Der Mann mit der goldenen Trompete

Manuskript: Maximilian Preisler
Tagung „Jazz in der DDR- Jazz in Osteuropa“

07.- 09. Oktober 2005
Das Leben des Jazzmusikers, Dirigenten und Komponisten Eddie Rosner

MUSIK:
Eddie Rosner: St. Louis Blues, ca 1:30
CD 2, Track 1

W.C. Handy schrieb ihn, den „St. Louis Blues“, erstaunlich sind bei diesem Standard, oft und gerne aufgenommen, der überraschende Scatgesang und die Entstehungsdaten: Es war der 25. 09. 1944, der Ort: Moskau. Gespielt wurde der St. Louis Blues vom Jazz. Orchester Belorus, unter der Leitung von Eddie Rosner. Wer war dieser Mann, der Trompeter und Bandleader Rosner? Ich möchte eine biographische Skizze zeichnen und Rosner selbst soll mit einem Zitat den ersten Mosaikstein liefern.

ZITAT
Ich, Adolf Rosner, geboren am 6. 5. 1910 in Berlin, Georgenkirchstrasse 5 in der Familie: Vater Isaak Rosner, Kaufmann, Mutter Rosa Rosner, geb. Lampel, Hausfrau. Ich hatte vier Schwestern und einen Bruder.

Mit diesen Worten beginnt ein nicht datierter, unvollständiger, mit der Schreibmaschine verfasster Lebenslauf von Adolf Rosner, der später seinen Vornamen änderte. Man kann es gut verstehen, dass er als Jude, als Jazz Musiker, in Deutschland also als doppelt Verfolgter, keinen großen Wert mehr auf diesen Vornamen legte. Er nannte sich nun Ady oder Eddie Rosner, wobei die Schreibweise differieren konnte. Ich selbst werde den beiden in Berlin, bzw. Frankfurt am Main lebenden Töchtern Rosners folgen und den erfolgreichen Musiker ebenfalls Eddie Rosner nennen. Valentina Vladimirskaya-Rosner, zum Beispiel erinnert sich so an das Kennenlernen des (Stief-) Vaters:

“Ich war damals zwölf Jahre alt. Und seitdem waren wir, wie man so sagt, unzertrennlich. Wir waren immer zusammen.”

Eddie Rosner hatte 1956 ihre Mutter geheiratet. Ihr Vater, der für die zentrale staatliche Künstleragentur Mos-Konzert der Udssr arbeitete, war kurz zuvor gestorben. Halina, die Mutter, eine klassische Ballett-Tänzerin, trat zusammen mit dem Orchester von Eddie Rosner auf. Valentina Vladimirskaja-Rosner lebt heute in Berlin. Als ich zum ersten Mal ihre Wohnung betrat und sie mich bat, im Wohnzimmer Platz zu nehmen, fielen mir zwei Sachen sofort auf. Ãœber der Kommode hing ein großes Photo, das eine ausnehmend schöne Frau zeigte. Ich brauchte nicht zu fragen, es war ohne weiteres klar, daß es ein Porträt der Mutter war. Die zweite Sache, die mir auffiel: Valentina Vladimirskaya-Rosner mußte ein Vorliebe für Elvis Presley haben, da lagen Bücher über Elvis auf einem Bücherbord, ein großformatiger Bildband über ihn lag in Griffweite, ein Photo des späten Elvis, im weißen Jump-Suit hatte ich bereits im Flur beim Hereinkommen gesehen. Es schien mir nicht so recht zu Eddie Rosner zu passen, zumal Valentina Vladimirkaya-Rosner das Andenken des Vaters hochhält und sich immer noch begeistert, wenn sie seine Trompete hört. Doch, es geht zusammen, sagte sie mit fester Stimme. Und: sie kannte sich aus, sie war den Spuren des King of Rock’n’Roll in den USA gefolgt. Doch zurück zum Jazz-Trompeter Rosner. Mein Ausgangspunkt war Rosner Vorname. Dazu Vladimirskaya-Rosner:

“Ich habe ihn zuerst Eddie genannt, also Eddie Ignatzevitch, weil bei uns in Russland die Höflichkeit eine große Rolle spielt, ich habe Eddie und “Sie” gesagt. Später dann, da war ich bereits 15 oder 16, da habe ich dann Papa zu ihm gesagt.”

Und gleich noch ein Zitat von Vladimirskaya-Rosner, die im Gespräch immer wieder betont, wie sehr sie Mutter und Stiefvater geliebt und verehrt hat:

Zitat:” Ich habe immer mit meinen Eltern zusammen gewohnt, und habe sie schon als Kind auf Tourneen begleitet. Später, als Erwachsene ebenfalls. Es war eine schöne Zeit, eine aufregende Zeit. Ich habe meinem Vater – Eddie Rosner – auch assistiert, ihm Tee bereitet, oder was er auch immer wollte. Ich habe sehr schöne Erinnerungen an diese Zeit.”

Nähern wir uns also dem Jazz Musiker über seine Töchter, und deshalb soll auch gleich die jüngere Tochter Irina kurz vorgestell werden. Sie ist also eine Stiefschwester von Valentina Vladimirskaja-Rosner und sie lebt und arbeitet heute – als Psychotherapeutin – in Frankfurt am Main. Einige Daten: Als Irina Prokofieva-Rosner geboren wurde, war der Vater noch im Gulag. Eddie Rosner wurde im Juli 1954 amnestiert, Irina war noch ein kleines Kind, sie war damals 11 Monate alt. Ihre Mutter war zwei Tage vor der Geburt der Tochter aus der Haft entlassen worden. Das war im August 1953.

Irina Prokoviefa-Rosner kann viele Details aus dem Leben des Vaters erzählen, auch aus der Zeit vor ihrer Geburt. Sie hat später viel von seinem damaligen Schicksal erfahren, vor allem natürlich von Irina, der Mutter und von ihrem Vater selbst. Eine dritte Tochter, Erika, lebt abwechselnd in Florida und in New York.

Aber jetzt soll erst einmal wieder Eddie Rosner selbst das Wort erhalten. Aus dem bereits zitierten Lebenslauf läßt sich ablesen, daß Rosner trotz aller Schicksalsschläge wußte, welch einzigartiger Weg hinter ihm lag. Ein verhaltener Stolz ist zu spüren in den dürren Sätzen, mit denen seine ersten Schritte beschrieben werden: Bereits ab 1916 hat Rosner, neben seiner Schulausbidlung, umfangreichen Musikunterricht erhalten und er wurde als 6-jähriges Wunderkind in das Stern’sche Konservatorium aufgenommen, das er als Violinvirtuose beendete. Bereits mit 17 Jahren konnte er sich völlig zu Recht Komponist und Dirigent nennen. Wir sprechen dabei über klassische Musik. Gleichzeitig begann Rosner, um Geld zu verdienen, als Geiger in einer Bar „Majakowski“ in der Meinekestraße zu arbeiten. Er spielte dann in vielen Lokalen Berlins und war in der Kapelle „Rosé Petösy“ engagiert. 1928/29 bekam er, nach eigenen Erinnerungen, ein Engagement bei den damals berühmten „Weintraub’s Syncopators”. Die Weintraubs, ihre Musik, ihre Bühnenshow, sie waren bestimmend für Rosners weitere musikalische Karriere – hier ein kurzer Ausschnitt aus einem ihrer Songs, bei dem auch Rosner mitspielte. Er hatte zuvor schon bei den Weintraubs mitgewirkt, war durch den Trompetenspieler Olewski ersetzt worden und spielte nun erneut, bis 1934, mit Stefan Weintraub und den anderen. Seine Stelle nahm danach Manny Fischer ein. „Ich kauf’ mir ‚ne Rakete“, aufgenommen im November 1932 in Berlin. Musik: Paul Abraham, Text Robert Gilbert und Armin L. Robinson. (Ein Hinweis in Klammern auf Robert Gilbert: Texter von „leichter“ Musik, „Was kann der Sigismund dafür, dass er so schön ist, und von politischen Songs, dem „Stempellied“, das Ernst Busch bekannt machte, Schriftsteller, Komponist, später, nach der Rückkehr aus der amerikanischen Emigration, er lebte dann in der Schweiz, Ãœbersetzer, z. B. My Fair Lady, (1899-.1978) Gilbert ist seit 1917 ein Berliner Jugendfreund von Heinrich Blücher. Blücher, Ehemann von Hannah Arendt und Partner in der Emigration, von Berlin, bzw. Freiburg/Marburg über Paris nach New York, brachte Gilbert „mit“ in die neue Beziehung. Eine schöne Textstelle aus einem Brief von Blücher aus dem Jahre 1936 an Arendt zeigt die gemeinsame Nähe: „„Es sind drei Sessel im Zimmer. Wenn du wieder den nehmen willst, auf dem Du das letzte Mal neben mir gesessen hast, so kann Robert den anderen nehmen .“ Obgleich Rosner nur auf wenigen Schallplatten der Weintraubs zu hören ist, gebraucht er in seinem Lebenslauf die “Wir” Form, wenn er von der berühmten Showband spricht. Die Besetzungsangabe lautet übrigens so: Adi „Jack“ Rosner, Trompete und Violine

Zitat Rosner:
Wir, die Weintraub’s, blieben bis Ende 1933 in Deutschland, hatten aber bereits nach dem Reichstagsbrand unter der Judenverfolgung zu leiden.

MUSIK
Weintraub Syncopators: Ich kauf mir ne Rakete
CD 1, Track 6

Rosner sprach allgemein von der Judenverfolgung nach dem Reichstagsbrand. Doch im „Lebenslauf“ wird Rosner ganz konkret: Von der Hitlerjugend wurden mir die Rippen und die rechte Kniescheibe gebrochen und vier Zähne ausgeschlagen. Außerdem wurde meine Lunge schwer beschädigt, so dass ich an den Folgen bis zum heutigen Tag leide. Ich musste dann also mit den Weintraubs zusammen aus Deutschland flüchten. Ich blieb bis 1935 bei den Weintraub’s und bekam zum Glück endlich ein Engagement nach Polen, Warschau, um die Musik zu einem Film zu schreiben.
Die zeitliche Reihenfolge ist dabei aber nicht ganz eindeutig. Einerseits beharrt Rosner darauf, daß er bis 1935 bei den Weintraub Syncopaters bliebt, andererseits scheint gesichert zu sein, daß der Trompeter, das ist nun sein Instrument, 1934/35 in Holland engagiert war, bei einem Orchester namens Devries International. Und wenn Rosner sagt, er habe schließlich “zum Glück” ein Engagement anch Polen erhalten, so hat sein Cousin Lothar Lampel diesem Glück etwas nachgeholfen. Lampel, Lothar Lampel, auch Lionel Lampel, der ab und an in Rosners Orchester den Gesangspart übernahm, und der schon lange Kontakte zur Musikszene in Polen hatte, scheint den Cousin überzeugt zu haben, vor den Nazis ins Land der Eltern zu fliehen. In Paris war Rosner in Begleitung von Lampel, dessen Gesangsstil eindeutig an den frühen amerikanischen Swing Sängern, etwa an Bing Crosby oder an , angelehnt war. Auf durchaus hohem Niveau angelehnt.

MUSIK
Adi Rosner And His Orchestra: (You’ve Got To ) Take Your Pick And Swing, 1:30
CD Unerwünschte Musik, Track 21

“(You´ve Got To) Take Your Pick And Swing, ein Titel, der von der Reichsmusikprüfstelle mit dem Verdikt “unerwünscht” belegt wurde. Unerwünscht war die Inverlagnahme, der Vertrieb und die Aufführung.
Es gibt also zum einen Hinweise auf vielfältige westeuropäische Musik-Gigs in diesen Jahren vor dem Krieg, andererseits hat Rosner versucht in diesen Jahren in Warschau ein Orchester zusammenzustellen, mit Musikern aus Polen. Rosner, der, natürlich, einen deutschen Pass hatte, konnte übrigens problemlos die Grenzen überschreiten. Doch die Schlinge zog sich langsam fest um seinen Hals. Die Nazis, denen er zu entkommen trachtete, schienen ihn einzuholen. 1938 wurde er ausgebürgert, sein Status war nun also äußerst prekär. Den deutschen Pass konnte er nicht mehr benutzen, Noch schlimmer allerdings war die Lage ein Jahr später geworden. Am 01. September 1939 überfielen die deutschen Truppen Polen. Nun blieb kaum noch Raum zu manövrieren. In den dürren Worten des Antrags, den Rosner 1975 stellte, beim Ausgleichsamt im Berliner Bezirk Kreuzberg, hörte sich die dramatischen Situation so an:

Wegen der Verwendung eines Reichsbürgerpasses befragt, erkläre ich, dass ich bis etwa 1938 unbeschränkt im Ausland ein- und ausreisen konnte, um meinen Engagements nachzugehen. Erst im Jahre 1938 erhielt ich in Warschau erstmalig Schwierigkeiten wegen meines Passes, so dass ich mit Hilfe unterstützender Personen eine Erlaubnis für den Aufenthalt und für den Auftritt in Polen erhielt. Genötigt war ich dazu, weil ich ja mit meiner jüdischen Abstammung nach meiner Heimatstadt Berlin nicht zurückgehen konnte und zu diesem Zeitpunkt mein Vater die Ausreise nach Brasilien von der Deutschen Behörde bereits erwirkt hatte. Da ich zu diesem Zeitpunkt auch keine Geschwister mehr auf deutschem Boden hatte, blieb mir unter Berücksichtigung dieser Umstände keine andere Wahl als in Warschau zu bleiben.

Mit besonderen Aufmerksamkeit schaut man dabei auf den einen Satz, der das bürokratisch-trockene Deutsch des Antrags durchbricht: „Weil ich mit meiner jüdischen Abstammung nach meiner Heimatstadt Berlin nicht zurückgehen konnte.“ In nuce wird die erzwungene Unbehaustheit und die Sehnsucht nach einer Behaustheit zusammengefasst.

Wenn von den Jahren 1938 und 1939 die Rede ist, dann wird mitunter eine Tanz-Bar in Krakau erwähnt, „Chez Ady“, die Rosner geleitet habe, doch die Aussagen sind widersprüchlich. Eine Bar gleichen Namens wird auch nach Lodz verlegt. Von den anderen polnischen Auftrittsorten ist noch der Nacht-Club „Gold & Peterburski’s“ zu erwähnen, denn Artur Gold und Jerzy Peterburski leiteten selbst ein Orchester.
Was jedoch sicher ist: es gab 1938 Aufnahmen des Trompeters für die Plattenfirma Columbia in Paris. Schlusspunkt einer Tournee, die ihn über die Tschechoslowakei und die Schweiz nach Frankreich führte. Im Frühjahr trat er in Paris im ABC Theater auf. Mit auf den Plakaten standen Maurice Chevalier und Lucienne Boyer.
Duke Ellingtons „Caravan“ nahm Rosner mehrmals auf, auch eine Fassung mit dem Orchester der bjelorussischen Sowjetrepublik existiert, in dem Variete-Teile eingefügt sind, so trotteten zwei als Kamele verkleidete Musiker über die Bühne. Diese Version hier wurde von der Firma Columbia in Paris, im Jahr 1937 aufgenommen. Bei den gleichen Sessions spielte man auch „Bei mir bist du schön“ und „When Boudha Smiles“ ein.

MUSIK:
Eddie Rosner: Caravan, 1:30
CD 1, Track 10

In Warschau galt Eddie Rosner im übrigen in dieser Zeit als „König des polnischen Jazz“, so lautete die Überschrift eines Musik Magazins aus dem Jahre 1937, und dort, in Warschau, lernte er Ruth Kaminska, geboren 1920, kennen und lieben, die junge Tochter von Ida Kaminska, der berühmten Schauspielerin und Gründerin des jiddischen Staatstheaters in Warschau. Ida Kaminska wird später, in der Mitte der 60er Jahre, als sie bereits mit ihrem Mann und ihrer Tochter Ruth in den USA lebte, eine Oscar-Nominierung als beste Schauspielerin für einen Holocaust-Film erhalten, 1967, für „Shop On Main Street“, und auch Tochter Ruth wird in Amerika Theater spielen. Aber jetzt, im September 1939, musste die Familie schleunigst vor den anrückenden deutschen Truppen in Sicherheit gebracht werden. In ihrem Erinnerungsbuch „Mink Coats & Barbed Wire“, „Nerzmäntel und Stacheldraht“, so die deutsche Übersetzung des Titels, der allerdings, so weit ich das sehe, nicht auf Deutsch vorliegt, allerdings, das verwirrt die Sachlage etwas, auch unter dem Titel „I Don’t Want to Be Brave Anymore“ bekannt ist, erzählt Ruth Turkow Kaminska von den Anstrengungen und Gefahren des Weges, den die Familie und Freunde gemeinsam einschlugen. Er führte von Warschau über Bialystok, früher eine polnische Stadt, nun, im Herbst 1939, ein Grenzstadt zwischen den beiden Besatzungsmächten UdSSR und Deutschland, nach Lwow, Lemberg.
Zitat Ruth Turkow Kaminska:
Lemberg war überfüllt mit Flüchtlingen, und auf der Straße traf man alte Freunde aus den unterschiedlichsten Orten. Man umarmte sich, man küsste sich, man stellte aufgeregte Fragen und tauschte Informationen aus. „Hast Du gehört, der So-und-so aus Krakau ist hier, aber er weiß nicht, was mit seiner Frau geschehen ist.“ Die Zahl der Neuankömmlinge überstieg die Zahl der ursprünglichen Einwohner. Die reicheren von ihnen waren zudem in anderen Orten untergekommen, wo sie, so hofften sie wenigstens, den Russen nicht so auffallen würden.

Obgleich es später, nach der Haftentlassung Rosners, zu einer schmerzhaften Trennung kommen sollte, widmet Ruth Turkow Kaminska ihre 1978 erschienene Erinnerung Eddie Rosner. To the memory of Adi Rosner – virtuoso trumpet player and gifted composer, a superb musician, a magnificent showman, and the father of my daughter.

Die Familie Rosner hatte Glück im Unglück. Es ist schwer vorstellbar, doch das Glück kam in Gestalt eines Parteibonzen, Genosse Ponomarenko, der ein Sammler von Jazzplatten war und dessen große Sorge dem Aufbau eines Jazz Orchesters galt. Wir schreiben das Jahr 1939/1940, das muß noch einmal wiederholt werden. In den Erinnerungen von Ruth – die sich allerdings auch vor allem auf nachträgliche Berichte stützen, wird die Ãœberraschung deutlich, mit der die Familie den doppelten Glücksfall aufnahm.

Ende Dezember erhielt meine Mutter vom Ukrainischen Kulturkommissar die Einladung in Lemberg ein Jiddisches Theater zu organisieren. Ein Musiker, den Adi kannte, kam aus Bialystok und hatte ein verführerisches Angebot. Der Weißrussische Volkskommissar für Kultur hatte genügend Geld, um ein großes Jazz Orchester aufzubauen. Das einzige, das ihm fehlte, war ein Bandleader mit Adis Talent. Ich bekam die Möglichkeit offeriert, Sängerin der Band zu werden. Wir würden sogar eine passende Unterkunft erhalten. Natürlich nahmen wir an und die ganze Familie hieß das neue Jahr 1940 in Lemberg willkommen – wir versuchten, froh zu sein wie früher. Aber es gelang uns nicht sehr gut.

Wie bereits im Jahre 1939 überholte, oder überrollte allerdings schon 1941 die Weltpolitik die deutsch-polnisch-jüdische Familie. Im Juni dieses Jahres griff die Deutsche Wehrmacht die Sowjetunion an, und wie alle Deutschen im Lande wurde Rosner von der Front weggebracht. Stalins paranoide Angst vor einer deutschen fünften Kolonne machte auch nicht Halt vor Menschen, die Nazi-Gegner waren, die Opfer der Deutschen waren, die erst durch ihre Flucht vor den Nazis ins gelobte Land des Kommunismus gekommen waren. Ãœber ein Jahr lang blieb Rosner in Omst – immerhin als Leiter des größten dortigen Orchesters für leichte Musik.
Zurückgekehrt nach Moskau begann die Zeit der ausgedehnten Tourneen. Bis zum Ende des Krieges waren das Orchester und sein Dirigent ständig im Einsatz. Die Sowjetunion wurde kreuz und quer durchfahren, aber besonders wichtig waren die Konzerte direkt hinter der Front. Den Soldaten sollte etwas Abwechslung gegönnt werden, bevor sie wieder antreten mussten. Für diese Auftritte haben Eddie Rosner und die Mitglieder des Orchesters von den sowjetischen Behörden Tapferkeitsmedaillen bekommen.

In dieser Zeit konnte Eddie Rosner das spielen, was er wollte. Und was die Besucher seiner Konzerte wollten. Dies waren die Jahre, in der sich zahlreiche Legenden um den überaus beliebten Bandleader des ersten weißrussischen Jazz Orchesters zu ranken begannen. Eine handelte davon, dass seine Trompete, die einen solch wunderbar klaren Ton hatte, ganz aus Gold gefertigt sei. Eine zweite Anekdote wusste von früheren „Wettkämpfen“ Rosners mit Louis Armstrong, in Rom, in Belgien oder anderswo, von einem Austausch von Photos. Auf dem einen war Rosner abgebildet und Satchmo hatte dazu geschrieben: Für Eddie Rosner, den weißen Louis Armstrong. Um zu erklären, woher er sein Wissen um den Swing hat, wurde behauptet, Rosner habe einige Jahre lang in den USA gelebt und musiziert. Und in einer weiteren, oft zitierten Geschichte, die einen hohen Wahrscheinlichkeitsgrad besitzt, tritt die Band in einem anscheinend leeren Theater auf. Auch der amerikanische Autor Frederick Starr, der mit „Jazz in Russland 1917 – 1990“ ein Standardwerk veröffentlichte, hat davon gehört.

Wahrscheinlich durch Pantaleimon Ponomarenkos Vermittlung wurde Rosner zu einem Konzert für den „Boß“ im Frühjahr 1941 gebeten. Dieses fand im Kurort Sotschi am Schwarzen Meer statt. Die überall präsente Geheimpolizei, das dauernde Überprüfen der Ausweise, die Atmosphäre äußerster Spannung – all das erinnert an den Silvesterauftritt des Staatlichen Jazzorchesters vor Stalin im Jahr 1938. als der Vorhang schließlich hochging, starrten die Musiker in ein scheinbar leeres Theater. Zwei Stunden lang spielte die Band ihre besten Nummern, die sie mit satirischen Sketchen, Liedern und Späßen auflockerten. Nach dem Finale fiel der Vorhang in die Stille einer fast surrealen Atmosphäre. Um sechs Uhr am nächsten Morgen rief ein apparatschik des Kremls Rosners Manager an und informierte ihn, dass Stalin der Auftritt gefallen habe.

1945, als der Sieg über das faschistische Deutschland besiegelt war, erhielt Rosner den Auftrag für die Gestaltung eines feierlichen Programms, das dann in Leningrad, in der Eremitage stattfinden sollte. Der Titel der Veranstaltung: „Endlich feiern wir“. Das Programm fand viel Zuspruch, doch die Stimmung im Land kippte plötzlich. Etwa ab 1946 konnte man dies spüren. Es hing wohl vor allem – wieder einmal – mit der politischen Großwetterlage zusammen, dass Eddie Rosner sich seines Lebens schon bald nicht mehr freuen konnte, dass ihm sogar seine düstersten Jahre unmittelbar bevorstanden. Der Kalte Krieg begann, die Alliierten waren keine Verbündeten mehr, in den USA machte ein Abgeordneter aus Kalifornien von sich reden, der überall Kommunisten witterte. Sein Name: Richard Nixon. Nur wenig später übernahm Joseph McCarthy, er unwürdige Senator aus Wisconsin aus das Ruder im Ausschuss für un-amerikanische Umtriebe und nun drohte selbst jenen, die irgendwann einmal ein Wohltätigkeitskonzert für die spanischen Republik besucht hatten, oder wer sich zu Unterschriften für den Land and Lease Vertrag hatte hinreißen lassen, ein – zum Glück nicht immer konsequent durchgesetztes Berufsverbot. In der UdSSR nahm in dieser Zeit die Fremdenfeindlichkeit zu, und alles, was fremd war, was nicht russisch oder volksrussisch klang, wurde dann peu a peu zunichte gemacht. Und so erschien dann 1946 in einer der größten Zeitungen in Russland, der Iswestja, ein Bericht über Rosner. Der Artikel, von einer Musikkritikerin geschrieben, zeigte, daß die Zeit der Duldung des Jazz zu Ende ging.

Zitat: Die Vulgarität auf der Bühne, das Säuseln vor dem Westen, billiges Nachahmen des drittklassigen Trompeters aus dem Kabarett. Das Lustigste im Programm war die Glatze des Moderators.

Rosner war entrüstet und gleichzeitig ratlos. An seinem Programm nämlich hatte er nichts geändert. Zu vermuten steht allerdings, dass Rosners jüdische Herkunft eine wichtige Rolle spielte, bei der wachsenden Ablehnung seiner „kosmopolitischen Musik“.
Durch die Behörden.
Nach Kriegsende wurden viele der in die Sowjetunion geflüchteten Polen repatriiert. Auch Eddie Rosner wollte die Grenze nach Polen überschreiten, denn er fühlte sich – trotz der seiner vielen Auszeichnungen für die Frontbetreuung der sowjetischen Truppen – nicht mehr länger sicher in Moskau. Sein versuchter Grenzübertritt im November des Jahres 1946 misslang jedoch, die Umstände dazu sind nicht einfach zu rekapitulieren. Geld, als Bestechung bezahlt, eine immens hohe Summe, scheint eine tragende Rolle gespielt zu haben. Mit dem Zug war die Familie, Eddie Rosner, seine damalige Frau Ruth und die gemeinsame Tochter Erika, nach Lemberg gekommen. Hier kam es zu dem Unglück, das den weiteren Lebenslauf von Rosner bestimmen sollte.

Es ist nicht völlig klar, wie genau der Verrat erfolgte, Tatsache aber war, daß Rosner, der sich durch bereits übergebene Bestechungsgelder völlig sicher fühlte, am 23. November 1946 von zwei KGB Männern verhaftet wurde. Ruth Kaminska versuchte verzweifelt, seinen Aufenthaltsort herauszufinden, und während sie noch Zigaretten und Kaffee zum örtlichen Gefängnis brachte, um ihrem Mann den Aufenthalt zu erleichtern, war der Gefangene, der Rosner nun war, bereits in das Moskauer Ljubanke Gefängnis gebracht worden. Nach 13 Monaten Haft im Gefängnis wurde er 1947 im Gefängniswagen nach Chabarowsk gebracht. Dies kann nur als schreckliche, farcenhafte Wiederholung begriffen werden, war er doch als Truppenbetreuer jahrelang mit dem Orchester im Zug von Stadt zu Stadt unterwegs gewesen. Rosner hatte gestanden: er sei ein Spion gewesen. Dies die Grundlage für seine Verurteilung nach Paragraph 58, 1 a. Sein Strafmaß: 10 Jahre Lagerhaft.

Millionen Unschuldiger wurden im Gulag ermordet, gingen an Hunger oder Kälte oder gnadenloser Arbeit elend zu Grunde. Eddie Rosner war auf dem Weg in eins dieser furchtbaren Lager – doch auch jetzt zeigte es sich, dass er wieder Glück im Unglück hatte. Der Jazz stellte sich – erneut – als Ãœberlebenshilfe dar.
Als er in Chabarowsk angekommen war, wurde er dem dortigen Kommandanten vorgeführt. Und dieser fragte ihn direkt, ob er nicht hier eine kleine Band organisieren könne. Er kannte ihn wohl von den Auftritten in Omsk her. Es gebe Musiker, es gebe eine Sängerin. Eddie Rosner sagte zu. Und leitete ungefähr 1 1/2 Jahre lang eine kleine Band, die auch gespielt hat, vor allem vor Lageroffizieren. Rosner gelang es einige der früheren Musiker in dieses Lager verlegen zu lassen, einigen anderen Mitgefangenen brachte er bei, was es heißen könnte unter diesen Bedingungen Musik, Jazz Musik?, zu spielen. Instrumente waren rar, viele stellte man in Handarbeit selbst her. Später drang der Ruhm des Gulag-Musikers sogar zu dem “Zar” von ganz Kolimar, einem gewissen Deriwianko. Dieser setzte sich dafür ein, daß Rosner nach Magadan, der “Hauptstadt” des Gulag verlegt wurde.

Eddie Rosner genoss ungeahnte Privilegien, er musste weder Gold waschen, noch Holz Fällen, er hatte einen sauberen Job, wenn er dafür auch nächtelang arbeiten musste. Er schulte Musiker, bearbeitete Musikstücke, er arrangierte und komponierte. „Er hat hart gearbeitet“, sagt seine Tochter Irina mit leiser Stimme im Interview.

Jazz als Überlebenshilfe in dunklen Zeiten. Vor wenigen Tagen erschien in der FAZ die Besprechung eines Erinnerungsbandes, in dem das Schicksal einer Familie beschrieben wird, das in manchem den Erlebnissen Rosners und seiner Familie gleicht. (Masha Gessen: „Esther und Rusja“ – Wie meine Großmütter Hitlers Krieg und Stalins Frieden überlebten. Es gibt sogar eine Möglichkeit, dass sich die Wege der Familien kreuzten, denn eine der beiden Frauen hat die Chance nach Jahren der Verbannung eine Stelle am Jüdischen Theater – nach dem Ende des Krieges – zu erhalten. Die Frage, um die existientielle Frage, um die es dabei immer wieder geht, formuliert die Rezensentin so: Kann man in der Hölle einer Diktatur „anständige“ Kompromisse schließen. Eine Frage, die sich auch Eddie Rosner wohl oft in seiner Zeit im Gulag stellen musste.

Eddie Rosner blieb im Lager, auch noch eine Weile nach dem Tod von Stalin. Er wurde schließlich amnestiert, nicht rehabilitiert, das war im Winter 1953. Auch jetzt hatte er Glück, er mußte sich nicht mit einem – sogenannten – Wolfspaß begnügen, wie ihn etwa die Mutter von Irina Prokoviefa-Rosner erhielt. Die Rosner im Lager kennen gelernt hatte. Mit einem solchen eingeschränkten Pass durfte man sich nicht innerhalb von Zentral-Rußland niederlassen, und man musste weiterhin den Verlust der Bürgerrechte erleiden.
Rosner nächster Weg führte ihn nach Moskau. Er wollte natürlich sofort wieder einen Versuch starten, sich als Musiker zu etablieren.
Und das Ãœberraschende geschah, er wurde tatsächlich wieder gefeiert. Als ob keine acht Jahre verflossen waren, während deren er nicht zu hören gewesen war in der Öffentlichkeit. Anerkennung, ja sogar Enthusiasmus – trotzdem man wusste, dass er aus dem Lager kam. Dies war für Rosner die wahre Rehabilitation. Mit seinem 64 Mann Orchester wurde er erneute einer der populärsten Musiker der Sowjetunion. Der offizielle Name lautete so: Das Estraden Orchester unter der Leitung des verdienten Künstlers der BSSR Eddie Rosner (Big Band)

MUSIK:
Eddie Rosner: Moskauer Swing, aufgenommen 1955.
CD 2, Track 10

Von 1955 bis 1969, das sind also gut 14 Jahre, gab er wieder unzählige Konzerte, er spielte viele Platten ein, er war im Radio zu hören, seine Musik war erneut einflussreich. Er konnte swingen, er spielte “hot”, seine Auftritte im Film wurden legendär. Am beliebtesten aber waren wohl die vielen Live- Auftritte des Orchesters. Alle in strahlendes Weiß gekleidet, der Bandleader mit seiner „goldenen“ Trompete vor der Band stehend, in der ersten Reihe hinter ihm die Bläser, dazu drei Violinisten, noch höher hinter diesen standen zwei Bassisten, zwei Akkordeonspieler und Gitarrist und ganz im Hintergrund, hoch über der Band, saßen zwei Perkussionisten. Ruth Turkow Kaminska erinnert sich dabei an ähnliche Auftritte im Winter 1944, als sie zum ersten Mal mit französischen Songs auf die Bühne gehen konnte – noch war Paris nicht befreit. Nur die erste Strophe wurde auf Französisch gesungen, die folgenden Verse waren ins Russische übersetzt worden. Sie erinnert sich vor allem an ihre Bühnenbekleidung: ein weißes Chiffon Kleid, das leicht rosa schimmerte, dessen Farbe allerdings zum Boden zu immer weiter ins Lavendelblau changierte um schließlich in einem tiefem Purpur zu enden. Wenn sie nun über die Befreier von Paris sang, wechselte das Licht, so dass es am Ende aussah, als stünde sie im Sonnenschein. Das Publikum war begeistert. Oder, wie die Autorin es mit einer Portion Koketterie formuliert: In the mood of the time, it could not miss.

Valentina Vladimirskaja-Rosner kann sich gut an die Zeit nach 1955 erinnern. Auch an die vielen bürokratischen Hindernisse, die der Vater vor jedem Auftritt, vor jeder Schallplattenaufnahme zu überwinden hatte. Er musste seine Musik genehmigen lassen und die Behörden nahmen ihm übel, dass er immer wieder versuchte, ein Ausreisevisum zu bekommen. Rosner sprach inzwischen Russisch, er hatte die Sprache erst im Lager, gezwungenermaßen, gelernt. Nach der Entlassung konnte er Russisch sprechen, schreiben und lesen. Doch mit den vielen Freunden, Musikern der Band, die ebenfalls inzwischen die Freiheit genossen, die immer wieder zu Besuch in die Moskauer Wohnung kamen – sprach er weiterhin Deutsch. Die alten Freunde kamen, viele davon Musikerkollegen, dazu neue Freunde. In Moskau war die Patrice Lumumba Universität eröffnet worden, ausländische Studenten kamen auch zu den Rosners nach Hause. Und auch illustre Gäste wurden bewirtet – eines Tages hatte sich Benny Goodman angemeldet, der in Moskau gastierte und von Eddie Rosner gehört hatte. Man erzählte, man aß zusammen, was es gab? Natürlich traditionell russisches Essen, also Salate, Suppe, natürlich Borschtsch, Gebratenes und Dessert. Dann wurde gemeinsam Musik gemacht. Nein, so weit bekannt, hatte leider niemand ein Tonbandgerät mitlaufen lassen. Dieses Gipfeltreffen blieb nur in der privaten Erinnerung der Beteiligten haften. “Schade”, sagt Frau Vladimirskaya-Rosner, “das war ein sehr freundlicher Mensch. Und schade, wir waren leichtsinnig, niemand dachte daran die Musik aufzunehmen.” Jam Sessions scheinen nicht üblich gewesen zu sein. Valentina Valenskaya- Rosner erinnert sich nur an wenige musikalische Treffen, die dann stattfanden, bevor es auf Tournee ging. Rosner arbeitete vorzugsweise alleine an den Kompositionen, an den Arrangements.
Ein Besuch wie der von Goodman, 1962, war ein Lichtblick, der Alltag sah anders aus. Man schickte Rosner in den Ruhestand, man strich seine Tournee-Pläne, doch das Land durfte er dennoch nicht verlassen. Rosner gab nicht auf, er stand wohl auch auf der Liste der Ausreisewilligen, die der amerikanische Präsident Nixon bei seinem Besuch den russischen Behörden offerierte. Schließlich gelang es wirklich. Rosner erhielt die Genehmigung auszureisen. Nach einem Kurzbesuch in Amerika bezog Rosner eine Wohnung in West-Berlin. Noch einmal Irina Prokoviefa-Rosener zu der damaligen Situation:
Ich denke, er wollte wirklich zurück nach Deutschland, in die Stadt, wo er geboren war, aber er hat nichts vorgefunden, was so wäre, wie früher. Er kam in die Fremde wieder.

Damals, 1973, lernte Lutz Adam, langjähriger Jazz-Redakteur beim Sender RIAS Berlin, den heimgekehrten Rosner kennen. Rosner wollte an die Zeit der frühen 30er anknüpfen und eine Tanz-Bar eröffnen. Der Name “Gamasche” fällt wiederholt in diesem Zusammenhang. Rosner wollte etwas Neues, etwas Tolles starten. Adam behielt ihn in Erinnerung als beeindruckenden Mann, ziemlich schmächtig, ein bisschen ausgemergelt, mit einem ganz wachen Auge. Er wusste, was er wollte, spielte aber nicht den “Boß”, hielt sich mehr im Hintergrund, er hatte die Ideen. Lutz Adam erinnert sich, dass er ihn gewarnt habe. Vor seinen überstürzenden Ideen.

Die 70er Jahre waren offenkundig keine gute Zeit für jemand, der swingenden Jazz spielen wollte, der anknüpfen wollte an die Shows der frühen 30er. Jazz fristete überhaupt eher ein Nischendasein. Discotheken waren “in”, für die Tanzwütigen. Das “Gefühl” für das, was “angesagt” war, hatte Rosner nicht mehr. Ãœberhaupt war die Stadt so ganz anders geworden, alles war zerbombt. Rosner hatte die langen Jahre der Lagerzeit hinter sich, die Jahre der Ungeduld in Moskau. Er war nicht mehr der jüngste. Auch materiell gesehen, ging es ihm nicht gut. Er hatte seine Rente beantragt, doch die Behörden waren langsam. Es hat bis nach seinem Tod gedauert, bis er seine Rente anerkannt bekam. Der gefeierte Eddie Rosner lebte von der Sozialhilfe. Noch ein Zitat aus dem Antrag auf Ausgleichsleistung aus dem Jahre 1975.

Befragt, ob ich aus Polen nach der Sowjetunion im Jahre 1939 Musikinstrumente mitführen konnte, erkläre ich, dass es nur eine Trompete gewesen ist.

MUSIK:
Eddie Rosner: Blues 6/8 Takt, bis 2:33
CD 2, Track 12

Ein Schritt zurück in der Geschichte.

Etwa zu der gleichen Zeit, als Eddie Rosner 1946 ins Straflager überstellt worden war, sah Emil Mangelsdorff – Frankfurter Saxophon-Spieler von Weltformat, Frankfurt am Main, in diesem Fall, sah Emil im sowjetischen Kriegsgefangenenlager einen Film, der ihn tief beeindruckte. Ein Trompeter und Badleader trat auf und spielte genau jene Musik, die auch Mangelsdorff liebte. Das war also, als man begann im Gefangenlager Filme zu zeigen. Im Frühjahr 1946, erinnert sich Mangelsdorff. Ein mobiler Vorführer kam, die hatten einen Wagen, mit dem sie zu verschiedenen Lagern kamen. Filme waren es, die vor allem wegen ihrer propagandistischen Werte von den sowjetischen Behörden ausgesucht waren. Man wollte zeigen, welch hervorragende Filme dort entstanden. Man wollte den Gefangenen zeigen, welch fortschrittliches System der Kommunismus sei. Mangelsdorff war aber vor allem von der Musik fasziniert.

Manchmal zeigte man den Film nicht, aber man spielte die Musik ein und ich sah dann einen Trompeter vor der Band stehen, der die Band auch dirigierte und der so ein bisschen, vom Äußeren, vom Habitus her, an Harry James erinnerte. Und ich fing mich natürlich an zu fragen, wer ist das? Sind das Aufnahmen, die in Russland gemacht worden sind? Russisch konnte ich nicht. Wenn es einen Vorspann gab, woran ich mich jetzt nicht erinnere, so konnte ich ihn doch nicht lesen. Und habe also sehr darüber herumgerätselt, wer das wohl sein könnte.

Erst sehr viel später erfuhr Emil Mangelsdorff, wer dieser Bandleader war, der auch in seinem Habitus ganz dem berühmten amerikanischen Trompeter und Dirigenten Harry James glich.

Emil Mangelsdorff, das kann hier nur kurz skizziert werden, geriet bereits als Jugendlicher in Opposition zum Nazi-Regime. Seine Liebe zum Jazz, sein Zusammentreffen mit Gleichgesinnten, man diskutierte über die neueste Musik, die man auf Radio Luxemburg hören konnte, seine eigenen Versuche, Jazz Musik zu spielen, führten zu Überwachung und Bedrohung durch Gestapo Beamte.
Eddie Rosner in der Sowjetunion und Emil Mangelsdorff in Nazi-Deutschland – beide mussten die freiheitsberaubende Macht der totalitären Diktatur erfahren, beide beugten sich nicht.

Mangelsdorff sagt, er habe vor gut 10 Jahren zum ersten Mal den Namen Eddie Rosner gehört. Von seinem Schicksal erfahren, von seiner Zeit im Gulag, von der Verfolgung danach. Mangelsdorff spielt regelmäßig im Holzhausen Schlösschen in Frankfurt am Main, tritt auch mit Gesprächskonzerten auf, in denen er spielt und von seiner Jugend erzählt,, und dort wurde er von einer jungen Frau angesprochen, die ihn einlud, auch einmal in Russland zu spielen. Daraus wurde nichts, doch man geriet ins Erzählen. Und als Emil Mangelsdorff von jenem Film erzählte, vermutete die junge Frau sofort, daß es sich dabei nur um ihren Vater drehen könne. Sie heiße Irina Prokofieva-Rosner. Emil Mangelsdorff war beglückt. Er war woh einer der wenigen im Gefangenenlager damals, einer der wenigen unter den 2000 Soldaten, die sich für diese Musik, diesen Film interessierten. Und just er trifft auf die Tochter dieses Mannes.

Ich traf Emil Mangelsdorff und sprach mehrmals mit ihm über Rosner und über die Gründe, warum sowohl in Nazi-Deutschland als auch im kommunistischen Russland der Jazz auf scharfe Ablehnung stieß, dass Jazz Musiker verfolgt wurden? Welche Momente ließen beide totalitären Herrschaften mit Abwehr, mit Unterdrückung und Verfolgung reagieren? Für Mangelsdorff hat es etwas mit dem Grundprinzip von Jazz zu tun, der Improvisation der Musiker.

Die Parallele zwischen der Sowjetunion und des Hitler Regimes, dass eben in beiden Staaten der Jazz verfolgt wurde, das hat wohl damit zu tun, dass diese Musik ganz einfach entgegen unserer Tradition dem Musiker Möglichkeiten lässt, zum Beispiel zur Improvisation, dass er auf ein vorgegebenes Harmonieschema spielt, was ihm einfällt. Er kann also in gewisser Weise kreativ selbst tätig sein. Was für ungeübte Ohren dann möglicherweise chaotisch klingt oder ungeordnet klingt. Überhaupt wenn man daran denkt, dass in Deutschland so das Ordnungsprinzip und dass diese Wohlgefälligkeit zu passieren hat, sonst kann es nichts taugen, dass das von der Mentalität etwas ist, was sich mit dem Jazz nicht gut vertrug. Und ich glaube, in der Sowjetunion war es so ähnlich, dort war es auch die Musik des Klassenfeindes, es war also imperialistische Musik, oder welches Prädikat, man dem Jazz dort immer auch anhängte, also ich glaube, dass dieses in dem Jazz immanente Freiheitliche, das sich ja darin äußert, dass ein Musiker Dinge darf, die er normalerweise bei durchkomponierter Musik nicht darf, dass er die alle machen kann, darin manifestiert sich, dass der Jazz hier Freiheiten gewährt, also sozusagen eine Musik der Freiheit ist, die im totalitären System natürlich auf Ärger stößt.

Emil Mangelsdorffs Beschreibung deckt sich mit den Gedanken, die Joachim-Ernst Behrendt in einem Vortrag mit dem Titel “Jazz- Musik des Widerstands” 1995 entwickelte. Für ihn sind es drei Momente, die den Jazz definieren: Das besondere Verhältnis zur Zeit, das auch mit dem Begriff “swing” bezeichnet werden kann, die Spontaneität und Vitalität der Musikproduktion, für die auch das Wort Improvisation steht, und schließlich die Tonbildung und Phrasierungsweise, in der sich die Individualität des Musikers spiegelt. Und wie Mangelsdorff kommt Behrendt zu dem lapidar formulierten Schluss: “Wohin immer man schaut, es ist als hätten sie sich untereinander abgesprochen: Diktatoren, ob links oder rechts, swingen nicht.”

Und wenn Behrendt auch einen eher resignativen Ton anschlägt, und die Kommerzialisierung als großen Feind auch des Jazz sieht, ein Gegner, der einfach nicht zu schlagen ist, weil er den Protest immer schon als Teil des eigenen zu assimilieren versteht, weist er doch darauf hin, wie wichtig Jazz in einer Gesellschaft sein kann, die gekennzeichnet ist durch Unterdrückung. Behrendt aus dem Vortrag von 1994: Jeder Pole, jeder Russe, jeder Sowjetbürger hat gespürt und erfahren: Diese Musik bedeutet nicht nur etwas Musikalisches, sie hat politischen und gesellschaftlichen Rang. Er wußte es so genau, daß er keine Sekunde daran gezweifelt hätte.
Eddie Rosner starb 1976, meine Frage nach einem Zusammenspiel von Rosner und Mangelsdorff war also eine hypothetischen Frage: Hätte Emil Mangelsdorff gerne einmal mit Eddie Rosner zusammen gespielt? Mangelsdorff bejaht sofort. Er hatte Vorlieben, die denen von Rosner damals glichen, der hochentwickelte Swingstil vor allem. Denn Bebop war ja zu dieser Zeit noch nicht “erfunden”, Charlie Parker war noch nicht aufgetreten. Ja, denkt er, man hätte leicht eine gemeinsame Ebene gefunden. “Ich hätte gern mit ihm zusammengespielt.”

Damit ist die Geschichte des Eddie Rosner aber noch nicht zu Ende. Seit wenigen Jahren kann man nämlich von einem wiedererwachten Interesse an der Person und der Musik Rosners sprechen. Irina Prokofieva-Rosner jagt in der ganzen Welt den Songs ihres Vaters nach. In Raritäten-Läden, in wiedergeöffneten Archiven des sowjetischen Rundfunks, im Internet, überall sucht sie an die Masterbänder der Aufnahmen mit der Musik ihres Vater zu gelangen. Inzwischen ist eine Dreifach-CD mit der Musik Rosners erschienen, die ihren Platz haben wird neben den allein aus russischen Quellen stammenden Titeln, die in Amerika erschienen sind. Mit welchen Mühen sie dabei zu kämpfen hat, schreibt sie im Beiheft der CD: „Von zahlreichen, zum Teil stark beschädigten Tonträgern, überlieferten und gesammelten Stücken, konnten leider nur wenige verwertet und restauriert werden, so zum Beispiel die Columbia Schellack Platten aus der ersten Pressung, aufgenommen in Paris im März/April 1938, die so zerfurcht sind wie das Gesicht Warschaus nach dem deutschen Bombenhagel ein Jahr später. Sie erhielt die Schellack-Raritäten übrigens von vom Sohn des Tenorsaxophonisten Alexander Halicki –der Mitglied der Rosner Orchesters gewesen war. „Eddie Rosner Hommage“, so der Titel der Sammlung, gibt einen wunderbaren Überblick über die vielfältige Musik des früheren Wunderkindes und späteren Komponisten und Bandleaders und Trompeten- bzw. Kornett-Stars. Von den aller ersten Songs der Spät-20er Jahre, mit den Weintraub Syncopators, über die Columbia Sessions in Paris und den Schallplatten, die im Krieg in der Sowjetunion entstanden sind, bis zu den Rundfunkübertragungen in den 50er Jahren und den folkloristischen Songs, die er nach der Haftentlassung schrieb. Die Musik ist wirklich äußerst vielfältig. Gershwin taucht als Komponist auf, Strauß-Walzer wurden für das Orchester adaptiert, „Midnight In Harlem“ wird gefolgt von einer köstlichen Version von „Schwarze Augen“. Vor wenigen Jahren produzierte Arte einen Film über Rosner, „Der Jazzmusiker aus dem Gulag, Regie Pierre-Henry Salfati, der vor allem seine Filmmusiken und Filmauftritte während der Zeit der Sowjetunion in den Mittelpunkt stellte. Der Countertenor Jochen Kowalski nahm einen Rosner Song – Darum sind wir Piloten – nach seinen Worten der einzig swingende Soldatensong, in sein Programm auf, mit dem er erst kürzlich in Berlin auftrat. Das ist noch nicht alles. In Polen munkelt man von einem Filmprojekt des Regisseurs Felix Falk, der den berühmten Film „Es war einmal der Jazz“ 1984 in die Kinos brachte. Im Mittelpunkt seiner neuen Filmidee: Eddie Rosner. Und aus Russland ist ebenfalls Erstaunliches zu melden. Alexey Bateshev, der Doyen der russischen Jazz-Kritiker, der in den letzten Jahren, zusammen mit Maya Kotchubeyava, in der Tschaikowsky Halle in Moskau Erinnerungskonzerte für die großen verstorbenen amerikanischen Bandleader Duke Ellington, Glenn Miller, Benny Goodman und Paul Whiteman veranstaltet hatte, wagte sich im Dezember 2001 an ein Konzert mit Musik des Eddie Rosner Orchesters. Unter der Überschrift „Resurrection of the Russian Satchmo“, „Die Wiederauferstehung des russischen Satchmo“ pries er diesen Event an:

„Eddie Rosner, auch bekannt als Adolf Ignazy, als Ady, und als Eddie Ignatievitch, der auch als Pinhas Ben Itzhak aufnahm, ein Solo Trompeten Virtuose und Bandleader, der ein Star in Polen war, der in der UdSSR ein Verdienter Künstler wurde – und in den Gulag verschickte wurde. Die tragischste Figur in der Welt des Jazz. Er und seine sowjetische Jazz Band, die beste der UdSSR, geliebt vom Führer der Weißrussischen Partei, er bekam höhere Gagen als alle anderen Künstler, und er verlor alles über Nacht.

Wenn Valentina Vladimirskaja von diesen verschiedenen Aktivitäten hört, hat sie gemischte Gefühle dabei. Sie sagt: “Das ist schmerzlich für mich, weil diese Erinnerungen kommen, aber ich freue mich natürlich, wenn ich das irgendwo höre. Ich höre ich das ganz selten, weil das die ganzen Jahre wieder bringt, das sind auch meine Jugendjahre und seine – eigentlich seine beste Zeit. Und das ist dann ein bisschen traurig für mich persönlich.

MUSIK:
Eddie Rosner: 1001 Takte im Rhythmus, 3:07
CD 2, Track 2