Allen Toussaint.

Seine größten Erfolge hatte Toussaint, wenn andere Musiker, seine Lieder aufnahmen, und er selbst sagt: Ich muß nicht unbedingt auf der Bühne essen und schlafen, und die Leute merken das wohl. Dennoch nimmt er immer wieder einmal Solo-Platten auf. Vor zwei Jahren erschien die CD „Connected“. Auf „All Of It“ wird Toussaint begleitet von Leo Nocentelli, Gitarre und Russell Batiste, drums.

MUSIK: CD Toussaint – Connected, Track 13, 3:50

Allen Toussaint: All Of It (Toussaint) NYNO 9601-2

AUTOR:

Gemeinsam mit einem New Yorker Rechtsanwalt betreibt Allen Toussaint seit kurzem eine eigenes Label: NYNO Records, NYNO: New York und New Orleans. Der Star des kleinen Unternehmens ist ein junger Sänger und Trompeter, James Andrews, der stark in der Tradition von New Orleans verwurzelt ist.

Wortband, Take 9 (1:45)

darauf Sprecher:

Es ist für mich aus vielen Gründen wichtig, die Tradition der New Orleans Musik weiterzugeben. Ich möchte das folgende ganz klar sagen, aber es ist nicht einfach, denn Musik läßt sich nicht eindeutig in Worte fassen. James Andrews respektiert die Tradition der alten Jazz Musiker. Das hört man, wenn er spielt. Und wenn man ihn beim Spielen beobachtet, dann ist das so, als sehe er etwas völlig anderes. Das gleiche war bei Louis Armstrong der Fall, wenn er wirklich ganz bei der Sache war und nicht nur die Leute mit seinem Spielen unterhalten wollte. Wenn man dann seine Augen beobachtete, merkte man: er sieht etwas, was sonst niemand sehen kann. Und das habe ich bei James Andrews auch bemerkt. Wenn er wirklich völlig bei der Sache ist, dann scheint er eine Verbindung zu etwas völlig anderem zu haben. Er sieht etwas, und die anderen Leute, auch wenn sie hinschauen, sehen das nicht. James ist ein Naturtalent. Wir spielen zum Beispiel etwas in einer Moll-Tonart und James spielt einen Lick, der auf einer Dur-Tonart basiert. Nach der Theorie sollte das falsch klingen, wenn James das spielt, hört es sich einfach gut an, frisch und aufregend. Und nur, weil er in diesem Augenblick so überzeugt ist, weil er so sehr Teil seines Selbst ist.

MUSIK: CD James Andrews, Track 1, 5:30

James Andrews: Poop Ain´t Gotta Scuffle No More (Rebennack – Toussaint) NYNO 9609-2

AUTOR:

Allen Toussaint ist bereits über 60, seine Songs wurden von den Rolling Stones und den Yardbirds eingespielt, von Bonnie Raitt und Etta James, er produzierte Paul Simon und Paul McCartney. Denkt er denn heute ans aufhören?

Wortband Take 10 (1:05)

darauf Sprecher:

Nein, natürlich nicht, nicht in dem Geschäft, das wir betreiben. In unserem Geschäft geht man nicht in den Ruhestand. Einige werden vielleicht aus dem Music Business hinaus gedrängt. Aber daß jemand sich zur Ruhe setzt, das kommt ganz selten vor. Es ist doch einfach so: It´s a wonderful life. Tut mir leid, den Satz habe ich nicht erfunden, aber … die Arbeit, das ist doch eine Sache des Herzens, die Inspiration, kommt, und was tust du nun damit? Das ist dein Leben, in dieser Industrie gibt es einen Platz für dich, was kannst du daraus machen? Da ist Ruhestand kein guter Vorschlag. Ãœberhaupt, was würde man dann tun? Etwas, das besser ist, als das, was wir jetzt tun? Das gibt es gar nicht.

MUSIK: CD James Andrews, Track 6, 3:29

James Andrews: Got Me A New Love Thing (Toussaint) NYNO 9609-2