Paul Bowles: Himmel über der Wüste

Manuskript: Maximilian Preisler
radio kultur (SFB/ORB)
Noten zur Literatur
Red.: Sally Sallmann

Der Beginn einer sechsbändigen Werkausgabe.

Der Mythos von Jane und Paul Bowles lebt. Dieser Mythos speist sich aus Gerüchten und aus Tatsachen: dem abenteuerlichen Leben der unermüdlich Reisenden in den 30er Jahren, dem endgültigen „Aussteigen“ der beiden aus dem bürgerlich-bohemienhaften Leben in Amerika und der Aufnahme eines permanenten Wohnsitzes an einem durch und durch exotischen Ort, der Stadt Tanger in Nordafrika, dem unorthodoxen Zusammenleben des Ehepaares Bowles schließlich, sie eine Schriftstellerin seit 1943, er zog fünf Jahre später gleich, einem Ehepaar, das sich große Freiheiten gab, vor allem für Liebesverhältnisse mit gleichgeschlechtlichen Partnern, und schließlich trug die lange Präsenz von Paul Bowles in Marokko Früchte, nach dem frühen Tod von Jane wurde Pauls Wohnung zu einer Wallfahrtstätte, willkommen waren alle: die literarisch Begeisterten, die von der Drogenwelt faszinierten, alle Weltflüchtige, die sehnsuchtsvoll einer mystischen Offenbarung hinterhergejagten. Mehrere Dokumentarfilme, Bernardo Bertoluccis Spielfilm „The Sheltering Sky“ und dazu einige Biografien trugen in den 90er Jahren dazu bei, daß der Name Bowles stets präsent blieb.

Wenn nun – als erster Band einer auf sechs Bände insgesamt angelegten Werkausgabe – Paul Bowles erster Roman „Himmel über der Wüste“ wieder aufgelegt wird, so stellt sich natürlich noch einmal die immer wieder aufgeworfene Frage, wo die Realität des Lebens von Jane und Paul Bowles endet und wo der Roman beginnt.
Millicent Dillon, die Biografin von Paul und auch von Jane Bowles, verzweifelte an den ausweichenden Antworten ihres Helden zu diesem Themenkomplex und allgemein an der Ungerichtetheit seine Umgangs mit ihr. Sie schreibt in ihrem Buch „You Are Not I“, das ebensogut eine Darstellung der Entstehung einer Biografie wie ein langer Essay über Paul Bowles ist::

ZITATORIN:
„Wenn Schriftsteller sehr früh mit dem Schreiben beginnen, betrachten sie ihr Leben als Material für ihre Arbeit, vor allem die Menschen, die sie treffen, die Ereignisse, die sie erleben. Jede Erfahrung wird kontinuierlich überwacht, um alles später in Worten ausdrücken zu können. Das Leben gibt Informationen an das Werk weiter – und das Werk wiederum gibt Informationen an das Leben, auf natürliche, unbewußte Weise, so will es mir zumindest scheinen.“

AUTOR:
Wovon erzählt „Himmel über der Wüste“? Zwei desillusionierte amerikanische Aussteiger, das Ehepaar Kit und Port Moresby, reisen nach Nordafrika, sie hoffen, daß die Exotik des fremden Landes ihrer schal gewordenen Beziehung eine neue Spannung verschaffen kann. Was als banale Dreiecksgeschichte beginnt, ein zweiter Mann, Tunner, ebenfalls Amerikaner, tritt zu dem Ehepaar hinzu, wird zu einem existentialistischen Drama. Kit und Port verlieren im Laufe der Erzählung jegliche Selbstsicherheit, je weiter sie in die Wüste eindringen, desto verzweifelter wird ihre Lage, je näher sie dem absoluten Unbekannten kommen, desto weniger sind sie noch in der Lage, das Leben zu meistern. Port erkrankt unheilbar an Typhus, allein gelassen von Kit treibt er dem Tod entgegen. Kit wiederum schlägt einen Irrweg nach dem andern ein, sie unterwirft sich einer gewalttätigen Sexualität, sie verliert am Ende den Verstand, wohl auch ihre Seele.

„Sheltering Sky“, „Himmel über der Wüste“, erschien 1949 und wurde schnell zu einem Bestseller. Die Mischung aus Abenteuerromantik, Zivilisationsmüdigkeit und abgundtiefer Verzweiflung stellte den Roman in eine Reihe mit Romanen der Beat Generation in den USA, den Theaterarbeiten Sartres und Camus „Fremden“ in Frankreich. Und wie bei Sartre, wie bei Camus und bei Kerouac spürt man auch beim Wiederlesen von Bowles erstem Roman einen Sog, einen unheilvollen Sog. Von Beginn an ahnt der Leser, daß ein Unheil sich nicht vermeiden lassen wird, ein bestürzendes Gefühl, denn der Leser, der das Unglück nicht geschehen lassen möchte, wird vom Autor überzeugt, daß es unausweichlich ist. Port Moresby fühlt schon seit Beginn, daß ihn nur der Himmel über ihm schützt vor dem feindlichen Nichts, das sich dahinter verbirgt, auf seinem Todeslager wird es ihm zur Gewissheit:

ZITATOR:
„Er hörte auf, Bilder zu sehen, und lag ganz still unter den Trümmern. Der Schmerz konnte nun nicht mehr weitergehen. Er öffnete die Augen, schloß sie wieder und sah nichts als den zerbrechlich dünnen Himmel, der schützend über ihm ausgespannt war. Langsam würde dieser Himmel aufbrechen, sich öffnen, und er würde sehen, wie das, was dahinter lag und woran er nie gezweifelt hatte, mit der Geschwindigkeit einer Million Winde auf ihn zukam. Sein Schrei war ein von ihm getrenntes Etwas neben ihm in der Wüste. Er hielt an, hielt an.“

AUTOR:
Paul Bowles entging dem Schicksal, das er seinem Alter ego vorgeschrieben hatte, seine Kreativität blieb ungebrochen, bis ins hohe Alter hinein. Er starb, knapp 90jährig, im letzten Jahr. Jane Bowles Befürchtungen allerdings bewahrheiteten sich. Mit 39 Jahren erkrankte sie schwer. Sie warf Paul vor, seine Beschreibung von Kits Leiden in „Himmel über der Wüste“ habe für sie als Prophezeiung gewirkt. Und wirklich, wie Kit, verlor sie sich selbst sehr früh. Jane Bowles starb nach langem Leiden 1973 in einer spanischen Nervenheilanstalt. Ein letztes Telegramm, das Kit im Roman verschicken möchte, enthält nur drei Worte: Kann nicht zurück.

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