Lasset laut sein Lob erschallen – Das Alte Testament in den Liedern der afro-amerikanischen Kirchen

Manuskript: Maximilian Preisler
DeutschlandRadio Berlin
Red.: Dr. Gerald Felber
09. 02. 2003

Variationen mit Thema

Mahalia Jackson: (I’m) On My Way (To Canaan) (Trad. Arr. Jackson) Track 2, 3:42
CD Queen Of Gospel, MCDDSE 122

AUTOR:
“I’m on my way to Canaan land.” – „Ich bin auf dem Weg nach Kanaan.“
Mahalia Jackson mit einem alten Spiritual, das in seinem Text auf das Alte Testament verweist. „Ich stehe am Ufer des Jordan und bin auf meinem Weg nach Kanaan, und wenn Du nicht gehst, dann steh’ mir nicht im Weg.“ Ob heute noch alle Zuhörer die Anspielungen, die Doppeldeutigkeiten des Liedes entschlüsseln können? Entstanden ist dieser Song zu einem Zeitpunkt, als sich die Schwarzen Amerikas noch unter der Peitsche der Sklaverei ducken mussten, als ihre weißen Besitzer Sklavenfamilien willkürlich auseinanderreißen konnten, als es für die physische und psychische Ausbeutung der gewaltsam Unterdrückten nur ein Gesetz gab, den Willen ihres Besitzers. Wenn vom Jordan die Rede war, dann war nicht nur der Fluss im fernen Palästina gemeint, und wenn von Kanaan gesungen wurde, dann dachten die Sänger nicht nur an das den Israeliten versprochene Land an der Küste des Mittelmeers. Spirituals und Gospel Lieder handelten immer auch von der Wirklichkeit der Sklaverei, drückten immer den Wunsch nach Freiheit aus.

Corey Harris: Didn’t My Lord Deliver Daniel, Track 13, 2:31
CD Vü-Dü Menz, ALCD 4872

AUTOR:
Wenn der Herr den Daniel aus den Klauen der Löwen befreien kann, dann kann er auch mich befreien. Wenn der Gott der Israeliten das auserwählte Volk über den Jordan in das gelobte Land führt, dann kann er auch die unterjochten Schwarzen Amerikas vom Übel der Sklaverei befreien, wenn dieser Gott Israels seinen Kindern das gelobte Land Kanaan gibt, dann werden auch hier die Tage des Jammerns bald vorbei sein, die Geschichte Daniels verleiht Hoffnung. „Didn’t My Lord Deliver Daniel“, ein weiteres Spiritual, das nichts von seiner Anziehungskraft auf jüngere schwarze Musiker verloren hat. Corey Harris, der wohl politischste aller jüngeren Blues-Musiker knüpft mit seiner Version des Liedes an die Art des Vortrags der Blues- und Gospelsänger der 20er Jahre an, die Stimme tritt in Zwiesprache mit der Gitarre. Im A Capella Vortrag der traditionellen Gospel Gruppe wird die Geschichte erweitert, nun stehen Schadrach und zwei weitere jüdische Verwalter im Mittelpunkt: Schadrach und seine beiden Genossen beschämten den großen König Nebukadnezar und dessen goldenes Idol. Ihre Weigerung, dem Götzen zu huldigen, sollen sie in einem feurigen Ofen büßen, doch ihr Gott ist stärker, er sendet Engel, die den Leidenden Kühle zufächeln, Schadrach und seine Freunde können schließlich den Feuerofen unversehrt verlassen.

The Fairfield Four: Shadrach (MacGimsey) Track 9, 2:45
CD I Couldn’t Hear Nobody Pray, WB 9 46698-2

AUTOR:
Wer Sklaven die Fähigkeiten des Lesens und Schreibens vermittelte, wurde von den Gerichten in den Staaten südlich der Mason-Dixon Linie streng bestraft. Und dennoch kam es immer wieder zu heimlichen Lese- und Schreibstunden, vor allem für jüngere Haussklaven, die oft mit den Kindern der Herren zusammen aufwuchsen. Als einziges Buch stand oft die Bibel zur Verfügung. Die Figur des David, der vom Hirtenjunge zum König aufstieg, war den Lesekundigen dabei sehr nahe. Zum einen war David ein weiterer Held, der die Großen, in seinem Fall den Goliath, besiegte, zum anderen spricht das Alte Testament von Davids Musikbegeisterung. Er spielte die Harfe und es ist gut möglich, dass die spätere Bezeichnung „harp“ für das beliebteste, weil billigste Instrument in der schwarzen Musik, die Mundharmonika, von dieser Bibelstelle herrührt. David hütete die Schafe seines Vaters, nächtelang spielte er seine Harfe, den Löwen und den Bären erlegte er.

The Belleville A Cappella Choir: David Was A Shepherd Boy (Trad.) Track 13, 3:42
CD Southern Journey, LC 3719, 1711

AUTOR:
Daniel wurde durch den Herrn aus der Löwengrube befreit, die Flammen des Ofens konnten Shadrach nichts antun, und der große Gott verlieh dem Hirtenjungen David die Kraft, den riesigen Goliath zu Boden zu werfen, dieser Gott, so die Schlussfolgerung, hat auch die Gewalt, mich Armen zu befreien. Vor allem die alten Spirituals haben eine Vorliebe für anscheinend Schwache, die gegen eine Übermacht bestehen. Die Parallelen zur eigenen Situation waren einfach zu ziehen. Ein weiterer Held tritt auf: Josua. Sein Kampf gegen die festgefügte Stadt Jericho gibt ebenfalls Hoffnung: nicht der mächtige Gegner wird gewinnen, die Schlacht kann auch dann siegreich beendet werden, wenn die eigene Armee nur schwach gerüstet aufmarschiert.

Lillian Bouttè: Joshua Fit The Battle Of Jericho (Trad., arr. Etienne) Track 1, 3:45
CD The Gospel Book, LC 3124, BLU 1017 2

AUTOR:
In der Frage der Religion waren die Sklavenbesitzer gespalten. Zum einen wollten gerade die Gläubigen unter ihnen den Sklaven die frohe Botschaft nicht vorenthalten, zum anderen aber war die Furcht weit verbreitet, die Kenntnisse aus der Bibel könnten „missbraucht“ werden. Deshalb sollte nur der für die Plantagenbesitzer willkommene Teil der Botschaft verkündet werden, nämlich der erforderliche Gehorsam gegenüber der Herrin und dem Herrn. Ein zeitgenössischer Bericht, aus der Sicht eines Schwarzen, macht den Zwiespalt deutlich:

ZITATORIN
Wenn die Weißen ein religiöses Treffen hatten, wurden wir Schwarze auch eingeladen. Sie sagten immer, unsere Art des Singens wäre unschlagbar. Wir saßen natürlich ganz hinten, die Weißen vorn. Am Abend durften wir manchmal vorn sitzen, dann saßen aber einige Aufpasser hinter uns. Die farbigen Prediger sagten uns, wir sollten unseren Herren Gehorsam sein. Mehr durften sie meist nicht sagen. Und wenn wir sangen „King Jesus, reite weiter, niemand kann dich stoppen“, griffen die Aufpasser ein. Sie hatten Angst, wir kämen auf die Idee frei zu sein, wenn wir Gottesdienste nur für Schwarze abhielten. Aber manchmal hatten wir unsere eigenen Revival Treffen, dann drehten wir Töpfe um und stellten sie mit der Öffnung nach unten auf den Boden, das dämpfte alle Laute. Dann sagen wir die alten Hmynen wie: Steal Away.

The Pilgrim Jubilee Singers, Steal Away, Track 3, 2:53
CD Walk On And The Old Ship Of Zion, LC 7626, MFCD 756

AUTOR:
Nicht alle Spirituals und Gospel Songs waren von Verzweiflung oder Traurigkeit erfüllt. Das hätte schon den überbordenden Gefühlen widersprochen, mit denen Schwarze auch in den Zeiten der Sklaverei ihrem Gott Lobgesänge brachten. Diese Freude, die sich zu ekstatischen Tänzen steigern konnte, war ein Überbleibsel des afrikanischen Erbes, wo in Ringtänzen die Götter gefeiert wurden. Die Geschichten der Propheten und anderer Protagonisten des Alten Testaments wurden bald Teil der afro-amerikanischen Religionswelt. Eine neue Folklore entstand, bei der die biblischen Protagonisten oft amüsante neue Charakterzüge erhielten. Sehr beliebt war die Legende von Noah. So wurde erzählt, der Löwe an Bord der Arche sei seekrank geworden und habe Noah gebissen. Die Hautfarbe von Ham wiederum wechselte zu schwarz, denn er machte sich über die Nacktheit seines Vaters lustig. Ham wurde damit zum Urahn aller schwarzen Menschen. 40 Tage und Nächte regnete es ohne Unterbrechung, sagt das Lied „Didn’t It Rain“, diese Textzeile bezieht sich direkt auf die Darstellung im „good book“.

Mahalia Jackson: Didn’t It Rain (Martin) Track 6, 3:36
CD Live At Newport 58, CK 53629

Mahalia Jackson, Live, sie war wohl die größte aller Gospel-Sängerinnen, und im Gegensatz zu vielen ihrer Kolleginnen wollte sie auch nie die Grenze zwischen Gospel und populärer Musik überschreiten. Sie blieb gläubige Baptistin, und wollte nur Gott dienen. Auch wenn sie strenge Maßstäbe an sich und an andere legte, es ist gut vorstellbar, dass sie an der Geschichte, die Zora Neal Hurston, Schriftstellerin und Ethnographin, in den 30er Jahren aufschrieb, großen Gefallen gefunden hätte.

ZITATORIN
Old John, das Großmaul, war gestorben und kam in den Himmel. Er setzte sich auf eine Bank und begann seine Harfe zu stimmen. Da kamen zwei Engel vorbei und John sprach sie sofort an. „Hört mal, soll ich euch von dieser Riesenflut erzählen, die ich erlebt habe, als ich noch auf der Erde war? Lieber Gott noch mal, es regnete und regnete, und ich rede von einem richtigen Regen.“ Die zwei Engel verschwanden ganz schnell und als er seine Geschichte einem weiteren Engel erzählen wollte, floh dieser ebenfalls. Also ging John zu Old Peter und beschwerte sich: Ich dachte, hier wären alle so freundlich und höflich miteinander? Ich habe eben ganz höflich jemand angesprochen und ihm von dem Hochwasser erzählt, das ich in Johnstown erlebt. Aber statt mir eine freundliche Antwort zu geben, sagte er nur: Du hast wohl noch nie Wasser gesehen, und machte sich fort.
„War das ein alter Mann, mit einem gebogenen Stock?“ fragte Pete.
„Ja.”
“Und hatte er Koteletten bis hierher?” Pete deutete auf seine Hüfte.
„Genau so sah er aus“, bestätigte John.
„Dachte ich es mir doch. Das war der alte Noah. Dem kannst du nichts über eine Flut erzählen.

The Fairfield Four: Noah, Track 1, 2:43
CD I Couldn’t Hear Nobody Pray, WB 9 46698-2

AUTOR;:
He called in the animals two by two,
The ox, the camel and the cangeroo,
So marschierten sie in die Arche, der Ochse, das Kamel und das Känguru, immer zwei zusammen.

AUTOR:
Wasser spielt in den Ritualen der afro-amerikanischen Kirche eine wichtige Rolle, einmal erinnerte die Taufe, vor allem in ihrer Form durch das Untertauchen des ganzen Körpers in das Wasser eines Flusses, das besonders den Baptisten von großer Wichtigkeit war, an ähnliche Riten in Afrika. Auch dort dienten Wasser-Zeremonien der seelischen Reinigung. Zum anderen wird der River Jordan gern dem Ohio River gleichgesetzt. Jenseits des Jordan liegt das gelobte Land, jenseits des Ohio locken die „freien“ Staaten. Laßt uns also ins Wasser des Flusses waten.
Wade in the water, children.

The Staple Singers: Wade In The Water (Alexander/Cooke) CD 1, Track 9, 2:57
Gospel, LC 00116, 74321 71694-2

AUTOR:
Ein Prophet, der in der christlichen Kirche eher ein Schattendasein fristet, aber von der afro-amerikanischen Kirche sehr verehrt wird, ist Ezechiel. Seine Faszination liegt vor allem in einer übersinnlichen Fähigkeit, die ihm sein Gott verleiht. Um das Wort des Herrn, übrigens ein ungemein strenges, um nicht zu sagen wütendes Wort, dem Volk Israel auch am Euphrat zu verkünden, schickt Gott dem Propheten vier engelartige Wesen, die von vier Rädern begleitet werden. In Windeseile kann Ezechiel nun den Schauplatz wechseln. Gerade ist er noch in Babylon, da versetzt ihn Gott, mit Hilfe der Räder, nach Jerusalem. Es liegt auf der Hand, was die bei Todesstrafe an die Farm und den „master“ Gebundenen an solcherart Reise begeisterte.

The Golden Gate Quartet: Ezekiel Saw The Wheel (Trad.) Track 17, 2:04
CD From Spirituals To Swing, EMI 780573-2

AUTOR.
Eine erstaunliche Wandlung hat im Laufe der Geschichte ein anderes biblisches Fahrzeug genommen, von dem im Buch der Könige die Rede ist. Zum Staunen seiner Brüder wird der Prophet Elias mit einem feurigen Wagen, den feurige Pferde ziehen, in den Himmel entrückt. An die Hoffnung, mit diesem wundersamen Wagen ins Jenseits gefahren zu werden, knüpfte schon bald der Traum der Sklaven in den Südstaaten an, ins diesseitige Land der Freiheit, in die Nordstaaten der USA, wo die Sklaverei bereits abgeschafft war, oder nach Kanada, wo es die „eigentümliche Institution“ nie gegeben hatte, fliehen zu können. „Swing Low, Sweet Chariot“ spricht eindringlich davon.

Paul Robeson: Swing Low, Sweet Chariot (Trad.) 2:08
LP Negro Spirituals, LDX 74376

AUTOR:
“Der Wagen kommt, er wird mich heimführen“, diese Textzeile sollte schon bald einen ganz und gar irdischen Weg beschreiben. Er führte über verschiedene Stationen im Süden, dort fanden sich Hütten, Höhlen und Scheunen, wo Flüchtende ausruhen konnten, wo sie mit Lebensmitteln versorgt wurden. Diese Haltepunkte, angelegt übrigens von weißen Abolitionisten, von Quäkern und anderen unbedingten Streitern für die Emanzipation der Sklaven, aber ebenfalls von freien Schwarzen, geleiteten die dem Terror der Sklaverei Entronnenen vom tiefen Süden über den Ohio bis in den hohen Norden. Ein geheimes Unternehmen, das Gefahr für alle Beteiligten bedeutete. Die Bezeichnung Underground Railway für diesen Fluchtweg erinnerte dabei an die ersten Eisenbahnzüge, und dies wiederum verband sich trefflich mit dem Bild des funkensprühenden Wagens, der von Elias gelenkt wurde. Aus der „Underground Railway“ wurde nach dem Ende des Bürgerkriegs der „Gospel Train“ und heute, da die Erinnerung an jene Verknüpfung der Bilder des feurigen Wagens und der Eisenbahn verloren geht, wird aus dem „Gospel Train“ der „Glory Train“, für den nur die Gläubigen Fahrkarten kaufen können.

Golden Gate Quartet: Gospel Train, Track 1, 2:40
CD Gospel Train, JSPCD 602
The Montreal Jubilation Gospel Choir: Glory Train (Bradford) Track 1, 3.56
CD Glory Train, LC 3124, BLU 1006 2

AUTOR:
“Der Herr rettete an jenem Tag Israel aus der Hand der Ägypter.” Mit diesen Worten endet die in der afro-amerikanischen Kirche immer wieder zitierte Geschichte des Moses vor dem Pharao aus dem Buch Exodus. Und mit „Go Down, Moses“ wollen wir unsere Variationen Sendung beschließen. „Let my people go“, diese Aufforderung, an den Herrscher Pharao gerichtet, entsprach einem Herzenswunsch der Sklaven, und Gott stand wirklich den verschleppten Israeliten bei, das sie verfolgende ägyptische Heer ertrank elendig in den Wassern des Meeres. Das Spiritual spricht von Kummer und Schmerz aber auch von der Hoffnung, die Fesseln eines Tages abwerfen zu können. Die beiden schwarzen Musiker Mavis Staples und Lucky Peterson zeigen, dass dieses Lied auch 140 Jahre nach der Befreiung der Sklaven nicht obsolet geworden ist. Noch immer leiden Schwarze und Weiße in den USA, allerdings auf unterschiedliche Art, unter den Spätfolgen jener langen, dunklen Jahre, als Menschen rücksichtslos andere Menschen versklavten. Die Lieder mit Texten des Alten Testaments konnten damals und können auch heute noch den Verzagenden einen Weg weisen, ihrer Bedrängnis Herr zu werden.

Mavis Staples: Go Down, Moses (P.D. arr. Peterson/Staples) Track 9, 5:37
Spirituals And Gospel, LC 0383, 533 562 2

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