Jonathan Safran Foer

Manuskript: Maximilian Preisler
Radiofeuilleton

Jonathan Safran Foer und sein neuer Roman „Extrem laut und unglaublich nah“

O-TON TAKE 1
Oscar is really the product of my love for Oscar.

AUTOR:
Oskar ist 9 Jahre alt. Er lebt in New York, ist vorwitzig, altklug und ungemein phantasievoll. Vor allem aber ist er zutiefst traurig und verstört. Sein heißgeliebter Vater starb bei den Terrorattacken des 11. September. In einem furiosen ersten Kapitel, das Mutter, Sohn und Großmutter auf dem Weg zum Friedhof begleitet, wo ein leerer Sarg in die Erde gebettet wird, stellt uns Jonathan Safran Foer die Protagonisten seines zweiten Romans „Extrem laut und unglaublich nah“ vor. Wir sehen diese todtraurige und gleichzeitig absurde Welt durch die Augen des Jungen.

O-TON TAKE 2
darauf SPRECHER
Er ist keine wirkliche Person, es gibt niemanden, der ihm ähnelt. Er hat Eigenschaften von Menschen, die ich kenne. Einige sind jung, andere alt, es sind Männer und Frauen, Weiße und Schwarze, New Yorker und Nicht New Yorker. Sie alle haben zu dieser Figur beigetragen.

AUTOR:
Oskar findet einen versteckten Schlüssel in der elterlichen Wohnung, und da sein Vater immer raffiniert eingefädelte Suchspiele mit ihm unternahm, ist er sofort überzeugt, dass dieser Schlüssel ihm alles, vor allem aber den Tod des Vaters, erklären wird. So macht sich der Junge auf, allerlei Menschen über diesen Schlüssel zu befragen. Das ergibt ein ungemein lebendiges Bild der Stadt. Foer lässt eine buntgemixte Schar von New Yorkern Revue passieren, jeder hat eine eigene Geschichte, jeder könnte Protagonist eines neuen Romans werden. Es sind warmherzige Porträts von Außenseitern und „ordinary people“, die dem kleinen Jungen helfen wollen, über seinen abgrundtiefen Schmerz hinwegzukommen. Die Kassette mit den letzten Anrufen des Vaters auf dem Anrufbeantworter hütet er wie seinen Augapfel, selbst seine Mutter weiß nichts davon. Und wenn sie mit ihm über den Vater reden will, schlägt sein Schmerz schnell in hilflose Wut um.

ZITATOR:
Mom sagte: „Seine Seele ist noch hier“, und das machte mich richtig wütend. Ich sagte zu ihr „Dad hatte keine Seele! Er hatte Zellen!“
“Die Erinnerung an ihn ist noch hier.“
„Hier ist die Erinnerung an ihn“, sagte ich und zeigte auf meinen Kopf.
„Dad hatte eine Seele“, sagte sie, als wolle sie unser Gespräch ein Stück zurückspulen. Ich erwiderte: „Er hatte Zellen, und die sind jetzt auf den Dächern und im Fluss und in den Lungen von Millionen Menschen in New York, die ihn jedes Mal einatmen, wenn sie den Mund aufmachen, um zu reden!“
„So etwas darfst du nicht sagen.“
„Aber das ist die Wahrheit. Warum darf ich nicht die Wahrheit sagen?“

AUTOR:
Bei dieser Geschichte um den 11. September belässt es Foer aber nicht. Vielleicht weil er es in seinem ersten Roman so brillant vermochte, verschiedene Geschichten miteinander zu verknüpfen, addiert er auch bei seinem zweiten Roman zwei weitere Ebenen hinzu. Ganz und gar unvermittelt werden wir mit einem Bericht über die Leiden der Menschen in Hiroshima konfrontiert, dazu wird ein weiterer todbringender Angriff aus der Luft beschrieben, Oskars Großmutter und Großvater sind Überlebende des Dresdner Feuersturms. Sollen wir also Vergleiche ziehen zwischen den drei Ereignissen? Und was könnte das Ergebnis sein? Weder politisch noch literatur-ästhetisch kann diese Reihung überzeugen.

MUSIK: Bruce Springfield, My City Of Ruins

AUTOR:
„Oskar“, der Name des jungen Helden in Foers Roman lässt sofort an den Roman „Die Blechtrommel“ von Günter Grass denken.

O-TON TAKE 3
It was one of my favorite books, I loved it. And it had very much to do with why I became a writer, in the first place. And this Oscar and that Oskar have something in common.

AUTOR:
Jonathan Safran Foer war gerne Gast der American Academy in Berlin Er will im Herbst wiederkommen, wenn an der Staatsoper Unter den Linden eine Oper nach seinem Libretto aufgeführt wird. Er liebt das Gefühl des Aufbruchs, den er hier spürt.

O-TON TAKE 4
Die Energie, die man erfährt, wenn man die Straßen entlang läuft, das Gefühl: hier ist so viel möglich. Es ist eine Stadt, die gleichzeitig in der Vergangenheit, in der Gegenwart und in der Zukunft lebt. Das habe ich noch nie erlebt.

AUTOR:
Doch sein Verhältnis zu Berlin ist nicht nur eitel Sonnenschein.

O-TON TAKE 5
An meinem ersten Tag hier bin ich in der Innenstadt an einem Neo-Nazi Aufmarsch vorbeigekommen. Wie merkwürdig das war, wie beunruhigend. Ich weiß, dass sind nur ein Paar Jugendliche, gar nicht repräsentativ für Berlin. Andererseits – ich habe so etwas noch nirgendwo sonst gesehen. Und es machte mich beklommen. Ich kann nicht sagen, dass ich mich hier rundum behaglich fühle, nein.