All Aboard the Train

MANUSKRIPT
MAXIMILIAN PREISLER
1)
NEW ORLEANS – VOR DER FLUT

Noch bevor ich auf meiner ersten Reise nach New Orleans, im Jahre 1997, überhaupt den Boden der Stadt betreten hatte, lernte ich, wie es dort zugeht. Zweierlei verriet mir eine très chic gekleideten Dame auf dem Flughafen von Atlanta, Georgia, wo wir beide auf den Anschlussflug in die Crescent City warteten. Ich fragte sie nach der Adresse eines wirklich guten Restaurants, zu dem nicht jeder Tourist als erstes hingeschickt würde. Sie zögerte keinen Augenblick, zückte ein in schwarzes Leder gebundenes winziges Adressbuch und begann mir Namen und Telefonnummern zu diktieren. Nach dem dritten Namen warf ich ein: Jerome Forster, so heißt das Restaurant? „Nein,“ wehrte sie ungeduldig ab, „ich suche Ihnen die Namen und die Nummern der Chefköche heraus.“

Und dann gab es kostenlos eine Regel, sie wurde mir sehr eindringlich erteilt, zuerst von der Southern Lady im aprikosen-farbenen Kostüm auf dem Flughafen von Atlanta, danach, fast gleichlautend, von fast jedem Weißen, den ich während der Reise traf: „Don’t leave the Quarter!“

Dieses Gebot wurde immer in einem äußerst bestimmten und gleichzeitig völlig vagen Ton gegeben, der weder eine Nachfrage noch ein Zweifeln zuließ: „Don’t go north of Claybourne Avenue.“ Und als ich am zweiten Tag dem Rhythm and Blues Idol Ernie K-Doe einen Besuch abstattete, wollte der Taxifahrer zuerst gar nicht losfahren. Denn North Claybourne Avenue hieß die Adresse. Dort angekommen, blieb er mit laufendem Motor stehen, wartete ab, bis ich von den Body Guards des Mr K-Doe ins Haus eingelassen wurde. Ein Weißer am Rande des Ghettos.

Ernie K-Doe ist schon vor einigen Jahren gestorben,. Was ist wohl aus der Mother-of- Law Lounge geworden, dem Museum, das seine Frau im Gedenken an ihn einrichtete? Fats Domino, so erzählt seine Tochter hat die Flut überlebt. Doch wie geht es Mr Joe De Silva, dem stets perfekte gekleideten New Orleans Gentleman, der das hervorragend sortierte Buchgeschäft im Faulkner House führte, fast in Sichtweite des Flusses? Und was passierte mit den historischen Zeichnungen des alten French Quarter, die in der Historical Society verwahrt wurden? Ob die schwarze Haushälterin der kleinen Pension in der Royal Street, die abends immer den Pudel ihrer weißen Chefin spazieren führte, dem Wasser entrinnen konnte? Und was ist wohl mit den Maultieren geschehen, die geduldig die Wagen mit den Touristen durch die Straßen zogen? Wohin flüchtete der Saxophonist, der jeden Abend auf dem „River Walk“ stand, und den Sonnenuntergang im Westen, jenseits des Mississippi, auf seinem Instrument begleitete? „I hate to see that evening sun go down.“

„Race and Class“ waren auch schon vorher die bestimmenden Elemente in New Orleans. Doch jetzt zeigen sie sich in aller Offenheit, der doppelte Riss ist abstoßend und er macht traurig. Die Erinnerung an eine andere Möglichkeit bleibt. Und damit auch die Möglichkeit eines Neuanfangs. Nur „The Big Easy“ war New Orleans nie, die Stadt war zerrissen, auch wenn der Sound der Brass Bands und der ihnen folgenden Second Liners auf dem Weg vom Tremé Viertel zur Bourbon Street die Klagen übertönten. Die Stadt aber muss wieder eine Stadt werden, vor allem weil es ein Versprechen gab: Der Wind vom Mississippi führte schon immer einen Ton mit sich, der anders war als die Töne, die aus NY, DC oder LA kamen. Ein Ton, der versprach, es kann alles auch ganz anders sein.

2)
NEW ORLEANS
SOULMATES

Im Park tritt eine schwarze Funkband auf, die Zuhörer lagern sich im Schatten zweier hoher Bäume, weil die Sonne auch am späten Abend noch vie zu heiß vom Himmel brennt. Direkt neben mir beanspruchen zwei Besucher gleich ein größeres Stück Wiese. Ein prall gefüllter weißer Cooler, mit dem die gekühlten Six Packs hierher geschleppt wurden, ein Baseball, zwei paar Baseball Handschuhe, eine viereckige braune Liegedecke, daneben zwei weiße Segeltuchstühle, die bei Bedarf zusammengeklappt werden können und in den SUV passen, eine weitere Box, vielleicht mit gegrillten Hühnchen, Southern Fried Chicken, die schmecken auch kalt vortrefflich, im Gras liegen noch zwei Spraydosen und eine Sonnenmilch, dazu zwei angebrochene Zigarettenschachteln, einmal Zigaretten mit, einmal ohne Menthol. Die Grundausstattung eines Redneck-Pärchens an einem Sonntagnachmittag im Park.

Der Mann und die Frau lehnen gegen den halb hohen Drahtzaun, der die Bühne von den Zuschauern trennt, fünf Meter sind es ungefähr bis zur Bühne, es ist zwar eher unwahrscheinlich, dass es einen Ansturm geben wird, aber der locker gezogene Zaun zeigt dennoch Wirkung. Und ist auch als Sicherheit für die Behinderten gedacht, die einen Vorzugsplatz direkt vor der Bühne erhalten, der Zaun gestattet es ihren Begleitern sie ungehindert direkt bis vor die Bühne zu schieben. So haben auch die im Rollstuhl sitzenden einen guten Blick auf die Geschehnisse dort oben.

Die beiden, die vor mir am Zaun lehnen, sind Anfang 30, die Frau trägt ziemlich kurze Khaki Hosen, sie hat einen prallen Hintern und der Mann knallt ihr zweimal mit der flachen Hand auf den Po, als das erste Lied der Band mit einem kräftigen Schlag auf das Becken des Schlagzeugers endet. Ihr scheint das zu gefallen, sie wiegt sich auffordernd in den Hüften zum Sound der Musik, ihr Körper hat die vertrackten Rhythmen der Band völlig akzeptiert.

Der Mann besitzt prächtige Bizepsmuskeln, die sich unter dem kurzärmeligen grünen Hemd abbilden, der linke Arm ist mit Drachen und Schlangen tätowiert, eine große schwarze Kobra verschwindet im Ärmel. Auch er trägt kurze Khaki Hosen. Nach jedem Lied holt er einen Kamm aus der hinteren Hosentasche und fährt sich damit langsam und bedächtig und lasziv durch die Haare. Wie einst ein anderer Redneck, Jerry Lee Lewis.

Jerry Lee am Flügel, der Deckel weit hochgeklappt. Er bearbeitet die Tasten wütend, als kämpfe er mit dem Teufel, „Lovin’ Up A Storm“, die langen Haare fallen ihm in die Stirn, er hämmert auf die Tasten, lässt seine Hand von oben nach unten und von unten nach oben fliegen, wischt dabei über die Tasten und beendet den Song mit vier, fünf wuchtig gehauenen Akkorde, dazu einem Schwung seiner Haare und einem frechen, anzüglichen Grinsen, „Breathless“. Dann holt er einen Kamm heraus und zieht ihn sich durch die Haare.

Die gleiche Bewegung bei diesem Redneck, das gleiche Grinsen, das sich im Gesicht ganz schnell verbreitet und der gleiche Blick – „Ihr könnt’ mich alle mal“. Dann aber windet sich mein Mann einen Mini-Pferdeschwanz, das wäre in den Zeiten von Jerry Lee verpönt gewesen. Nun macht er macht eins, zwei tänzelnde Schritte auf seine Begleiterin zu und haut ihr noch einmal genussvoll auf den Po. Eine zweite Frau kommt mit großen Schritten am Zaun entlang, sie ist kräftig, trägt ein kurzes weißes Top und einen langen, roten Rock. Als sie die beiden erreicht hat, ruft sie der Frau in der Khaki Hose etwas zu, was im Dröhnen der Gitarren untergeht. Dann holt sie weit aus und schlägt dem Mann kräftig auf den Hintern. Der Mann lässt sich nicht lange bitten und haut wiederum kurzentschlossen mit seiner Pranke auf den Hintern der rotgekleideten. Alle drei brechen in Gelächter aus und bewegen sich eine Zeit lang gemeinsam im funkigen Rhythmus der Band. Ihre Sinnlichkeit setzt sich in Tanzbewegung um, kein Schwarzer könnte besser die Verführung der Musik, das Versprechen der flackernden Sexualität in Körperbewegung umsetzen.

You gonna shake your funky butt
You gonna shake your funky butt

Shake it to the left

Shake it to the right

Shake it to the one

You love all night

Yeah, you gonna shake your bootie.

Die drei Rednecks haben sich bäuchlings auf ihrer Decke gelegt, der Manngreift neben sich und angelt ohne Hinzuschauen mit traumwandlerischer Sicherheit eine Bierdose aus dem Cooler. Nur beim Öffnen der Dose muss er kurz hochschauen und da sieht er den kleinen schwarzen Jungen, der zögernd näher kommt. Er hat einen Baseball in der Hand, den er langsam und verhalten in die Luft wirft, steil über sich,die drei anschaut. Dann das gleiche Spiel noch einmal. Er wirft er den ovalen Ball erneut in die Luft. Etwas heftiger schon. Der Junge ist vielleicht zehn oder elf Jahre alt und tiefschwarz. Er hat dünne Arme, dünne Beine, die Arme und Beine sehen auch deshalb so dünn und zerbrechlich aus, weil sein Hemd und seine Hose die Erwachsenen Größe XXL haben.

Er sagt kein Wort, wirft seinen Ball hoch und scheint die drei Weißen gar nicht mehr wahrzunehmen. Die beiden Frauen haben gespürt, dass sich etwas verändert hat, sie stützen sich auf die Ellbogen und schauen kurz zu ihm hinüber, dann lassen sie gelangweilt den Blick zurück schweifen, zur Bühne, aber die Band macht gerade eine Pause, also lassen sie den Blick flüchtig auf mir ruhen, dann wenden sie sich wieder ab und die kräftigere der beiden nestelt eine Weile an einer der Zigarettenschachteln herum, bis endlich eine Mentholzigarette aus der Schachtel fällt. Sie bietet sie den beiden an, doch nur die Frau bedient sich und lässt sich auch Feuer geben.. Der Mann erhebt sich mit einem Ruck und geht mit federnden Schritten auf den Jungen zu. Ein drohender Schritt. Der Junge scheint zu erstarren.

Es wird erzählt, dass Jerry Lee Lewis sich immer vor seiner Mutter, von allen Mamie genannt, rechtfertigen musste, wenn er sich zu Hause die Noten eines Chuck Berry Songs auf dem Piano zusammen suchte. .

„You’re white, Jerry Lee, you’re a white boy, and don’t you forget that.”

“Meaning what, Mamie?”

“Meaning you’re better than him.”

Aber Chuck Berry schrieb damals, zu Beginn der Rock’n’Roll Zeit, einfach die besten Songs. Auch die wilden Männer von Sam Phillips in Memphis, TN, Elvis, Johnny, Carl und Jerry Lee, konnten nicht auf diese Lieder verzichten. So kam es zu einem Treffen von zwei Rock’n’Roll Kings, eines weißen und eines schwarzen, in irgend einer kleinen Stadt im Süden. Einige behaupten, es sei in Feriday, Louisiana gewesen, dem Heimatort von Jerry Lee, bei einem Konzert der Louisiana Hayride, doch das kann nicht sein, Chuck Berry trat nie bei dieser Country und Rockabilly Show auf.

Jerry Lee legte los, er musste als erster auf die Bühne, er spielte seine Songs, vor allem seinen ersten großen Hit „Whole Lotta Shakin’ Goin’ On“ – und stimmte danach zwei Chuck Berry Songs an. Zuerst „Johnny Be Goode“ und dann einen Song, der mit den Worten endet: „Hail, hail rock’n’roll, deliver me from the days of old.” Dann gab es eine Koda und Jerry Lee spielte mit der linken Hand weiter eine Bassfigur, aber die rechte Hand strich ausschweifend von den hohen zu den tiefen und von den tiefen zu den hohen Tönen, von oben nach unten und von unten nach. Da ihm das alles noch nicht genügte, nahm er einen Ellbogen zu Hilfe. Und dann, während man im Hintergrund der Bühne schon das braune Gesicht von Chuck Berry erkennen konnte, sprang Jerry Lee auf das Klavier, riss das Mikrophon samt Ständer hoch und sang seinen neuesten Song „Great Balls Of Fire“. Er hämmerte mit den schwarzen Halbschuhen, die mit weißen Kappen verziert waren, auf die zweifarbigen Tasten ein, so lange bis die Menge raste und die Tasten splitterten. Einige behaupten, er habe seinen Flügel danach in Brand gesetzt, doch das wäre des Guten zuviel gewesen.

Beim Weggehen von der Bühne aber kreuzte sich sein Weg mit dem von Chuck Berry, der jetzt, als krönender Abschluss der High School Jamboree, auftreten sollte. Jerry Lee ging ganz nahe an Chuck Berry vorbei und zischte ihm zu: „Beat this, nigger!“

Dies fällt mir ein, während dieser Redneck in Richtung des Jungen geht, und schnell überlege ich, was ich tun könnte, wenn der Mann mit dem Mini-Pferdeschwanz den kleinen Jungen bedroht, verbal oder sogar körperlich. Doch ihn körperlich zu bedrohen, an diesem sonnigen Tag im öffentlichen Park, vor den Augen der vielen Besuchern, die wie bunte Tupfer über die ganze Anlage verteilt sind? Vor der Bühne liegen sie dicht an dicht, weiter entfernt mit großen Räumen um die kleinen Gruppen. Das wird wohl nicht geschehen.

Und was, wenn er ihn beschimpft, wenn er unflätig wird? Kann ich, als weißer Europäer dann eingreifen? Welche Chance hätte ich gegen dieses Muskelpaket? Keine, absolut keine Chance. Die Polizei rufen? Nein, niemand ruft die Polizei, nur weil ein Erwachsener einem Kind ein Schimpfwort zuruft. Oder ihn einfach wegschickt, ihm klar macht, wo er hingehört, und besonders wo er nicht hingehört.

Während mir diese Gedanken durch den Kopf gehen, macht der Mann plötzlich einen Ausfallschritt und tänzelt hin und her. Er hebt auffordernd den rechten Arm, streckt den Arm ganz weit aus, in Richtung des Jungen – und der wirft ihm den Ball zu. Ach, das hätte er besser nicht gemacht, den Ball kann er wohl abschreiben, den wird er nicht wiederbekommen. Oder etwa doch? Der Mann geht ganz ruhig zwei weitere Schritte nach vorn, den Ball in der rechten, die linke hebt er steil nach oben, dass sie in den Himmel zeigt. Der Junge versteht sofort, während ich immer noch rätsle, was hier gespielt wird. Der Kleine in den weiten Hosen und den riesengroßen Sportschuhen dreht sich auf der Hacke um und beginnt loszurennen. Der Mann reckt weiterhin den Finger zum Himmel, als der Junge sich umdreht sieht er das und rennt noch ein Stück weiter. Noch weiter, sagt der Finger. Jetzt endlich verstehe ich auch, wie das Spiel heißt. Der Mann holt aus und wirft, sehr elegant, den Ball über die unglaublich lange Strecke zielgenau dem Junge zu. Der versucht sein bestes, will den Ball aus der Luft fischen, verfehlt ihn allerdings knapp. Er rennt mindestens die Hälfte der Strecke wieder zurück, holt aus und wirft den Ball zurück zu dem weißen Mann. Mit einer unglaublichen Grazie fängt der Erwachsene den Ball auf und das Spiel beginnt von neuem. Linke Hand, Zeigefinger der linken Hand steil in die Luft gereckt, der Junge sprintet los, ein weiter, weiter Wurf, manchmal fängt der Junge den Ball, manchmal verfehlt er ihn, dann muss er noch ein ganzes Stück weiter weg laufen, um den Ball aus dem dort sehr hohen Gras zu bergen.

Einmal vertut sich der Werfer und der Baseball landet hinter dem Zaun, der die Bühne absperrt, kullert in Richtung Bühne. Die Band hat übrigens wieder begonnen, die schweren Bassriffs geben den Rhythmus vor, zu dem sich mein Werfer hin und her wiegt. Der Fehlwurf hat Folgen, zwei private Sicherheitsmänner, Weiße, in schwarzer Uniform, martialisch ausgestattet, an ihrem Gürtel hängen Taschenlampe, Schlagstock und Handschellen, die vor der Bühne zum Aufpassen abkommandiert sind, kümmern sich um den Ball, der eine wirft dem Jungen den Ball zu, dabei rutscht ihm seine große Mütze mit dem Silberemblem fast vom Schopf. Beiden sieht man deutlich an, wie gern sie sich an dem Spiel beteiligen würden. So drehen sie zumindest dem Geschehen auf der Bühne den Rücken zu und betrachten das Werfen und Fangen der beiden ungleichen Partner.

Der Mann rollt mit den Schultern und die beiden Frauen fragen ihn etwas. Er antwortet ihnen, doch seine Augen suchen nur den kleinen, schwarzen Jungen. Der ist nicht mehr alleine auf seiner Seite, ein zweiter Junge hat sich eingemischt, er ist ein wenig älter, vielleicht 13 oder 14. Die beiden balgen sich um den Ball, so dass es immer länger dauert, bis der weiße Erwachsene wieder zum Zug kommt. In der Zwischenzeit unterhält er sich mit den beiden Security Guards. Wenn die Jungs sich geeinigt haben und er den Ball zurück erhält, holt er aus und wirft erneut, ein letzter weiter Wurf. Dann wendet er sich den beiden Frauen zu und lässt sich zwischen die beiden fallen. Die Frau in dem langen roten Rock bietet ihm ihr Bier an und er richtet sich auf und nimmt die Dose aus ihrer Hand entgegen. Er trinkt langsam und bedächtig, lässt den Kopf dabei in den Nacken fallen, so dass sein kleiner Zopf genau zwischen den Schulterblättern zur Ruhe kommt, er trinkt, in langen, langsamen Schlucken, bis die Dose leer ist. Game’s over. Die Band spielt ihr letztes Stück, eine Cover Version eines alten Soul Hits, der Sänger fordert die Zuhörer zum Mitsingen auf: Let me wrap you in my warm and tender love.

3)

ALL ABOARD THE TRAIN

Zum Bahnhof? Ein mitleidiger Blick auf den Fremden in seiner Unwissenheit. Auch ein wenig belustigt, so sind sie, die Europäer, wollen in North Carolina mit der Eisenbahn fahren. Wake up, this is America! Das Land der Freeways! Das Land der Highways! Das Land der Interstates!

Nein, sagt die Frau an der Rezeption des Motels, eine Busverbindung zum Bahnhof existiert nicht. Nein, zum Laufen ist es vom Motel aus zu weit. (Außerdem weiß ich: es gibt keinen Weg für Fußgänger, ich müsste die vorbeibrausenden Autos vorbehaltlos akzeptieren.) Ein Taxi, gewiss, ich bestelle Ihnen für morgen früh ein Taxi.

“1914 North Tryon Street.”

“You’re sure? North Tryon? What’s the number again?”

“1914. That’s the station.”

“Which station?”

“The Charlotte railway station.”

Hochgezogene Augenbrauen. Wenn’s denn sein muss.

Welche Erfahrung in einer Stadt, die seit 1850 nur deshalb eine rasante Entwicklung nahm, weil hier ein wichtiger Ort als Güterumschlagplatz gefunden wurde, als Eisenbahnknotenpunkt wohlgemerkt (Wasserwege standen nicht zur Verfügung).

„Cotton“ war zuerst auch hier „King“, jedoch der gern gewählte Beiname für die Stadt „Queen City“ wies auf die Frau eines leibhaftigen Königs hin, Charlotte, die Frau von George III. Ein Urenkel des ersten George auf dem englischen Thorn, der die landesübliche Sprache noch nicht beherrschte, kam er doch aus Hannover. Noch eine zweite Erinnerung an Europa, sogar an Deutschland: Charlotte, North Carolina ist County Seat von Mecklenburg County. Ein formidabler Goldrausch brach in Mecklenburg County in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts aus, und die Schatzsucher konnten bereits bequem mit der Eisenbahn anreisen. Heute scheint dies längst vergessen zu sein.

Am Bahnhof in Charlotte, North Carolina. Ein plötzlicher Sprung aus der Jetztzeit in die Vergangenheit, sagen wir in die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts. Zwei Meilen entfernt nur sind die italienisch gestylten Restaurants und die eleganten Patios der gläsernen Hochhäusern von Downtown Charlotte. Hier im Wartesaal suchen die Augen die Wände ab, man erwartet ganz bestimmte Zeichen, von vielen Photos und Filmen auf abstoßende Art vertraut. Wo hängen die Hinweisschilder „Colored Only“, „Whites Only“? Wo verlief in diesem Saal die Color Line, welche Bänke waren Weißen vorbehalten, mit welchen Reihen mussten sich die Schwarzen zufrieden geben? Ein unangenehmer Geruch, nach Zigaretten und Schweiß, hängt in der Luft, dazu brennt etwas scharf in der Nase, vielleicht eine Säure, die benutzt wird, um den Holzboden zu säubern.

Ich bin viel zu früh gekommen, langsam erst füllen sich die Reihen, Schwarze und Weiße setzen sich nebeneinander, nein, nicht direkt nebeneinander, jeder lässt lieber einen Platz frei zwischen sich und dem Nachbarn, wenn er andersfarbig ist, aber auch die Passagiere mit der gleichen Hautfarbe beharren gegenseitig auf Ellenbogenfreiheit. Die beiden jungen Burschen mit ihren großen Rucksäcken lassen sich mit hörbarem Seufzen auf die Holzstühle plumpsen, mit ihrer Tragelast versperren sie den Nachfolgenden den Weg. Eine junge weiße Frau, die ihren Zoll an Familienwerten übererfüllt hat, windet sich an Koffern und Taschen vorbei, klopft an ein kleines Fenster, das fest verschlossen ist, sie möchte ihr Gepäck aufgeben. Drei kleine Kinder halten sich an ihren Jeans-Beinen fest, drei Rucksäcke, vier Koffer und einen Kinderwagen nimmt der riesige schwarzer Porter, der zögernd sein Fenster öffnet, in seine Obhut.

„Eight pieces“, wiederholt er ehrfurchtsvoll.

Die Amtrak Lautsprecheranlage stammt offenkundig ebenfalls aus den 50er Jahren, die Ansage erinnert stark an die quäkenden Töne am Bahnhof Friedrichstraße, als da noch der Übergang zur DDR geregelt wurde. Eine knarrende Stimme meldet sich, die ratlosen Blicke der anderen Wartenden zeigen mir, dass auch sie die Verstehensübung nicht bestanden haben. Als die ersten Passagiere, jene, die den Lautsprechern am nächsten sitzen, aufstehen und zum Ausgang streben, die Züge sind nicht zu sehen vom Warteraum aus, trotten wir anderen hinterdrein. Wie beim Einchecken am Flugzeug geht das vor sich, der große Porter prüft nun unsere Fahrkarten, wir betreten einen engen, überdachten Gang, dann steht man plötzlich auf dem Bahnsteig, direkt vor der schönen Diesellokomotive. This is the train.

Sie ist eine kleine Person, trägt hellblaue Overalls und hat ein ansteckendes, fröhliches Lachen im Gesicht. Im Zug sitzt sie in der Reihe hinter mir, ich muss meinen Kopf ziemlich verdrehen, um sie anzuschauen. Der Schaffner gibt mir einen Anlass, er fragt sie, wohin die Reise gehe, sie sagt New York. Kaum hat er meine Fahrkarte geprüft, verdrehe ich noch einmal meinen Kopf und gebe mich als Reisegenossen zu erkennen. Gut vierzehn Stunden Eisenbahnfahrt liegen vor uns, da ist eine charmante Begleiterin nicht zu unterschätzen. Rosie, ich darf sie schon bald Rosie nennen, kommt aus Peru, ist idiomatisch recht sicher:

„New York, oh, that’s a long way.“

“You bet.”

Kannapolis, N.C.

Der erste Eindruck täuscht, ihr Englisch ist noch nicht perfekt. Nein, das ist eine kleine Untertreibung, es ist längst nicht ausreichend für eine Unterhaltung unter erschwerten Bedingungen. Die sehen so aus: Der Speisewagen hängt als erster Wagen hinter der Diesel-Lokomotive, und wenn der Lokführer einen Bahnübergang vor sich sieht, bei dem halbseitig die Straße gesperrt ist durch eine rot-weiß, manchmal auch schwarz-weiß angemalte Barriere, lässt er diesen wunderbar sehnsüchtigen Ruf der amerikanischen Lokomotive ertönen. Und jedes Mal, wenn dieser Ruf ins Abteil dringt, dann verstehe ich Rosie gar nicht mehr.

Seit genau elf Monaten lebt sie jetzt in den USA und ihr erstes Ziel ist nach wie vor die Sprache zu erlernen. Warum das für sie so ungeheuer wichtig ist? Nun, sie kommt aus Peru und sie hat einen Amerikaner geheiratet. Ihr Mann kommt zwar aus Kolumbien, doch sein Spanisch ist …, es muss ziemlich schlecht sein, denn jedes Mal, wenn sie einen Anlauf nimmt, um seine Spanischkenntnisse zu beschreiben, fällt ihr das rechte englische Wort dazu nicht ein. Es hört sich an wie Schulspanisch, schlage ich vor, nein, nein, sie winkt ab. Er spricht alles so präzise aus, so genau, und das macht man doch im Spanischen nicht. Ich gebe zu, dass ich kein Spanisch spreche, das interessiert sie jetzt nicht, aber dass ihr Mann diese Sprache so …, ja, eben nicht richtig spricht, das macht ihr Sorgen, sie legt die kleine Stirn in Falten und sieht mich nachdenklich an. Das ist kein schönes Spanisch, wiederholt sie, wohl um sich zu rechtfertigen, dass sie mit einem Fremden im Zug so schlecht über ihren Mann spricht. Bereits am frühen Morgen. Jedenfalls, ihr Mann verlangt von ihr, dass sie ein korrektes Englisch spricht. Also belegt sie einen Englisch-Kurs, English for Immigrants. Und zu Hause besteht er auf Genauigkeit, sie sprechen hauptsächlich Englisch miteinander, er pocht darauf, dass jedes Wort richtig ausgesprochen wird.

„Er ist streng. Immer verbessert er mich, dann muss ich das Wort noch einmal sagen, und dann noch einmal. Bis ich es richtig kann. Und diese kleinen Worte machen mir Mühe, ich verstehe das nicht, die Wörter wie on, at, to, from, das ist ganz anders als in meiner Sprache.“

Sollten sich hier, nach erst elfmonatiger Ehe, wie ich gerade erfahren habe, die ersten Zerwürfnisse zeigen?

Salisbury, N.C.

Das mit dem Kopfverdrehen ist anstrengend, auf einer Bank nebeneinander zu sitzen viel bequemer. Here we go. Draußen überwuchert Kudzu die Telefonmasten und schlängelt sich an den Drähten entlang. Ein altes Signal, das den Weg zu einer Nebenstrecke öffnete, ist völlig von dem japanischen Eindringling überwuchert, erst beim zweiten Blick ist die dunkelgrüne Figur, die als Kunstobjekt durchgehen könnte, als Haltezeichen auszumachen. Unter günstigen Bedingungen, und die Bedingungen im Süden der USA scheinen für diese Pflanze aus der Familie der Bohnen extrem günstig zu sein, wächst Kudzu bis zu dreißig Zentimeter am Tag. Alles verschwindet unter dem unerbittlichen Grün, Autos, die eine Weile hinter dem Haus abgestellt sind, ebenso wie das alte Outhouse, das freistehende Klohäuschen hinten in der Wiese. Begeistert wurde der japanisch-chinesische Gast Willkommen geheißen, als die Pflanze Ende des 19. Jahrhunderts eingeführt wurde. Zuerst machte Kudzu sich nützlich als Schattenspender auf der Veranda, dann erkannte man die Kraft ihrer Wurzeln, für das Eindicken von Saucen waren sie brauchbar zu machen, und in den 30ern, da begann der wahre Siegeszug von Kudzu, damals wurde die Pflanze benutzt, um im Süden die Erosion auf den Feldern und an den Flüssen zu stoppen, der Verkrustung des Bodens etwas Lebendiges entgegenzusetzen. Heute ist schwer vorstellbar, dass man noch Kudzu Queens wählt, wie damals in den 50ern, und als Futtermittel ist Kudzu ebenfalls nicht mehr gebräuchlich. Nun hasst man den Eindringling, verflucht ihn, doch man wird ihn nicht mehr los. Kudzu ist hartnäckig, Kudzu ist unausrottbar. Es gibt ein Gedicht von James Dickey, das die heutige Einstellung des Südens gegenüber dem früher als Heilbringer gepriesenen Kraut wiedergibt:

In Georgia, the legend says

That you must close your windows

At night to keep it our of the house

The glass is tinged with green, even so.

Furcht vor dem Eindringling, dem out-of-state Fremden, dem asiatischen Feind, der sich einschleicht ins Land, der die Bäume erdrosselt, die Baum-Schlangen vor den Blicken verbirgt, der das Unheil verhüllt, das ist das heutige Image von Kudzu.

High Point, N.C.

„Ich muss Dir erzählen, wie wir uns kennen gelernt haben, das ist eine schöne Geschichte. Meine Schwester lebt schon seit zwanzig Jahren in Amerika, in New York, nicht im Süden. Sie hat einen Kolumbianer geheiratet. Und dieser Mann, also mein Schwager (Rosie macht dabei aus dem so streng wirkenden Wort brother-in-law das viel angenehmer klingende brother-in-love) dieser Mann hat einen Bruder. Ich lernte also zuerst meinen Schwager kennen und dann seinen Bruder – Ist es sein Bruder oder ihr Bruder? Sein Bruder, gut. – Ich lernte seinen Bruder kennen. Also sein Bruder, das ist mein Mann jetzt.“

Nachdem diese schwierige sprachliche Klippe umschifft ist, lacht sie laut auf, ihr hellblauer Overall passt farblich wunderbar zu ihrem hellbraunen Wangen, ach, ich werde noch einen Kaffee für uns holen.

„Am Anfang war es schwierig, ich hatte Depressionen. Alles war so anders als in meinem Heimatland. Nein, stimmt nicht, ganz zu Beginn war es noch nicht so schlimm. Meine Mutter kam mit, sie begleitete mich nach New York, wir blieben zusammen eine Woche lang bei meiner Schwester. Sie wohnt in Queens. Queens kennen Sie? Dann sagt Ihnen Forrest Hill etwas? Queens ist schmutzig, und laut, mir gefällt Queens nicht. Aber Forrest Hill ist anders. Das ist eine schöne Gegend. Ja, es ist ein Teil von Queens, aber ganz anders. Wir haben nicht lange dort gewohnt, es war zu eng, wir wohnten ja in der Wohnung meiner Schwester und ihres Mannes. Wir gingen dann weg von New York, mein Mann und ich, und meine Mutter kam mit hierher, ja, nach Charlotte. Sie blieb ein halbes Jahr hier, dann kehrte sie zurück nach Peru. Mir ging es danach gar nicht gut. Wissen Sie, wir leben nicht in der Stadt, wir leben nicht in Charlotte, wir wohnen weit außerhalb. Mit dem Auto sind es 45 Minuten bis nach Downtown Charlotte. Bei uns draußen wohnen nicht so viele Leute, auf unserer Straßenseite lebt gar niemand, unser Haus ist das einzige Haus dort, nur auf der anderen Straßenseite gibt es noch Häuser. Ach, und mein Englisch war so schlecht, und das Essen schmeckte mir nicht, und an das Wetter kann ich mich gar nicht gewöhnen. In Peru gibt es drei Regionen – sagt man das, Regionen? – also: die Küste, die Berge und den Dschungel. Und ich wohnte natürlich an der Küste. Ganz wenig Regen fällt da. Auch die Menschen sind ganz anders.“ Und jetzt wirft sie ihre zartgliedrigen Hände in die Luft und lacht mit ihrem fröhlichen Mund, dessen volle Lippen sie in einem leichten rötlichen Ton angemalt hat, Lippen, die sich ganz zart von ihrer bronzenen Gesichtsfarbe abheben. Nach einer Pause fügt sie nachdenklich hinzu: „In Lima sind alle Leute auf der Straße, sie laufen hin und her, sie sind immer in Bewegung. Aber hier?“

Greensboro, N.C.

Der Name der Stadt weckt Erinnerung, vor allem an Studentendemonstrationen während der Zeit der Bürgerrechtsbewegung. Wohl eines der berühmtesten Photos dieser Jahre wurde hier aufgenommen. Vier schwarze junge Männer sitzen an einer Theke, die Theke, das sagt die Bildunterschrift, befindet sich in der Cafeteria des örtlichen Woolworth Kaufhauses. Eine weiße Kellnerin wendet den vier Freshman College Studenten, ihre Schule: North Carolina A&T, den Rücken zu, wirklich und sinnbildlich, denn ihnen soll sie nichts servieren, darf sie nichts servieren, der Platz an der Theke ist Weißen vorbehalten. Schwarzen ist eine kleine Ecke neben der Eingangstür zugewiesen. Und nun das, vier junge Schwarze betreten Woolworth und marschieren zur Theke, setzen sich auf die Barhocker, wollen ganz offenkundig bedient werden. Ein ganz besonderer Moment wird hier festgehalten, der erste sit-down strike, ein historischer Tag, jener 1. Februar 1960. Die vier verhaltenen, ängstlichen Gesichter der Männer beweisen, sie wissen, wie weit sie sich auf unbekanntes Terrain begaben. Was hätte ihnen drohen können: ein Rausschmiss, ein Angespuckt-Werden, eine üble Beschimpfung, Ohrfeigen, oder noch viel Schlimmeres, alles wird später anderen genau so geschehen. Diese vier jedoch konnten erhobenen Hauptes das Woolworth Building verlassen. Keine Kleinigkeit war hier geschehen. Und ihr Beispiel machte rasend schnell Schule, in Durham, Charlotte und anderen Städten North Carolinas fanden sich schon bald Nachfolger. Das Motto, unter dem diese jungen Leute tätig wurden, lautete: “You can send us to jail, if you will, but you won’t stop us now.” Das kündete tatsächlich eine Revolution an, nicht nur eine Revolution in den Rassebeziehungen und im Verhalten dieser jungen Generation von Schwarzen gegenüber Weißen, sonder vor allem eine Revolution in der Selbstwahrnehmung der Teilnehmer an sit-ins und gleichfalls all jener, die die Bilder im Fernsehen sahen, die in den Zeitungen darüber lasen, die davon erzählt bekamen, die einfach davon hörten. Innerhalb weniger Wochen gab es Sit-ins in fast allen größeren Städten, integrierte Sit-ins, junge weiße Studenten schlossen sich dem Protest ihrer schwarzen Kommilitonen an.

Greensboro ist aus einem zweiten Grund ein wichtiger Ort für das Studium der Geschichte von Schwarzen und Weißen im Süden. Greensboro hieß ursprünglich New Garden, und dieser Name deutet darauf hin, welcher Glaubensrichtung die ersten Siedler hier angehörten, es waren – neben Deutschen – Quäker, ursprünglich aus Wales und England kommend, die von Pennsylvania aus nach North Carolina zogen. Das geschah im frühen 18. Jahrhundert – und dabei muss an zwei Dinge erinnert werden.

Erstens: die Kolonie, der spätere Bundesstaat North Carolina war beherrscht von Sklavenbesitzern, hauptsächlich lebten die weißen Herren und ihre schwarzen Sklaven allerdings an der Küste. Und zweitens: die Religious Society of Friends, so der genaue Name der Quäker, war bereits seit den Tagen von William Penn, der 1681 mit Freunden in die USA emigrierte, um die religiöse Freiheit dort auszukosten, stets streng gegen die Sklaverei ausgerichtet. Das war in Pennsylvania kein Problem, wurde allerdings zu einem Streitpunkt, als die ersten Siedlungen, wie etwa New Garden, im Sklavenhalterstaat North Carolina gegründet wurden. Trotz des Anti-Sklaverei Gebots der „Friends“ gab es einzelne Quäker Meetings, so nannten sich die Gemeinschaften, die Sklaven hielten. Ein Konflikt war so entstanden, mehr noch ein unlösbarer Widerspruch zwischen Glaubensartikel und weltlicher Praxis. Eine „Manumission Society“ wurde gegründet, sie sollte Sklaven aufkaufen – und sie in die Freiheit des Nordens bringen. Eine andere Politik wollte den Freigelassenen nahe legen, zurück nach Afrika zu gehen, in das 1821 gegründete Liberia. Empört wiesen Abolitionisten wie William Lloyd Garrison im Norden, oder Quäker Streiter wie die Cousins Vestal und Levi Coffin, die ebenfalls für die vollständige Abschaffung der Sklaverei eintraten, diese Vorschläge zurück. Die beiden Coffins, Bürger von North Carolina, halfen tatkräftig mit bei der geheimen Flucht von Sklaven. Eine Underground Railway wurde geschaffen, mit Haltestellen, sicheren Unterkünften, für die als Einzelne, in Gruppen oder Familien fliehnden. Vom tiefen Süden bis in den Norden entstand so eine Kette von sicheren Orten, Orte, an denen für eine Schlafunterkunft gesorgt war, wo im Idealfall Lebensmittel bereitstanden und Führer sich für die weitere Flucht, zum nächsten sicheren Fluchtpunkt, anboten. Ziel waren die Nordstaaten, oder es ging noch weiter in den Orden, nach Kanada. Dort war ein Mann ein Mann, gleich welche Hautfarbe er hatte. Levi Coffin schrieb nach dem Ende des Bürgerkriegs, dass sich auf seinem Besitz in New Garden ein Höhle befand, die als eine der ersten Stationen der Underground Railway benutzt wurde.

Der schwarze Schriftsteller und Aktivist Tom Dent, übrigens selbst Schüler einer Quäker Schule, erzählt in seinem politischen Reisebericht „Southern Journey“ die unbekannte Geschichte von Greensboro. In den frühen 90er Jahren reiste der „oral history“ Forscher Dent durch den Süden, zu den Brennpunkten des Geschehens der 60er, und damit auch nach Greensboro, um herauszufinden, was sich an den Orten, die damals täglich in den Schlagzeilen waren, in denen heftig um die Bürgerrechte gekämpft wurde, denn inzwischen verändert habe. Seine ernüchternde Bilanz der heutigen Wirklichkeit von Greensboro stimmt – cum grano salis – auch für die meisten anderen der damals im Scheinwerferlicht stehenden Städte im Süden. Tom fasst seine Erkundungen in wenigen Sätzen zusammen: „Der Wandel, der stattgefunden hat, besitzt einen paradoxen Charakter. In den Tagen bevor die Südstaatengesellschaft sich etwas öffnete, konnten sich Schwarze mit dem Gedanken trösten, ganz gleich ob es uns finanziell gut oder schlecht geht, wir sitzen in einem Boot, weil wir die gleiche Hautfarbe haben. Obwohl dieser Satz natürlich meist mit Bedauern und nicht mit Stolz zitiert wurde. Heute sprechen wir über zwei „Boote“, die sich immer weiter voneinander entfernen. Einige wenige Schwarze haben von der Öffnung profitiert, sie können von den neuen Möglichkeiten in den Bereichen Erziehung und Job-Angebote Gebrauch machen. Aber die meisten Schwarzen befinden sich nicht einer Position, den Fortschritt der Jahre nach 1960 für sich nutzbar zu machen.“

In Greeensboro stellt er aber ein anderes Verhalten im Umgang miteinander fest, etwas, das sich in vielen Kleinigkeiten bemerkbar macht. Zum Beispiel an der Art und Weise, wie Schwarze und Weiße inzwischen im Alltag miteinander kommunizieren. In „Southern Journey“ schreibt er: Ein solcher Umgang zeigt einen graduellen Wechsel an, „eine Art ungepflasterter Weg, der unterhalb den Superhighways von Rassenrhetorik und Ideologie verläuft.“

Tom, der hochgewachsene, schwarze Southern Gentleman, mein guter Bekannter Tom, den ich in New Orleans getroffen hatte und mit dem ich viele Gespräche hatte führen können, vor allem auch über seine Erfahrung als einer der Organisatoren des New Orleans Jazzfestes, Tom, der begeistert war von meiner Idee, gemeinsam eine neue Reise zu starten, und einige jener Civil Rights Aktivisten zu interviewen, die er bereits für sein Buch besucht hatte, Tom, der Theater spielte, der lange Jahre mit einer freien Theatergruppe Agitprop Stücke auf den Straßen des Südens spielte, der Gedichte schrieb und mit leiser, warmer, beharrlicher Stimme auf die andauernde Diskriminierung der Schwarzen hinwies, Tom, der viel zu früh verstorbene, hätte Gefallen gefunden an der kleinen Situation, die sich gerade vor meinen Augen entwickelte.

Im engen Mittelgang des Eisenbahnwagens begegnen sich zwei Personen. Ein rundlicher weißer Mann mit Hängebacken und ein schlanker jüngerer schwarzer Mann mit kleinen Locken. Was wird nun passieren? Wer wird nachgeben?

Beide drehen sich leicht zur Seite und lassen dadurch genügend Platz für den anderen. Wie wäre es in den 50ern und den frühen 60ern gewesen? Wer hätte nachgegeben, wer hätte ein Exempel statuieren wollen, oder müssen? Der Gedanke ist falsch: die Situation wäre erst gar nicht entstanden. Weil Schwarze gar nicht mit Weißen zusammen in einem Waggon gefahren sind. Wenn auch im Norden immer wieder behauptet wird, der Süden wäre von Rednecks beherrscht, die Schwarzen müssten sich weiterhin ducken, und wenn sich auch im Gebiet südlich der Mason-Dixon-Linie Rednecks und Rassisten gern weiterhin lautstark als die einzig wahren Vertreter des Südens feiern, diese kleine Szene des zivilisatorischen Umgangs miteinander beweist, dass viele Menschen im Alltag schon weiter sind.

Burlington, N.C.

Einen großen Traum hat Rosie. In Peru arbeitete sie als Krankenschwester, hier will sie später auch wieder in diesem Beruf arbeiten, nachdem sie den Sprachentest bestanden hat. Ihr Mann macht ihr Mut: „Du wirst einen guten Job finden, denn wenn Dein Sprachunterricht beendet ist, wirst Du beide Sprachen perfekt sprechen, Spanisch und Englisch.“

Er wird schon recht haben, denn immer mehr Hispanics kommen in die USA und damit auch nach North Carolina. Aber da ist noch etwas. Ihr Vater starb, als sie noch klein war. Er litt an Gastrodermitis. Rosie wollte eigentlich gern Ärztin werden. Ihre Augen erhalten einen sanften Glanz bei dieser Erinnerung, sie wollte herausfinden, warum der Vater sterben musste, sie wollte zudem herausfinden, wie man diese Krankheit bekämpfen kann. „Ist es nicht wunderbar, wie der Körper funktioniert? Wie er Leben geben kann?“

„Rosie, möchtest Du auch Kinder haben?“

„Ja, aber nicht jetzt. Ich glaube man hat eine große, wie ist das Wort?, Verantwortung?- ja, eine große Verantwortung. Und die Beziehung zu meinem Mann ist – instabil? – nein, vielleicht nicht. Sie ist eher so …“ und sie hält ihre Hände beide ausgestreckt vor sich, allerdings auf unterschiedlicher Höhe. „Vielleicht nächstes Jahr, oder noch ein Jahr später.“

Warum nur bringen mich diese braunen, mandelförmigen Augen und diese wuscheligen braunen Haare so aus dem Gleichgewicht?

Liebe Rosie, ich kann deinen Worten nicht mehr richtig folgen. Statt dessen denke ich an alle Arten von Braun-Schattierungen, an alle Arten von Braun, in Verbindung mit allen Arten dunkler Haare, gekräuselt, glatt, lockig, strähnig, dünne Haare, straffe Haare, duftende Haare, lange Haare, kurze Haare, Haare im Nacken zusammengefasst, mit einem Band verziert, von Spangen gehalten, von Tüchern bedeckt. Braune Haare – störrisch, schmeichelnd, verweht und in Form gehalten. Of thee I sing, brown woman with your wonderful brown hair.

Durham, N.C.

„American football, that is only hitting and running. Hitting and running.” Die Stimme gehört einer jüngeren Frau, die in Durham zugestiegen ist. Sie hat sich auf die andere Seite von Rosie gesetzt und die beiden Frauen plaudern munter darauf los. Die Frau aus Ägypten trug übrigens ein Kopftuch. Das Kopftuch ist nicht zu übersehen, dass sie aus Ägypten kommt, hat sie gleich selbst gesagt. Ihren nächsten Satz habe ich auch noch im Ohr, sie stellte Rosie die Frage: „Weißt Du, wo Ägypten liegt?“ Und das mit hörbar vorwurfsvollen Ton. Rosie weist auf die Pyramiden hin, die ihr wohlbekannt seien.

„Die meisten Leute in Amerika glauben, dass Ägypten in Indien liegt. Sie wissen nichts von den Ländern in Afrika. Und die meisten Leute glauben, wir seien Hispanics, immer wieder werde ich verwechselt.“

Beide Frauen sprechen „broken English“, missverstehen einander, wiederholen, wenn es nötig ist, einen Satz oder ein Wort, beide lachen gern und kramen schon bald Photos aus ihren Taschen hervor. Mein Kopf ruht auf der Papierserviette, die über dem Polster der Kopfstütze liegt.

Besonders das Englisch von Rosie ist manchmal undurchdringlich, unverständlich, aber dann, mitten in einer Reihe von langen Sätzen, die nur durch ausgefuchste Exegese verständlich werden, tauchen plötzlich Amerikanismen auf. „Oh, my God!“, ruft sie aus und lacht laut los, erfreut über sich selbst. „Mein Mann hat mir ein Auto gekauft, zum Geburtstag, und dabei habe ich gar keinen Führerschein. Da habe ich gesagt: Oh, my God!“

Ich wünsche ihr insgeheim, dass sie schon bald perfekt im Englischen ist. Hey, you. Yeah, I mean you. You – you with your perfect brown eyes.

Cary, N.C.

Eine junge schwarze Frau hat rechts neben mir Platz genommen, dass sie eine Studentin ist, das sieht man ihr sofort an. Ich freue mich – denn nun hat diese unwürdige Art, die Ohren zu spitzen und einem Gespräch zu lauschen, das nicht für mich bestimmt ist, endlich ein Ende gefunden. Sie ist bereits in Durham eingestiegen, von dort können die Studenten gleich zu mehreren Unis ausschwärmen. Sie trägt eine kreisrunde Brille, hat ihr glattes Haar zu zwei niedlichen Zöpfen zusammengeflochten. Zwei Zöpfe, die bis zu den Schultern fallen. Das glatte, intelligente Gesicht hat eine absolut passende Verzierung in der kleinen Stupsnase. Meine Nachbarin ist klein, so dass sie die Füße untereinander schlagen kann, sie räkelt sich im Schneidersitz zu einem bequemen Sitzen zurecht. Kaum fährt der Zug an, holt sie ein Buch aus ihrer Tasche, die Worte „Frederick Douglass“, erspähe ich, es kann nur die Autobiographie von Frederick Douglass sein, veröffentlicht unter dem umständlichen Titel „Narrative of the Life of Frederick Douglass, an American Slave, Written by Himself“, die klassische Lebensgeschichte vom gepeinigten Sklaven, der seinem Herrn und Master entkommt und im Norden zum großen Redner und Anführer seiner weiterhin gebundenen Brüder wird. Ich frage nach dem Buch, bekomme eine einsilbige Antwort. Douglass, der entflohene Sklave, der eine steile Karriere vor sich hat – vielleicht möchte sie nicht mit einem Weißen über dieses große Vorbild der Schwarzen sprechen? Einen Trumpf habe ich, soll ich ihn ausspielen? Frederick Douglass war mit einer Deutschen verheiratet. Soll ich es erwähnen? Lieber nicht, so früh in unserer Zugbekanntschaft.

Ihre Kurzantworten auf meine allzu neugierigen Fragen:

„Nach Philadelphia.“

„Zu meiner Schwester, übers Wochenende.“

„Heute ist College Tag, da werden keine Unterrichtsstunden abgehalten.“

„Sie heißt University of North Carolina at Chapel Hill. Ja, das ist eine gute Schule.”

„Politik, Psychologie und Geschichte. Dieses Buch für Politik.“

„Vielleicht gehe ich später noch auf eine Law School.“

„Das weiß ich noch nicht. Irgendetwas in der Politik. Vielleicht politischer Analysator. Oder Berater für Politiker, bei Vorbereitungen für Wahlkampagnen. Ja.“

Dann kramt sie einen CD Spieler heraus, legt eine CD ein, ich kann nicht erkennen, welche es ist, stülpt sich Kopfhörer über die Ohren und schlägt ihr Buch erneut auf. This is America.

Raleigh, N.C. Selma, N.C., Wilson, N.C.

Aber auch das. Die beiden jungen Frauen links von mir haben die Familienphotos beiseite gelegt und sprechen über ihre Erfahrungen in Amerika. Und da meine Nachbarin alle meine Annäherungsversuche glatt und ohne Umschweife ablehnte, bleibt mir gar nichts anderes mehr übrig als mich wieder nach links, über den Gang hinweg zu orientieren. Das rede ich mir zumindest ein.

Rosie: Es sind immer nur weiße Leute, die sagen, wo kommt ihr her? Warum geht ihr Hispanics nicht zurück in das Land, wo ihr herkommt. Wir brauchen euch nicht. Und sie lügen, sagt mein Mann. Diese Weißen sagen der Regierung, dass sie keinen Job haben, aber das stimmt nicht. Ich sehe sie, sie haben keinen Job aber fahren ein teures Auto, haben ein Haus, das die Regierung ihnen gegeben hat.“

Und die Frau aus Ägypten, die bereits einen amerikanischen Pass besitzt, will wissen, ob Rosie die jüngsten Nachrichten gesehen habe. Wieder einmal hätte es einen Anschlag gegeben, wieder einmal hätten Israelis auf Palästinenser geschossen. Aber davon würde in den Nachrichten nie die Rede sein, die schlimmen Taten der Israelis würden nicht als schlimme Taten betrachtet. Immer seien die Palästinenser schuld. Aber was hättest Du gemacht, wenn jemand in Dein Haus gekommen wäre, hätte Dich vertrieben und Dir befohlen, irgendwo ganz anders zu leben, und Dich dann von dort noch einmal vertrieben hätte. In Amerika sage niemand etwas Gutes über Palästinenser. Im Kongress, im Senat und im Repräsentantenhaus, sitzen viele reiche Juden, die passen schon auf.

Ich erinnere mich an Memphis, dort protestierten gut Hundert Menschen auf der Straße, sie schwenkten palästinensische Fahnen und trugen Plakate mit makabren Parolen. Wenn ich es richtig einschätzte, waren es vor allem arabische Amerikaner, die sich hier zusammen gefunden hatten, auf ihren Plakaten stand zu lesen:„Zionism is Nazism“, auch „Genocide in Palestine“. Der Anlass: Die israelische Armee hatte bei einer Vergeltungsaktion für einen Bombenanschlag mehrere Menschen getötet, Palästinenser, unter ihnen war ein arabischer Israeli, die Vorwürfe, diese Palästinenser seien mit den Bombenwerfern identisch, konnten nicht belegt werden. Das war schlimm, das zeigte die Aggression der Polizei in Israel, zeigte das rücksichtslose Vorgehen der Armee – aber in aller Deutlichkeit muss es den zu Recht Wütenden gesagt werden – dies ist nicht der erste oder zweite Schritt eines Genozid an den Palästinensern. Und wenn Terrorakte von jüdischen Siedlern von der Polizei geduldet werden, von der gleichen Polizei, von den gleichen Soldaten, die bei Steinwürfen palästinensischer Jugendlicher mit Gewalt, mit Gummigeschossen reagieren, dann zeigt das ein Messen mit zweierlei Maß, aber es ist kein Zeichen dafür, dass die Israelis das Erbe der Nazis angetreten haben.

„Oh, my God!“

Rocky Mount, N.C. Departure 1:30 p.m.

Dies ist unser letzter Halt in North Carolina Seite, jetzt betreten wir, befahren wir das Gebiet von Virginia. Eine ganze Weile ziehen draußen Sümpfe vorbei. Dunkelgrünes, stehendes Wasser, undurchdringlich scheinende Wälder, wieder Sumpfgebiete, sowohl links als auch rechts: Sümpfe. Dennoch haben die Eisenbahnpioniere auch diese Hindernisse überwunden. Wer wird hier beim Bau der Eisenbahn sein Leben verloren haben? Waren es auch hier vor allem Iren und Chinesen? Oder waren hier auch schwarze Sklaven beim Gleisbau eingesetzt?

Dann weitet sich der Blick, immer noch fahren wir durch Sumpfgebiet, doch hier muss vor kurzem ein Feuer gewütet haben, die schwarz verkohlten Baumstümpfe ragen unheimlich aus dem brackigen Wasser.

Bill hat übrigens in Rocky Mount den Zug verlassen, Bill war bereits seit Charlotte unser treuer Begleiter, und eigentlich sieht Bill aus, als habe er die Brüder Jesse und Frank James noch aus der Schulzeit gekannt. In Rocky Mount wird er sich einen Hamburger und einen Soft Drink gönnen, dann geht es wieder zurück, mit dem Gegenzug zurück nach Charlotte. Bill hat nach Selbstauskunft immerhin 87 Jahre auf dem Buckel. Er ist längst schon pensioniert und arbeitet doch noch, seit Jahren wirkt er für die North Carolina Eisenbahn. Ach so, das ist ein Missverständnis, für die Eisenbahn arbeitet er erst seitdem er pensioniert ist, seinen Lohn hat er sein ganzes Leben lang in einer Fabrik verdient, nicht auf der Lokomotive oder als Zugbegleiter. Vor sieben Jahren, mit stattlichen 80 also, sah er eine Anzeige in der Zeitung, da wurden Freiwillige gesucht. Nichts wie hin zur Amtrak, sagte er sich. Er lebt alleine, seine Frau ist gestorben, was soll er immer nur zuhause sitzen? Aber, wie gesagt, da war er auch erst 80. Nun begrüßt er auf der Strecke zwischen Charlotte und Rocky Mount jeden Fahrgast einzeln. Wo geht es hin, wo kommt man her?. Frauen gegenüber ist er besonders rücksichtsvoll, bittet sie, einen Augenblick zu warten, dann zieht er los, um hier oder im nächsten Waggon einen besonders guten Platz zu suchen. Er geht mit festem Schritt im Mittelgang auf und ab und hat für jeden ein ganz spezielles Lächeln.

„Hope you enjoy your ride with Amtrak!” Er möchte wirklich, dass wir uns wohlfühlen.
„Bill!“

„Yeah?“

„Bye, ‘t was good to ride with you!“

„Sure thing!“

“Petersburg, Virginia will be next.”

Unser Zugschaffner ab Petersburg ist schwarz, adrett gekleidet und er trägt seine Mitteilungen an uns im Sprechgesang vor. Ob er ein verkappter Rapper ist? Ob er insgeheim offt, dass einer der Produzenten der jungen Wilden aus New York und LA mit im Zug sitzt?

„Petersburg, Virginia, is our next stop.

You wanna catch some fresh air,

You gotta wait for Richmond,

Richmond’s the place for you

There you might step out,

But not in Petersburg,

so just be-

ware.

Be-

cause

Petersburg

will be next.”

„The Siege of Petersburg“, die Belagerung von Petersburg, so ist diese Stadt in den amerikanischen Geschichtsbüchern aufgehoben. 25 Meilen südlich von Richmond, der von Robert E. Lee hartnäckig verteidigten Hauptstadt der Konföderierten, war Petersburg plötzlich von zentraler Bedeutung. Vor allem wegen der verschiedenen Eisenbahnlinien, die sich hier trafen, und auf die Eisenbahn war General Lee angewiesen, nur durch die Eisenbahn konnte er seinen Nachschub erhalten. Das Ziel seines Gegners Grant war also offenkundig, er wollte Petersburg von Richmond trennen, und das konnte nur gelingen, da er die Stadt nicht erobern konnte, wenn er die Eisenbahnlinien, die von Süden aus die Stadt erreichten, besetzte und zerstörte. Links von uns müsste der Appomattox River zu sehen sein, dort, im Appomattox County Court unterzeichnete Lee nur eine Woche nachdem Petersburg nach einer über neunmonatigen Belagerung gefallen war, die Kapitulationsurkunde. Wir müssten uns jetzt entweder auf dem Gleisbett der ehemaligen Southside Railroad oder der Weldon Railroad dem Bahnhof von Petersburg nähern. Eine dritte Linie, die Norfolk & Petersburg Railroad ist zu weit östlich. 30 000 Soldaten der Konföderierten sind hier in Petersburg beerdigt, eine lange harte Schlacht wurde um diese Stadt, um diese Eisenbahnlinien geschlagen, erbittert, mit immer wieder wechselnden Geländegewinnen, ein Abschlachten fand hier statt, dass in Europa noch unbekannt war, erst auf den Schlachtfeldern vor Verdun musste der alte Kontinent diese neue Lektion in Sachen Krieg erlernen.

In einer zweiten Weise noch war die Belagerung von Petersburg auch ein Kampf um die Herrschaft über die Eisenbahn. So wie Lee in Richmond, war Grant mit seiner Besatzungsarmee von den Lieferungen abhängig, die über die See geschickt wurden. Lee war auf den letzten Seehafen der Konföderierten, auf Wilmington, North Carolina angewiesen, und nachdem die Union die Eisenbahnverbindung nach Petersburg endgültig gekappt hatte, mussten alle Vorräte mühsam über Karren auf der Straße transportiert werden. Grant wiederum setzte auf seine Spezialisten, die Eisenbahnpioniere der Armee. Eine eigene Eisenbahnlinie wurde geschaffen, vom Hafen City Point aus, in dem die Schiffe aus dem Norden gelöscht wurden, und von hier aus wurden die Güter zu den Stellungen gebracht, so konnten die 100 000 Mann und die über 65 000 Maultiere und Pferde versorgt werden. 21 Meilen Eisenbahnschienen wurden verlegt, der winzige Hafen von City Point wurde zu einem Großumschlagplatz. Und damit die Eisenbahnen nicht nur in einer Richtung Transporte bewegten, wurde in City Point auch ein großes Feldlazarett errichtet. Die Züge, die Waffen, Nachschub und Verpflegung vom Hafen direkt an die Front brachten, nahmen auf dem Rückweg die Verwundeten mit.

„Bless you!“, sagt die junge Frau neben mir, als ich plötzlich laut niese. So laut kann ihre Musik also nicht sein. Neugierig frage ich sie, was sie denn so höre, welche CDs sie noch in ihrer großen Tasche mit sich herumtrage.

Die knappe Antwort, die ich bekomme: Phish, Dave Matthews Band und die Indigo Girls. Was sagt das über sie aus? Phish, das sind progressive, leicht verrückte Rockmusiker, eine weiße Band von Neo-Hippies, die besonders an den Unis erfolgreich sind, Dave Matthews, eine schwarz-weiße Band, die aus Virginia stammt und die beiden jungen Frauen, die als Indigo Girls firmieren, mit ihren spritzigen und witzigen und frechen und auch sentimentalen Liedern, das sind vielleicht ihre Heldinnen. Aber Halt, es sind zwei weiße Frauen. Also ist die Gemengelage doch nicht mehr so leicht zu klären.

Immerhin, das Eis ist angetaut, jetzt erzählt sie von ihrem großen Europa Trip. Sie spielt Klarinette, war Mitglied der High School Band, einer klassische Kapelle. Ein Stopp in Deutschland war auch vorgesehen. „Guess where?“ – natürlich Heidelberg, gar keine Frage, aber leider regnete es in Heidelberg. Ich kontere mit meinem Besuch beim Blues Festival in Helena, Arkansas. „Nein, noch nie gehört. Beim Blues kenne ich mich nicht aus.“ Ich nenne Namen, zuerst James Cotton, den großen alten Mundharmonikaspieler, früher auch Sänger, jetzt nur noch Instrumentalist, die Stimme ist hin. „No, I don’t know him.“ Er war kongenialer Begleiter von Muddy Waters in dessen früher Band in Chicago. „Oh, cool.“ Höflich ist sie also auch noch. Nimmt es mir nicht übel, dass ich sie bedränge, dass ich nicht locker lasse. Warum soll ausgerechnet eine junge Studentin aus Chapel Hill, North Carolina mit dem Blues vertraut sein? Will ich sie doch lieber nach einem Klischee einordnen? Nach meinen Vorstellungen? Und vielleicht lässt sie sich eben nicht so einordnen, wie ich das sofort bereit war zu tun. Wenn ich sie genauer anschaue, fällt mir auf, dass ihre Eltern, ihre Großeltern auch aus ganz anderen Teilen der Welt stammen könnten. Vielleicht kam ein Teil ihrer Vorfahren aus Indien. Sofort funkt es bei mir, ja, gewiss, wie im Film, wie in „Mississippi Marsala“, dort wurde die indische Minderheit im Lande gezeigt, und der Film zeigte übrigens auch, wie stark die Abgrenzungsgedanken auch auf schwarzer Seite sein können. Eine völlig neue Perspektive, Rassismus auf den Kopf gestellt. Ein Schwarzer, ein Schwarzer aus einer Familie von Mittelklasse Schwarzen, (gespielt von Denzel Washington) der eine Inderin heiraten möchte? Gott bewahre. (Die schöne Differenziertheit des Blicks aus braune und schwarze Menschen ließ der Regisseur leider bei der Darstellung der Weißen vermissen, die waren nur: tumb.)

Und wenn die Vorfahren meiner Sitznachbarin aus unterschiedlichen Ethnien stammten, Afro-Amerikaner und Inder? Wo soll sich da der direkte Bezug zum Blues herstellen? Beschämt wende ich den Blick nach draußen. Dann fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Das wird keine Sache sein, die auf Schwarz-Weißen Urteilen und Vorurteilen beruht, das wird eine Frage des Alters sein. James Cotton, das ist ein alter Mann. Cotton ist vielleicht 75 Jahre alt, die junge Frau neben mir schätze ich auf Anfang oder Mitte 20. Was erwarte ich von ihr? Und was könnte James Cotton ihr noch sagen. Andererseits, wenn der Blues einen ergreift, dann kann er über Grenzen hinaus wirken. Bitte schön, bin ich kein Beispiel? Fahre ich nicht Tausende von Kilometern, um einen im Lande selbst kaum bekannten Mundharmonika-Spieler, dessen Stimme vom Alkohol und vom Rauchen mehr als beschädigt ist, zu sehen und zu hören? „Phish“, du komischer Phish, du komischer weißer Fisch, das denke ich noch klar, dann bin ich wohl kurz eingeduselt.

Mit einem Ruck bin ich wieder wach, ein lautes Pfeifen kündet an, unser Lokführer hat einen Unvorsichtigen an den Gleisen erspäht. Draußen ist eine weiße Holzkirche zu sehen, dann ein Trailer Park. Heruntergekommene Trailer, einige in gefährlicher Schräglage. White Trash – so werden die Bewohner abfällig genannt. Ich hörte neulich, dass junge, rebellierende Weiße sich den Namen aneignen, sie nennen sich selbst so, sind stolz darauf White Trash zu sein. Johnny Cash, dessen Eltern arme, wirklich arme Farmer in Arkansas waren, geboren ist Cash in Kingsland, Arkansas, Farmer, die das Schicksal so vieler vom Land Vertriebener Farmer in den späten 30ern durchlitten, Sohn Cash hat ein Lied aufgenommen, das White Trash nicht mehr ganz so negativ klingen lässt: Lass den Donner grollen, lass die Blitze die Nacht erhellen, „I’m doing all right for Country Trash“. Das ist die Selbstbehauptung des armen weißen Mannes, ja, die Mutter macht Haschee aus dem übrig gebliebenen Mittagessen, „but I’m doing all right for Country Trash“. Ein gewundener Weg, ein weiter Weg, aber immerhin, ein paar Schritte aus der Ecke heraus ist man schon gekommen. Die dumpfe Wirklichkeit des „he don’t know his ass from a hole in the ground“ wird hier endgültig abgeschüttelt. Und ein wirklich erwachsener Weißer ist dann auch kein Ansprechpartner mehr für den Klan.

Die Eisenbahn hat Little Johnny Cash sehr gut in Erinnerung, der Vater, nachdem er die Farm aufgeben musste, hat Obst gepflückt und beim Eisenbahnbau gearbeitet, und das Haus der Familie Cash stand nahe bei den Gleisen. Wenn Daddy vom Pflücken der Pfirsiche in Georgia zurückkam, sprang er aus dem fahrenden Güterzug herunter, ließ sich die Böschung runterrollen und landete direkt vor der kleinen Veranda.

Ein Schild „No Trespassing“, die Warnung direkt neben den Gleisen ist nun wirklich notwendig, der Zug hat das Zockeln endgültig satt und gewinnt kräftig an Fahrt. Zwei, drei holzüberdachte Veranden, die Bäume davor in den roten und braunen Tönen des Frühherbstes. Noch ein Schild: Subs Dogs Meats. Die Abgründe der amerikanischen Sprache.

Und draußen wieder Kudzu, wie im Barockgarten sehen die Figuren aus, die entstehen, wenn das Kudzu die Bäume und die Reklametafeln überwuchert. Giraffen sieht man, Elefanten entstehen, Nashörner glaubt man zu erkennen, im fürstlichen Garten war es der herrschaftliche Obergärtner mit seinen Gehilfen, der zur Freude des Herren in langen Arbeitsjahren die Lorbeerbüsche und Taxushecken kunstvoll umformte. Hier ist der Kudzu einfach nicht zu stoppen.

Es ist ganz offenkundig, unser Schaffner fühlt sich wohl, auch er ist ein Zugbegleiter aus Passion.

„Ich bin der Mann mit der blauen Mütze,

sie sieht aus wie eine Baseballmütze.

Vorne hat man einen weißen Stern draufgenäht,

so kann mich jeder gleich erkennen.
And you, Sir, where you goin’?

New York.

That’s good. Da bleiben Sie uns lange erhalten, und gut für Sie, dass Sie ein Buch mitgenommen haben.”

Er wendet sich dem Nächsten zu, auf der anderen Seite des Mittelgangs, dann blickt er noch einmal zurück zu mirund sagt ziemlich überzeugend: „Schön, dass wir Sie heute dabei haben dürfen.“

Ach, wie schön, diese freundliche, zuvorkommende – ja, ja, gewiß auch oberflächliche, dafür aber äußerst angenehme – Freundlichkeit gegenüber Fremden in diesem Land.

In North Carolina war die Strecke eingleisig, nun, in Virginia, haben wir ein Nachbargleis. Hohe Pinien stehen zu beiden Seiten der Gleise, sie besitzen ein wunderbar helles Grün, ihre leichten, langen Nadeln wiegen sich sacht im Wind. Dann folgt ein großes Baumwollfeld. Von weiter hinten im Waggon ertönt eine dunkle Samtstimme: „This cotton patch needs a-pickin’.’“

Blitzartig ziehen Assoziationen durch den Kopf: die sepia-getönten Photos von gebückten Sklaven, Männer, Frauen, Kinder, die lange Säcke mit Baumwolle hinter sich herziehen; die ersten Takte eines Songs von Creedence Clearwater Revival, When I was a little bitty baby, my mama would rock me in the cradle, in them old cotton fields back home“; Schwarz-Weiß Photos aus den 30er Jahren, Sandstürme, die über die Felder blasen, wo nie mehr genügend fruchtbare Erde da sein wird, um Baumwolle anzupflanzen; die Erinnerung von B. B. King, dem regierenden Blues-König, der den Traktor des weißen Landbesitzers in den Graben am Baumwollfeld fährt, und losrennt, nach Norden, in die Städte; weiße Baumwolle, schwarze Hände, die den Reichtum weißer Plantagenbesitzer begründen. „This cotton patch needs a-pickin’“, vorbei, nichts mehr von Baumwollfeldern zu sehen, die Pinienwälder nehmen uns auf.

„Das wollen wir jetzt einmal besonders schön machen“, sagt der junge Mann hinter der Theke des Bistrowagens. Vor ihm steht eine weiße Styroporschachtel und darin verstaut er nun das Lunchgericht des Tages, Fisch in einer weißen Sauce, Kartoffeln in Schale, als Gemüsebeilage Karotten und Broccoli. Allerdings möchte der Mann in der Schlange vor mir, für den die Speisen zusammengestellt werden, auch einen Soft Drink. Und dann stellt der Attendant zu allem Überfluss fest, dass zum Lunch auch noch ein Brötchen gehört. „Wir müssen das nun sehr schön machen“, wiederholt mit einem verzweifelten, gehauchten Fragezeichen am Ende seines Satzes. Der Plastikdeckel lässt sich nicht schließen, er schließt auch dann noch nicht, als er das Brötchen fest auf den Fisch drückt und er diesem damit eine deutliche Delle verpasst. Der Mann vor mir zuckt merklich zusammen, als er sein Lunch so zurecht gerückt und gedrückt sieht, der Mann hinter der Theke hat für solche Sensibilitäten im Augenblick kein Auge, denn er will es immer noch besonders schön machen, drückt nun mit aller Kraft das Brötchen in Fisch und Sauce hinein, um Platz in der Schachtel für die Cola Dose zu schaffen.

„Ich habe es nicht weit bis zu meinem Platz, ich kann das so gut tragen, wie es jetzt ist.“ Der letzte verzweifelte Versuch des Kunden führt ins Leere, der junge Mann ist so sehr damit beschäftigt, alles ganz schön zu machen, dass er sogar beginnt, seinen Charme zu verlieren.

Ein Auto biegt auf einen weißen Kiesweg ein. Die Geräusche sind durch das Zugfenster hindurch nicht zu hören. Im Kopf beginnt sich ein Satz festzuhaken: „Car wheels on a gravel road.“ So muss es klingen. Das Zugfenster liefert die Videobilder zu der Melodie, die sich im Kopf festgehakt hat. Und die ganze Melancholie des Songs von Lucinda Wiliams ist durch diese Assoziation auf einmal präsent. Car wheels on a gravel road. Was wird da kommen? Wer kommt da? Wer kommt da zu spät?

In Hendersonville hatte ich einen Musik Laden entdeckt, auf der liebevoll renovierten Main Street, der Neues und Gebrauchtes anbot. Ich kaufte drei Kassetten und freute mich schon bald mitsingen zu können. Ich würde im Auto die Interstate hinabbrausen, Richtung Charlotte und sänge: North to Alaska, we’re going north the rush is on. Würde keinen Sinn machen, denn mein Weg führte mich ja in den Osten. Johnny Horton aber dürfe man nicht widersprechen. Ungeduldig riss ich das Cellophanpapier auf und versuchte, die Kassette in den Schlitz vorne im Armaturenbrett zu stecken, dem ich bis jetzt noch keine Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Irgend etwas war falsch, mein Schieben und Drücken half nicht. Es ging nicht. Ich schaute genauer hin und war kurz völlig verblüfft: selbst in der preisgünstigsten Kategorie verlieh die Firma Dollar Rent A Car bereits Autos mit Radio plus CD Recorder. Kassetten sind endgültig out. Was wird jetzt mit dem Weg zum Yukon River? Ob ich wenigstens den Refrain alleine hinbekomme? Einige Zeilen der ersten Strophe fehlen mir, nach „They crossed the Yukon River and found in a bonanza gold“ stolpere ich bereits, dann kann ich groß einsteigen: „Where the river is winding, big nuggets they’re finding, north to Alaska, we’re going north the rush is on“. Ach, schön. Zum Glück bin ich alleine im Auto.

Kurz hintereinander überquert die Eisenbahn zwei große Flüsse, der erste führt dunkelbraunes, moddriges Wasser, der zweite dunkelblaues Wasser. Ob sich im Wasser der beiden Flüsse kleine Schildkröten tummeln? So wie ich sie in Mississippi gesehen habe?

Es ist natürlich kein Zufall, dass mir jetzt plötzlich ein Stück Literatur einfällt, diese Abschweifung wäre vorhersehbar gewesen. „The Man in the Brooks Brother Shirt“, so heißt der Text. Diese Short Story lag abgespeichert im Gedächtnis, irgendwo neben Johnny Horton und Lucinda Williams. Mary McCarthy beschreibt eine junge Frau, die ein delikates Abenteuer im Schlafwagen des Zuges erlebt, der sie quer durch den ganzen Kontinent, von Osten nach Westen führte. Die selbstbewusste, sexuell unabhängige Frau, trifft im Club Car einen Mann, den sie als „middle-aged baby“ oder als „young pig“ sieht. Das hindert sie nicht daran, sich im Pullman Schlafwagen von dem ach so durchschnittlichen, vulgären Mitreisenden aus Cleveland, Ohio verführen zu lassen. Heute hätte ihr Held wohl ein Hemd von Ralph Laren an oder von Tony Hilfiger, damals trug er das klassische Brooks Brothers Shirt. Mit Button Down, die Kragen mit kleinen Knöpfchen versehen seit 1896, als ein früher Mr. Brooks englische Polospieler beobachtete, die Kragen der Reiter flatterten nicht im Wind, weil sie angeknöpft waren. Der verführte Verführer hatte übrigens nicht das sonst allseits beliebte, das blau-weiß gestreifte Design ausgewählt, nein, er trug ein grünes, mit dunkelgrünem Emblem, dazu eine dunkelgrüne Krawatte, das Emblem konnte man sich aussuchen, wenn man ein Dutzend maßgeschneiderter Hemden bestellte. Es ist eigentlich klar, wie die Autorin die Sympathie verteilt haben möchte, über wen wir uns lustig machen können – und doch ertappen wir uns dabei, viel eher für diesen Mittelmäßigen Mitleid und später fast Respekt zu empfinden. Obwohl er, incredibile dictu, der intellektuell Unterlegene ist.

Die Literaturkritik fand jedenfalls eine dankbare Aufgabe, herauszufinden, was es mit diesem Mann auf sich hatte. Und wie das war mit den geheimen Treffen in New York, und was in New York dann wirklich zwischen ihnen gelaufen. In ihren „Intellectual Memoirs“ gab McCarthy 50 Jahre danach die Identität preis, sie hatte etwas übertrieben, oder untertrieben, denn der Stahl-Manager war ein höherer Angestellter einer Firma, die mit Heizungsrohren und sanitären Einrichtungen handelte, und Mr. Black, aus Pittsburg, war nur noch einmal in ihrem Leben aufgetaucht. Er hatte Karten für ein Baseball Spiel dabei.

Vor kurzem kaufte der britische Konzern Marks and Spencer, der auch in Europa nicht mit dem Gerücht zu kämpfen hat, hier würde ein Ausbund an modischem Schnickschnack angeboten, die Firma auf. Heute taucht ein italienischer Name an der Spitze der CEOs auf, die beiden Fabriken allerdings, die nach wie vor jene klassischen Hemden produzieren, sind angesiedelt – im Bundesstaat North Carolina. Der Grund? Ich wette meinen letzten Dollar, dass dies etwas mit der Feindlichkeit der Südstaaten-Fabrikbesitzer gegenüber Gewerkschaften zu tun hat. Oder, ganz plump ausgedrückt: die Löhne sind in North Carolina einfach niedriger als in New York. Und siehe an, ein früherer deutscher Außenminister, so wird berichtet, geht auf Shopping Tour in Washington, aus Frust, so wird kolportiert. Die Abbildung in der Zeitung zeigt ihn – im Brooks Brothers Shirt. Blau,weiß, gestreift.

Für Mary McCarthy war es anscheinend ein leichtes, die bleierne Zeit der 40er und auch der 50er und 60er zu elektrifizieren, ihre Blitze konnten Unheil anrichten, im Leben ihrer Feinde, und davon hatte sie einige, und im Leben ihrer Freunde, aber genau so kräftig fuhr sie hinein, wenn ihr seichte Literatur vorgesetzt wurde. Ihr kurzer, aber kräftig gewürzter Erinnerungsband „Intellectual Memoirs“ beginnt mit einem denkwürdigen 1. Mai, als sie kommunistische Slogans rufend durch die Straßen marschiert, das war kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, aber wichtiger als die Slogans war ein junger, blonder Mann, der neben ihr marschierte, ihre Erinnerung wird beherrscht von dem Gefühl „We were having fun“, und wenige Jahre später, so bekennt sie, nach der Scheidung von jenem blonden jungen Mann und kurz vor der zweiten Scheidung, die erste Trennung war im übrigen der Grund für ihre Eisenbahnfahrt in den Westen, nach Reno, zwischen den beiden Ehen gab es in ihrem Ein-Zimmer-Apartment in der Gay Street, nomen est omen, einen stetigen Männerverkehr. An einem einzigen Tag, so gibt sie erschrocken und stolz zugleich preis, gingen ihr gleich drei Männer ins Netz,

Warum nur lebt sie nicht mehr, zu gerne würde ich mit dieser Frau ein Gespräch führen. Sie zu einem Abendessen einzuladen, vielleicht zu „Max und Moritz“ in Brooklyn, einem österreichischen Restaurant, das gäbe einen schönen Anknüpfungspunkt. Ob ich sie den ganzen Abend aber alleine unterhalten könnte? Es sollte noch jemand dazukommen. Man könnte eine kleine Party arrangieren, wie damals in Truro. Als McCarthy mit ihrem damaligen Mann Edmund Wilson, dem gerühmten homme de lettres, Picknicks am Strand veranstalteten, dazu würde ich gerne, wie damals auf Cape Cod, auch Dwight MacDonald und Frau eingeladen, man könnte sich trefflich über Filme streiten. Damals, so Mary McCarthy saßen die Freunde im Mondlicht zusammen und lasen Shakespeare, laut, mit verteilten Rollen.

Eine Einladung zu solch einem Wochenende in Massachusetts hätte ich zu gerne angenommen. Vielleicht wären noch andere Gäste gekommen, einige davon aus Europa, denn Mary McCarthy hatte viele europäische Emigranten in ihren Freundeskreis. Hannah Arendt gehörte dazu, deren Mann Heinrich Brüning wurde ebenfalls in das freundschaftliche Verhältnis einbezogen. (Die eigenen vier Ehemänner ließ sie aus den engen Freundschaften übrigens lieber außen vor.) Ein weiterer Vertrauter war Niccolo Tucci. Er beschrieb sie einmal so: „Sie trank gern, sie kochte gern, sie liebte gern, sie war gern mit Freunden zusammen und sie liebte es zu kämpfen.“

„You don’t often find that,“ schließt er nüchtern an.

Welch Geistes Kind Tucci war, – übrigens: Niccolo Tucci erscheint vielleicht manchem als Quintessenz eines italienischen Namens, doch sein wirklicher Name war: Bartolomeo Stravolgi, in Italien arbeitete er eine Weile für Mussolinis Propagandaministerium – erhellt vielleicht die Ãœberlegung, mit der er seinen 1962 erschienenen ersten englischen Roman begann: I was born before my time. When my time came, the place was occupied by someone else. It was always too early or too late. Ein Mann des 19. Jahrhunderts, der im Jahr vor der Vollendung des 20. Jahrhunderts starb, der Mussolini und den italienischen Faschismus bekämpfte, er emigrierte 1938, und der Gedichte schrieb, die rührend sind.

Das könnte ich zumindest versuchen: ich könnte Rosie ein Gedicht überreichen. Little Brown Eyes, so soll es heißen. W. D. Griffith lässt grüßen, aber warum soll man keine guten Ideen noch einmal benutzen?

Little Brown Eyes

I could tumble the dice

Rake in all the riches
But one glance from your eyes

Leaves my frivolous mind

In need of more than eight stitches

Ach ja, und das hat mit ihrer Geschichte Mary McCarthy getan.

Richmond, Virginia.

Viele steigen aus, wollen sich die Füße vertreten. Auch eine Mutter mit zwei Kindern, sie hat die Kinder im wörtlichen Sinn an die Leine gelegt, den Kleinen scheint es nichts auszumachen. Es beruhigt mich, dass die Leine sehr lang ist. Drei hartnäckige Raucher kommen der Aufforderung „A break for a cigarette“ nur zu gerne nach. Ich zögere, bevor ich den Bahnsteig betrete, was mache ich, wenn der Zug ganz plötzlich anfährt, schaffe ich es, noch schnell aufzuspringen? Dann atme ich allmählich ruhiger, ziehe schließlich genüsslich die Luft ein. Heute hetzen mich keine 18-Wheeler. Heute wache ich bestimmt nicht schweißgebadet auf, weil im Schlaf immer wieder die Riesen-Lastwagen bedrohlich nahe an der hinteren Stoßstange kleben. Im Traum höre ich sie hupen, wie am Tag zuvor erlebt, dann schwenken sie nach links oder rechts aus und überholen mich. Sofort fällt mir Christine Balfas Geschichte dazu ein, sie hat gleich zwei nahe Verwandte bei einem solchen Unfall verloren, ihr Vater und ihr Onkel, beides berühmte Cajun Musiker sind bei einem Unfall ums Leben gekommen. Dirk Powell, ihr Mann, hat es ganz lapidary so ausgedrückt: „They were crushed to death by an 18-wheeler.“ Jetzt trägt Christine die Fackel der traditionellen Cajun Musik weiter. Dieser Tage hatte sie mit ihrer Gruppe Balfa Toujours einen Auftritt in New York. Anlass war eine Jubiläumsfeier der Firma – oder Familie – Rounder Records. Die New York Times schrieb: sie steckten alle an mit ihrer meisterhaften Lockerheit. Ob Christine Balfa aus Louisiana mit dem Zug nach New York gefahren ist?

Wir werden zurück gescheucht auf unsere Plätze, unser Schaffner ist wie der gute Hirte, er verliert so schnell keinen aus seiner Herde.

Langsam verlässt der Zug den Bahnhof von Richmond. Eine ältere schwarze Dame sucht ihren Platz. Sie trägt einen kreisrunden Strohhut mit weiter Krempe, um die Krempe ein buntes Band. Sie hält ein Taschenbuch in der Hand, drei Worte des Titels kann ich erkennen, als sie an unserer Reihe vorbeigeht: „Lost Boy“ und „Love“. Ganz langsam fährt der Zug, die Fenster bieten den Blick auf die Mansions von Richmond an, die wie in einer Perlenschnur an der Eisenbahnlinie aufgereiht sind. Große Häuser, alle aus Holz erbaut, alle nur ca. 100 Meter von den Gleisen entfernt. Die Hintertür öffnet sich zum Garten, der Weg führt hinunter zu den Gleisen. Ob in den good old days der Zug vor jedem Haus anhielt? Auch in den weitgefächerten Vororten, die wir jetzt durchfahren, sieht man viele weiße, großzügige Häuser mit breit ausladenden Veranden. Die Rasenkanten sind scharf geschnitten, alles ist piekfein und gepflegt. „For one day the spectacles came to Virginia“ titelte eine Zeitung, als die zweite der beiden Debatten der Präsidentschaftskandidaten in Wake Forest stattfand. Die Nation saß vor den Geräten, heute schaut niemand auf, als wir Wake Forest passieren. Die ganze Nation? Vom Flughafen aus hatte ich an diesem Abend ein Sammeltaxi in die Stadt genommen und frohgemut in die Runde gefragt: Sehen Sie alle zu heute Abend? Werden Sie auch die Familie vor den Fernsehapparat rufen um die Geschichte genau zu verfolgen.

Eine längere Pause, dann antwortete der schwarze Taxifahrer unter beifälligem Nicken zweier Geschäftsleute: „Heute Abend? Das Spiel der Cardinals gegen die Mets? Sicher, das schau’ ich mir an.“

Ich habe immer noch Mary McCarthy im Kopf und versinke in den braunen Augen meiner Reisebegleiterin. Rosie ist katholisch, da kann ich mithalten, das hilft. Und übrigens, fällt mir gerade ein, Mary McCarthy war auf einer katholischen Privatschule. Diese Religion hat schon etwas durchaus Praktisches, die Einrichtung der Beichte nämlich, die Vergebung, das Aufsagen von zwei Vaterunser, das löscht die Sünden. Man darf allerdings nicht zu früh gehen, vor der Ausübung der Sünde, erst zu dem Zeitpunkt, wo man gewiss ist, der Teufel hat dich nicht mehr am Schlafittchen. Doch seien wir ehrlich, eine solche Sünde bedarf wahrlich mehr als nur zwei Vaterunser. Ein wenig mehr fordert jeder Beichtvater, zumindest mehr Fleisch an den Knochen gehört dazu, zum wahren, überzeugten Bekenntnis, Ort, Zeit, Umstände sind mit anzugeben, ein einfaches: Ich habe gesündigt, in Gedanken, Worten und Werken reicht hier nicht aus, und auch die Bußstrafe dürfte höher ausfallen, sie müsste zumindest mit der Länge des Fehltritts in einer vernünftigen Relation stehen, sagen wir: ein schnelles Zusammenkommen im Smoker Waggon oder die Nacht miteinander im Schlafwagen zu verbringen, da muss einfach ein anderer Maßstab angelegt werden, und letzteres kann nicht mit einem simplen Ave Maria abgetan werden sondern sollte mindestens mit zwei oder drei Rosenkranz Gebeten gerügt werden, und ich meine damit wirklich vollständige Rosenkränze. Dann sind wir schließlich wir beide verheiratet, wir wissen also, von was wir reden. Und drittens sitzen wir hier an einem öffentlichen Ort, wenn auch die übrigen Bistro-Stühle gerade alle unbenutzt sind. Und natürlich ist sie nicht mit Mary McCarthys Heldin zu vergleichen. Rosie ist eine unschuldige junge Frau aus Peru – „my country“, sagt sie und spricht das Wort so aus, als sei kein „u“ darin versteckt – aber ist sie wirklich so unschuldig, wie die Augen nahe legen? Warum will sie mir partout immer mehr von ihrem Mann erzählen? Eine eher unerfreuliche Geschichte hat sie da auf Lager. Unschuldig- wie sie gar nicht aufhören kann über Charlotte zu schwärmen, wie schön sie die Stadt findet, wie aufregend, und wie sehr ihr „husband“ die Nase voll hat von der Stadt, wie streng ihr Mann auch ist, und wie ausgelassen sie sein kann.

Ganz spontan ist sie meiner Einladung zu einem zweiten Gang ins Bistro gefolgt. Wie stellt sie das an? Flirtet sie mit mir? Zu oft erwähnt sie, dass sie in so vielem nicht mit ihrem „husband“ übereinstimmt. Sie bleibt beharrlich bei dem reichlich kühlen Wort „husband“, weigert sich, ihm einen Namen, seinen Namen zu geben. Sie hält es politisch mit ihrem „Brother-in-love“, der ist Anhänger der Demokraten, ihr „husband“ natürlich Bush Wähler. Sie sagt es nicht, aber es wird deutlich, für wen sie stimmen würde, wenn das Immigration Office etwas schneller arbeiten würde.

Der Schaffner geht professionell und systematisch vor. Mit scharfem Blick überprüft er die kleinen, grauen Karten, die oben an der Gepäckablage über unseren Sitzen festgesteckt wurden. Sie verraten ihm, ob hier Passagiere sitzen, die ordentliche Tickets vorweisen konnten. Seine Ausrüstung ist beeindruckend, alle notwendigen Werkzeuge hängen, wie bei den amerikanischen Bauarbeitern, am Gürtel. Ein Walkie-Talkie, gewiss, dazu das modernere Pendant, ein Cell Phone, wie hier die Handys genannt werden, mehrere Schlüsselbünde, eine Taschenlampe, wo sind die Handschellen? Aber das Glanzstück seiner Ausrüstung trägt unser Zugbegleiter auf dem Kopf. Seine schwarze Dienstmütze ist aus Stoff gearbeitet, das Schild vorne wurde vor der Ausgabe in schwarze Lackfarbe getaucht, die hohe Stirn der Mütze ist von einem goldfarbenen Band umrahmt, in der Mitte prangt ein ebenfalls goldverziertes Schild: Amtrak. Ein solch stolzes Auftreten! Amtrak, wie eine Auszeichnung trägt der schwarze Schaffner sein „badge“, Cooper in „High Noon“ hat keine höhere Meinung von seinem Sheriff Stern. Die Wurzeln dieses Stolzes reichen weit zurück in die Vergangenheit, die schwarzen Porter waren die ersten Afro-Amerikaner, die stolz auf ihren wichtigen Beruf hinweisen konnten, sie waren die ersten, die sich zu einer Gewerkschaft zusammenschlossen, die ersten, die eine wie von Pech und Schwefel zusammengeschweißte Gemeinschaft bildeten. Sie dienten den weißen Passagieren, kein Zweifel, machten die Betten, brachten Drinks, wiesen den Damen und Herren die richtigen Plätze zu. Aber sie trugen Uniformen, erhoben sich schon dadurch über die Menge, wurden sogar ordentlich bezahlt – und waren anerkannt. Dieser junge schwarze Schaffner in unserem Zug, er muss etwas von diesem Stolz von den Vätern, den Großvätern geerbt haben. Ein weiteres Charakteristikum der schwarzen Porter war, dass sie ihren Beruf weitergaben an die Söhne. Gewichtigen Schrittes geht er durch den Mittelgang, sein Walkie-Talkie piept und plärrt, doch im Augenblick kann er unmöglich das Gespräch annehmen, er hat wichtigeres zu tun, er zählt die Passagier. In seiner rechten hat er ein kleines mechanisches Instrument, das hörbar klackt, wenn er mit dem Daumen einen kleinen Hebel bewegt. So weiß er schon schnell ganz genau, wie viele Reisende sich ihm anvertraut haben.

Der Blick aus dem Fenster des Zuges auf die Menschen, auf einen Menschen, auf einen „Nigger“, setzt bei William Faulkner in „The Sound and the Fury“ einen langen Gedankengang in Bewegung. Eigentlich beginnt die Reflextion über Schwarz und Weiß, über die Gefühle, die ein Südstaatler haben sollte, nach Ansicht des Nordens, in der Straßenbahn in Boston. Quentin findet nur noch einen freien Platz, neben einem Schwarzen. „He wore a derby and shined shoes and he was holding a dead cigar stub.“

Ein Schwarzer, so überlegt Quentin, ist gar nicht so sehr eine Person, er ist eher eine Form des Verhaltens, eine Art der Reflexion, der ihn umgebenden weissen Menschen. Er, Quentin, der Südstaatler, müsste eigentlich die schwarzen Gesichter vermissen, die ihn in der Heimat des Südens umgeben. Aber nur, weil die Weißen im Norden das von ihm erwarten. Dann stellt er aber zu seiner eigenen Überraschung fest: er vermisst sie tatsächlich. Er ist auf der Rückfahrt, als sein Zug eines kalten Wintermorgens in Virginia anhält.

„Der Zug hatte angehalten, und ich wachte auf, zog den Rollvorhang hoch und blickte hinaus. Der Wagen versperrte eine Straßenkreuzung, wo zwei weiße Zäune eine Anhöhe herunterliefen und sich dann nach außen und unten verästelten wie der Teil einer Geweihgabel, und da saß, zwischen den harten Karrenspuren, auf einem Maultier ein Nigger, der darauf wartete, daß der Zug weiterfahre. Wie lange er schon da wartete, wußte ich nicht, aber er saß, den Fetzen einer Wolldecke um den Kopf gewickelt, rittlings auf dem Maultier, als ob Mann und Tier mit dem Zaun und der Straße zugleich erschaffen wären – oder mit dem Hügel, aus diesem herausgehauen; wie ein Wegzeichen, das verkündete: Du bist wieder daheim. Einen Sattel hatte er nicht und seine Füße baumelten beinahe bis zur Erde. Das Maultier sah aus wie ein Kanichen. Ich schob das Fenster hoch.

‚He, Onkelchen’, rief ich. ‚Willst du etwa hier lang?’

‘Sir?” Er sah mich an, dann lockerte er die Decke und schob sie von seinem Ohr weg.

‚Hier, ein Weihnachtsgeschenk!’ sagte ich.

‚Da bin ich gleich dabei, Boss. Habt mich ja schön festgenagelt.’

‚Diesmal laß ich dich noch frei.’ Ich zerrte meine Hosen aus dem kleinen Gepäcknetz und holte einen Vierteldollar heraus. ‚Aber paß das ächste Mal auf. Zwei Tage nach Neujahr komme ich wieder hier durch und guck dann raus.’ Ich warf ihm das Geldstück zu. ‚Kauf dir was vom Weihnachtsmann.’

‚Jawoll, Sir’, sagte er. Er stieg ab, hob die Münze auf und rieb sie an seinem Bein blank. ‚Dank schön, junger Herr, Dank schön’ Dann setzte sich der Zug wieder in Bewegung. Ich beugte mich aus dem Fenster in die kalte Luft hinaus und schaute zurück. Er stand neben dem ausgemergelten Karnickel von einem Maultier, beide armselig, reglos und geduldig.“

Nach dieser Begegnung folgt ein langer, sich windender Satz, in dem Faulkner seinen Helden Quentin die Paradoxien des schwarzen Lebens aufzählen läßt. Auf der einen Seite besitzt der Schwarze eine „shabby and timeless patience“, er ist charakterisiert durch seine kindliche Unzulänglichkeit, die aber aufgewogen wird durch seine Zuverlässigkeit und seine nicht auf Vernunft gründende Liebe, der Schwarze, der sich vor Verantwortung offensichtlich drückt, gar keine Vorwände nennt, der stiehlt und sich drückt, und wenn er dabei erwischt wird, den Sieger wie in einem Fairplay Wettbewerb unter Gentlemen bewundert. Dabei besitzt er eine nie nachlassende Duldsamkeit für die Launen der Weißen. So wie die Großeltern Nachsicht haben mit den unberechenbaren, ungebärdigen Taten ihrer Enkel.

Quentins Anknüpfungspunkt ist seine Zuneigung zu Dilsey, seine Sehnsucht nach ihr, vielleicht sogar seine Liebe zur alten, schwarzen Haushälterin. Dilsey, die die Rolle der sich aufopfernden Großmutter ohne zu murren übernimmt. Dilsey, die sich vergeblich müht, die Fehler und Unzulänglichkeiten der weißen Herrschaft zu korrigieren, die mit ihrer natürlichen Autorität die schlimmsten Folgen der tiefen Dekadenz des Hauses für die dritte Generation abzumildern weiß. Zu Dilsey kehren seine Gedanken zurück und von dieser Warte aus, die erbaut ist aus den Kindheitserinnerungen des Autors, kommt Faulkner zur letztlich versöhnlich klingenden Beschreibung seines Bildes von Jefferson, dem prototypischen Südstaaten County Sitz seiner Fiktion.

„Und den ganzen Tag über, während sich der Zug durch stürzende Schluchten und an Steilhängen entlang wand, wo die Bewegung nur die gequälten Geräusche ausströmenden Dampfes und kreischener Räder war und die ewigen Berge im dichtverhangenen Himmel verliefen, dachte ich an zu Hause, an den öden Bahnhof und den Schlamm und die Nigger und die Leute vom Lande, die sich langsam über den Marktplatz schoben, in ihren Tüten Stoffaffen und Spielzeugkarren und Zuckerwerk und herausragende Feuerwerkskörper, und in meinem Bauch regte sich ein Gefühl wie einst inder Schule, wenn es schellte.”

Die Schwarzen sind präsent, sie sind Teil des bunten Bildes, aber zu welchen Kosten? Er schafft einen neuen Plantagenmythos, näher an der Wirklichkeit, schon durch die Widersprüchlichkeiten in den Romanen und Kurzgeschichten, schon durch die offenkundige weiße Dekadenz, aber in seiner Ausmalung ebenso schwärmerisch wie die der Schriftsteller früherer Zeiten. In Abstufungen, versteht sich, klischeehaft und aufdringlich in „The Unvanquished“, auf höchstem literarischen Niveau in „The Sound and the Fury“, einem Roman, and dessen Ende im übrigen eine bemerkenswert realistische und einfühlsame Beschreibund eines schwarzen Predigers steht.

Die Realität der Welt Faulkners ist in den den späten 50er Jahren und dann in den Kämpfen der 60er Jahren durch eine andere Wirklichkeit ersetzt worden, denn der Platz vor dem Monument mit dem Soldaten des Bürgerkriegs bot keine Auftrittsmöglichkeit für die Rufe des James Brown – “Say it loud, I’m black and proud” – es ist nicht die Welt des Otis Redding – RESPECT, Respect is what I want – und diese Welt hat keinen Platz für die selbstbewussten Träume des Martin Luther King, Jr. und des ersten schwarzen Studenten von Ole Miss, James Meredith.

Ein Gegenzug fährt auf dem anderen Gleis in die Richtung, aus der wir gerade kommen. „Passing trains that have no name“. Nein, das ist schon längst nicht mehr richtig, seit den 70ern hat sich noch mal einiges verändert auf den amerikanischen Schienen. So wenig Züge sind übriggeblieben, zumindest so wenig, die Menschen befördern, bei den Güterzügen sieht es anders aus, dass jeder Zug heutzutage einen Namen hat. Wir sitzen im Carolinian und der Zug, der uns gerade entgegenkam, das muss entweder unser Gegenzug sein, der also von New York bis Charlotte fährt, oder es war der Piedmont, sonst befahren keine anderen Züge diese Strecke. Nein, auch das ist falsch, der Piedmont kann es nicht gewesen sein, wir befinden uns längst in Virginia, der Piedmont dagegen verlässt North Carolina gar nicht, er wird ebenfalls in Charlotte eingesetzt, fährt aber nur bis Raleigh, und retour, versteht sich. Also muss es doch unser Gegenzug gewesen sein, der Carolinian Southbound, er trägt die Nummer 79. Der Carolinian Southbound verlässt New York um 6:05 am und ist um 8:21 pm in Charlotte, das sind fast genau 14 Stunden. Mein Northbound Train – 80, braucht einige Minuten weniger, Abfahrt Charlotte um 8:00 in der Frühe, Ankunft New York City, Penn Station, um 9:55 am Abend.

Ein See, ein wunderschöner See, schnell, wo ist die Karte? Wie heißt er? Ein See ist hier gar nicht eingezeichnet. Was könnte diese wunderbare blaue Wasserfläche noch sein? Doch hier, kurz vor Petersburg ist ein blauer Fleck auf der Landkarte, der Lake Chesdin. Was für ein wunderbares Blau, blaues Wasser, es sieht so köstlich aus, als könne man aus dem See trinken, und natürlich ist der Himmel ebenfalls blau, ein anderes blau, wie nennt der erste Poet Laureate des 21. Jahrhunderts ein solches Blau? Gunmetal blue.

Die Werbung der Amtrak ist auf den Fahrgast zugeschnitten, der von Norden kommt. „If you’ve got Carolina on your mind, Amtrak has the trains for you.“ Man verlässt die “bright lights of New York” (hier scheint sich jemand tatsächlich in der Blues Musik auszukennen, Bright Lights – Big City, die britischen Animals hatten in den 60er einen Hit mit diesem Song, Jimmy Reed, der ihn zusammen mit Mama Reed schrieb, nahm ihn zuvor in Amerika auf.) “You leave the bright lights of New York for the warm nights of North Carolina“. Drei Hauptstädte bedient der Carolinian, so der Amtrak Flyer voller Stolz, Washington, D. C., die US Hauptstadt, und danach zwei der ältesten „state capitals“, Richmond, Virginia, und Raleigh, North Carolina. Und da der Bürgerkrieg noch nicht so lange vergangen ist, zumindest in den Augen vieler Südstaatler, wird gleich noch auf eine weitere Hauptstadt hingewiesen, die der Carolinian anfährt: Greensboro, immerhin trat dort das Kabinett der Konföderierten zu seiner letzten Sitzung im Civil War zusammen. Endstation des Southbound Carolinian, für mich war es der Anfangspunkt, Charlotte.

In Downtown Charlotte gestern Abend war es ruhig, es war kaum jemand auf der Straße zu sehen, allerdings die Restaurants waren gefüllt. Ach, ich musste mich fest an der Kandare reißen, um nicht das Sonderangebot zum Oktoberfest, ja das hieß tatsächlich so, zu bestellen. Es trug den stolzen Namen „Our Wurst Platter“ und bestand aus:

Grilled Trio of Sausages
Kielbasa, Bratwurst and Munich Country

Accompanied by House Beer Mustards,

Braised Red Cabbage and Sauerkraut

Mashed Potatoes.

Hungergefühle hätten mich heute bestimmt nicht heimgesucht, aber ich ließ das Angebot aus. Ob die Einladung Zeugnis ablegte für den nur untergründig noch spürbaren Einfluß der Moravians in North Carolina? In Salem vor allem ließen sich die Nachfolger des in der alten Heimat verbrannten Reformators Jan Hus nieder. Beim Gedanken an die Wurst-Delikatessen läuft mir das Wasser im Mund zusammen. Gestern Abend hätte ich noch, erfüllt von europäischer Kleinstaaterei, gefragt, was eine Kielbasa Wurst, also eine eindeutig polnische Wurst, auf dem Teller neben der guten deutschen Bratwurst verloren hat, und was eine Münchner Landwurst wohl ist, heute hätte ich zu gerne die Wurst Platter aufgefuttert. Ob wohl scharfer Senf zu den Würsten geboten wurde? Ein Ausweg, ein bescheidener Ausweg, bietet sich an, ein nochmaliger Besuch des Bistrowagens, dort würde ich mich dann aber mit einem typisch amerikanischen weichen Sandwich begnügen.

Aber erst noch einmal zurück zu den anderen klangvollen Namen von Zügen. An erster Stelle steht natürlich „der Zug, den sie ‚City Of New Orleans’ nennen“, von Chicago fährt er bis nach New Orleans, von New Orleans bis nach Chicago. Ein älteres Ehepaar aus Chicago, Schwarze, die ich beim Jazzfest in New Orleans sprach, sie wohnten in der gleichen kleinen, weißgetünchten Pension wie ich, dem sich stolz Royal Hotel nennenden früheren Wohnhaus, erzählte mir vom wunderbaren Erlebnis, diesen Zug einmal im Jahr, und dann in der ersten Klasse zu benutzen. Sie sparen schon lange im voraus, um sich diesen absoluten Luxus erlauben zu können. Im Preis inbegriffen: Mahlzeiten, ein Betthupferl und ein „morning wake-up service“, dazu gehören wiederum: Kaffee, Orangensaft und eine Zeitung. Welche wohl? Und wenn sie wollen, können sie sogar einen Stop in Memphis, Tennessee machen. „Yeah, we take that chicken bone express“, sagte der Mann, mit einem kollernden Lachen und seine Frau stimmte ein. „Chicken Bone Express“? Na ja, alle Verwandten kommen mit zum Bahnhof und bringen Dir was zum Essen mit, die Reise dauert lange, und immer im Lounge Car zu sitzen, das ist für uns viel zu teuer. Also bringt unser Sohn uns ein Hühnchen mit, und unsere Tochter auch. Und deren Mann hat ein paar Dips vorbereitet, das ist seine Spezialität, und dann rollen wir los, mit dem Chicken Bone Express.

Dann hätten wir noch den Texas Eagle, dieser Adler verbindet die Städte Chicago und Los Angeles, und verdient sich seinen Namen, wenn er Zwischenstops in Dallas-Fort Worth und San Antonio einlegt. Zusätzliche Haltepunkte verraten, welche staubigen Hauptstraßen zumindest früher wohl als erste betreten wurden, von den Fahrgästen die den Texas Flyer in Marshall verließen, oder in einer Bar in Del Rio oder in der Lobby eines Hotels in El Paso ihr Glück beim Pokern aufs Spiel setzten. Wenn man die Strecke durchfährt, ohne Halt zu machen, hat der Zug immerhin 2728 Meilen zurückgelegt. Jetzt fehlen noch zwei berühmte Namen, der Silver Palm genannte Zug, „destination Florida“, und der Heartland Flyer, von Oklahoma City geht’s mit ihm nach Fort Worth, TX.

Ganz viele schwarze Menschen sitzen inzwischen in dem Wagen des Carolinian, den ich inzwischen im Stillen „meinen“ Wagen nenne. Ein ganz anderes Gefühl stellt sich damit ein. Man ist – verkrampfter. Self-conscious, was ja eben nicht bedeutet “selbstbewusst”, man spürt seine Hautfarbe und damit ist man – das Gegenteil von selbstbewusst.

„What’s it like to be black in a white society.“ Die Frage, die auch ein Problem ausspricht, hat noch keine vernünftige Antwort, geschweige denn eine Lösung gefunden. Die Diskriminierung der Schwarzen durch die Polizei hat inzwischen eine neue Bezeichnung erhalten, es klingt leichter, klingt nicht so eindeutig wie „rassistisch“. Das Wort: „racial profiling“. Neulich wurden im Fernsehen Politiker dazu befragt. Auch Mr. George W. Bush. Wie er sich verhalten würde, wenn er, nur wegen seiner schwarzen, angenommen schwarzen Hautfarbe von der Polizei gestoppt würde. Alle befragten Politiker gaben die gleiche Antwort, sie würden verzweifelt sein, sie würden wütend sein. Das sei ungerecht, das sei unfair, das sei un-amerikanisch. Dann, und dafür war er doch zu loben, sagte Mr. Bush, er könne es sich eigentlich gar nicht so recht vorstellen, ein Schwarzer zu sein. Nicht weil er es sich nicht vorstellen wolle, sagte Mr Bush dann, sondern weil es für ihn einfach jenseits jeder Realität liege. In der Zeitung Memphis Commerce erschien daraufhin ein wütender Leserbrief: Typisch für alle Weißen, was Mr. Bush da sagte, er könne es sich noch nicht einmal vorstellen, ein Schwarzer zu sein. Das sei wohl unter seiner weißen Würde?

Fredericksburg, Virginia.

Die Stadt preist sich so an: Here you can find the home of the mother of the father of our country. Immerhin spricht selbst der offizielle Text des Tourist Center von der dunklen Seite der Geschichte des Landes, die eben tatsächlich bis in die früheste Zeit der Kolonisation zurückgeht: Die Mutter des Vaters der USA, die von 1772 bis 1789 in dem heute Mary Washington House genannten Heim lebte, hielt Sklaven. Sie hatten ihre Schlafstelle in ihrem Haus über der Küche. Some of her slaves were willed to relatives. Ein Geschenk sozusagen. Um diese Zeit, als Mary Washington hier wohnte, lebten in der Stadt 1300 Sklaven, ca. 3000 Weiße und etwa 350 freie Schwarze. Und Alex Haley, der die Spuren seiner Vorfahren in Afrika suchte und fand, stellte fest, dass sein Vorfahre Kunte Kinte ganz in die Nähe von Fredericksburg verkauft wurde, nach Spotsylvania County

Schon bald hinter Fredericksburg sieht man die ersten Hochhäuser, unserem sozialen Wohnungsbau ähnlich, wir nähern uns einer großen Stadt. Hinweisschilder künden von der U-Bahn, in die man schon bald steigen kann. Die Metro-Line. D. C. sagen die Leute hier und meinen Washington D. C. Vor der großen Halle des Union Station allerdings zuerst noch ein Halt vor den Toren von Washington, in Alexandria, VA. Ein putziges Städtchen, wer es in der Administration zu etwas gebracht hat, zieht gerne hierher. Europäisch erscheinen die Straßen, die kleinen Häuser, die direkt an der Straße liegen, keine Rasen-Felder trennen Haus von Haus. Die Bebauung in der Innenstadt ist völlig intakt, so sah eine Kolonialstadt aus, oder eine Stadt der jungen Republik. Wenn es um Architektur geht, vertrauen die Reichen der Geschichte. Ein Freund erzählte mir von der Hochzeit seiner Tochter. Ein prächtiges Fest, beide verdienen gut, haben gut-dotierte Posten in der Regierung, der Mann spielt mit dem Gedanken, einen Job zu finden, der ihm mehr, viel mehr einbringen kann. Er ist gezwungen dazu, denn seine Braut flüsterte ihm nach ihrem „Yes, I will“ zu: „Aber mit 30 bist Du Millionär, nicht wahr?“ Die beiden haben übrigens ein hübsches Haus in Alexandria gefunden.

Irgendetwas an der jungen Dame im Sitz neben mir ist falsch. Irgendetwas stört das Bild, sie hört Musik, hat die Lebenserinnerung von Frederick Douglass bereits zur Hälfte verschlungen, macht sich ab und zu Notizen in einem Heft macht, auf dem mit großen Buchstaben Tulane steht, sie war also wohl mal zumindest ein Semester in New Orleans. Was ist falsch an diesem Bild? Was irritiert mich? Ich richte meine ganze Aufmerksamkeit auf sie, und siehe da, nun fällt es mir wie Schuppen von den Augen, sie ist Linkshänderin, das war es, was ich als „falsch“ empfand, das war es, was die Erwartungen durchbrochen hat. Ihre Klasse heißt übrigens American Political Thought, das vertraut sie mir an. Und dann gibt sie noch ein Beispiel für schwarzen Stolz auf weiße Einrichtungen. Von ihrer Universität spricht sie und zeigt mir, auf dem Umschlag einer Broschüre, die sie aus ihrer Tasche kramte, das Photo des „Old East Building, es das älteste Universitätsgebäude im ganzen Land, 1793 wurde der Grundstein gelegt, ihre Vorfahren wären nie und nimmer zum Vordereingang hereingelassen worden. Das ist der Stolz, den Chuck Berry empfindet, der seit vierzig Jahren als wahrer King des Rock’n’Roll gilt, und der strahlte wie ein kleiner Junge vor dem Weihnachtsbaum, als er zum ersten Mal in seiner Heimatstadt St. Louis in der Oper auftritt. Nie hätte er als junger Schwarzer eine Eintrittskarte lösen können und nun steht er zu Beginn des Films „Hail, Hail, Rock’n’Roll“, der sein Leben beschreibt, im riesigen, kitschigen Vorraum der Oper, und ist stolz wie ein Schneekönig, denn alle Plakate kündigen seine Show an. Ein schwarzer Schneekönig, versteht sich.

Jetzt sollte der Schaffner eigentlich eine informelle Befragung der Passagiere durchführen, sie nach ihren Lieblings-Train-Songs ausforschen. Sagen wir, jeder darf drei nennen, und dann stöpselt er an einem Internetanschluss herum, bis er die Songs auf die Reihe gebracht hat, und wir dürfen sie hintereinander hören. Train Songs, davon gibt es Dutzende, in der Folk Musik, im Blues, in der Country Musik, Grenzen dürfen übersprungen werden. Bei mir ganz oben in der Beliebtheitsskala findet sich John D. Loudermilk mit „Blue Train (Of The Heartbreak Line), und dann, als Nummer zwei, folgt „Sentimental Journey“, die zweite Zeile des Liedes hat es mir schon immer angetan: „Gonna set my heart at ease“. Das kann ein Zug, zweifellos, beim Einsteigen, beim Losfahren im Auto passiert etwas anderes, man erfährt einen Adrenalin-Schub, man ist aufgeregt, man weiß, die Strasse wird Gefahren und Gelegenheiten anbieten. Das ist beim Eisenbahnzug nicht so, auch da ist ein leichtes Kribbeln zu spüren, auch da kann alles mögliche passieren. Aber – alles ist „easy“, lässig kann man sich zurücklehnen, man muss nicht hektisch die Außenspiegel benutzen, um die sich drohend aufbauenden Riesen-Trucks furchtsam immer näher kommen zu sehen, man braucht vor Brücken nicht schräg nach oben zu blicken immer von der Angst befallen ein depressiver Teenager würde einen Betonblock auf die Strasse fallen lassen. „Gonna set my heart at ease“, heißt: das wird schon gut gehen, der Zug wird mich schon sicher dahinbringen, wo ich hin will. Zwar kann ich nicht ad hoc mein Ziel verändern, muss mich dem Fahrplan beugen, muss die Strecke, die mir vorgeschlagen wird, akzeptieren, muss den Endpunkt akzeptieren, obwohl ich mich natürlich auch urplötzlich anders entscheiden könnte, zum Beispiel jetzt nicht nach New York weiterzufahren, sondern vorher schon, sagen wir in D. C., den Zug verlassen könnte. Aber all das ist „easy“, „very, very easy“. Das Herz kann sich entspannen, die Seele kann die übereinander geschlagenen Beine ruhig hin und her schwingen, man öffnet sich, für die Mitfahrer zum Beispiel.

Aber zu oberst in der persönlichen Hitparade, wie gesagt: Blue Train. The Number One Train Song. Ein Ohrenschmaus, ach, nein, das ist eine schlechte Metapher, besser: Ein Fest für die Ohren. Dabei ist der Song gerade mal drei Minuten lang, also doch kein Fest, eher ein Quickie. Das wiederum ist eher negativ belastet. Also was? Nein, bitte kein Ohrwurm. Bietet das Amerikanische ein Ausweg? Wie wäre es mit „a real treat for your ears“? Das ist schön, lässt an eine warme Dusche denken, an eine süße, kleine Wohltat. „Blue Train“, der Zug der Einsamen, der Verlassenen, der Betrogenen, der Traurigen, der Unglücklichen. Meine Liebe ist gegangen, ein Zug hat sie weggeführt. Die alte Klage. Aber nicht als Klagelied gesungen, sondern als vorwärtstreibender Song, der Zugrhythmus ist bestimmend. Die Züge der Heartbreak Railroad Line ziehen schnell an, sind in Minutenschnelle um die nächste Biegung, können auch vom eifrigsten Läufer nicht eingeholt werden. Und deshalb bietet das Ende, mit dem Rhythmus, der nach den gesungenen Worten kein Ende nehmen will, sogar einen Silberstreifen am Horizont. Dies also meine Nummern eins und zwei der persönlichen Eisenbahnsongs Hitparade. Für die Nummer drei gibt es einen dringenden Anwärter. „Mystery Train“, dieser Song sollte ebenfalls dabei sein, am besten in beiden Versionen, der schwarzen von Junior Parker und der schwarz-weißen von Elvis. Ein geheimnisvoller Zug ist es, von dem hier gesungen wird. Ein paar präzise Angaben sind dabei: er hat 16 Waggons, ist schwarz, und er hat einen Passagier, der nicht da hinein gehört, zumindest nach der Meinung des Sängers, es ist seine Freundin, die der Zug entführt. Kleine Wiederholungen machen es, dass für den „white boy“ Elvis dieser Song eine Eintrittskarte für die Welt der schwarzen Musik war: die Wiederholung von „train“ in der ersten Zeile, die Wiederholung von „round“ direkt danach, eigentlich lächerliche Kleinigkeiten, doch sie machen aus dieser Coverversion einen gleichwertigen Song.

(Nur der Vollständigkeit halber, hier meine Nummer vier und die Nummer fünf. Vier: Sister Rosetta Tharpe: This Train. Und damit ist kein wirklicher Zug gemeint, das ist der Gospel Train, der die Guten in den Himmel führt, die Bösen haben keinen Zutritt. Und Nummer fünf: Freight Train, mit Elizabeth Cotten, der schwarzen Gehilfin im weißen Haushalt der Familie Seeger, die so viele Lieder mitbrachte: „Freight train, freight train, goin’ so fast.“)

Washington, D.C., 5:55 p.m.

Die Sonne steht bereits tief, wahrscheinlich werden wir nun gleich das Washington Monument sehen können. Nein, zuerst noch weiterhin „waste land“, doch dann, ganz deutlich zu sehen, schlank, sich nach oben verjüngend, ganz oben die Spitze, das Washington Monument im späten Tageslicht. Vier Brücken führen über den Potomac, wir sind auf einer davon, keine davon eine architektonische Glanzleistung. Der kreisrunde Bau des Lincoln Memorial, das Basin, das große Wasserbecken, das im Frühling rosarote Ränder hat, wenn die Kirschblüte einsetzt, ein langer Stau auf dem Highway, das ist vorläufig das letzte, das wir von D. C. sehen, nun taucht der Carolinian in die Unterwelt der Hauptstadt ein. Bleibt nicht lange unterirdisch, zum Glück, Erleichterung fühle ich über das schnelle Wiederauftauchen des Zuges, gerne nehmen wir dafür die stadt-üblichen Graffiti in Kauf. Ich möchte mehr sehen. Wo bleibt die große Kuppel des Kongressgebäudes? Sollten unser Zug „the nation’s capitol“ meiden? Dafür nun zur rechten der L’Enfant Plaza, das Rot des Smithsonian Castle, die Backsteine des Verwaltungsgebäudes sehen ziemlich un-amerikanisch aus. Ein Hinweisschild auf dem Highway, den wir hier begleiten, mit großen Buchstaben steht da: US Capitol, und dann ist sie da, die helle Kuppel, ja, doch ein imposantes Gebäude, ein elegantes Gebäude. Florenz lässt grüßen, aber so sind sie eben, die Amerikaner, nehmen sich ohne Hemmungen das, was ihnen gefällt und machen etwas daraus. Und sie stehen zu ihren löchrigen Einstellungen. Ganz stolz erzählte mir eine Frau, wie viel sie in Deutschland gelernt habe. In Deutschland? Ja, in Neuschwanstein. Was also habe sie in Neuschwanstein gelernt? Nun, dass Disney seine Idee für das „Castle of Cinderella“ aus Bayern mitgebracht habe. „Isn’t that something?“

Einfahrt in Union Station. Leider ist keine Zeit, die große, prächtige Halle anzusehen.

„How y’all doin?“ Wir werden sogleich D. C. verlassen, heading North.

„Is that your bag up there, Mam?“

„The little black one up there? Yeah.”

„Mam, I’m afraid we gotta move this bag. Goin’ round the next bend this little bag will be sailing through the air. It will finally settle on the lap of this lady here and is goin’ to talk to her. But we don’t wanna play those little games in this train, or do we? Now, everybody listen up: When we get the green light, we’re gone.” (Gone mit tiefer, weicher Stimme, nachhaltig.)

Unser Schaffner trägt schwarze Hosen und ein weißes Hemd mit halbem Arm, dazu eine rote Krawatte. Er ist jemand besonderes. Man bittet ihn, die Koffer von der Gepäckablage herunterzuheben, man fragt nach der Länge eines Aufenthalts, dringend muss ihn der Lokführer sprechen, per Funk, mit ruhiger Stimme ermahnt er, den Weg in der Mitte nicht mit Koffern voll zu stellen.

Eine Schläfrigkeit überkommt mich, den Kopf gegen die ziemlich unbequeme Lehne gepresst, fällt es mir schwer einzuschlafen. Im Dämmerlicht schaue ich nach draußen und überlasse mich den jüngsten Erinnerungen. Ich stolpere über allerlei Fundsachen, die, irgendwo festgehakt, sich nun nach vorn drängen. Fundsachen.

FUNDSACHE I, ein Schild, eine Warnung.
BEWARE OF PICK POCKETS AND LOOSE WOMEN

Der Besitzer des General Store, in Hendersonville, NC muss aus Deutschland emigriert sein. Most ist der Name. Most – das könnten ordentliche Bayern gewesen sein, die sich hier im Jahre des Herrn 1883 niedergelassen haben. Im gelobten Land, in dem es so einige Stechmücken gab, auch unangenehme menschliche Zeitgenossen, zum Beispiel Taschendiebe, und auch die immer so aufreizend langsam die Main Street entlang schlendernden Damen, die kannte man in Oberbayern nicht.

FUNDSACHE II

Bush trifft im Fernsehen einen Nascar Helden, Nascar, das sind die schnellen, aufgemotzten Autos verrückter Südstaatler, mit denen sie unerbittlich ihre Runden ziehen, angefeuert von Tausenden von Fans. Die erste Generation der Fahrer lernte das rasante Fahren noch, wenn sie dem Sheriff zu entkommen suchten, der sie wegen illegaler Whiskey Transporte stoppen wollte. Nun ist die zweite Generation dran, auch diese Fahrer haben die Hölle im Leib, aber schon längst nicht mehr den Sheriff im Genick. Und was hat Mr. Bush für sein Leben gelernt vom diesjährigen Nascar Gewinner? „Er hat mir etwas beigebracht, immer der erste zu sein.“

FUNDSACHE III

Stanley Kunitz, der Poet, sein Name ist heute in allen Zeitungen, er feiert immerhin seinen 95. Geburtstag, nein, er ist keineswegs vertrocknet im Alter. Sein Gedicht „The Touch“ endet so:

„Darling, do you remember

the man you married?

Touch me

Remind me who I am.”

Und noch zwei Stunden bis New York City.

Dunkel, Schwärze. Vorbeifliegende Lichter. Dunkel, Schwärze. Zug No. 80 holt seine Verspätung auf. Tut gut, denn bisher sind wir durch North Carolina und Virginia gekrochen. New York here I come. Aber zuerst kommt jetzt Baltimore.

Und noch eine Stunde bis New York.

“Hey, sleeping beauty!“, so weckt der gut gelaunte Schaffner eine Schlummernde. Und die lässt sich das gefallen. Neben ihr sitzt eine Frau mit einem großen Strohhut, der mit einem gestickten, rosafarbenen Namenszug versehen ist. Unter dem Strohhut befindet sich ein weiterer, ebenfalls runder, aber viel kleinerer Strohhut.

Die Werktagsausgabe des Sonntagshutes wohl.

“For those passengers ready to hit the coffee car, you better head for it now. It’s open”

Also ein dritter und letzter Besuch dort. Diesmal zu dritt. Und es gibt: eine Lektion in „prejudice“, wie gelangt man zu Vorurteilen? Es spricht die Ägypterin mit dem amerikanischen Pass:

„Das war so unsinnig von unserem Präsidenten, die Juden aus dem Land zu treiben. Sie waren wie die Ägypter. Danach waren sie dann Israelis. Und da die Israelis ja unsere Feinde sind, stärkte er also unsere Feinde. Ich habe Freunde in Marokko und Algerien, sie sagen die Juden in ihren Ländern seien wie sie. Auch die Juden, die ich hier getroffen habe, Juden aus Ägypten, waren darüber ganz krank. Sie sagten: Ach, wir vermissen so sehr die ägyptischen Gemüse, die ägyptischen Gerüche, alles eben. Aber sie sind reich, und sie sind clever, sie haben Geschäfte und sie machen auch gute Geschäfte. Das ist so wie mit den Deutschen, wir haben viele Deutsche bei uns und alle sind Ingenieure, gute Ingenieure. Zwei Sorten von Menschen sind immer dabei, wenn es um technische Entwicklungen geht, oder um technische Arbeiten, wie die Ausbeutung von Bodenschätzen, nämlich Amerikaner und Deutsche. Doch die besten Schulen, die besten Privatschulen werden von italienischen Nonnen geführt. Sie leben schon lange in Ägypten und viele von ihnen sprechen sogar Arabisch. Sie machen viele Fehler und alle lachen über sie, aber sie haben es gelernt. Sie bringen den Kindern Ordnung bei, und Systematik. Also, es ist gleich, welche Religion die Menschen haben, in Ägypten wollen alle Eltern ihre Kinder auf die Schulen der italienischen Nonnen schicken.

Und wie ist das bei Ihnen, gibt es viele Juden in Deutschland?“

„Etwa 0,1 % der Bevölkerung sind Juden.“

„Das sind nicht viele.“

„Und sie sind auch längst nicht alle reich.“

„Meine Mutter sagte, es war ein Fehler, die Juden aus dem Land zu werfen, und ich glaube, sie hatte recht.“

Philadelphia, P.A.

Was fällt mir zu Philadelphia ein? Die Stadt der brüderlichen Liebe und – der Philly Sound. Von süßlich-verspielt bis zu tatkräftig-erdig, so weit reicht der Philly Sound, von Frankie Avalons „Venus“, deren Rundungen vom Puderzucker der Geigen fast verdeckt sind, bis zur immer noch gültigen Unterweisung der Silhouettes, sich gefälligst um eine Schulausbildung zu kümmern und die guten Arbeitsplätze nicht einfach den Weißen zu überlassen: „Get A Job“. Zeit zum Tanzen sollte aber unbedingt bleiben, Mr Chubby Checker verrenkte hier seine Hüften und „Dancing in the street!“, damit waren ja nicht nur die Straßen von Memphis, Detroit und New York gemeint, die Hippies kamen nicht nur aus dem überdrehten Kalifornien oder dem immer wieder trendigen Greenwich Village in Manhattan, auch in Philly wurden “soulful songs“ produziert, nahmen die Produzenten den schwarzen Rohstoff, um ihn glatt zu schleifen, um die glitzernden Glasperlen für die Disco Deckenbeleuchtung mit Funk aufzuladen. Philly und die Pop-Liebe für Abkürzungen: der Hit, der in den frühen 70ern den Disco-Sound zum ersten Mal ganz hoch schäumen ließ, hieß „TSOP“ und die Gruppe, die verantwortlich war dafür: MFSB. Now listen, y’all: MFSB with TSOP! Ausgeschrieben klingt das so: The Sound Of Philadelphia mit Mother Father Sister Brother. Und diese Familienmitglieder hatten sehr unterschiedliche Herkunft, der Musikjournalist Tony Cummings sah: ein Sammelsurium von Soul Brothers mit Lederkappen, kurzsichtigen Juden, abtrünnigen Jazzern und sich ein Zubrot verdienender Symphoniker. Mit anderen Worten – Die Stadt der brüderlichen Liebe als Inbegriff des American Dream – Love Is The Message hieß denn auch die erste LP der Gruppe, die sonst als Studio-Musiker für Gamble und Huff in Philly bei vielen Hits tonangebend waren.

Sieht man das der Stadt an? Nein, man sieht es ihr nicht an. Niemand tanzt heute am späten Nachmittag mit dem Bruder oder der Schwester in den Straßen. Wo ist diese eine Straße, die South Street. Dort trafen sich die Tanzwütigen, wer trifft sich dort heute? Tragen die Menschen in Philly noch Bell Bottoms? Ist Afro noch Mode bei schwarzen Frauen? Was geschah mit all den Gruppen, die sich so wunderlich-wunderbare Namen gaben: Archie Bell and the Drells? Wohin haben sich The Spinners geflüchtet? Gehören Laura Nyro and Labelle zu den „Soul Survivors“, den Starken, die alles überlebt haben. So viele Fragen. Und ist dieser Zug, liebe O’Jays, ebenfalls ein Love Train?

Von einer Hitzewelle, ist in der Eisenbahnstation von Philadelphis, P.A. nichts zu spüren, die Seele- Suchenden, die Soul Searchers, können das ganz geruhsam tun, die Hitze lässt ganz gut aushalten. Oder ist es heute eher so: “Hey man, it’s not cool any more to say you’re hot!”

“Baltimore and D. C. now, don’t forget the motor city.” Nein, vergessen wir nicht, die ersten beiden Städte lagen ja an unserer Strecke, nach Detroit zieht es mich nicht. Hier liegt Musik in der Luft? Mag sein, doch jetzt, Philadelphia, mach Platz für die wirklich große Stadt.

Wir passieren Metropark, NJ.

Ist das eine Stadt zum Wohlfühlen?

Schnell weiter.

Zuerst wollten die 14 Stunden nie enden, und nun, gegen Ende der Reise, fällt mir so viel ein, was ich noch im Zug erledigen wollte.

Newark, N.J.
„Newark, N.J. is next.“

Soll ich Rosie meine Adresse hinterlassen? Ich halte ihr meine Karte hin, sie zögert, eine Sekunde lang. Was ist, wenn der „husband“ diese Karte entdeckt? Schließlich greift sie entschlossen zu, lacht mich an. „Hey, I can give you my phone number. And if you don’t call, I’ll catch you in Germany..“

Das mit der Telefonnummer muss Rosie irgendwie vergessen haben, leider. Im Dunkeln draußen stehen riesengroße graue Elefanten, die Wolkenkratzer von Downtown Newark, sie sind aber nur ein Vorgeschmack auf die richtigen Wolkenkratzer, die von Manhattan. Waitin’ for the real thing. Jetzt geht es auf einmal rasend schnell.

Zwei jüngere schwarze Frauen auf der anderen Seite des Ganges sind allerdings weltvergessen, sie unterhalten sich über Jane Austen. Unser Schaffner bleibt stehen, hört gebannt zu.

Die beiden werfen sich die Bälle zu:

Jane Austen in Bath. Sie suchte nicht die Bäder auf, sie wollte den Klatsch des Badeortes hören. Austen und die Liebe. Was siegt in „Pride and Prejudice“, das Appellieren an Ehre und Pflicht, oder die Unterwerfung unter das wahre Gefühl? Und wie ist das heute mit dem Spott und Hohn der Welt bei einer nicht-standesgemäßen Verbindung? Etwa einer schwarz-weißen Verbindung?

Schaffner (zu mir gewandt): “What a wonderful intellectual discussion.”

Erste Frau: “You like your job, don’t cha?”

Zweite Frau: “Misster, you’re really someone special.”

Schaffner: “That’s why they call me the No. 1 Conductor.”

Beide Frauen strahlen ihn an.

Nun wendet er sich an uns alle:

“And listen, we’re on time. That’s something to strike up the band about.”

Tunnel, Lichter, Tunnel. Penn Station. Ich winke der vorurteilsseligen Ägypterin zu, die ihre großen Tasche hinter sich herzieht und schnellen Schrittes zu der Rolltreppe eilt. Wo ist Little Brown Eyes? Im Abteil sehe ich sie nicht mehr, gerne wollte ich ihr Adieu sagen. Da, sie ist bereits ausgestiegen, neben ihr steht ein mehr quadratischer als hochgewachsener Mann, mit kräftigem Schnurrbart, von brauner Gesichtsfarbe, ich winke, verstohlen, die beiden schauen aber nicht in meine Richtung. Heftig redet er, der „husband“, auf Rosie ein, sie nickt, gottergeben, vielleicht hat er sie gerade bei einem Grammatikfehler erwischt.

Unser Schaffner, nimmermüde, treibt die letzten Passagiere an, die immer noch trödeln, das letzte, was ich höre, ist seine anspornende Stimme, „pep talk“, lauter als die Rufe von draußen, deutlicher als die krächzenden Lautsprecheransagen von Penn Station.

“This is New York. Get outta here. Because: This is something else. It’s unique.

And thank you for riding train 80. The Carolinian”.

Ich stehe mit einem Fuß auf dem Bahnsteig von Penn Station, mit dem anderen Fuß noch im Zug. Auf dem Boden des Waggons, kurz vor der offenen Tür, liegt ein rechteckiges Stück Papier, weiß, unbeschriftet. Ich muss mich nicht bücken, muss es nicht aufheben, muss es nicht umdrehen. Ich weiß, was auf der anderen Seite steht.