Höllengelächter – Ãœber den Teufel und sein Treiben in der Musik

Manuskript: Maximilian Preisler
DeutschlandRadio Berlin
Red.: Gerald Felber
25. April 1999

VARIATIONEN MIT THEMA

1) MUSIK: CD Mephisto & Co., Track 10, 2:47
Eji Oue and the Minnesota Orchestra: Luzifer Polka (Strauss) RR 82 CD

2) Mit der „Luzifer Polka“ von Johann Strauss haben wir unsere Sendung über den Teufel und sein Treiben in der Musik begonnen, aber der erste Eindruck des Gefälligen, des Verspielten, vielleicht gar wienerisch Behaglichen darf nicht täuschen, das Thema hat ganz unterschiedliche Komponisten angezogen und die musikalische Auseinandersetzung mit dem großen Widersacher hat uns zwar sehr wohl mit heiteren Teufelchen bekannt gemacht, doch daneben auch zu Werken mit Tiefe, um nicht zu sagen: höllischen Abtiefen, angeregt.

Wir kennen den „Schwarzen“ ja in verschiedenen Gestalten, einmal tritt er uns in der Bibel entgegen als „Luzifer“, als gefallener Engel, der ursprünglich eine Lichtgestalt war, der jedoch, da er so wie Gott sein wollte, in die Finsternis verdammt wurde. Dann kennen wir ihn als Satan, als Fürsten der Unterwelt, auf den Gemälden des Mittelalters wird er als als gräßlicher Moloch dargestellt, und schließlich noch, in seiner allgemeinsten Form, als den Teufel, der das Böse in die Welt bringt – sei es nun nach dem Heilsplan Gottes oder aus eigenem Antrieb, die Kirchen sind sich da nie ganz schlüssig gewesen – und der den Menschen in Versuchung führen kann. Wie kommt der Teufel nun in die Musik? Die erste Antwort: es ist der „teuflisch gute“ Solist, oder der vom Teufel inspirierte Komponist mit einem „teuflisch genialen“ Einfall, der den Verdacht erregt, hier ginge es nicht mit rechten Dingen zu. Als erstes Beispiel können wir den italienischen Barock-Komponisten Guiseppe Tartini erwähnen. Die Legende sagt, der Teufel sei ihm im Traume erschienen, habe ihm einen Triller vorgespielt, und ihn damit zu einer Sonate inspiriert. Die Tartini selbst für seine gelungenste Arbeit hielt.

3) MUSIK: CD
Tartini: Sonate mit dem Teufelstriller, ab 2.36, bis Ende, insgesamt 3.47

4) Welche unendliche Mühe es machen kann, Sympathie für den Teufel zu wecken, konnte man in den 60er Jahren an einem Film von Jean-Luc Godard ablesen. Er begleitete die Rockgruppe The Rolling Stones ins Studio als diese gerade Aufnahmen machten für ihr späteres Erfolgsalbum „Beggars Banquet“. Godard spannt die Zuschauer auf die Folter – immer und immer wieder setzt Charlie Watts, der Schlagzeuger und Perkussion-Spieler der Rolling Stones, mit seinem vertrackten Ryhthmus ein, Mick Jagger geht ganz nah mit seinen aufgeworfenen Lippen ans Mikrophon heran und kommt sogleich zur Sache: „Erlauben Sie mir, mich selbst vorzustellen, ich bin ein Mann des Reichtums und des Geschmacks, schön, Sie kennenzulernen, ich nehme an, Sie kennen meinen Namen“, und Keith Richards läßt die passenden, schneidenden Gitarren-Riffs dazu ertönen – dann aber ein kleiner Fehler, und der nächste Take des Songs beginnt. Ob das eine der Strafen der Hölle ist – den Anfag eines Songs wie „Sympathy For The Devil“ auf ewig vorgespielt zu bekommen, ohne ihn jemals bis zum Ende hören zu dürfen?

5) MUSIK: CD The Rolling Stones, Beggars Banquet, Track 1, 6:14
The Rolling Stones: Sympathy For The Devil (Jagger-Richards) LC 0171, 844 471-2

6) Der Teufel tritt bei den Rolling Stones in vielfacher Verkleidung auf, als Mann unter dem Kreuz Jesu, als einer im Mob der Zarenmörder und als Panzergeneral im Zweiten Weltkrieg. Doch auch im Leben und auf den Touren der Rockband meinten manche den Einfluß des Teufels zu spüren. Ein Jahr nach Woodstock, wo der ewige Sommer der Rockmusik ausgerufen wurde, kam es im kalifornischen Altamont zu Szenen, die Hieronymus Bosch bei seinen Höllengemälden hätten inspirieren können. Direkt vor der Bühne hatten sich Hells Angels, in schwarzes Leder gekleidete Höllenengel, aufgebaut, deren Brutalität viele Fans zu spüren bekamen, ein junger Schwarzer wurde gar von einem der Höllenboten erstochen. Waren die Rolling Stones mit ihrer „Sympathy For The Devil“ zu weit gegangen? Oder traten sie gar im Auftrag des Bösen auf? Immerhin hatten sie sich bereits 1968 auf dem Album „Their Satanic Majesties Request“ auf einem 3D Photo als Fürsten der Düsternis abbilden lassen.
Eine ganz andere, viel einfachere Haltung auf die Herausforderung des Teufels nahm die Charlie Daniels Band ein. Sie verfuhren mit dem Teufel in „The Devil Went Down To Georgia“ in absolut amerikanisch-pragmatischer Art. Also los, beweise mir, daß du besser Geige spielen kannst. Doch der Teufel versagt kläglich, wer kann sich schon an den Künsten eines jungen Fiddlers aus den Appalachen messen? Der Teufel bestimmt nicht, seine goldene Geige wird er dem braven Johnny geben müssen.

7) MUSIK: CD Rock Times, Track 14, 3:35
The Charlie Daniels Band: The Devil Went Down To Georgia (Daniels-Edwards-Marshall-Hayward-Crain-DiGregorio)DD 29053, CD 27000336

8) Bleiben wir in den USA, aber gehen wir ein Stück weiter in den Norden, in einen der Neuenglandstaaten. Hier, aus New Hampshire stammt Daniel Webster, einer der großen Politiker und Redner des 19. Jahrhunderts. Stephen Vincent Benét schrieb eine Kurzgeschichte, „The Devil And Daniel Webster“, in der im burlesken Volksidiom geschildert wird, wie Webster mit seiner Redekunst eines Nachts selbst dem Teufel eine Seele entreißen konnte. Zum Schluß droht er dem gar nicht mehr so fein und elegant aussehenden Teufel gar noch Prügel an, wenn er es je wieder wagen sollte, sich in New Hampshire blicken zu lassen. Auf dieser Vorlage beruhte der Film „All That Money Can Buy“, der 1941 in die Kinos kam. Bernard Herrmann schrieb die Musik dazu – und erhielt dafür einen Oscar verliehen. Herrmann war später einer der erfolgreichsten Hollywood-Komponisten , von ihm stammte die Musik von über einem halben Dutzend Hitchcock Filmen, etwa „The Man Who Knew Too Much“, „Vertigo“, „North by Northwest“ und „Psycho“ – nur einen weiteren Oskar konnte er nicht mehr erringen – in Hollywood schien der Einfluß des rachsüchtigen Teufels einfach größer zu sein als in New Hampshire.

9) MUSIK: Cinema Classics, 1, Track 14, einblenden bei 2:20
New Zealand Symphony Orchestra: The Devil And Daniel Webster Suite
(B. Herrmann) LC 6644, 3-7604-2

10) Was dem Farmersohn Johnny aus Georgia und Daniel Webster in Hampshire recht ist, kann dem tschechischen Bauernmädchen Käthe nur billig sein, auch sie schlägt dem Teufel ein Schnippchen. Die „Teufelskäthe“ aus der gleichnamigen Oper von Anton Dvorak hat, gerade so wie ihre literarische Ahnherrin bei William Shakespeare, Haare auf den Zähnen. Das Libretto des Prager Lehrers Adolf Wenig basiert dabei vor allem auf tschechischen Märchenmotiven: Da keiner der Bauernburschen mit der widerspenstigen Käthe tanzen will, ruft sie voll Wut den Teufel Marbue als Tänzer herbei. Dieser tanzt geradewegs in die Hölle mit ihr, doch er und seine Mitteufel werden ihres Lebens mit der kratzbürstigen Käthe nicht froh. So fällt es dem Schäferjungen Jirka, der Käthe heimlich gefolgt war, nicht schwer, sie aus den Klauen der arg gebeutelten Teufel zu befreien. Am 23. November 1899 wurde die Oper in Prag mit großem Erfolg uraufgeführt.
Hier bei uns spielt das Orchester des National Theaters Prag den „Teufelstanz“ aus Dvoraks Oper „Die Teufelskäthe“.

11) MUSIK: CD Die Teufelskäthe, CD 2, Track 5, 4:40 (ausblenden)
Orchester des National Theaters Prag: Teufelstanz (Dvorak) CACD 500018

11) Wir wenden uns nun heimatlichen Gefilden zu, ohne dabei jedoch dem Wirken des Teufels entgehen zu können. „Faust“ steht als nächstes auf unserem Programm, und wer von Faust spricht, darf von seinem Versucher Mephisto nicht schweigen. Die klassische Form der Faust-Tragödie wurde von Johann Wolfgang von Goethe geschaffen, die Rolle des Mephisto wiederum wurde von Gustav Gründgens in unnachahmlicher Weise gespielt. Wie kein anderer Schauspieler war Gründgens dafür geeignet, sein Mephisto ist gemein, berechnend und raffiniert, doch gibt er der Rolle noch einen Gran des „armen Teufels“ hinzu, erst diese Mischung macht ihn für Faust unwiderstehlich.
Der Schauspieler und sein Handel mit dem Bösen – der Böse verschafft dem Künstler seinen Auftritt und der Künstler verhilft dem Bösen zur Akzeptanz der Bürger, dies ist das Thema von Klaus Manns Roman „Mephisto“, wofür er sich der Person des früheren Freundes Gründgens als Vorbild bediente. Auch bei uns ist das mephistophelische Element des Gustav Gründgens vertreten. Das Lied vom Floh, von Mephisto in Auerbachs Keller den zechenden Kumpanen vorgetragen. Ein „Mephisto Lied“ aus dem „Faust“, Musik von Mark Lothar, der auch am Cembalo sitzt, es singt: Gustav Gründgens.

12) MUSIK: LP Gustav Gründgens, Seite A, Track 2, 2:27
Gustav Gründgens: Mephisto Lied (Goethe – Lothar) Electrola Wort, E 50575

13) Franz Liszt hat sich gleich zweimal mit dem Faust-Stoff beschäftigt, 1854 komponierte er eine Faust Symphonie, nach Goethe, und vier Jahre später begann er sich erneut mit dem Faust auseinanderzusetzen. Diesmal bezog sich Liszt ausdrücklich auf das gleichnamige Drama des Nikolaus Niembsch, Edler von Strehlenau, in die Literaturgeschichte eingegangen als Nikolaus Lenau. Lenau wiederum hatte sein Faust-Drama, erschienen 1835, bewußt als Gegenstück zu Goethes Faust konzipiert. So schrieb Lenau selbsbewußt: „Faust ist zwar von Goethe geschrieben, aber dehalb kein Monopol Goethes, von dem jeder andre ausgeschlossen wäre. Dieser Faust ist Gemeingut der Menschheit.“
Soweit Lenau, Liszt wiederum bezog sich für seinen „Mephisto Walzer“, der ursprünglich „Tanz im Dorfgasthaus“ hieß, auf eine Szene zu Beginn des Lenauschen Dramas: Mephisto, verkleidet als Jäger, trifft in Begleitung Fausts in einer Dorfschenke auf eine lustige Hochzeitsgesellschaft. Faust ist sofort eingenommen von einer schwarzäugigen Schönen und der Teufel verhilft ihm und den anderen Gästen zu einem recht wollüstigen Tanz, bei dem sich die Paare zum Schluß im Waldesdunkel verlieren. Durch die offene Tür hört man nur noch das Schlagen der Nachtigall. Wir stellen direkt gegenüber: Lenaus Text und Liszts Tonmalerei.

14) WORTBAND TAKE EINS: Lenau: Faust

15) MUSIK: CD Mephisto & Co., Track 1, ab 7:35, bis Ende, 11:14
Eiji Oue: Mephisto Waltz (Liszt) RR 82 CD

16) Wie kaum ein zweites Musik-Genre akzeptiert der Blues die Gegenwart des Teufels im Hier und Heute. Und wie kein anderer Blues-Musiker hat der legendäre Gitarrist, Sänger und Komponist Robert Johnson dem Leibhaftigen in seinem Leben und in seiner Musik einen großen Platz eingeräumt.
Robert Johnson gilt als einer der Begründer des Mississippi Delta Blues, er nahm, Mitte der 30er Jahre, nur rund zwei Dutzend Songs auf, die allerdings heute allgemein als Klassiker der Gattung Country Blues anerkannt sind. Johnson starb, noch nicht einmal 30 Jahre alt, einen gewalttätigen Tod, die Umstände sind Teil seines Mythos. Wurde er von einem eifersüchtigen Mann erstochen, weil er dessen Frau beim Spielen Avancen machte? Andere Quellen behaupten, eine frühere Geliebte, die an der Bar bediente, habe ihn vergiftet, und die letzten Stunden seines Lebens sei er auf allen vieren über die Tanzfläche gekrochen, mit Schaum vor dem Mund, und er habe geheult wie ein Höllenhund. So hieß einer seiner Songs: Hellhound On My Trail. Ein Höllenhund ist auf meiner Spur. Wir spielen einen zweiten abgründigen Song: „Me And The Devil“. Johnson singt das Lied mit einer Stimme, der man die Verzweiflung und die Ausweglosigkeit der eigenen Misere sofort abnimmt, und er begleitet sich selbst auf der Gitarre mit Tönen, die dem tiefen Gefühl einer unaussprechlichen Angst musikalische Form verleiht.

17) MUSIK: CD Robert Johnson, CD 2, Track 12, 2:37
Robert Johnson: Me And The Devil (Johnson) CBS 467246-2

18) Robert Johnson: Me And The Devil, und der Song beginnt so: Heute morgen, ganz früh, als du an meiner Tür klopftest, es war heute morgen, ganz früh, als du an meiner Tür klopftest, und ich sagte: Hallo, Satan, ja, ich glaube, es ist Zeit zu gehen.“

Womit wir schon fast am Ende wären, aber zuvor müssen wir noch einen ganz anderen Herausforderer des Himmels und der Hölle auftreten lassen, der in der Musikgeschichte Europas einen unübertroffenen Rang einnimmt: Don Giovanni. Als in Mozarts Oper Giovannis Diener Leporello den steinernen Gast erblickt, von seinem Herrn keck zum Mahl geladen, stößt er einen „höllischen“ Schrei des Schreckens aus, doch wenn der Komtur Don Giovanni fragt: Kommst du zum Essen?, antwortet dieser: Einen Feigling wird man mich nie nennen. Und auch das Angebot zur Reue im letzten Augenblick wischt Don Giovanni zur Seite: Nein, alberner Alter, ich bereue nicht. Die Erde tut sich auf, Don Giovanni wird von den Flammen umschlossen und erst jetzt – zu spät – wird er sich seiner Verdammnis bewußt: „Welch Elend, weh, welche Raserei! Welche Hölle! Welche Schrecken!“
Herbert von Karajan dirigiert die Berliner Philarmoniker, den Part des Don Giovanni singt Samuel Ramey.

19) MUSIK: CD: Don Giovanni, CD 3, Track 15, ab: 3:20 bis Ende, insgesamt 7:59
Herbert von Karajan: Don Giovanni (Mozart-DaPonto) LC 0173, 419 179-2

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