What Really Matters – Die Beat-Poetin ruth weiss

Manuskript: Maximilian Preisler
für DeutschlandRadio Berlin
Literatur Redaktion

17. Mai 2001
0:05 – 01:00 Uhr

ANMODERATION
SPRECHER
Jazzfest 2000, Sonntag, später Morgen. ruth weiss hatte starke Bedenken wegen des frühen Zeitpunkts. Im kleinen Saal des Hauses der Kulturen der Welt sind die Reihen dennoch dicht gefüllt. Auf die Bühne kommen drei junge Musiker aus Wien, alle etwa 30 Jahre alt. Und dann wird ruth weiss angesagt. Sie ist 72 Jahre alt, und heute ist sie zum ersten Mal seit ihrer Flucht aus Berlin 1933 wieder in der Stadt. ruth weiss ist zierlich, sie trägt ein auffallendes Kleid, schwarz, mit nur einem Träger, es läßt die Arme frei. Die Haare sind kurz geschnitten und brennen rot. Sie wendet sich aufmerksam dem Ansager zu, hält mit der erhobenen rechten Hand das Trio zurück.

What really matters: Die amerikanische Beat-Poetin ruth weiss. Eine Sendung von Maximilian Preisler.

O-TONBAND MUSIK, Take 1
Willkommen in Berlin: ruth weiss

O-TONBAND MUSIK, Take 2
ruth weiss und Trio, Instrumental break

O-TONBAND ruth weiss, Take 1
A New View Of Matter,
Or an ancient one regained,
only a new view of what matters,
will break the trapped pattern.

O-TONBAND MUSIK, Take 3, ausblenden
ruth weiss und Trio

O-TONBAND ruth weiss, Take 2
Ich war in Wien zurück in ´98. Und da war ich eingeladen für eine Schule für Dichtung, da zu lehren. Und ich habe früher nicht gelehrt, aber es war wunderbar, ich war dort für zwei Wochen. Und ich habe auch einen Vortrag gemacht in einem Jazzclub. Es ist ein ganz kleiner Jazzclub, aber es ist der älteste in Wien, der heißt Miles Smiles. Und die haben mich connected, wie sagt man, verbunden mit drei Musiker, Stefan Brodsky, der macht Percussion,

O-TONBAND TRIO, Take 1
Ja, ursprünglich lief der Kontakt über mich. Ich wurde gefragt vom Lokal „Miles Smiles“, das ist eines der ältesten Jazzlokale in Wien, ein kleines, gemütliches, im 8. Bezirk, und daß sie eine Band suchten für die ruth weiss, die damals gerade auf Literaturworkshop in Wien war für die Schule für Dichtung und da habe ich ein Trio zusammengestellt, eben dieses Trio, das Sie gehört haben, und das hat funktioniert.

O-TONBAND ruth weiss, Take 3
Friedrich Legerer, der hat die Saxophon, er spielt alles, Alto, Tenor,

O-TONBAND TRIO, Take 2
Ich wurde angerufen von Stefan Brodsky, 1998, im Oktober, für das ruth weiss
Project, die damals in Wien war, engagiert von der Schule für Dichtung. Und bei der unter anderem auch Nick Cave eingeladen war, und wir hatten eben diese Performance im Miles Smiles, das ist ein kleines Jazzlokal, und er hat mich eben eingeladen mitzumachen. Und das war eigentlich ein ziemlicher Erfolg. Wo wir damals, glaube ich, von 20:30 Uhr bis 1:30 Uhr gespielt und gesprochen haben.

O-TONBAND ruth weiss, Take 4
und dann auch ein Bass, wie sagt man, acoustic bass, Gerhard Graml.

O-TONBAND TRIO, Take 3
Ich bin ein William S. Burroughs Fan, und habe sehr viel von ihm gelesen, Jack Kerouac hat mich, habe ich auch versucht zu lesen, das hat mich irgendwie nicht so angesprochen, ich weiß nicht, ich habe das nicht, ich bin nicht in den Mood gekommen. Und Allen Ginsberg, also das habe ich gekannt, vorher, und ich habe auch ein bißchen das Umfeld gekannt und auch die Verbindungspunkte, die es zum Jazz gab. Auch teilweise von Kerouac. Ja, also die ganze Geschichte mit Improvisation, die diese Literatur auch mit Jazz verbindet.

MUSIK: CD Gerhard Graml: Paradise Lost (Eastcoast) 0:30

O-TONBAND TRIO, Take 4
Ich kannte sie nicht. Ich kannte die Texte von ruth weiss nicht. Ich kannte, ja, wie gesagt, die ganz berühmten der Beat Generation, ich kannte so ein bißchen die Kultur und die Szene und das Umfeld, aber sonst nichts.
Ich habe andere Sachen gemacht mit Literatur, also das ist mir nicht ganz neu, mit Literaten zusammenzuarbeiten, das ist auf jeden Fall sehr spannend, wobei man bei der ruth nicht wirklich den Text mitgehen muß, sondern ihre Stimme und ihren Vortrag, ihren dynamischen Vortrag eigentlich als Instrument ansehen kann. Also für mich ist die Band ein Quartett, mit Baß, Saxofon, Schlagzeug und Stimme. Ist absolut im Jazzkontext gleichberechtigt, als Instrument.
Na ja, die beste Probe und gleichzeitig auch dann ein sehr guter Auftritt war eben ´98, weil da spielte ich unplugged, also ohne Mikrophon und die Stimme war ziemlich leicht verstärkt und das war eben damals das spannende, man hat eben leise zu spielen und trotzdem nicht zu brav, unter Anführungszeichen, zu angepaßt, und das war eigentlich, vor allem auch das Visuelle war sehr wichtig. Die Mundbewegungen, da ich sie nur vom Profil her sah, die ruth, und Atmung – und irgendwie kriegt man dann ein Gefühl, wenn ein Vers nach dem anderen kommt. Daß man eben die Stimme nicht stört Und das Gute eben hier oder vor ein paar Wochen im Radiokulturhaus Wien war eben, daß alles so verstärkt war, daß sie auch nicht übertönt wurde von mir auf der Bühne. Ich aber auch nicht zu leise spielen mußte, die Leute von niemandem gestört wurden, außer vielleicht vom Eintrittspreis.

O-TONBAND MUSIK, Take 4
ruth weiss und Trio: I Hear With Love bis „I hear with love“, 2:03

O-TONBAND TRIO, Take 5
Es geht wirklich um ihre Stimme, um die Dynamik ihrer Stimme, aber natürlich kennen wir die Texte, also die meisten, sie überrascht uns schon immer wieder, sie hat ein unglaubliches Reservoir, aber die meisten Texte kennen wir jetzt schon. Aber wir folgen eigentlich ihrem Timing und ihrer Dynamik des Ausdrucks.
Ja und wie Gerhard gesagt hat, sie hat ein großes Reservoir und wir haben ein großes Repertoir, und das ergänzt sich natürlich sehr gut. Das heißt, ich muß jetzt nicht theoretisch jetzt auswendig gelernte Patterns runterlabern, runterlabern kann man nicht sagen, runterspielen, das heißt, es gibt für alle Beteiligten eigentlich sehr viel Platz und Raum und Zeit. Das ist natürlich sehr angenehm, dadurch klingt das immer wieder frisch. Ich kenn´ Leute, die haben das schon ein paar mal gehört und fast nicht erkannt, daß das die selbe Nummer ist.

O-TONBAND MUSIK, Take 5
ruth weiss und Trio: I Hear With Love, 2:03 bis 2:10

O-TONBAND TRIO, Take 6
Das ist eigentlich improvisiert Wir machen uns so gewisse Punkte aus, so landmarks, wo wir uns wieder treffen und dazwischen entfernen wir uns voneinander, oder machen Sachen gemeinsam. Das ist eigentlich dadurch entstanden, daß die ruth, glaube ich, eine Vorliebe hat für Saiteninstrumente, sie hat auch mit einem Cellisten gearbeitet und arbeitet immer wieder mit Bassisten zusammen. Ich glaub, daß ihr einfach der Sound sehr gut gefällt und die Möglichkeiten des Instruments. Und für mich ist es eine gute Möglichkeit, die verschiedensten Techniken und Klänge auf dem Instrument auszupacken und zu probieren und es ist eigentlich immer wieder etwas sehr Intimes, habe ich herausgefunden, wenn wir das zusammen machen, also ich und die ruth, immer wieder, ja, etwas sehr Persönliches. Es ist keine Routinestücke, die wir da abliefern, sondern es ist jeden Abend anders. Und das ist eigentlich abenteuerlich.

O-TONBAND MUSIK, Take 6
ruth weiss und Trio: I Hear With Love, 2:10 bis Ende

O-TONBAND TRIO, Take 7
Es ist auch eher eine Sache der Stimmung, es ist eher ein Einstimmen aufeinander, es geht gar nicht so sehr um die Wortbedeutung, es geht gar nicht so sehr um die Metaphern. Es fällt auch bei unserem Programm auf, daß wir nicht immer direkt reagieren auf sie, sondern oft auch etwas Unabhängiges machen. … Es ist eine Stimme und es ist die Stimmung, es ist ein gewisses Lebensgefühl und natürlich auch die Wortbedeutungen, aber es ist eher mit dem Wort mood zu umschreiben. Wir stellen uns auf ein gemeinsames Gefühl ein, was viel mit der Stimmung eines Jazzclubs zu tun hat, von mir aus auch um zwei Uhr morgens, verraucht, so der Jazz Club als eine hermetisch abgeschlossene Kapsel, wo das Leben von außen nicht reinkommt und wo halt wirklich so private Befindlichkeiten abgehandelt werden. Also zum Beispiel Freiheit, zum Beispiel Sehnsüchte nach Reisen, Sehnsüchte nach, ja, die offene Straße und keine, irgendwie keine Verpflichtungen zu haben und einfach aufbrechen zu können. Ich glaube, das spielt sehr oft mit
und das ist auch im Jazz irgendwie drinnen, so das Freie, das Improvisierende, das immer wieder neu Erfinden können.

O-TONBAND BLAKE, Take 8 darauf
SPRECHER:
Seitdem Ruth und ich zusammen sind und seitdem Ruth ihre Auftritte hat, war ich immer im Hintergrund damit involviert.

O-TONBAND ruth weiss, Take 5
Paul Blake, wir haben uns getroffen in ´67, in San Francisco, sind wir jetzt zusammen 33 Jahre. Er ist ein Maler, und wir haben ja keine Kinder, unsere Kinder sind unsere Arbeit.

O-TONBAND BLAKE, Take 9 darauf
SPRECHER:
Ich habe sie schon mit sehr vielen, ganz unterschiedlichen Musikern gehört, und in letzter Zeit habe ich auch öfter mit den Musikern gesprochen, ihnen geraten, wie, aus meiner Sicht, eine effektive Arbeit mit Ruth aussehen könnte. Und wo sie besonders aufmerksam sein müssen. Ein ganz wichtiger Punkt, den ich allen Musikern sage: sie müssen willens sein, mit ihr zusammen von der Klippe zu springen. Sie betreten ein neues Gebiet und sie dürfen sich nicht auf all die Sachen verlassen, die ihnen in der Vergangenheit geholfen haben. Jetzt müssen sie Töne hervorbringen, die sie noch nicht gehört haben. Ruth arbeit ja viel mit sehr jungen Musikern, und die sind meist sehr offen, sie gehen Wagnisse ein, und das ist unabdingbar, wenn man mit ihr arbeiten will. Und dann sage ich den Musikern noch, sie dürfen nicht ängstlich oder zaghaft sein, sie müssen vielmehr sehr mutig sein.

O-TONBAND TRIO, Take 10
Wir haben irgendwie einen Weg gefunden, auf Englisch zu sprechen, das hat sich auch dadurch ergeben, daß ich zur Zeit auch in Amerika wohne, sowieso viel Englisch rede. Also wir wechseln, wir kommen auch immer hin und her, das ist ganz gut, wenn man zwei Sprachen hat, das sind die zwei Kleider, die man sich anziehen kann. Das funktioniert ganz gut. Aber ich und die ruth haben ein sehr schönes persönliches Verhältnis, es ist immer wieder ein Vergnügen, mit ihr auf der Bühne zu sein.

O-TONBAND MUSIK, Take 7
ruth weiss und Trio: I Visit Stuff Smith – Who parked the car, 2:46

O-TONBAND ruth weiss, Take 6
Und ´56 hat es so angefangen mit den Beats und alles. Und ich habe Musiker, viele Musiker gekannt von Jazz und habe so improvisiert mit ihnen und manchmal habe ich nur zugehört. Manchmal habe ich nur ein paar Sounds gemacht, wie sagt man das, Lauten gemacht. So mit meiner Stimme: Ah, ah. Und dann, drei von diesen Musikern, die ich gekannt habe, haben einen Club eröffnet in ´56, in North Beach, welches damals war der bohemische Teil von San Francisco und der Club hat geheißen „The Cellar“, der Keller. Und da haben sie mich eingeladen, warum machst du das nicht einmal in der Woche mit Poetry and Jazz und da habe ich das schon angefangen in ´56. Und dann jetzt, alle diese Jahre, ich mache viele, viele Lesungen, die ich allein mache, aber am liebsten habe ich die Vorstellung mit den Musikern.

O-TONBAND ruth weiss, Take 7
Und jetzt, in 2000, ist es das erste Mal, daß ich zurück in Berlin bin.

O-TONBAND ruth weiss, Take 8
Ãœber Berlin, was ich mich erinnere.
Meines Vaters Name war Oskar Weiss und er war geboren in Wien, meine Mutter ist von Jugoslawien, von Kroatia, in der Nähe von Zagreb sie war geboren, aber wir waren dann in Berlin, weil mein Vater dort gearbeitet hat, für zehn Jahre war er bei Wolffs Büro, und dann mußten wir weg, because of Hitler, und das war in ´33. Und das ist das letzte Mal, das ich Berlin gesehen habe, aber jetzt bin ich zurück.

O-TONBAND ruth weiss, Take 9
Ãœber Berlin, was ich mich erinnere.
Ich war in Hermsdorf aufgewachsen, für meine ersten fünf Jahre. Ich weiß, die Straße heißt Wachholderstraße, ich weiß noch nicht, ob es existiert, mein Vater natürlich hat immer in der Nacht gearbeitet, aber am Wochenende hat er immer sein Fahrrad gehabt, und ich war im Rücken und sind wir zum Wannsee gegangen, überall. Meine Mutter ist immer zu Hause gewesen. Aber was wir zwei und er hat mich wie einen Bursch aufgeweckt. Kalte Duschen, mit vier, fünf mußte ich viel marschieren, und alles mögliche. Etwas bestimmtes, was mich auf Berlin, Deutschland erinnert. In der Nähe, wo wir wohnen, gab es Felder und Felder von Erika. In Englisch ist „heather“. Und ich kann mich nie vergessen diesen Geruch. Und jetzt, wie ich in den Staaten bin, suchen wir für die Erika, die heißen „heather“, und die riecht nicht. Und ich habe einen kleinen Witz, der sagt: I am looking for Erika in America. Aber die duftenden, das ist ganz was anderes.

MUSIK: Cannonball Adderley: Autumn Leaves

O-TONBAND ruth weiss, Take 10
Ich war ein ganz kleines Kind, ich war immer klein für mein Alter und ich kann mich erinnern, da waren zwei Schwestern, deutsch, wir waren sehr gute Freunde, und – wir sind Juden, aber wie die meisten in Deutschland, wir waren nicht so religiös, mit dem koscher, das haben wir nicht. Und unsere Freunde waren von allen Religionen. Und das ist so weitergegangen, in Wien war es auch so. So waren wir nicht in so einer jüdischen Gemeinde, wir waren ganz vermischt. Und Freunde waren immer gut zu uns. Und auch in Österreich war es auch so.
Und doch habe ich Angst gehabt, zurück zu Deutschland zu kommen. Und Paul auch, weil seine Mutter ist von Rußland weg in ´25 mit der Revolution, und sie wollte nie, daß wir zurück nach Europa gehen. Und wir haben immer gesagt, wir gehen nach Barcelona, wir gehen nach Italien, aber wir gehen nie nach Deutschland.

O-TONBAND MUSIK, Take 8
ruth weiss und Trio: 0:30

A calculation, step by step

the circus masquerade
the last party
only Hitler could stop

O-TONBAND ruth weiss, Take 11
So, sind wir sofort nach Wien gegangen, in 1933, weil dort meine Großmutter, die Mutter meines Vaters wohnte dort. So sind wir nach Wien gegangen und da sind wir natürlich das zweite Mal rausgeschmissen in ´38, sind wir weg, am 31. Dezember ´38. Das war der letzte Tag, wo die Nazis erlaubten, einen Zug in zu Holland zu bekommen. Und von dort haben wir ein Schiff genommen. Aber was ist komisch, natürlich habe ich eine schreckliche – alle meine Verwandten von meine Mutter von Jugoslawien sind vernichtet. Und wir haben ihnen gesagt, sie haben gesagt: Oh, es passiert nicht hier, es passiert nicht hier. Aber es waren Freunde, die Deutschen in Österreich, die uns immer geholfen haben.

MUSIK: Cannonball Adderley: Somethin´ Else

O-TONBAND ruth weiss, Take 12
Ich konnte schreiben seit ich drei war und ich habe schon gelesen seit vier, aber das ist dieses Gedicht, wie ich fünf Jahre alt war. Es ist natürlich für ein Kind.
„Es war einmal ein Bär,
der hatte braune Augen,
spazierte hin und her
und wollt´ zu gar nichts taugen.
Später habe ich mir gedacht, das ist ein richtiger Beatnik, der wollte für nichts taugen.

MUSIK: Adderley

CD ruth weiss: Ein Kreis vollendet sich, 0:09

Ein Kreis vollendet sich

War es ein Buch, war es ein Traum
Rauch innen, Augen gereizt
Haut ist ein Kupferschimmer
Rauch innen, Augen gereizt
Rauch klärt auf.

Neunzehn-achtundreißig,
ich bin in Wien
Eines Tags bin ich in der Schule
in der vierten Klasse.
Die selbe Lehrerin, die selben Mitschülerinnen
seit der ersten Klasse.
Eines Tags bin ich in der Schule,
am nächsten Tag heißt´s
„Juden raus“.

Die Thora, diese heilige Schriftrolle
rollt auf der Straße.
Mutti fängt an sie aufzuheben.
„Nicht Frau Weiss, bitte“,
es ist der Polizist auf Patrol,
der uns Schulkinder über die Straße geholfen hat,
„Nicht Frau Weiss, bitte. Ihr Leben.“
Mutti und ich gingen Hand in Hand
weg, langsam und schauen nicht zurück.

MUSIK: CD Gerry Mulligan: Blues In Time

O-TONBAND ruth weiss, Take 14
Aber wir waren alle dieselben Schülerinnen. Meine beste, ich habe drei beste Freundinnen gehabt, wie ich ganz klein war, in Wien. Eine war auch eine Jüdin, wie ich und ihr Name war Susi Rosner, ist Susi Rosner, und ich habe später herausgefunden, daß sie nach Israel gerettet war, sie war Jüdin und wir waren sehr, sehr nahe. Sehr, sehr nahe.
Meine zweite Freundin war eine Annemarie Stadler, und sie war Protestant und sie war Waisenkind und sehr reich, sie wohnte mit ihrer Großmutter um die Ecke. Und wir waren auch sehr, sehr nahe. Und wie Hitler hereingekommen ist, sie waren ja Protestanten, sie waren ja nicht Juden, und so eine Woche später sind sie weg, zur Schweiz, sind sie auch ins Ausland. Die dritte Freundin war katholisch und ihr Name ist ist Alice Tomitzig, und sie wohnte um die Ecke von mir und sie war nicht so reich, ihr Vater war ein Taxi-Driver und sie wohnten in einer ganz kleinen Wohnung und sie war ein Einzelkind wie ich und ihre Eltern haben mich wunderbar behandelt, ich war immer bei ihr, wir haben Weihnachten zusammen gehabt und so.

MUSIK: CD Gerry Mulligan: Lover

O-TONBAND ruth weiss, Take 15
Weil in Wien habe ich mit meiner Großmutter und meinen Eltern gewohnt, und meine Großmutter hatte eine Pension. Die haben sieben Zimmer und die meisten Leute, die dort wohnten waren Studenten an der Universität. Sie waren Studenten von Japan und China und Rumänien. Manchmal war jemand, der nur ein paar Wochen dort war und da war auch ein Mann von New York. Der heißt Nathan Süßkind und der war das selbe Alter wie mein Vater und die waren sehr gute Freunde. Und dieser Mann hat uns gerettet. Er hatte auch nicht viel Geld, aber Freunde in Amerika, darum hatten wir dieses Visa.

MUSIK: Gerry Mulligan: Lover, 0:41 – 1:16

CD ruth weiss: Der Kreis vollendet sich, 1:21 – 2:24

Neunzehn-achtundreißig,
Einundreißigster Dezember.
Der Zug kommt nach Holland.
Unser Tunnel durch die Nacht.
Unser Tunnel ins Licht.
Der letzte hinausgelassene Zug.

Das Schiff Westerland,
aus dem Hafen Vlissingen,
das uns nach Amerika bringt.
Ins Land des Westens,
in die neue Welt.

Aber ich weiß, es ist die alte Welt.
Mit kupferschimmernder Haut.

Ich weiß, New York ist eine Stadt,
trotzdem ist die Ankuft ein Schock.
Wo ist der Willkommensgruß?
Bemalte, rote Haut?
Wo sind die Federn, wo sind
die Trommeln?
War es ein Buch? War es ein Traum?

MUSIK: CD Gerry Mulligan: Lover, 6:09 – 6:43

O-TONBAND ruth weiss, Take 16
In ´45, wie der Krieg vorüber war, sind die Russen doch gekommen in dem Teil, wo sie wohnt. Und natürlich, die jungen Mädchen haben alle Angst gehabt, weil viele sind getötet oder raped und alles. Und da hat sie, da war in dem Gebäude um die Ecke, wo ich gewohnt habe, da war eine ganz kleine Wohnung unterm Dach, und dort war sie, wie die Russen dort reingekommen sind, sie und ihre Cousine haben sich dort versteckt, in dem Gebäude, wo ich aufgewachsen, ist ihr Leben gerettet.

O-TONBAND ruth weiss, Take 17
Wir haben uns wiedergefunden vor zwei Jahren. Und ich sehe sie jedes Jahr in Wien. Und wie sie sagt, sie ist eine Großmutter, sie hat schön geheiratet, sie hat Groß-Groß-Großenkel, und sie sagt, ich bin die Hausmutter und du bist die Bohemien. Und sie sieht mein rotes Haar und sie lacht, und ich habe keine Kinder, und ihr Mann und sie sprechen überhaupt kein Englisch, aber sie lieben Paul. Und die hat gut gemacht, weil ihr Mann etwas erfunden hat mit den Rahmen von Fenstern, so hat er eine Fabrik und sie sind gut.

MUSIK: CD Thelonious Monk: Well, You Needn´t

CD ruth weiss: Der Kreis vollendet sich, 2.25 – 2:46
Ich habe schon immer Städte gekannt,
Berlin und Budapest,
Zagreb und Prag.
Und selbstverständlich Wien.
Jetzt also verschlingt mich New York.
Die Stadt. Ich gehe
leicht auf Zement,
und vergesse, was ich weiß.

MUSIK: CD Thelonious Monk: Well, You Needn´t

O-TONBAND ruth weiss, Take 19
Ich habe gewohnt, New York sind wir angekommen, dann sind wir nach Iowa, im Midwest, und dann sind wir in Chicago gelandet, in ´41. Und dann waren wir in Chicago, bis ´46. Sind zurück zu Europa bis ´48, meine Eltern sind dann zurück zu Chicago, und dann habe ich angefangen meine Tour, nach Greenwich Village, New York, New Orleans, war ich. Überall im Land herum, ich glaube, es war ein Weg, Wurzeln zu finden, aber nicht nur eine Heimat sondern auch für mein Schreiben und viel zu experimenten. Und in diesen Tagen war es nie, man konnt rum, ich habe nie Probleme gehabt rumzufahren, Autostop, nie. Heute würde ich es nicht machen. Und damals war es ganz, ich habe wunderbare Leute getroffen. Und ich habe nie Probleme gehabt, nie Probleme damit.

MUSIK: CD Horace Silver: Safari

O-TONBAND ruth weiss, Take 20
Und dann endlich in ´52 bin ich angelandet in San Francisco, ich habe geglaubt, in meinem Sinn habe ich immer gesucht eine europäische Stadt, mehr wie Wien, ich konnte ja nach Berlin. Wien ist mehr eine Kleinstadt, mit kleinen Straßen, und alte Gebäude. Und San Francisco hat dieses Gefühl, und darum bin ich in San Francisco angelandet in ´52. Und die ganze Beat-Thing hat angefangen in ´56. Ich war gerade in der Mitte schon da. So habe ich das nicht geplant, oder hingegangen, ich war schon dort, wie es angefangen hat. Darum bin ich da ganz in der Mitte gewesen. Ich kenne alle diese Leute natürlich.

O-TONBAND MUSIK, Take 9
ruth weiss und Trio: San Francisco – 1:50

O-TONBAND ruth weiss, Take 21
Ich bin nicht sehr bekannt in der Welt von diesen Zeiten. Und man sagt mir, ja, du warst eine Frau und das ist wahr. Aber etwas Persönliches wollte ich sagen, ich glaube, es war etwas in meinem Sinn, daß ich mich immer verstecken wollte, wegen der Nazis, daß man mich nicht findet. Und in ´96 habe ich ein Interview mit den Holocaust Survivors gehabt und da habe ich das Video angeschaut und da habe ich gesagt, natürlich, ich habe mich immer versteckt darum.

ZITATORIN:
Women of the Beats, herausgegeben von Brenda Knight. Untertitel: The Writers, Artists and Muses at the Heart of a Revolution. Kapitel 1: Die Vorfahren: Jane Bowles, Madeline Gleason; Kapitel 2: Die Musen: Joan Vollmer Adams Burroughs, Carolyn Cassadie; Kapitel 3: Die Schrifstellerinnen: Janine Pommy Vega, Joyce Johnson, Hettie Jones, ruth weiss.

O-TONBAND ruth weiss, Take 22
Wir haben uns nicht Beats genannt. Beatnik war ein schlechtes Wort. Du bist ein Beatnik, du trinkst. Aber wie ich sage, ich war in San Francisco. Ich habe schon dort gelebt vier Jahre, bevor es angefangen hat, und dann war ich in einem Platz, in San Fransisco gibt es einen Teil, der heißt North Beach. Und das war ganz bohemisch. Aber jetzt, genau hier in Berlin, wo einer Teil von Berlin sehr bohemisch, aber jetzt ist überall in San Francisco heute. In diesen Zeiten war es ein bohemischer Teil. Und Leute wie Steinbeck und William Saroyan, ich weiß nicht, ob Sie den kennen, die waren dort, bevor ich da angekommen bin.

MUSIK: CD Charlie Parker: Leap Frog

O-TONBAND ruth weiss, Take 23
So, jetzt ist es so ´56. Und da kommen verschiedene Leute von New York und die fangen an, dieses Beat. Und da war auch ein Dichter, der ist jetzt tot, der ist in ´86 gestorben, Bob Kaufman, und der war eine ganz komische Kombination, er war schwarz und ein Jude, Bob Kaufman, ein herrlicher Dichter. Und man kennt ihn mehr in Frankreich als in den Staaten. In fact, in Frankreich er ist genannt, der schwarze Rimbaud. Ja. Und der hat angefangen eine Zeitung, es war nicht wirklich eine Zeitung, es war ein Magazin, es heißt Be-atitude. Und wir haben das mimeographed gemacht und ganz billig und nicht sehr gut gedruckt, und heute, vierzig Jahre später ist es ein collector´s item. In diesen Zeiten haben wir es für 35 Cents verkauft.

SPRECHER:
America, I forgive you … I forgive you
Nailing black Jesus to an imported cross
Every six weeks in Dawson, Georgia.
America, I forgive you … I forgive you
Eating black children, I know your hunger.
America, I forgive you … I forgive you
Burning Japanese babies defensively –
I realize how necessary it was.

Cars, televisions, sickness, death dreams.
You must have been great
Alive.

O-TONBAND ruth weiss, Take 24
Und dann war viel Jazz und etwas, was dazu in diesen Beat-Zeiten viel passierte, es war Multi-Media. Ich habe gearbeitet mit Leuten, die Licht-Spiele machen, mit Tänze, Gedichte, alles war zusammen. Und dann später ist nicht so viel davon. Und heute geht das wieder an, diese Multi-Media-Sachen.

CD, Jack Kerouac, Track 1, San Francisco Scene
Now it´s jazz,
the place is roaring,
all beautiful girls in there,
one mad brunette at the bar,
drunk with her boys.
One strange chick I remember from somewhere,
wearing a simple skirt with pockets,
her hands in there,
short haircut, slouched, talking to everybody.

SPRECHER:
Jazz, in der Bar
voll Getöse,
wunderschöne Mädchen da drin,
eine verrückte Brünette an der Theke,
betrunken, mit ihren Jungs.
Ein merkwürdiges Mädchen,
ich kenn´ sie von irgendwoher,
in einem einfachen Kleid, mit Taschen,
ihre Hände stecken darin,
kurze Haare, sie hängt da herum, redet mit allen.

ZITATORIN:
Mr. Kerouac, hat Sie Jazz beeinflußt?

SPRECHER:
Ja, Jazz und Bop, in dem Sinne wie, sagen wir, ein Musiker seinen Atem malt und auf seinem Saxofon einen Chorus bläst, bis er außer Atem kommt und wenn er so weit ist, ist sein Auftritt getan … das ist, wie ich folglich meine Sätze trenne, wie Atemabtrennungen vom Gedächtnis … Dann gibt es die Urwüchsigkeit, Freiheit und den Humor des Jazz anstelle von all diesem trüben Analysieren und Dingen wie „James trat ins Zimmer und zündete eine Zigarette an. Er dachte, Jane könnte gedacht haben, diese allzu sparsame Geste …“ Du kennst den Mist.

O-TONBAND ruth weiss, Take 25
Ich kannte Kerouac bevor „On the Road“ published war. Wir haben uns gekannt, ich glaube es war ´53, und er hat nur ein Buch damals rausgehabt, ich glaube, das heißt „The Country and the City“, oder „The City and the Country“.Und dieser Stil von diesem Buch war ganz anders was er später gemacht hat. Wie ich ihn gekannt habe, hat er noch nicht einmal fertig gemacht „On The Road“. Das ist erst, glaube ich, drei, vier Jahre später gekommen. Aber er war ein sehr, sehr brillanter Mann, aber er hat ein bißchen zu viel roten Wein getrunken. Ich habe auch, ich trinke auch immer, aber weil ich, ich trinke jeden Tag, ich fange an meinen Tag mit einem Bier, aber ich bin eine von den Glücklichen, ich kann ein paar Bier haben und dann muß ich nicht zwanzig haben. Und manche Leute, wenn sie anfangen, können sie nicht stoppen.

CD Jack Kerouac
It´s the beat generation, it´s b-e-at, it´s the beat to keep, it´s the beat of the heart, it´s being beat and down in the world and like all-time low down.

O-TONBAND ruth weiss, Take 26
Und warum wir nahe waren, wir waren ja nicht Liebhaber, und das war auch gut, weil seine – die Frauen hat er nicht gut behandelt, aber zu Freunde war er sehr gut. So waren wir gute Freunde. Und wir haben auch mit stream of consciousness und auch mit Haiku, was ist die andere Ende von Literatur, und wir haben sehr viel in der Nacht dann geschrieben, die Haiku, und wir haben viel über Sprache gesprochen, wie man sie entweder ganz los läßt und sieht, was geht, oder man ist diszipliniert, um in ein paar Worten das alles sagt. Und das war wunderbar mit ihm über solche Sache zu sprechen.

BAND Kerouac, Take 1
Saxofon

O-TONBAND MUSIK, Take 10
The dance of the flame,
the picture in the embers tells all
ever known.

Der Tanz der Flamme
das Bild in der Kohlenglut
spricht alles
Gewußtes.

BAND Kerouac, Take 2
In my medicine cabinet,
the winter fly
has died of old age.

Saxofon

O-TONBAND MUSIK, Take 11
Layer by layer
she peels the onion she is
and laughs with her tears

Schale für Schale
pellt sie die Zwiebel sich selbst
lacht ihre Tränen.

BAND Kerouac, Take 3
Useless, useless,
heavy rain
Driving into the sea.

Saxofon

O-TONBAND MUSIK; Take 12
From ocean to cloud
rain fills the cup of longing
time for reflection

Vom Meer zur Wolke
Regen füllt den Sehnsuchtskelch
Zeit für Besinnung

BAND Kerouac, Take 4
Saxofon

O-TONBAND ruth weiss, Take 27
Mit Ginsberg, wir waren nie Freunde. Wir haben uns lange gekannt, aber wir haben uns nicht gern gehabt. Ich muß das sagen.

CD Allen Ginsberg Holy Soul Jelly Roll, Vol. 3, Track 12, 1:33 – 2:11
Allen Ginsberg: Infant Joy (Blake/Ginsberg) R 2 71693

O-TONBAND ruth weiss, Take 28
Und das letzte Mal wie ich ihn gesehen habe, war in ´96, in New York, mein Film war eingeladen zum Whitney Museum, „The Brink“. Es gab da eine Show, „Beat Culture in the New America“ und ich war da in diesem Foyer, ich war da mit ein paar Freunden, und da habe ich so einen Stich in meinem Hals gehabt, und da habe ich mich umgedreht, und da war er. Wir haben uns nur angeschaut und die Augen für einen langen, langen Moment, wir haben nichts gesagt, und dann haben wir beide unsere Köpfe weggedreht zu unseren Freunden. Und dann natürlich ist er ein paar Jahre später gestorben. Aber wir waren nie Freunde. Aber Kerouac – ja.

MUSIK: CD Charlie Parker: Now´s The Time, 0:20

O-TONBAND ruth weiss, Take 29
Cassady habe ich nur ein paar Mal gekannt, er war ein wilder Mann und er hat viel herumgespielt. Aber er hat zwei Sachen, das er sehr geliebt hat, eine waren Züge, wie sagt man, trains, und er hat auch dort gearbeitet, beim Zug, und das zweite war Automobiles. Er hatte sehr gern zu fahren. Und was er gemacht hat, das ist wahr, er hat immer Automobiles gestohlen, und er wußte genau, wie man aufmachen kann, es gibt kein lock für ihn. So ist er zu einem Automobil gegangen und er hat gefahren, bis das Gas ausgelaufen und dann hat er es dagelassen, dann hat er einen anderen gestohlen. Er wollte nur immer fahren, er wollte nicht die Automobile haben. Daß er nie dafür gefangen war, ist verrückt. Aber wir waren nicht nahe, er war ein bißchen zu explodiert die ganze Zeit, und natürlich ich habe auch gerne zu sprechen, aber er hat nie gestoppt.

MUSIK: CD Charlie Parker: Now´s The Time, 0:21 – 0:34

O-TONBAND ruth weiss, Take 30
Aber mit Kerouac, mit Jack, das war eine andere Geschichte. Der hat sich überdenkt, der hat gesprochen lange, aber man konnte sich sehr tief unterhalten mit ihm. Ja.

MUSIK: CD Charlie Parker: Now´s The Time, 0:35 – 0:50, ausblenden

ZITATORIN:
Die Frauen der Beats waren in vielem aus dem gleichen Holz geschnitzt wie die Männer: furchtlos, zornig, risikobereit, viel zu klug, dabei unruhig und hochgradig ungebührlich. Sie ergriffen die Gelegenheit beim Schopfe, sie machten Fehler, sie übten sich an Gedichten, an der Liebe, an der Geschichte. Diese Frauen hatten keine Angst, sich schmutzig zu machen. Sie waren mitfühlend, gleichgültig, und charismatisch, sie bewegten sich zu einem ganz eigenen Rhythmus, sie marschierten nicht im Gleichschritt.

MUSIK: CD Charlie Parker: Now´s The Time

ZITATORIN:
Das Buch „Women of the Beats“ stellt Frauen vor, die an einer Revolution teilgenommen haben, einer Revolution, die auf immer die Landschaft der amerikanischen Literatur veränderte. Vor den späten 40ern, den frühen 50ern gaben sich Gedichte meist zugeknöpft. Die Beats halfen, aus der amerikanischen Literatur eine demokratische Angelegenheit zu machen. Sie glaubten, man brauche nur Leidenschaft zu empfinden und eine Liebe zum gesprochenen Wort. Als die Bewegung sich ausbreitete mußten die gepflegte Langeweile Prufrocks und der Weltschmerz Eliots den Beat Visionen und dem Wort-Jazz Platz machen. Die Literaturwelt sollte niemal wieder wie vorher sein.

O-TONBAND ruth weiss, Take 31
Ich habe angefangen Lesungen zu machen in den 70er Jahren, da war ein Club, der heißt Minnies Can Do und das war eine schwarze Frau, die heißt Minny und wir waren sehr gute Freundinnen, und sie hat mir gesagt, warum machst du nicht Dichtung in meiner Bar? So Paul hat mir ein wunderbares Plakat gemacht, mit einem Herzen und das sagt: Poets come and read your heart out. Und da sind allerlei Dichter gekommen, nein, nicht immer Dichter, Leute, die schreiben. Und manche waren wunderbare Präsentationen mit ihren Stimmen und ihr Gedicht war so und so. Und da waren andere, die wunderbar geschrieben haben, und nicht so gut sagen. Und ich habe alles ganz vermischt, und da waren alle diese Freunde gekommen, da waren sogar Leute, die nicht mal sogar wußten zu schreiben.

O-TONBAND BLAKE, Take 11, darauf
SPRECHER:
Ich traf Ruth 1967, in San Francisco, in einer Bar in North Beach. Ich war dort mit einem Freund und ich war noch sehr jung, ein Welpe noch. Von diesem Freund hatte ich schon viel über sie gehört, ich hatte Ruths Bücher gelesen, hatte Geschichten über sie gehört. Wir gingen dann später in ihr Haus, um ein Band mit dem „Desert Journal“ zu hören, an dessen Fertigstellung sie gerade arbeitete. Wir hörten uns das Band an, das sie gerade zusammen mit einem Bassisten aufgenommen hatte. Ich arbeitete zu dieser Zeit in einem Krankenhaus, ich war Kriegsdienstverweigerer, wegen des Vietnamkrieges. Eigentlich lebte ich in Los Angeles, dort war ich auch aufgewachsen, und dorthin mußte ich auch zurück, an die Kunstschule, die ich begonnen hatte, ich wollte sie abschließen. Das erste Treffen war im Juni, Ende des Sommers kehrte ich dann nach San Francisco zurück, um sie zu suchen. Im Grunde habe ich sie gekidnappt.

MUSIK: CD: Charlie Parker: I Get A Kick, 0:24

O-TONBAND BLAKE, Take 12, darauf
SPRECHER:
Als ich so etwa 12 war, entdeckte ich in Hermoza Beach, einem Nachbarort, die Beatniks und den Jazz. Es gab einen berühmten Jazzclub dort, mit unglaublichen Musikern. Also wartete ich, bis meine Eltern eingeschlafen waren, dann sprang ich auf mein Fahrrad und fuhr dorthin. Dabei war ich zu jung, um in den Club gehen zu können. Aber ich blieb eben draußen, bei einer offenen Tür in einer Seitenstraße, die Tür war in der Nähe der Bühne und da konnte ich also Jazz hören, bis zwei Uhr morgens. Ich rannte dann immer zum Vordereingang und schaute durch die Fensterscheiben auf all die Beatniks mit ihren Sonnenbrillen, wie sie Zigaretten rauchten und sich angeregt unterhielten. Das war ein Blick auf ein Leben, wie ich es für mich wollte. Es war mir fremd, denn ich war zwar in einer liberalen Familie aufgewachsen, aber eine Familie die auf keinen Fall der Bohème angehörte. Aber das, was ich dort sah, das war meine Welt, ich fühlte, daß ich dorthin gehörte. Und in San Francisco wollte ich auch schon immer leben. Also sind Ruth und ich, nachdem mein Zivildienst am Krankenhaus vorbei war, nach San Francisco gezogen. Wir haben 13 Jahre dort gelebt, und sind dann aufs Land gezogen. Seitdem wohnen wir auf dem Land.

CD ruth weiss: Ein Kreis vollendet sich, 2:48 – 3:42
Neunzehn-dreiundsechzig,
ich bin im Dorf Mendocino,
auf der Little Lake Road.
In einer Hütte,
zu 25 Dollar pro Monat.
Gatte daheim, weit weg
San Francisco.

Ich bin hier, um klar zu werden,
bei Mutter Erde zu sein.
Den nächsten Schritt zu finden.
Barfuß. Nackt schwimmen,
in einem Rotschlammteich.
Mengen von roten Libellen.
Sonne nackt, am Portuguese Beach,
liege bequem, zwischen Baumstämmen.
Zurück zur Hütte,
Sand zwischen den Zehen,
O Erde, ich gehe auf dir.

O-TONBAND MUSIK, Take 13
ruth weiss und Trio: Africa, 1:10

ZITATORIN:
Wieso stirbt eigentlich die Fasziniation an den Beats nicht ab, wieso wächst sie sogar? Jede dieser Frauen in dem Buch hat eine eigene Antwort darauf, aber alle sind sich in einem Punkt einig: zu einem Zeitpunkt der himmelstürmenden Mieten, der massenhaften Entlassungen und der kulturellen Wüste der 60 Stunden Arbeitswoche, hat das Glaubensbekenntnis der Beats eine Menge zu bieten: Mut und kreative Identität des Individuums. Zu einem gewissen Grad sind die Frauen in dieser Bewegung ignoriert und an den Rand gedrückt worden, die Ironie will es, daß sie vielleicht deshalb heute das bescheidene Etwas repräsentieren, was von der wahren Beat Bewegung übrig blieb.

CD ruth weiss: Der Kreis vollendet sich, 3:43 – 4:34
Es ist nacht, Vollmond,
Der Schlaf geht auf Wanderschaft.
Schau zu, wie er den Weg entlang
verschwindet. Die Milchstraße,
eine Schale aus Glasperlen,
rund um den Globus.
Mutter Erde, Vater Himmel,
gib mir ein Zeichen, meinen nächsten Schritt.
Und ja, da ist er,
von den roten Menschen des Westens,
nicht ein Buch, nicht ein Traum,
mein Geistführer, aus dem Westen.
„Du mußt jetzt allein sein!“
„Ich will nicht allein sein.“
„Du bist nicht allein“, sagt er
und ist weg.

SPRECHER:
Kein amerikanischer Poet ist dem Jazz in der Konstruktion seiner Gedichte so treu geblieben wie ruth weiss. Ihre Gedichte sind Partituren, die in Töne umgesetzt werden, mit Ellipsen wie Riffs, mit offenen Phrasierungen, die die Sinne umschwärmen. Verbale Bewegung harmonisch verbunden mit einem Universum des Rhythmus, das ist die Essenz ihrer Arbeit. Andere lesen zu Jazz oder schreiben vom Jazz aus. ruth weiss schreibt Jazz in Worten. Jack Hirschmann, American poet.

O-TONBAND MUSIK, Take 14

Play us a riff, sun
notes benign upon the earth
land solid,
good jazz.

Spiel einen Riff, Sonne
Noten gütig zur Erde
Land fest,
Good Jazz,
Guter Jazz.