Greil Marcus: Basement Blues – Bob Dylan und das alte, unheimliche Amerika

Manuskript : Maximilian Preisler

DeutschlandRadio Berlin

Fazit, 10. 03 1998

Red.: Daniel Haufler

AUTOR:

Zuerst waren sie ein Gerücht – es gäbe, so raunten sich Ende der 60er Jahre Dylan-Fans zu, Aufnahmen des Meisters, großartige Aufnahmen, zusammen mit der Rockgruppe „The Band“ eingespielt, im Keller eines Hauses in upstate New York, – nur die Plattenfirma wolle nichts davon wissen. Die besann sich 1975 eines besseren, der Markt wurde mit so vielen Raubkopien jener „Basement Tapes“ überschwemmt, daß CBS sich zumindest einen Teil des Profits sichern wollte. Auf einer Doppel-LP, inzwischen auch als Doppel-CD erhältlich, wurden 24 der über 100 Songs präsentiert, die in den Sommermonaten 1967 entstanden waren..

Die „Basement Tapes“ wurden ein Erfolgsalbum, und bereits damals fiel auf, daß viele der Lieder in einem merkwürdigen, fast archaisch klingendem Sound gehalten waren. Die „liner notes“, der Text auf dem Plattencover, stammte von Greil Marcus, und dieser konstatierte der Musik eine „lange nicht gehörte Intensität“ und „an old, old sense of mystery“.

Diesem Geheimnis nun ist Greil Marcus in seinem gerade auch auf deutsch erschienen Buch „Basement Blues- Bob Dylan und das alte, unheimliche Amerika“ auf der Spur, und Marcus, dem spätestens seit „Mystery Train“, seiner Untersuchung über Elvis, das Etikett „größter Rock ´n ´Roll Kritiker der Welt“ zugedacht wird, macht seinem Beinamen alle Ehre. Allerdings – siehe da! Lo and behold! – auch „Basement Blues“ ist keine kurzatmige Musik-Besprechung, sonder viel eher ein langes, kluges, zuweilen auch kryptisch-dunkles, kulturgeschichtliches Essay.

MUSIK: CD Basement Tapes, CD 1, Track 7

Bob Dylan: Lo and Behold – bis 0:47

AUTOR:

Für die Interpretation dieses Songs der „Basement Tapes“, dem Titel „Lo and Behold!“, benötigt Marcus 25 Seiten, ein ganzes Kapitel. Ein Kapitel, in dem er von Alexis de Toqueville zu Clint Eastwood springt, in dem er als Zeugen sowohl Jonathan Edwards anruft, der um 1740 in Connecticut blutrünstige Predigten hielt, als auch Martin Luther King, Jr.; ein Kapitel auch, in dem sich die amerikanischen Schriftsteller den Stab weiterreichen, von Mark Twain bis zu William Burroughs sind alle vertreten. Dann möchte man Marcus gerne zurufen: Können wir es nicht eine Nummer kleiner haben? Immerhin sagte Robbie Robertson von der „Band“ doch: Wir waren damals bekifft bis unter die Schädeldecke.

MUSIK: CD Basement Tapes, Track 7

Bob Dylan: Lo and Behold 0:47 – 1:26

AUTOR:

Ganz hervorragend aber das Herzstück der Untersuchung: hier stellt Greil Marcus jene Musik und jene Zeit vor, auf die sich Dylan 1967 bezog. Es sind fast vollständig vergessene Musiker darunter, wie Buell Kazee und Clarence Ashley, weiße Blues-Spieler wie Frank Hutchinson, obskure schwarze Balladensänger wie „Rabbit“ Brown und vor allem jener in grellen Farben gemalte Dock Boggs, dessen musikalische Direktheit und Aggressivität bewundernswert sind, doch den man nur sehr ungern als Nachbarn gehabt hätte. Diese Musik entstand in einem kurzen historischen Zeitraum, in den Jahren von 1927 bis 1932. Gesammelt und veröffentlicht wurden die Musiktitel unter dem Namen „Anthology of American Folk Music“ im Jahre 1952, und nach Greil Marcus waren sie die Inspiration für Dylan cum Band. Mehr noch, diese Aufnahmen begründeten eine demokratisch-individualistische Tradition, die Dylan – vielleicht unbewußt – wiederaufleben ließ. Die amerikanische Originalausgabe der Untersuchung trägt nicht umsonst den Titel: „Invisible Republic“, unsichtbare Republik. Marcus sagt, es ist ein von Künstlern geschaffenes, imaginäres Land, ein freies und gewalttätiges Land gleichermaßen. Zitat Greil Marcus:

SPRECHER:

Viele der Basement-Aufnahmen sind ein Ausdruck totaler Redefreiheit: schlichte freie Rede, alltägliche freie Rede, unsinnige freie Rede, unheroische freie Rede. Kryptische freie Rede und somit das, was Raymond Chandler einmal als „amerikanische Stimme“ bezeichnet hat, eine Stimme, die fast alles sagen kann, obwohl sie fast nichts zu sagen scheint, im Geheimen, mit einer Musik, die, als sie gemacht wurde, nicht davon ausging, jemals ein Publikum zu finden außer den Musikern und vielleicht noch den Ahnen dieser Musik, eine geheime Öffentlichkeit.

AUTOR:

Und dann, wenn das Essay zu Ende ist, kommt Greil Marcus noch einmal zur Sache, zur Musik – eine vorbildliche, vierzigseitige Diskographie beschließt das Buch, ein Trost für alle, die keine Sammler von Bootleg Alben sind, und für jene, denen bei der Liedzeile: if your memory serves you well, nicht sofort der richtige Titel des Songs einfällt.

MUSIK: CD Basement Tapes, CD 2, Track 12

Bob Dylan: This Wheel´s On fire (Dylan) ab 2:33 – Ende 3:46

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