Mord In New Orleans

Manuskript: Maximilian Preisler
für DeutschlandRadio Berlin
Julie Smith And James Lee Burke.
2) AUTOR:
Es ist erst Anfang Mai, aber die Luft in New Orleans ist bereits unglaublich schwül und heiß. Wie kann man hier den Sommer ertragen? Im French Quarter ist immer etwas los, auf der Bourbon Street, der Straße der Strip Bars und der Musikschuppen drängen sich die Besucher. Throw me something, show me something. Die jungen Frauen auf den Balkons mit den zierlichen spanischen Gittern zeigen, was sie haben, wenn die Jungs von der Straße aus ihnen lange Perlenketten aus Glas zuwerfen. Zwei Straßen weiter, in der Royal Street, leuchtet das hell angestrahlte Polizeigebäude in der Dunkelheit auf. Eine weiße Trutzburg. Mein Taxifahrer hat das Fenster seines Chevy ganz heruntergekurbelt, er ruft den Passanten Scherzworte zu, oder meint er es ernst, daß er alles besorgen könne, was gewünscht wird? Langsam schiebt sich das gelbe Gefährt durch die Einbahnstraßen des Vieux Carrée, der Cab Driver muß einem bunt aufgezäumten Droschkenpferd ausweichen, läßt sich auch durch eine Gruppe von sehr beschwingen College Girls nicht aus der Ruhe bringen.The Big Easy, mit diesem Slogan wirbt die Stadt. Oder ist das Gegenteil wahr? New Orleans, Murder City, USA. Mein Taxifahrer erzählt von den Freuden des Fischens und gibt sich überhaupt sehr philosophisch. Er glaubt an das Prinzip von Yin und Yang – das Gute und das Böse sind immer und überall zu finden.

3) O-TONBAND TAKE 1

4) AUTOR:
Wenn heute in den USA von Krimis die Rede ist, dann fallen schnell die Namen von Julie Smith und James Lee Burke. Beide Autoren leben, zumindest einen Teil des Jahres, in New Orleans. Nicht überraschend also, daß sie als schillernden Schauplatz ihrer Romane die Stadt am Mississippi wählten. Die Helden in ihren Geschichten nehmen den Kampf mit dem Bösen auf, sie wagen sich in die Sümpfe des Atchafalaya Beckens, in denen die Alligatoren und Wasserschlangen auf ihre Beute warten, und in die Alleen der großen Stadt, wo die Gefahr gerade so tödlich lauert. Julie Smith hat eine Frauenfigur geschaffen, Skip Langdon. Ihr Arbeitsplatz ist die Mordkomission von New Orleans.

5) O- TONBAND TAKE 2
darauf: SPRECHERIN:
Sie ist 1,80 groß, etwas übergewichtig, ein bißchen unordentlich, sie weiß nicht, wie sie sich anziehen soll und sie ist ziemlich linkisch. Kein Wunder also, daß sie nur ein geringes Selbstvertrauen besitzt. Dazu kommt dann noch ihr Aufwachsen, ihre merkwürdige Familie. Dies alles führt dazu, daß sie sich nicht so verhält, wie man sich einen Polizisten vorstellt. Sie muß sich ihre Position erst erkämpfen. Am Ende des ersten Buchs hat sie Selbstvertrauen, aber sie ist immer noch äußerst linkisch. Sie ist nicht wie jene Fernsehdetektive, die alles wissen und die genau wissen, wie sie alles anzupacken haben. Sie muß es erst lernen.

6) AUTOR:
James Lee Burkes Held ist schon in die Jahre gekommen, als Detective ringt er mit Räubern und Mördern, doch in der Nacht, in seinen Träumen, verfolgen ihn die Monster seiner eigenen Vergangenheit. Er trägt einen Cajun Namen, er heißt:

7) O-TONBAND TAKE 3
Dave Robicheaux

8) AUTOR:
Er ist Nachfahre jener Emigranten aus Frankreich, die im 18. Jahrundert in Nova Scotia siedelten, bald in die Kämpfe zwischen Engländern und Franzosen gerieten und über Umwegen eine neue Heimat in den Sümpfen Südwestlouisianas fanden. Sie galten und gelten auch heute noch vielfach als Hinterwäldler. Dave war lange Jahre Polizist in New Orleans, aber, sagt Burke:

9) O-TONBAND TAKE 4
darauf SPRECHER:
In einem der frühen Romane verläßt Dave Robicheaux New Orleans, um nach New Iberia, seiner Heimatgemeinde zurückzukehren, aber er geht immer wieder nach New Orleans zurück. Dave, als Person, verkörpert das Beste in uns, er ist eine Ritterfigur, er kommt aus einer Arbeiterfamilie aber er besitzt die Qualitäten eines mittelalterlichen Ritters, mit anderen Worten, seine Qualitäten sind diejenigen, die wir bei anderen Leuten am meisten bewundern: Mut, Einfühlungsvermögen, Ehre und die Bereitschaft, sich selbst zu opfern. Er versucht denen eine Stimme zu verleihen, die keine besitzen.

10) AUTOR:
Wie nahe sind sich Held und Autor? Wie Dave Robicheaux mußte James Lee Burke lange Jahre mit einem schweren Alkoholproblem kämpfen, wie sein fiktionales Alter Ego mußte er viele Rückschläge dabei einstecken. Burke wuchs in Louisiana auf und versuchte sich in vielen Jobs: er war Lastwagenfahrer, arbeitete auf den Ölfeldern im Golf, die Gettos der South Side von Los Angeles und die ökonomisch brachliegenden Bergbaugebiete Kentuckys lernte er in den 60er Jahren als Sozialarbeiter kennen. Polizist jedoch war er nie. 35 Jahre lang hat Burke fast unbemerkt geschrieben, inzwischen ist der „Raymond Chandler der Bayous“ längst kein Geheimtip mehr, seine Bücher heimsen Preise ein und auch Hollywood wurde inzwischen aufmerksam. James Lee Burke wohnt während der Sommermonate in Missoula, Montana, am Fuß der Rocky Mountains, doch sein Haus in New Iberia, Louisiana hat er nie aufgegeben. So beschreibt Detektive Robicheaux sein Heim am Bayou Teche:

11) SPRECHER:
Ich bog in unsere Auffahrt und parkte neben dem Haus, das mein Vater, ein riesiger, trinkfester und stets grinsender Cajun, der bei der Explosion einer Ölquelle draußen auf dem Meer umgekommen war, während der Depression mit eigener Hand aus behauenen Zypressenstämmen gebaut hatte. Im Laufe derJahre hatte sich das Blechdach über der Veranda rostrot verfärbt, und die Holzwände waren durch den Regen, die Staubstürme und den Qualm der Stoppelfeuer nachgedunkelt und gehärtet. Meine Frau Bootsie und ich hatten Körbe mit Springkraut auf der Veranda aufgehängt, Blumenkästen vor die Fenster gestellt und die Beete rundum mit Rosen, Hibiskus und Hortensien bepflanzt, doch das Haus, das fast das ganze Jahr über im Schatten der immergrünen Eichen und Pecanbäumen lag, hatte dennoch etwas Düsteres an sich, etwas Altes, das unmittelbar aus dem Jahre 1930 zu stammen schien, so als ob mein Vater nach wie vor seinen Besitzanspruch geltend machte.

12) MUSIK: Nathan Abshire

13) AUTOR:
Julie Smith kommt ebenfalls im Süden auf, sie ist in Savannah, Georgia groß geworden. Sie hat sich jedoch lange Zeit geweigert, über diesen Teil der USA zu schreiben. Im Gespräch sagt sie: „Ich fühlte mich wie ein Außerirdischer, der aus einer fliegenden Untertasse herausfiel und im Garten meines Elternhauses landete. Der Süden blieb mir immer fremd.“ Erst als sie eine Figur erschuf, die sich ebenfalls wie ein Fremdling vorkam, fand sie einen Weg über ihre neue Heimatstadt New Orleans zu schreiben. Julie Smith besitzt ein Apartment im berühmtesten Teil der Stadt, im French Quarter. Dort wohnt auch ihre Heldin. Zu Jimmy Dee, ihrem schwulen Vermieter, hat sie ein herzliches Verhältnis:

14) SPRECHERIN:
Skip hatte bisher in einer Einzimmerwohnung gelebt, die kaum groß genug gewesen war, um zu zweit Kaffee zu trinken. Aber nachdem Jimy Dee die beiden Kinder seiner verstorbenen Schwester adoptiert hatte, hatte er das gesamte große Haus, darunter auch Skips Zimmer, wieder in das ursprüngliche Einfamilienhaus verwandelt. Er hatte Skip sein eigenes, kunstvoll renoviertes Apartment, hinten im Haus, wo früher die Sklaven gewohnt hatten, zur alten Miete überlassen, und sie war immer noch dabei, es von einer typischen Junggesellenwohnung in eine luftige Oase mit Pflanzen und Kunstgegenständen zu verwandeln – soweit ihre Mittel das zuließen.

15) AUTOR:
Ebenfalls im French Quarter ist Joe DeSalvo zu Hause. Er leitet das „Faulkner House“, ein Buchgeschäft an einem historischen Ort: hier in der winzigen Pirate´s Alley, direkt hinter der Kathedrale von New Orleans gelegen, wohnte vor vielen Jahren William Faulkner. Hier ließ er sich von seinem Freund Sherwood Anderson den Plan ausreden, nach Europa zu reisen, um dort weiter Gedichte zu schreiben. Mister DeSalvo, ein untadeliger Southern Gentleman, gehört zu den wichtigen literarischen Persönlichkeiten der Stadt, und sowohl Julie Smith als auch James Lee Burke gehören zu den Freunden seines Hauses.

16) O-TONBAND TAKE 5
darauf Sprecher:
Beide sind wunderbar. Sehr freundlich, sehr warm, man ist gerne mit ihnen zusammen, sie sind intelligent, können sich wunderbar ausdrücken, wissen genau, worüber sie reden und schreiben, sie haben, mit einem Wort, durch ihre „mystery novels“ einen exzellenten Beitrag geliefert zur Literatur aus New Orleans. Julie kommt übrigens oft zu Besuch, sie hat ein Apartment, nur zwei Straßen von uns entfernt. Und wenn wir eine neue Lieferung ihrer Bücher bekommen, dann bitten wir sie herüber zu kommen, um sie zu signieren. Überall gibt es Julie Smith Kunden, im ganzen Land, und auch in anderen Ländern. Ich habe eine lange Liste von Leuten, die jedes neue Buch von ihr haben möchten. Signiert. Jedes Jahr im September veranstalten wir Lesungen, um Mr. Faulkners Geburtstag zu begehen. Julie hat schon oft daran teilgenommen. Sie ist immer sehr großzügig und wir hier verehren sie alle.

17) AUTOR:
Skip Langdon, Julie Smiths Heldin, ist eine Rebellin, sie rebelliert gegen die Angepaßtheit ihrer Eltern, die als Kind von ihr verlangten, nur mit den Kindern aus den richtigen Häusern Freundschaft zu schließen, und die nun nicht gerade begeistert sind über den Beruf, den ihre Tochter wählte. Sie rebelliert aber geradeso gegen ihre Polizei-Kollegen, die in ihr nur die höhere Tochter sehen. In „New Orleans Beat“ zum Beispiel ermittelt sie unerschrocken gegen einen anderen Polizisten, der noch dazu ein Cousin des von allen gefürchteten Sergeant Frank O´Rourke ist.

18) SPRECHERIN:
Sie war gerade dabei, nervös Papiere auf ihrem Schreibtisch hin- und herzuschieben, während sie auf eine Nachricht von Joe wartete, als sie hinter sich etwas Bedrohliches spürte. Sie wirbelte mit dem Stuhl herum und fand sich dem aufwendigen Gürtelschloß von Sergeant Frank O´Rourke gegenüber.
„Verflucht, was haben Sie mit Mike Kavanagh zu schaffen?“
„Ich tue nur meine Arbeit, Frank.“
„Wir reden hier nicht von irgendwelchem Abschaum von der Straße, sondern von meinem Cousin, Langdon.“
Sie zwang sich zu lächeln. „Vermutlich liegt es in der Familie, Frank.“
Farbe und Hautstruktur seines Gesichts – rot angelaufen, aber schwammig und matt – erinnerten Skip an eine Bezeichnung, die man in New Orleans für Tomatensauce benutzt:´rote Brühe`.
Er kniff die Augen zusammen und zischte: „Fotze“.
„Könnten Sie ein wenig lauter sprechen, Frank? Wenn ich Sie schon wegen Belästigung anzeige, will ich wenigstens, daß es alle gehört haben.“ Als er nicht reagierte, sagte sie: „Wie haben Sie mich noch genannt, Frank? Es fing mit F an, nicht wahr?“
„Ich hol mir dein Abzeichen, kleines Biest. Was glaubst du eigentlich, wer du bist? Kommst aus Uptown daherscharwenzelt, noch grün hinter den Ohren, und schwärzt einen Mann an, der seit dreißig Jahren die Stütze seiner Abteilung ist.“
Ihr fiel auf, daß er sich so dicht vor ihr aufgebaut hatte, daß sie nicht aufstehen konnte. „Treten Sie zurück, Frank. Ich muß mich übergeben.“
Offenbar dachte er, sie meinte das ernst, denn er trat einen Schritt zurück und gab ihr Gelgenheit, sich zu erheben. Sie war fünf Zentimeter größer als er. „Nennen Sie mich nie wieder klein, wenn Sie weiterleben wollen, Winzling.“
Mehrere Kollegen, die bis dahin so getan hatten, als kümmerte sie das alles nicht, konnten sich nun nicht länger beherrschen. Jemand rief: „Zeig´s ihm, Skip!“, und ein anderer sagte: „Paß bloß auf, Winzling.“
Sie zitterte. O´Rourke hatte häufig diesen Effekt auf sie – er konnte sie so durcheinanderbringen, daß sie die Fassung verlor, aber sie stellte verwundert fest, daß sie ihm diesmal wirklich entgegengetreten war.
Sie hatte sich ihm nicht nur gestellt, die Jungs waren auf auf ihrer Seite – dabei war sie tatsächlich aus Uptown und noch relativ grün hinter den Ohren.
Sie versuchte gerade, das zu verdauen, und überlegte, wie sie ihren Vorteil daraus ziehen konnte, als Sylvia Capello, ihr Sergeant, hereingerauscht kam. „Was ist denn hier los?“
„Langdon hat gedroht, O´Rourke in den Arsch zu treten.“
Gelächter. Lautes Gelächter.
„Wir nehmen schon Wetten an, aber niemand will was auf Frank setzen.“
O´Rourkes Gesicht war roter Brühe noch ähnlicher geworden.
„Kommt mit raus. Regeln wir das woanders.“
Sylvia ging zurück in den Flur, Skip folgte ihr, und O´Rourke stapfte hinterdrein wie ein Elefant.
„Frank, haben Sie sie wegen Kavanagh belästigt?“
„Sie hat kein Recht -“
„Sie hat die Pflicht, Frank. Sie hat auf meinen Befehl hin gehandelt – was bilden Sie sich ein, sich mit den Leuten eines anderen Sergeants anzulegen?“
„Also gut, Sylvia, ich sage dir nur, daß Mike Kavanagh in dieser Abteilung ziemlich geachtet wird. Die da wird gewaltig eins auf ihren dicken Arsch kriegen.“
Türenknallend verschwand er wieder im Büro der Kripo.
„Trampeltier“, sagte Skip.
„Trampeltier? Warum nicht `Arschloch`? Der Kerl behandelt dich wie Dreck, und alles, was dir einfällt ist `Trampeltier`?“
Plötzlich lagen sie und Sylvia sich in den Armen und kicherten. Es hätte die Frauen in der Dienststelle zehn Jahre zuzrückgeworfen, wenn O´Rourke jetzt wieder aus seinem Zimmer gekommen wäre.

19) MUSIK: James Booker: Longhair Medley

20) darauf: AUTOR:
Skip Langdon die Aufsässige – und dann gibt es da noch Skip Langdon, die Liebende. Ihr Freund ist ein Dokumentarfilmer aus LA.

21) SPRECHERIN:
„Einen Tag im Leben einer Polizisten? Ich weiß nicht, ob du so viel Leidenschaft einfangen könntest.“ Sie fing sich einen Teil von ihm.
„Du hast recht. Polizeiarbeit ist so aufregend.“
„Und schweißtreibend.“
„Ich würde über so etwas stehen.“ Er fing gerade damit an. „Ich weiß nur nicht genug.“
„Vielleicht könntest du eine Polizistin finden und einfach,na ja, ein Geständnis aus ihr herausprügeln.“
„Mit einem stumpfen Gegenstand?“
„Denk mal darüber nach.“
„Er schüttelte den Kopf und legte ihr eine Hand auf die Brust.
„Vielleicht quetsche ich die Wahrheit einfach aus ihr heraus.“
„Es könnte sein, daß sie eine Leibesvisitation durchführen muß. Wegen versteckter Waffen.“
„Was würde sie tun, wenn sie eine fände?“
„Sie an einem wirklich sicheren Ort deponieren.“

22) AUTOR:
Eine Sexszene beschreibt Julie Smith hier, ohne ein einziges der gebräuchlichen Wörter zu benutzen. Ist dies Teil einer bewußt eingehaltenen Strategie, vor allem einer konsequent weiblichen Erzählperspektive?.

23) O-TONBAND TAKE 6
darauf SPRECHERIN:
„Ganz gewiß. Abgesehen davon, daß man als Schrifsteller eigentlich nicht sagen kann, ich bin ausschließlich Mann oder ganz und gar Frau, weil es eben auch eine allgemeine menschliche Erfahrung gibt. Abgesehen davon, ja, ich habe eine weibliche Perspektive. Zum Beispiel würde ein Mann kaum über eine Figur schreiben, die ein wenig übergewichtig ist, die aber glaubt viel zu übergewichtig zu sein, und deshalb Probleme hat. Das ist eine sehr weibliche Position. Und danke, daß Sie die Sex-Szene erwähnten, daß ist sehr nett von Ihnen, ja, über Sex zu schreiben ist wirklich etwas Interessantes, jeder versucht es, aber es gibt nicht viel, was man darüber noch sagen kann. Deshalb fühle ich mich durch Sex Szenen herausgefordert, denn was kann man darüber noch Neues schreiben? Und es ist wunderbar, wenn irgend jemand etwas Neues dazu einfällt. Deshalb suche ich nach einem unverbrauchten Zugang.

24) MUSIK: Snooks Eaglin: My Girl Josephine, unter dem Beginn des O-Tons liegenlassen

25) AUTOR:
Beiden Autoren stellte ich die Frage: Welche Töne und Geräusche hören Sie, wenn Sie an New Orleans denken? Julie Smith:

26) O-TONBAND TAKE 7
darauf SPRECHERIN:
Töne? Na ja, ich lebe im French Quarter und über die Töne, die ich da höre, ist nicht leicht zu sprechen, die Geräusche, um fünf Uhr morgens, würden die meisten Menschen nicht so gerne hören. Vielleicht wissen Sie, daß die Bars in New Orleans nie schließen. Und die Leute gehen bis in den frühen Morgen nach Hause, und dann schreien sie einfach darauf los. Das ist die eine Seite. Und dann gibt es natürlich eine Unmenge Musik. Überall, wo man auch hingeht, ist Musik. Das vermißt man, wenn man in eine andere Stadt zieht. Man tritt vor die Tür und man hört eine Parade oder vielleicht einfach Straßenmusiker. Und dann gibt es natürlich die wunderbaren unterschiedlichen Akzente in der Sprache in New Orleans, vielleicht ein halbes Dutzend gibt es davon. Vielleicht haben Sie es schon mitbekommen auf ihrer Reise, da gibt es den klassischen Südstaatenakzent und da ist so etwas ähnliches wie ein Brooklyn Akzent und dazwischen jede Menge anderer Akzente. Alle kann man als Sprache aus New Orleans identifizieren.

27) O-TONBAND MUSIK TAKE 1
Streetband, unter den nächsten O-Ton legen

28) O-TONBAND TAKE 8
darauf SPRECHER:
Es ist eine Stadt, mit der ich Töne assoziiere, mehr als Bilder. Na ja, ich habe noch nie darüber nachgedacht. Es ist eine sehr musikalische Stadt, Musik macht einen Großteil der Tradition von New Orleans aus. Und heute, wenn man auf dem Jackson Square entlangspaziert, direkt vor der St. Louis Cathedral, also die Gegend zwischen dem French Market und der Kathedrale, kann man Straßenbands sehen, oft sind es Gruppen mit Saiteninstrumenten. Wenn man die Royal Street runtergeht, trifft man Ragtime Bands, das sind Leute, die setzen sich mitten auf die Straße und spielen.

29) O-TONBAND MUSIK TAKE 1 hochziehen, kurz stehen lassen.
Blende

30) O-TONBAND TAKE 9
Straßenbahngeräusch

31) O-TONBAND TAKE 10
darauf SPRECHER:
Aber ich denke dabei auch an die Straßenbahn, das Geräusch der Straßenbahn, wenn sie die St. Charles Avenue hinunter fährt, solch ein wundervolles Geräusch gibt es nur einmal auf der ganzen Welt. New Orleans hat viele wunderbare Seiten, und die bleiben bei dir, für den Rest deines Lebens.

32) O-TONBAND TAKE 9 hochziehen

33) AUTOR:
Die Musik aus Louisiana und New Orleans spielt in den Romanen der beiden Schriftsteller eine große Rolle, das ist bereits abzulesen an den Titeln von Julie Smiths Büchern – „House Of Blues“, „The Axemans´s Jazz“; „New Orleans Beat“ und „Jazz Funeral“, und in James Lee Burkes „Cadillac Jukebox“, auf deutsch „Nacht über dem Bayou“, zieht sich die Musik wie ein roter Faden durch den Roman.

34) SPRECHER:
Eine Zeitlang arbeiteten seine und meine Mutter gemeinsam in einer Wäscherei, und nach der Schule gingen wir zu mir nach Hause und spielten. Wir hatten ein Grammophon mit Handkurbel, und Jerry Joe wühlte immer in dem Haufen eingestaubter Schellackplatten herum, holte die alten, zerkratzten Aufnahmen von den Hackberry Ramblers und Iry Le Jeune heraus und hörte sie sich ein ums andere Mal an, tanzte dazu, grinste spitzbübisch und rollte mit Armen und Schultern wie ein kleiner Boxkämpfer.

35) MUSIK: Iry LeJeune, unter SPRECHER liegenlassen

36) SPRECHER:
Eines Tages, es war kurz nach Neujahr, kam mein Vater unverhofft von seiner Arbeit draußen im Meer nach Hause, wo er als Ölbohrer auf dem Turm der Bohrinsel arbeitete, hoch über der wogenden Dünung des Golfs von Mexiko. Er war nach einem Streit mit dem Bohrmeister gefeuert worden, und wie immer, wenn er einen Job verlor, hatte er seinen restlichen Lohn für Whiskey in Provosts Bar und Geschenke für uns ausgegeben, als ob die nächste Gelegenheit, zu Glück und Wohlstand zu kommen, gleich um die Ecke läge.
„Du kannst ziemlich gut tanzen. Aber du bist zu dürr. Wir müssen dich ein bißchen aufpäppeln. Komm mit und schaut mal, was ich mitgebracht hab“, sagte er.
Er stellte einen Segeltuchbeutel mit Zugband auf den Küchentisch und packte ihn aus – geräucherte Enten, eingelegte Okraschoten und grüne Tomaten, eine Obsttorte, eingeweckte Erdbeeren, ein Glas mit gerösteten Schweineschwarten und ein Flasche Jax-Bier nach der anderen.
Jerry Joe ging wieder ins Wohnzimmer und saß eine ganze Weile allein auf einem Polstersessel. Im schwindenden Tageslicht klirrte das Eis an den Pecanbäumen neben dem Haus. Dann kam er in die Küche zurück und sagte, ihm sei schlecht. Mein Vater packte ihm ein Weckglas und zwei Räucherenten in eine Papiertüte und klemmte sie ihm unter den Arm. Dann furhren wir ihn in der Dunkelheit nach Hause. An diesem Abend konnte ich die Handkurbel für das Grammophon nicht finden,dachte aber, Jery Joe hätte sie einfach verlegt.

37) MUSIK: wieder hochziehen, unter SPRECHER liegenlassen

38) SPRECHER:
Er fragte nie wieder, ob er mit mir nach Hause kommen könne, und jedesmal wenn ich ihn traf, vermittelte er mir das Gefühl, als ob ich ihm etwas Wertvolles gestohlen hätte. Tags darauf bekam ich eine erste Lektion darüber erteilt, wie ein Kind, das niemanden hat, dem es sich anvertrauen kann, mit unterschwelliger Wut und verletztem Stolz umgeht. Als der Schulbus auf der Schotterstraße hielt, an der Jerry Joe wohnte, sah ich eine zerrissene Papiertüte im Graben liegen, sah die von Hunden angefressenen Überreste der Räucherenten und die eingemachten Erdbeeren, die an den Scherben des zerbrochenen Weckglases klebten.

39) MUSIK: erneut kurz hochziehen

40) AUTOR:
Das Böse in den Kriminalgeschichten von James Burke kann ganz unterschiedliche Gestalt annehmen, es ist das archaisch wirkende Böse, in „Cadillac Jukebox“ verkörpert von dem aus dem Staatsgefängnis Angola entsprungenen und nun auf Rache sinnenden Sträfling. Oder das Böse kommt ganz im lässigen Stil des „New South“ daher, aufgeschlossen, sich liberal gebend, so wie der neugewählte Gouverneur von Louisiana, der seine politische Macht sehr wohl für seine privaten Zwecke zu nutzen weiß.

41) SPRECHER:
Aaron hatte nur die Hose und sein schweres Schuhwerk an, und sein haariger, schlammverkrusteter Oberkörper verströmte einen Geruch, bei dem dem Tankwart augenblicklich übel wurde.
Aaron öffnete seine schwielige Hand und zeigte ihm das Taschenmesser mit dem Horngriff.
„Wieviel gibst du mir dafür?“ fragte er.
„Ich brauch keins“,erwiderte der Tankwart und versuchte zu lächeln. Er war jung, hatte glatt zurückgekämmte schwarze Haare und trug eine Krawatte, die mit einem Haken aus Pappe am Kragen seines weißen Hemdes befestigt war.
„Ich will sechs Dollar dafür. Du kannst´s für zehn weiterverkaufen.“
„Nein, Sir, ich brauch wirklich kein Messer.“
„Ich will bloß für fünf Dollar Benzin und eine Tüte mit den Schweineschwarten da. Ist doch ´n ehrliches Angebot.“
Der Tankwart warf einen Blick hinaus zu dem menschenleerenVorbau. Regenschleier fegten vor dem flimmernden Neonlicht über den Zapfsäulen vorbei.
„Sie verlangen, daß ich den Mann beklau, für den ich arbeite“, sagte er.
„Ich hab kein Hemd am Leib.Ich hab nix zu essen. Ich komm aus dem Sauwetter hier rein und bitte um Hilfe, und du nennst mich einen Dieb. Das laß ich mir einfach nicht bieten.“
„Ich ruf meinen Chef an und frach ihn. Sie können ja mit ihm reden.“
Der Tankwart nahm den Hörer des unter dem Ladentisch stehenden Telefons ab. Doch Aaron legte seine mächtige Pranke auf seine Hand und drückte zu, drückte fester, spreizte die Finger, quetschte die Knöchel auf das Plastik, und seine Augen, die nur Zentimeter vom Gesicht desTankwarts entfernt waren, sprühten vor Kraft und Energie, wähernd er die Hand des Tankwarts schmerzhaft zusammenpreßte, bis ein Schrei aus dessen Kehle drang und er mit der freien Hand den Betriebsschalter für eine Zapfsäuzle mit bleifreiem Benzin umlegte.
Aaron ließ das Taschenmesser auf dem Ladentisch liegen.
„Ich heiße Aaron Crown. Ich hab in Angola zwei Nigger umgebracht, die sich ständich mit mir angelegt ham. Wenn du jemand erzählst, daß ich dich ausgeraubt hab, komm ich wieder“, sagte er.

42) MUSIK: Professor Longhair, kurze Zäsur

43) SPRECHER:
Am Mittwoch abend wurden die Festivitäten auf die La-Rose-Plantage in New Iberia verlagert. Die feuchte Luft roch nach Blumen und Grillfeuer, und als ob die Natur das Ihre zu Bufords politischem Erfolg beitragen wollte, war ein gelber Vollmond über dem Bayou, den abgeernteten Feldern und den Vollblütern auf der Weide aufgegangen, bei all dem, was für die lange Geschichte der Familie LaRose stand. Auf einem Tieflader im Garten spielte erst eine Dixieland- und danach eine Zydeco-Band. Hunderte von Gästen aßen Gumbo mit Okra und Würstchen und gegrillte Hühnerflügel von Papptellern und standen an den Kristallglasschalen voller Whiskey-sour und Punch. Sie waren ausgelassen und hemmungslos, benahmen sich wie Leute, die wußten, daß ihreZeit gekommen war – die zertretenen Blumenbeete, die quer über den Rasen verstreuten Teller, die heiseren Stimmen und roten Gesichter waren nur ein Tribut, den man um seiner eigenen Selbstbestätigung willen gern bezahlte.

44) MUSIK: kurz hochziehen

45) AUTOR:
Dave Robicheaux, Burkes ritterlicher Held, ist ein Mann, der immer wieder von der Vergangenheit heimgesucht wird. Dave war in Vietnam und kehrte disillusioniert und von Alpträumen geplagt nach Hause zurück; in einem der ersten Romane wird seine Frau ermordet, Alafair, das Mädchen, das er adoptiert und gemeinsam mit seiner zweiten Frau großzieht, hat er aus einem abgestürzten Flugzeug gerettet, das Kriegsflüchtlinge aus El Salvador in Sicherheit bringen sollte und in dem Alalafairs Mutter kläglich starb; immer wieder stößt Dave auf das düstere Erbe des Südens, die nie überwundene Rassentrennung zwischen Schwarzen und Weißen, die Lynchmorde, die bis in die 50er Jahre hinein verübt wurden, die Spuren, die der Bürgerkrieg im Gedächtnis des Landes hinterließ; und vor allem wird Dave vom Dämon Alkohol verfolgt. Ihm war er lange verfallen, ihm zu entkommen gelingt Dave Robicheaux am Tag, aber nicht in der Nacht, wenn er träumt. Hierin gleicht der Protagonist übrigens dem Autor der Romane, der lange brauchte, u
m nach Alkoholexzessen wieder schreiben zu können. Die großen Fragen will Dave und auch sein Erfinder nicht lösen, jedoch vor der persönlichen Verantwortung kann sich keiner verbergen.

46) O-TONBAND TAKE 11
darauf Sprecher:
Ich glaube alle tragischen Protagonisten haben diese Art, über das Böse in der Welt zu grübeln. Und davon kann sie niemand erlösen. Dave weist da immer wieder drauf hin, wenn er seine unterschiedlichen Geschichten erzählt. Der Wettbewerb ist nie zu Ende, das Ziel nie erreicht. Es ist ein täglicher Kampf zwischen den Mächten des Guten und den Mächten des Bösen. Jede intelligente Person akzeptiert diese axiomatische Wahrheit, die im Grunde auch hinter der Geschichte der Kreuzigung steht. Der Fall des Menschen aus der Gnade ist eine tägliche, immerwährende Geschichte. Sie hat keinen Endpunkt. Und letztlich ist es so, wie es Voltaire formuliert hat, wir müssen unseren eigenen Garten bearbeiten. Ein Wechsel, wenn überhaupt, ist nur möglich, durch die Tat eines Einzelnen. Und jene, die den Lauf der Geschichte verändert haben, Sokrates, Jesus, Martin Luther, der Heilige Franziskus von Assisi, waren Menschen, die nicht reisten, die sehr bescheiden waren, die auch keineswegs jene dramtischen Persönlichkeiten waren, die wir uns immer vorstellen, wenn wir von großen, wichtigen Taten hören. Die Welt wird immer durch die bescheidendsten Menschen verändert. Julius Cäsar hat keineswegs die Welt verändert, er hat nur den Kalender in Unordnung gebracht. Nur deshalb denken wir an ihn. Habe ich noch nie darüber nachgedacht. (Lacht) Entschuldigung. (Lacht) Was hast Du mit Deinem Leben angefangen? Ich habe den Kalender in Unordnung gebracht. (Lacht)

47) AUTOR:
Auf eine vertrackte Art ist Geschichte im Süden der USA stets gegenwärtig. Wenn hier in Europa vom „Krieg“ gesprochen wird, dann ist damit zumeist der Zweite Weltkrieg gemeint, vielleicht beziehen sich sehr alte Leute auch auf den Ersten Weltkrieg. Wenn in Louisiana jemand vom „War“ spricht, dann meint er damit den Bürgerkrieg, der 1865 zu Ende ging. In James Lee Burkes Romanen verfolgen diese Überbleibsel aus der Vergangenheit die Menschen bis in ihr tägliches Leben hinein.

48) O-TONBAND TAKE 12:
darauf SPRECHER:
Noch als ich aufwuchs, war der Bürgerkrieg stets präsent, man kam nicht an ihm vorbei. Die Schlachten dieses Krieges mögen für die Nordstaaten historische Abstraktionen sein, aber als ich ein kleiner Junge war, brauchte ich nur die Hand auszustrecken, um sie zu fühlen. Bildlich gesprochen. Aber: ich kenne wirklich Stellen in New Iberia, wo man heute noch Munition des Kalibers 58 ausgraben kann, wo man sogar noch Kanonenkugeln findet. In meiner Kindheit lag ein versunkenes Kanonenboot im Bayou Teche, ob es ein Nordstaaten-Boot oder eins der Südstaaten war, weiß ich nicht. 1942 brachte mein Vater von diesem Boot einen alten rostigen Haken mit nach Hause, den habe ich heute noch. Als die Nordstaatler durch den Süden zogen, brachten sie viel Schlimmes mit, wie alle Armeen, die ein Land erobern. Sie machten Kleinholz aus New Iberia, brannten das Gerichtsgebäude nieder, zerstörten viele Häuse entlang des Bayou, plünderten die Stadt, vergewaltigten viele Frauen, brachten Menschen um, sie wurden auf die Zivilbevölkerung losgelassen, so wie das Sherman mit seinen Truppen in Georgia machte. Dieses Verhalten war zum großen Teil verantwortlich für das bittere Gefühl im Süden, und ich glaube dieses Gefühl ist auch der Grund für die Rassenprobleme, die in der Zeit der Rekonstruktion aufkamen, sich bis ins zwanzigste Jahrhundert fortsetzten. Das Böse pflanzt sich so fort. ImBuch der Könige, im alten Testament, gibt es eine Stelle, wo gesagt wird: Die Sünden der Väter werden sich in den Kindern wiederfinden. Nach meiner Meinung heißt das: das Böse setzt sich fort, es wird von Generation zu Generation weitergegeben. Bis wir Buße leisten dafür.

49) AUTOR:
Wie kommt das Böse in die Welt? Dieser Frage muß natürlich auch Julie Smith nachgehen, für Kriminalschriftsteller ist es die entscheidende Frage. Ihre Täter entstammen einem anderen Milieu, sie gehören der höheren Schicht von New Orleans an, sie führen, von außen betrachtet, ein bequemes intaktes Famileinleben in einer der prächtigen Villen des Garden District. Julie Smiths Gedanken fügen sich ein in den Diskurs über Familienwerte, der in den USA seit einigen Jahren mit großer Heftigkeit geführt wird.

50) O-TONBAND TAKE 13
darauf SPRECHERIN :
„Family values“, das ist ein befrachteter Begriff, weil wir dabei sofort an den Teil des politischen Spektrums denken, wo dieser Begriff herkomt. Aber ich bin wirklich sehr interessiert an der Rolle der Familie in Bezug auf Kriminalität und wie Kriminelle entstehen. Ich sehe mich als Autorin,die nicht über die „mean streets“, die Gewalt der Straßen schreibt, sondern über „mean rooms“, das sind jene Zimmer, in denen die alltäglichen Familiendramen aufgeführt werden. Und in denen, wie ich glaube, der Kriminelle entsteht. Oder der gute Bürger, aber darüber schreibe ich nicht. Ich glaube nicht, daß jemand als Krimineller geboren wird, jemand wird zu einem Kriminellen gemacht. Außer in den Fällen von wirklicher geistiger Umnachtung, also einem fehlenden chemischen Gleichgewicht. Ich denke, daß Grausamkeit gegenüber Kindern letztlich Folgen hat. Und deshalb ist die Rolle der Familie so wichtig in all meinen Büchern.

51) SPRECHERIN:
An dem Tag, an dem die Sache passierte, hatte er kaum ein Wort für uns übrig. Das Restaurant war fast bis auf den letzten Platz besetzt, und zwei Köche hatten sich wegen Grippe krank gemeldet. Alle bewegten sich wie in einem zu schnell abgespielten Film.
Nach einer Weile bemerkte ich, daß Evie Kirschtomaten von den Salattellern klaute. Reed, zu klein, um zu wissen, daß das verboten war, sah ihre eine Zetilang zu und machte dann mit.Sie plünderten systematisch alle Salatteller, die zum Servieren bereitstanden.
Ich griff nach Daddys Hand. „Daddy, Evie und Reed klauen die Tomaten.“ Er sprach gerade mit einem der Köche und winkte nur ab. „Stör mich jetzt nicht“, sagte er, und damit war ich zum zweiten Mal zurückgewiesen worden.
Jetzt blieb nur noch der Angriff.
Ich schlich mich hinter die Mädchen und kniff beide gleichzeitig in den Arm, was Evie so erschreckte, daß sie vier oder fünf Teller herunterstieß. Wütend fuhr sie herum, aber ich rannte weg.
„Reed, schnapp ihn dir!“ rief sie, und die kleine Reed, immer gehorsam, rannte mir nach. Ich warf einen Blick über die Schulter, lachte und stieß frontal mit Albert zusammen, der nach vorn stürzte und gegen die erste Ölpfanne stieß. Er wollte die Katastrophe verhindern und warf sich auf Reed, aber es war zu spät. Er landete über ihr, aber sie war schon auf dem Öl ausgerutscht. Das wäre alles nicht so schlimm gewesen, hätte Albert bei seinem Sprung nicht die zweite – und heißeste – Ölpfanne umgestoßen. Ihr gesamter Inhalt ergoß sich auf Reeds Füße und Beine.
Unerträglich war, was später passierte, in den Krankenhäusern, den Spezialkliniken, vor den Hauttransplantationen und danach: zu wissen, wie sie gelitten hat. Ich wußte keine Einzelheiten, aber ich hatte ihr Gesicht gesehen, Ich sah, wie das vergnügte Kindergesicht einer verzerrten Maske wich.
Es gab etwas noch Schlimmeres. Und das waren die Geräusche dieses Augenblicks. Das Klappern zweier Pfannen, die zu Boden fielen. Die vielfältigen Schreie des Küchenpersonals. Reeds Wimmern. Mehr gab sie nicht von sich – ein Wimmern.
Und Dad, der Evie schlug.
Er fand als erster wieder Worte: „Evie, ich bringe dich um“, und mit zwei Schritten war er bei ihr. Er schlug sie mit dem Handrücken ins Gesicht, und dieses Geräusch höre ich immer noch, es hat mich nie verlassen, ist in meinen Träumen, in Phantasien, die ich nicht abschütteln kann.
Ich habe nicht gesehen, was mit Reed passierte, wer sie aufhob, wer sich um sie kümmerte. Ich war zu fasziniert von dem Schrecklichem, dem Undenkbaren. Dad begann, Evie mit beiden Händen zu schlagen, mit den Fäusten, bis ihn jemand – ich glaube, es brauchte mehrere Leute – von ihr wegzerrte.
Sie widersprach nicht, versuchte nicht zu erklären, was passiert war, wahrscheinlich konnte sie unter dem Prasseln der Schläge auch gar nichts sagen. Auch ich schwieg, und niemand hat je wieder darüber gesprochen, niemand hat je nachgefragt.
Das lauteste Geräusch, das erschreckendste, das haarsträubendste bis heute, ist das Geräusch meines eigenen Schweigens

52) O-TONBAND TAKE 14, unter 54 und 55 liegen lassen

53) AUTOR:
Bourbon Street, New Orleans, abends, gegen 23:00 Uhr. Den Lederriemen des Cassettenrecorders habe ich über die Schulter gezogen, das Mikrophon trage ich in der rechten Hand, mißtrauisch beäugen mich die bulligen Türsteher der Klubs und die an der Ecke nervös sich umschauenden jungen Männer mit den großflächigen Tätowierungen auf den Armen.
Dave Robicheaux, mit einem Spezialauftrag zurückgekehrt nach New Orleans, ist jetzt vielleicht auch unterwegs.

54) SPRECHER:
Ich fühlte, wie sich Depression und Trauer um mich legten – ein dunkler, alkoholischer Mantel, der über lange Zeiträume symptomatisch für mein Erwachsenenleben gewesen war. Ich verstaute Hemden, Unterwäsche, und Socken in den Schubladen einer Kommode, zog mich bis auf die Boxershorts aus und machte an einem Eisenrohr in der Küche zehn Klimmzüge mit einem Arm, vierzig Leglifts und fünzig Klappmesser. Danach ging ich duschen und drehte das Wasser so heiß, daß meine Haut unter der Sonnenbräune rot und körnig wurde. Ich trocknete mich ab und kämmte mir vor vor dem Spiegel das Haar. Ich hatte fünfzehn Pfund verloren, seit Boggs mich niedergeschossen hatte. Mein Bauch war flach, die Fettpolster um die Hüften nahezu verschwunden. An der Stelle, wo mich in Vietman eine der tückischen Springminen erwischt hatte, die die Soldaten „Bouncing Betty“ nannten, sah das vernarbte Gewebe aus wie zahllose kleine Pfeilspitzen, die rechts an Oberschenkel und Leib unter die Haut geschoben worden waren. Haar und Bart, vom Vater geerbt, waren immer noch dicht und schwarz, von dem weißen Flecken über einem Ohr abgesehen, und wenn ich die Falten am Hals und um die Augen herum und die pfefferfarbenen Sprengsel von Hautkrebs auf meinen Armen ignoriete, konnte ich immer noch so tun. Als sei das Spiel in vollem Gang.

55) O-TONBAND TAKE 14 hochziehen, unter SPRECHER liegen lassen

56) SPRECHER:
Um elf Uhr abends lief ich über die Bourbon Street. Lärm dröhnte aus den Bars und Striplokalen, und um mich herum wimmelte es nur so von Leuten, die Halloween feierten, Geschäftsreisenden aus dem Mittleren Westen, die irgendeine Tagung besuchten, College Kids, außer Atem und mit roten Gesichtern, denen das Bier aus den Pappbechern vorne auf die Kleidung schwappte, schwarzen Straßentänzern, die sich zum Steppen Stahlkappen an die Schuhe montiert hatten, die auf dem Straßenbeton wie Hufeisen klackerten. Bourbon Street ist eine Fußgängerzone, was die Straße wie einen großen Open-Air-Zoo erschienen läßt, aber im großen und ganzen ist alles ganz harmlos. Auf den Laufstegen ziehen sich immer noch die Mädchen aus, und in den frühen Morgenstunden gehen Nutten von Taxis aus ihren Geschäften nach. Gelegentlich beruhigt ein Streifenpolizist einen Betrunkenen in einer der Bars in den kleinen Seitenstraßen mit dem Schlagstock, und die Varietékünstler in den bonbongestreiften Westen und den Strohhüten schaffen es, Bilder heraufzubeschwören, die den Masturbationsphantasien eines pubertierenden Jünglings entsprungen sein könnten, aber letzten Ende bietet Bourbon Street den Touristen einen gewissen Halbwelt-Touch – gepaart mit dem Bewußtsein, daß ihnen keine wirklich Gefahr droht.

57) O-TONBAND MUSIK TAKE 2
Brassband, live

58) AUTOR:
Die Brassband spielt auf, die ganze Nacht. Vom Snug Harbour zu Tipitina´s, vom Roll and Bowl bis zum House of Blues, die Party nimmt kein Ende. Einigen wird das auf die Dauer zu viel, sie ziehen nach draußen, an die Bayous, in die kleinen Städte Südwest-Louisianas. James Lee Burke hat das getan, und sein Held Dave Robicheaux ist ihm gefolgt. Doch die Idylle der Natur wird empfindlich gestört durch das Böse, das mit den Menschen dort hinzieht.

59) SPRECHER:
Am Samstag morgen ging ich in aller Frühe in den Köderladen, kochte mir Kaffee, machte mir eine Schale mit Studentenfutter und Blaubeeren, frühstückte allein am Tresen und sah zu, wie die Sonne über dem Sumpf aufging. Über Nacht hatte es geregnet, danach aber wieder aufgeklart, und das Wasser im Bayou war lehmgelb, der Bootsanleger glitschig vom Regenwasser. Vor einer Woche, als ich nicht dagewesen war, hatte Jerry Joe von seiner Spielautomatenfirma eine Jukebox liefern lassen, eine nachgebaute 1950er Wurlitzer. Schwer und massig stand sie in der Ecke, mit ihrem Plastikgehäuse, den Orange, rot und lila flimmernden Lichtern und den 45er Platten, die in einem glänzend schwarzen Halbkreis hinter dem Plexiglas aufgereiht waren. Ich hatte beschlossen, sie von Jerry Joes Leuten wieder abholen zu lassen.
Ich hatte immer noch nicht angerufen.

60) MUSIK: Jimmy Clanton: Just A Dream

61) SPRECHER:
Ich drückte Jimmy Clantons „Just A Dream“, Harry Choates 1946 aufgenommene Version von „La Jolie Blon“ und Nathan Abshires „Pine Grove Blues“.
Die Stimmen und die Musik stammten aus einer anderen Ära, einer Zeit, von der wir geglaubt hatten, sie werde nie zu Ende gehen. Doch sie ging vorbei,Schritt für Schritt.
Ich zog den Stecker der Musikbox aus der Wand. Die Plastikröhren erloschen und knisterten in der Stille wie brennendes Cellophan.

62) MUSIK: Just A Dream, „abwürgen“.

63) AUTOR:
„There But For Fortune“ – was ist es, das den einen Jungen zum verbitterten, halbseidenen Bauunternehmer werden läßt, der tödlich bestraft wird, als er aus dem Karussel der Bestechung und Gewalt aussteigen will, und aus dem anderen einen zerquälten Polizeidetektiv macht? Schicksal? Gottes Wille? Glück? Dave Robicheaux wüßte es nicht zu beantworten.

64) SPRECHER:
Short Boy Jerry hatte Kies und Betongranulat in der Kopfhaut. Stammt aber vom Sturz, nicht von einem Schlag. In den Wunden um seine Augen hat man Lederpartikel gefunden, vermutlich von den Handschuhen, die der Angreifer getragen hat, oder von einem Totschläger. Der Tod wurde durch eine gebrochene Rippe verursacht, die ins Herz getrieben wurde.
Der diensthabende Polizist zündete sich eine Zigarette an, legte das Streichholz mit zwei Fingern sorgfältig in den Aschenbecher und schaute uns mit verhangenem Blick an.
„Was gibt´s sonst noch?“ fragte ich.
„Der Gerichtsmediziner meint, daß der oder die Angreifer Short Boy Jerry aufrecht gehalten haben, damit sie länger auf ihn eindreschen konnten. Die Blutergüsse am Hals deuten darauf hin, daß er mit einer Hand festgehalten wurde, während man ihm in den Bauch schlug. Er hatte bereits Hirnblutungen, als die Rippe ins Herz drang.

65) AUTOR:
Der Jugendfreund, der auf die schiefe Bahn geriet, ermordet von einem schwarzen Berufskiller namens Mookie Zerrang. Und wie wurde aus dem Kind Mookie der hartgesottene Gangster aus Florida?

66) SPRECHER:
Ich war kaum im Büro, als mich der Sheriff anrief.
„Ich bin im Bezirk Vermillion. Lassen Sie alles stehen und liegen und kommen Sie rüber, wenn Sie mal eine kleine Lektion in Sachen Geschichte erleben wollen“, sagte er.
„Worum geht´s?“
„Sie haben doch gesagt, dieser Mookie Zerrang war Knochenbrecher an der Küste von Mississippi und Killer für den Mob in Miami?“
„So ist es.“
„Schweifen Sie mal nicht so in die Ferne.“

67) AUTOR:
Da gab es einen schwarzen Jungen, der war verdächtigt worden, eine Missetat begangen zu haben.

68) SPRECHER:
„Er war vierzehn, wahrscheinlich zurückgeblieben. Entweder war er zu klein für den elektrischen Stuhl, oder irgendetwas hat nicht richtig funktioniert. Ich weiß es nicht mehr genau. Jedenfalls ist etwas ganz Scheußliches passiert.“
„Hier hat die Familie von dem Jungen gewohnt, jedenfalls bis ein Haufen Besoffener ihre Hütte angezündet hat. Der Junge hatte einen Bruder, und der Bruder hatte einen Sohn namens Mookie. Was halten Sie davon?“ fragte er.
„Woher haben Sie das alles, Sheriff? fragte ich.
„Von meinem Vater, hab´s erst heut morgen erfahren. Er ist jetzt zweiundneunzig. Aber sein Gedächtnis ist nach wie vor bemerkenswert. Manchmal läßt es ihm keine Ruhe.“ Der Sheriff drehte mit der Stiefelspitze ein halb verkohltes Brett um.
„Ist Ihr Vater hier in den Gegend aufgewachsen?“
Der Sheriff rieb mit der einen schwieligen Hand über die Knöchel der anderen.
„Sir?“ sagte ich.
„Er war einer der Besoffenen, die ihnen das Dach über dem Kopf angezündet haben. Die Schmalztollen in Miami können nichts für jemanden wie Mookie Zerrang. Den haben wir uns selbst zuzuschreiben, Dave.“

69) MUSIK: Gonzalo Rubalcaba,

70) SPRECHER:
An diesem Abend gingen wir im Possum´s in St. Martinville Krebse essen, und danach besuchten wir die alte Kirche mitten in der Stadt und spazierten unter den Evangeline-Eichen am Ufer des Teche entlang, dort, wo ich Bootsie im Sommer des Jahres 1957 zum ersten Mal geküßt hatte. Ich konnte regelrecht spüren, wie sich die Bäume über mir in die Höhe reckten. Alafair stand im Lichtschein einer Laterne auf dem Bootsanleger hinter der Kirche und warf Brotkrumen ins Wasser, Bootsie schlang mir den Arm um die Taille und stupste mich mit der Hüfte an.
„Worüber denkst du nach, mein Schlauer?“ fragte sie.
„Wenn ich das wüßte“, sagte ich.
Spät nachts saßen wir beide am Picknicktisch im Garten hinter unserem Haus und aßen Pecankuchen. Dann, so als ob man noch einmal nach der Vergangenheit greifen möchte, nach all der Spielerei und dem Unsionn, die so zeitlos schön waren, holte ich Alafairs Steroanlage und spielte die Kassette mit den Platten aus Jerry Joes Jukebox.

71) MUSIK: Rod Bernard: This Should Go On Forever

72) darauf SPRECHER:
Wir tanzten zu „La Jolie Blon“ und „Tes Yeux Blue“ und legten dann bei „Bony Maronie“, „Long Tall Sally“ und „Short Fat Fanny“ einen Zahn zu. Draußen in der Dunkelheit, dort wo der Strahler im Mimosenbaum nicht mehr hinschien, waren die Rinder meines Nachbarn zu hören, die im Bachbett Zuflucht suchten, als im Süden die ersten Blitze vom Himmel zuckten. Mit einemmal wurde es kühl, und die Luft roch schweflig, nach Ozon, und der Wind wirbelte Staubwolken aus dem jungen Zuckerrohr auf, fuhr durch die Glyzinien, die an der Garagenwand wucherten, ließ Schattengestalten tanzen, die uns zuwinkten wie Schauspieler auf einer antiken Bühne, so als wollten sie uns hinablocken zu ihrem Amphitheater am Meer, um uns einmal mehr die Geschichte unserer eigenen Unvollkommenheit vorzuführen.

73) MUSIK: Rod Bernard: This Should Go On Forever