Ferrareser Spaziergänge

Manuskript: 

Maximilian Preisler

24. November 2000

Giorgio Bassani empfiehlt in seinen „Ferrareser Geschichten“ den frühen Abend, um einen Spaziergang in Ferrara zu unternehmen; er rät die Stunde zu nutzen, die dem Abendessen vorangeht, jenen „köstlichen Augenblick, in dem die Luft Abkühlung bringt“ und die Bewohner der Stadt auf den breiten Bürgersteigen des Corso Giovecca flanieren. Wenn man seinem Ratschlag folgt, trifft man auch heute zu dieser Stunde und an jenem Ort, auf einen Querschnitt der Bevölkerung, viele mit dem Fahrrad unterwegs. Und wenn man Glück hat, schiebt eine junge Frau, die jener Gemma Brodi aus der Geschichte „La passeggiata prima di cena“ gleicht, für die Bassani seine Großmutter als Vorbild genommen hatte, ihr Fahrrad vor einem her. Vielleicht über den Corso Roma, der heute, im Gedenken an die in einer Nacht des Jahres 1943 von den Faschisten als Geiseln Ermordeten Corso Martiri della Libertà heißt, bis zum Dom und seinen marmornen Löwen. Deren Mäuler weit aufgerissen sind, die jedoch heute keinem Kind mehr Angst einflössen, im Gegenteil, jauchzend greifen die adrett gekleideten Kleinen in das zähnefletschende Maul hinein, um beim Reiten auf dem glattgescheuerten Marmor-Löwenrücken nicht abzugleiten.

Wie in den 30er und 40er Jahren, den Jahren in denen Bassanis „Cinque storie ferraresi“ zeitlich angesiedelt sind oder zumindest ihren Ursprung haben, erlebt der Besucher auch heute in jener Stunde vor dem Abendessen eine geschäftige Stadt, die bummelnden jungen Frauen und Männer sind mit der gleichen lässigen Eleganz gekleidet wie von Bassani beschrieben. Jene jüdischen und nicht-jüdischen Mitglieder einer provinziellen jeunesse dorée, die ab 1938, nach der Einführung der Rassengesetze, plötzlich nicht mehr die selben Plätze frequentieren konnten. Die Juden Ferraras, die auf eine lange, stolze Tradition in der Stadt der d´Este zurückblicken konnten, behalfen sich so gut es ging. Viele hatten, wie Bassanis Vater, in der Frühzeit des Faschismus zu Mussolini gehalten, zu lange gaben sie sich nun der Illusion hin, daß ihr Duce keinesfalls ein so blutrünstiger Narr sei wie Hitler. Das Jahr 1943 brachte für die Juden ein fürcherliches Erwachen, in jenem Herbst begannen die Deportationen. Über 150 Menschen aus Ferrara wurden deportiert und ermordet, eine Gedenktafel an der Synagoge, in der geschäftigen Via Mazzini, die hart am Rande des ehemaligen Ghettos entlangführt, erinnert an die Toten.

Dort läßt Bassani jenen Geo Josz nach dem Krieg auftauchen, der seinen Namen auf der Liste entdeckt, und der den Ferrareser Bürgern von nun an das Leben schwer macht. Denn er ist – in seiner Häftlingskleidung, mit seiner vom Hunger gezeichneten Gestalt – eine lebende Mahnung an eine Zeit, die alle möglichst schnell vergessen wollen. Hoch an der Mauer sind die beiden Platten mit den Namen angebracht, wer die Schriftzeichen entziffern will, wird in der engen Via Mazzini schnell zum Hemmnis für die Kunden der kleinen Boutiquen und Schuhgeschäfte. Nicht anders in der Via Guglielmo degli Adelardi, man muß sich dem Strom der Schlendernden entgegenstemmen, man muß stehenbleiben und den Kopf recken, dann sieht man jenes Fenster im ersten Stock, hinter dem sich die Praxis des Hals-Nasen-Ohren Spezialisten Dr. Athos Fadigati verbarg, des unglücklichen Helden aus Bassanis „Brille mit Goldrand“. Auch er ein Gezeichneter, auch er einer, den die gesellschaftlichen Vorurteile in den Tod trieben, kein Jude, jedoch auch er ein Anderer, seine Homosexualität machte ihn zum verachteten Außenseiter.

Zwei Spaziergänge durch Ferrara sind anzuraten, einer zur geschäftigen Zeit des späten Nachmittags, ein zweiter in der Mittagszeit. Ein ganz anderes Ferrara bietet sich dann den Blicken. Wie ausgestorben ist die Via Mazzini, alle Geschäfte haben geschlossen, die Kinder, die noch vor wenigen Minuten am Platz vor der Kathedrale herumtollten, sind von den Müttern nach Hause gerufen worden. In den Bars sind die Tische verwaist, auch in jener, die bei Bassani den Namen „Caffè della Borsa“ trägt. Nebenan, die Apotheke, hat ebenfalls geschlossen. Vom Fenster im ersten Stock aus spähte der gelähmte Apotheker seiner untreuen Frau nach, und wurde dabei Zeuge der mörderischen Tat jener Nacht von ´43. „Ich schlief“, war nach dem Krieg seine klassisch-ausweichende Antwort vor Gericht. Der Fensterladen ist verschlossen, nur so kann die stechende Sonne draußen gehalten werden. Jetzt ist die Stunde angebrochen, in der Bassanis Ferrara zum Greifen nah ist, die Hitze der Mittagsstunde scheint auch die Zeit zum Stillstand zu zwingen. Menschenleer die vornehme Via Cisterna del Follo, dort im Haus mit der Nummer 1, wuchs Bassani auf, das Haus gehört noch heute der Familie. Zu gerne hätte Vittorio de Sica in seiner Filmversion von „Die Gärten der Finzi-Contini“ das Haus der Familie Bassani als Drehort benutzt. Bassani lehnte ab, seiner Meinung nach wollte man einen gar zu schlichten und oberflächlich ergreifenden Film drehen.

„Was mich angeht“, sagte er später dazu, „so erkläre ich mich mehr als befriedigt, daß es mir, wenn auch in letzter Minute, gelungen ist, mein gutes Recht auf Verweigerung der Mittäterschaft geltend zu machen.“

Verlassen liegt auch der Tennisplatz Marfisa d´Este, eine kleine, schmiedeeiserne Tür in der hohen Mauer läßt einen Blick auf den roten Sandplatz zu. Bis 1938 konnte Giorgio Bassani hier Tennis spielen, wenige Schritte nur vom Elternhaus entfernt. Bassanis alter ego im Roman ging von nun an zum Tennisspielen in den großen Garten der Finzi-Contini. Doch hier bleibt die Suche ergebnislos, jener Garten, der gerade so realistisch beschrieben ist wie andere Orte in Ferrara, hat nie existiert. Und auch jene vom Erzähler geliebte Micòl Finzi-Contini, die unter allen Zeiten die Vergangenheit am höchsten schätzte, „die geliebte sanfte, barmherzige Vergangenheit“, auch sie, deren „streifig blondes Haar“ der Knabe zuerst in der Synagoge bewundert hatte und die später ebenfalls Opfer des Rassismus wurde, auch Micòl gibt es nur, weil sich die Phantasie der Autors an sie erinnert.

Objektivität und historische Wahrheit sind eine Sache, eine andere Sache ist die Wahrheit der Literatur. In seinem Bild des Lichts am Ende des Korridors hat Giorgio Bassani die Suche nach dieser Wahrheit zusammengefaßt: „.. man muß, wenn man die Vergangenheit wirklich zurückgewinnen will, eine Art Korridor durchlaufen, der jeden Augenblick länger wird. Und unten, ganz am Ende, an dem fernen, im hellen Sonnenlicht liegenden Punkt, dort, wo die schwarzen Wände des Korridors fast zusammenlaufen, dort steht das Leben, so lebendig und pochenden Herzens wie damals, als es sich das erste Mal ereignet hatte.“

Auf beiden Spaziergängen sollte man am Ende zum Friedhof gehen, zum christlichen Friedhof der Certosa, den man in der Geschichte „Die letzten Jahre der Clelia Trotti“ kennengelernt hat, und zum jüdischen Friedhof. Dieser ist zur Mittagszeit so still und menschenleer wie am frühen Abend. „Der israelische Friedhof von Ferrara, ganz von einer alten, etwa drei Meter hohen Mauer umgeben, ist eine weite grasbewachsene Fläche, ja, so weit, daß die Grabsteine, die in einzelnen, weit voneinander entfernten Gruppen stehen, im ganzen sehr viel geringer an Zahl erscheinen, als sie es tatsächlich sind“. So beschreibt Bassani in seiner Geschichte „Der Geruch von Heu“ diesen Ort, und so liegt er auch heute vor den Augen, eine weite, grasbewachsene Fläche, im Osten vom Stadtwall begrenzt, der hier den Namen Mura degli Angeli trägt. Die Grabsteine sprechen ebenfalls von der lichtdurchfluteten Zeit am Ende des Korridors, die Eltern Bassanis sind hier begraben und manch anderer Stein trägt Namen, die wir durch Bassani kennen, nicht zuletzt einer mit der Aufschrift Finzi-Contini.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>