Ein boshafter Sinn für das Mögliche

Manuskript: Maximilian Preisler
WerkStatt

30. Januar 2003
Norman Mailer zum 80. Geburtstag

O-TON TAKE 1
Stimmengemurmel Pressekonferenz
All right, we’re here to talk about Iraq.

AUTOR:
September 2002. Norman Mailer ist in Berlin. Eine größere Schar von Journalisten erwartet den Schriftsteller zu einem Pressegespräch, das Thema reizt in diesen Tagen alle: George W. Bush und der drohende Irakkrieg.

O-TON TAKE 2
All right, we’re here to talk about Iraq, is that correct?

AUTOR:
Wird Mailer wieder vom Leder ziehen, wie früher? Wird er seinem Ruf als Tabubrecher auch heute noch gerecht?
Doch erst einmal übernimmt Mailer eine andere Rolle, für die er ebenfalls berühmt ist: die des Erzählers anzüglicher Anekdoten. Wie war es damals, 1959, als er zum ersten Mal die Stadt besuchte?

O-TON TAKE 3
Darauf Sprecher:
Mehrere ungewöhnliche Dinge passierten damals, darunter etwas Einzigartiges, das ich auch später nie mehr erlebte und ein besonderes Gefühl für Berlin in mir weckte. Sobald ich nämlich das Flugzeug verließ, hatte ich eine Erektion. Es war ein angenehmes Vorzeichen, das, dabei will ich es bewenden lassen, auch nicht trog.

AUTOR:
Und bevor Mailer sich dann wirklich die Politik der USA gegenüber Irak vorknöpft, gibt der Weltreisende zu erkennen, was er an Berlin bewundert. Berlin und New York, seine Heimatstadt, haben beide etwas, was er sehr hoch schätzt: a sardonic sense of the possibilities, einen boshaften Sinn für das Mögliche.

O-TON TAKE 4
So at any rate, I do have these memories of Berlin as a city not like any other, with a wit that is characteristic to the city, a sardonic sense of the possiblities that is bracing. Just as New York has a different sardonic sense.

AUTOR:
Was nun hat der Raconteur an politischen Einsichten zu bieten, welche Schlussfolgerungen zieht er, angesichts des drohenden Irakkriegs, aus den Verlautbarungen von Cheney, Rumsfeld, Powell und Bush?

O-TON TAKE 5
Darauf Sprecher
Ich kann es nicht beweisen, es ist reine Spekulation, ich kann mich nur auf meinen Schriftstellerinstinkt verlassen, und der ist manchmal falsch. Und dieser Instinkt sagt mir folgendes: Es gibt zwei Arten von Konservativen in meinem Land, das ist manchmal für Außenstehende schwierig zu verstehen. Zum einen gibt es die Flaggen-Konservativen, ich nenne sie einfach mal so, das ist jedoch nicht die Mehrheit der Konservativen. Die Mehrheit, das sind die Wert-Konservativen, sie glauben an Familie, Kirche, harte Arbeit, Ehrlichkeit, all die einfachen Tugenden, die sie hochhalten, wie viele europäischen Konservative, solche, die vom Land kommen. Aber dann gibt es auf der amerikanischen Rechten diese Extrem- Konservativen, die Flaggen Konservativen. Ihr oberster Wert ist die Flagge, der USA, sie kümmern sich nicht wirklich um das Schicksal ihres Landes, ob es auf dem Weg ist, seine Moral zu verlieren oder nicht. Die Flagge allein ist mein Wert, das ist ihr Wahlspruch. Ganz tief in ihrem Innern kümmern sie sich einen Dreck um ihr Land, es könnte auf den Kopf gestellt werden, aus Amerika könnte tatsächlich eine totalitäre Nation werden, das würde sie gar nicht kümmern. Vorausgesetzt Amerika bliebe vorherrschend.

AUTOR:
Es folgt Teil zwei der politischen Analyse von Norman Mailer, dem selbstberufenen Warner, der seit den frühesten Tagen als Autor, als er 1948 in seinem Überraschungserfolg „The Naked And The Dead“ das Böse nicht nur im japanischen Gegner, sondern auch in den eigenen Reihen aufdeckte, immer darauf beharrte, ein Schriftsteller sei eine öffentliche Person, er müsse deshalb auch bei politischen Fragen Farbe bekennen. Das oft gehörte Argument, Präsident Bush habe Saddam Hussein zum Gegner erklärt, weil es ihm um die Ölreserven des Irak gehe, will ihm nicht einleuchten. Nach Mailer haben die „Flaggenkonservativen“ ganz andere Ziele. Es geht um die Vorherrschaft in der Welt.

O-TON TAKE 6
Darauf Sprecher
Die Chinesen könnten uns in 30 oder 40 Jahren im technologischen Bereich einholen, sie könnten uns überflügeln. Also könnte dies jetzt eine äußerst scharfe Botschaft sein: Versucht ja nur nicht, uns jemals zu dominieren. Wir gestatten Euch Chinesen, die griechischen Sklaven zu sein, wir bleiben die Römer. Wir werden Eure Weisheit und Eure Fähigkeiten nutzen in Zukunft, aber wir werden herrschen.

MUSIKZÄSUR
Sonny Stitt

AUTOR:
Der erste Abend von Mailers Besuch in Berlin war ganz der Literatur gewidmet. Eine dramatische Lesung stand auf dem Spielplan. Das Stück kennt drei Rollen, es treten auf Scott Fitzgerald und seine Frau Zelda, dazu Ernest Hemingway. Ort der Handlung: das Paris der Zwanziger Jahre. George Plimpton, langjähriger Herausgeber der „Paris Review“, hatte den Text aus Briefen und Erinnerungen der drei Protagonisten zusammengestellt. Niemand im Publikum war überrascht, dass Mailer Hemingways Part übernahm. Bei beiden findet man die Themen Gewalt, Sex und Tod, beide wollten unbedingt den „großen amerikanischen Roman“ schreiben.

O-TON TAKE 7
Darauf Sprecher
Das erste Mal, als ich Scott Fitzgerald traf, passierte etwas sehr Seltsames. Mit Scott passierten einem eine Menge seltsamer Dinge, aber dieses konnte ich niemals vergessen.
„Ernest“, sagte er. „Es ist dir doch recht, dass ich Ernest zu dir sage, nicht wahr? Sag mal, habt ihr, du und deine Frau miteinander geschlafen, ehe ihr verheiratet wart?“
„Ich weiß nicht“, sagte ich.
„Was soll das heißen, du weißt nicht?“
„Ich erinnere mich nicht.“
„Aber wie kannst du dich an etwas von solcher Wichtigkeit nicht erinnern?“
„Ich weiß nicht“, sagte ich. „Es ist seltsam, nicht wahr?“
„Es ist schlimmer als seltsam“, sagte Scott. „Du musst dich doch erinnern können.“
„Nein“, sagte ich. „Es ist hoffnungslos.“
„Du könntest wenigstens eine ehrliche Anstrengung machen, um dich zu erinnern.“

AUTOR:
Mailer hatte mühsam, auf zwei Stöcke gestützt, die Bühne erklommen, er litt bei der Diskussion im Anschluss an die Lesung arg unter seiner Schwerhörigkeit, die Missverständnisse häuften sich – aber er war doch präsent und bärbeißig und scharf und wortgewaltig wie eh und je. Beispielsweise bei der Frage aus dem Publikum: Wird die Rolle der nicht-fiktiven Literatur zunehmen?

O-TON TAKE 8
Darauf Sprecher
Ich bin da schrecklich voreingenommen, ich bin bei diesem Thema wie eine Betschwester, ich wiederhole ständig: Non-fiction gibt es gar nicht. Non-fiction ist einfach eine langweiligere Art von Fiction. Sagen wir mal, ein Historiker ist interessiert an einem bestimmten Punkt in der Geschichte, etwa an Napoleons Verbannung nach Elba. Er sammelt tausend Fakten darüber, aus der Gesamtmenge von zehntausend oder hunderttausend Fakten. Wenn ein Schriftsteller darüber schreibt, hat er vielleicht nur hundert Fakten zur Verfügung. Sein Text bildet also nicht die Realität ab. Das nicht-fiktionale Schreiben ist nicht wahrer als das fiktionale. Umgekehrt, die Fiktion kann sogar mehr an Wirklichkeit besitzen. Große Romane vermitteln dem Leser, dass es nicht wichtig ist, ob etwas stattgefunden hat, wichtiger ist: so hätte es stattfinden können. Aber: der Roman ist in großen Schwierigkeiten, das Leben wird so komplex, dass es immer schwieriger wird, darüber zu schreiben. Die großen Romane der Russen, oder der Franzosen – es ist fast unmöglich sich vorzustellen, dass heute ein neuer Proust käme. Oder ein Thomas Mann, mit seiner wunderbaren Material – Beherrschung. Heute gibt es zu viel Material, und es ist zu widersprüchlich. Ja, das „Non-fiction“- Genre könnte gewinnen, aber das wäre ein großer Verlust für uns alle, denn es ist nur eine geringere Form der Fiktion.

AUTOR:
Norman Mailer wurde schon als 25jähriger berühmt, sein Roman „Die Nackten und die Toten“ gilt auch heute noch als eine hervorragende literarische Verarbeitung des Zweiten Weltkriegs. In den späten 50ern und den frühen 60ern wurde eine ganze Generation von Intellektuellen zusätzlich geprägt durch seine journalistischen Arbeiten, seine Essays und Reportagen. Weniger bekannt sind seine Gedichte, seine Drehbücher und seine Arbeit als Regisseur. Als vor kurzem eine über 1000 Seite starke Anthologie seines insgesamt über 30 Titel umfassenden Werks erschien, blätterte Mailer nach langer Zeit wieder in diesen alten Büchern.

O-TON TAKE 9
Darauf Sprecher
Das war interessant und es war lustig, fast wie ein Klassentreffen, denn viele der Texte haben in meinem Kopf fortgelebt, doch als ich sie dann wieder traf, waren sie ganz anders als in meiner Erinnerung. Es gab Stücke, von denen ich dachte, sie seien hervorragend, aber sie waren lange nicht so gut, andere, die ich fast vergessen hatte, wurden wieder lebendig, es gab Enttäuschungen und es gab Freude.

MUSIKZÄSUR

O-TON TAKE 10
Darauf Sprecher
Deutlich wurde, und das habe ich ja in letzter Zeit immer wieder gesagt, dass der Unterschied zwischen meinen Romanen und dem journalistischen Schreiben viel geringer ist, als allgemein angenommen. Der einzige wichtige Unterschied: Journalismus ist einfacher, „non-fiction“ ist einfacher, denn du weißt, wie deine Geschichte ausgeht. Wenn du Prosa schreibst, kann dich das lähmen: du musst eine Geschichte erfinden und möglicherweise triffst du eine falsche Entscheidung, vielleicht hast du einen Protagonisten, der dir gefällt und du lässt ihn, oder sie, zum falschen Zeitpunkt an den falschen Platz gehen, das kann dich sechs Monate deiner Arbeitszeit kosten. Aber ich war schon immer der Meinung, dass alles Fiktion ist, guter Journalismus besteht aus großer Detailtreue und einer hervorragenden Untersuchung dessen, was stattfand, und das erhebt ihn zur Höhe der Fiktion.

AUTOR:
Mr Mailer, Sie hatten immer schon eine hohe Meinung von sich selbst, sind Sie ein Genie?

O-TON TAKE 11
Darauf Sprecher
Nein, ich gehöre einem niedrigeren Rang an, mit meinen besten Arbeiten könnte ich es wagen, mich als wichtigen amerikanischen Schriftsteller zu bezeichnen. Mehr wohl nicht. Vielleicht, wenn ich ein völlig anderes Leben geführt hätte, dann hätte ich einen besseren Zugriff gehabt. Aber die meisten Menschen, die solch einen solchen Zugriff gefunden haben, werden trotzdem keine Genies. Ich glaube, das gilt für uns alle: unsere besten Fähigkeiten können wir nur ganz selten realisieren, weil wir nur einmal in tausendmal zum Besten fähig sind. Dies ist überhaupt ein beklagenswerter Teil des Lebens, wir alle haben eine Ahnung davon, dass wir weitaus besser sein könnten, als wir es die meiste Zeit sind.

O-TON TAKE 12
Er war der Schriftsteller der 60er Jahre, repräsentierte so eine Art von Avantgarde, die zwischen Journalismus und Roman und politischem Leben sich bewegte, immer, sozusagen, den Finger am Puls der Zeit.

AUTOR:
Professor Heinz Ickstadt lehrt am John F. Kennedy Institut der Freien Universität amerikanische Literatur.

O-TON TAKE 13
Er wurde dann von dem überholt, meiner Ansicht nach, was er in gewisser Hinsicht antizipiert hat, sowohl im Politischen, mit den verschiedenen Counter Cultural oder Civil Rights Bewegungen, und im Literarischen durch die Postmoderne. Er konnte sich ja nie so recht entscheiden, ob er nun wirklich den New Journalism vervollständigen sollte, auf dieser Ebene hat er sehr bedeutende Werke geschrieben, oder dem Roman, aber viele dieser Romane sind in meinem Empfinden gescheiterte Projekte. Einige davon sind provozierend, auch heute noch, ich habe sie jetzt gerade wieder im Seminar gelesen, wie zum Beispiel „An American Dream“, das `66 erschien, und das hemmungslos von Konventionen der „romance“ Gebrauch machte, aber auch in aller melodramatischen Übersteigerung dieses Genres, und das für lange Zeit, in den 80er, 90er Jahren unlesbar war,

SPRECHER ZITAT:
„Nur nicht frech werden“, sagte Shago. Wieder hatte er sein Messer gezückt.
„Du bist eine Schande“, sagte Cherry.
„Jeder Nigger ist eine Schande. Schau dir diesen Sambo an! Er ist eine Schande für die fette, weiße Rasse. Was machst du denn mit ihm? Ach, er ist ja ein Professor, er ist ein Professor. Er hat seine Frau so fest umarmt, dass sie tot umfiel. Hahha! Hoho! Dann hat er sie durch das Fenster geschubst.“
„Klapp das Messer zu“, sagte Cherry.
„Ach, Scheiße.“
„Dir steht ja der Schaum vor dem Mund.“
„Aber kein Blut.“ Er nahm seinen Schirm auf und warf ihn hinter sich gegen die Tür. „Ihr Schoß ist voller Blut“, sagte er zu mir. „Sie sollte ein Kind kriegen und hat sich davor gefürchtet. Hat sich gefürchtet, ein Kind mit einem schwarzen Arsch zu haben. Was haben denn Sie vor, Opa, wollten Sie ihr ein Kind mit einem weißen Arsch machen, mit einem ollen weißen Diarröearsch?? Leck mich, du-weißt-schon-wo!“
„Halten Sie die Klappe“, sagte ich.
„Hol dir doch mein Messer, du Drecksack!“

O-TON TAKE 14
Also viele Studenten haben sich geweigert, das mitzulesen, weil es ja auch nicht nur melodramatisch war, sondern auch bestimme Macho Vorstellungen von Sexualität transportierte, während die Generation, die jetzt dieses Buch gelesen hat, aus der wirklich nun weit zurückliegenden Perspektive, oder die lange Perspektive rückwärts, nun den Roman wieder historisch wahrzunehmen und nicht mehr identifikatorisch wahrzunehmen vermag.

MUSIKZÄSUR

O-TON TAKE 15
Ich habe Mailer also über die Jahrzehnte unterrichtet, zum ersten Mal in den 60er Jahren, wo er wirklich so etwas wie die Avantgarde repräsentierte, wo er gerade in Texten wie „The White Negro“, `58 ist der allerdings erschienen schon, und „An American Dream“, aber auch „Cannibals And Christians“, die Essaysammlung, oder „Deer Park“, „Why We Are In Vietnam“, einer der aufregendsten Schriftsteller war. Und man musste ihn damals überhaupt erst einer Generation nahe bringen, die dann sich allerdings sehr intensiv angesprochen fühlte von ihm, wie gesagt, im Zug von Post-Strukturalismus und Feminismus war dann Mailer praktisch unlesbar. Dann kam natürlich bei „White Negro“ auch noch die Frage, wie kann ein Weißer, die Schwarzen so stereotypisieren, dass sie wieder zu Vorbildern von weißen Hipsters werden können, liegt da nicht eine Sentimentalisierung und Idealisierung drin, die im Grunde ein versteckter, oder ziemlich offener Rassismus ist. Auch das liest sich heute nicht mehr so wie noch vor zehn Jahren, wie gesagt, wir sind in der Lage, Mailer historisch wahrzunehmen. Ich bin mir nicht sicher, ob wir den späten Mailer noch wahrnehmen können, er hat zwar mit dem Buch über Oswald ein Riesenbuch geschrieben …

AUTOR:
„Oswalds Geschichte. Der Fall Lee Harvey Oswald“, 1995, die Geschichte des Kennedy Mörders.

O-TON TAKE 16
… aber ich würde denken, selbst dieses Buch ist nicht so aufregend wie zum Beispiel das von DeLillo, Libra, was ja auch über Oswald ist, im Grunde, die Romane, habe ich eigentlich aufgehört zu lesen.

AUTOR:
Mailer inszenierte sich gerne selbst. „Advertisements For Myself“, hieß bezeichnenderweise eine seiner Essaysammlungen. Mailer, die öffentliche Figur, ließ keinen Streit aus, wie Brecht war er fasziniert vom Boxen, doch während Brecht sich aufs Zuschauen beschränkte, benutzte Mailer seine Fäuste, er drohte seinem Kollegen Gore Vidal Prügel an, schlimmer noch, er versuchte, seine zweite Frau Adele mit einem Taschenmesser zu erstechen, wohl im Drogenrausch, und sein zweimaliges Auftreten während der Bürgermeisterwahlen von New York inszenierte er als Boxkampf. Die Wahl endete zweimal mit dem K.O. des Kandidaten Mailer.

O-TON TAKE 17
Er hat sich immer selber zum Objekt der Reklame gemacht, oder immer sich selber gleichzeitig als öffentliches Bild inszeniert. Das hing aber auch zusammen, dass er sich sozusagen als repräsentative Figur seiner Zeit verstand. Es gibt in Amerika, in der amerikanischen Literatur, eine Tradition dieser Repräsentation. Die demokratische Gesellschaft sozusagen wird zusammengefasst in einer Person, wie bei Whitman das ja auch ist, die für das Ganze spricht, so hat sich Mailer immer inszeniert. Und so hat er auch versucht, gesellschaftliche Entwicklungen und Bewegungen zu verstehen, wie zum Beispiel in „Armies Of The Night“

AUTOR:
„Heere aus der Nacht“, 1968, ein romanhafter Bericht vom Marsch der Gegner des Vietnamkriegs auf das Pentagon.

O-TON TAKE 18
… wo er als Person auftritt, die in der dritten Person inszeniert wird, die aber gleichzeitig zu einer Art Prisma wird, in der die Gesellschaft der Zeit sozusagen subjektiv gebrochen wird.

SPRECHER ZITAT:
„Wir sind hier versammelt“, sagte Mailer, „um am Sonnabend das Pentagon einzuschließen und seinen Dienstbetrieb zu stören oder ganz aufzuhalten. Das ist sowohl ein symbolischer Akt als auch ein Akt der Realität“ – er dröhnte jetzt nur so – , „denn es werden wirkliche Köpfe sein, die vielleicht plötzlich ein Loch haben, und wirkliche Soldaten werden versuchen, mit uns fertig zu werden, und ein paar von uns werden vielleicht auch verhaftet“ – wie sollte er denn selbst, wunderte sich eine ganz kleine, aber weise Stimme in seinem Inneren, nach diesen Worten je aus Washington wegkommen, ohne schon anstandshalber ein Gefängnis von innen gesehen zu habe? „Es ist also durchaus möglich, dass Blut fließt. Wenn ich der Mann in der Regierung wäre, der für die Ãœberwachung dieses Marsches verantwortlich ist, dann wüsste ich nicht, was ich tun sollte.“ Und jetzt mit sonorer Stimme: „Ich hätte Angst, zu viele Leute zu verhaften oder irgendjemandem wehe zu tun, weil nämlich dann das Echo in der Welt so gewaltig wäre, dass mein Bürokratenherz das nicht ertragen könnte – das arme, kleine Ding, es besteht sowieso nur aus einem Stück Scheiße.“
Mailer war im Augenblick an dem Punkt angelangt, wo er ein paar obszöne Ausdrücke in seine Ansprache einflechten wollte. Schließlich ist dieser Punkt der Kern von Mailers Argumenten und lässt sich etwa so zusammenfassen: Der amerikanische Big Business-Manager ist zwar ohne weiteres imstande, im Dschungel von Vietnam Frauen und Kinder zu verbrennen, die er nie gesehen hat – wenn es aber nur um den Gebrauch von obszönen Ausdrücken in Literatur und Öffentlichkeit geht, dann wird er plötzlich moralisch, verspürt gewaltiges Missvergnügen und ringt sich sogar dazu durch, ziemlich endgültig dagegen zu sein.

O-TON TAKE 19
Und so lange er das machte, war er sehr aufregend, das hat er zum Teil ja auch mit der Mondlandung noch gemacht,

AUTOR:
„A Fire On The Moon“, „Auf dem Mond ein Feuer“, 1970, eine Reportage über die Mission der Apollo 11.

O-TON TAKE 20
aber die Romane, die danebenbei auch noch entstanden, fand ich unerträglich, um ganz ehrlich zu sein.

AUTOR:
Von den späten 70ern an veröffentlichten Schriftsteller wie Thomas Pynchon und Robert Coover historische Romane, die den Glauben an eine objektive Geschichtsschreibung unterminierten. Diese postmodernen Autoren nehmen zwar Bezug auf die Historie, behaupten aber gleichzeitig die Fiktivität von Geschichte und Geschichtsschreibung.

O-TON TAKE 21
Mailer läuft dem voraus, in gewisser Hinsicht, in seinem „Journalism“ versucht er eine Geschichtsschreibung, die natürlich auch nicht so richtig in die Vergangenheit geht, sondern eigentlich die Gegenwartsgeschichte verstehen will. Und zwar eine Geschichte, die im Prozess der Entfaltung noch ist. Und da sie sozusagen niemals objektiviert werden kann, nicht nur weil sie objektiv nicht existiert, sondern erst in Geschichtsschreibungsprozessen überhaupt erschaffen wird, versteht er sich selber als Zentrum, oder als Beobachter, beides, er wechselt zwischen beiden Perspektiven ab, eines geschichtlichen Prozesses, an dem er selbst beteiligt ist, und das er in seiner Beteiligung möglicherweise mit verändern kann. Und solche Bücher wie „Armies Of The Night“ sind genau in diesem Schnittpunkt von Beobachtung, subjektiver Interpretation und der Hoffnung auch, würde ich denken, auf Beeinflussung des geschichtlichen Prozesses, der ja noch als Prozess unbestimmt ist und in alle Richtungen gehen kann.

SPRECHER ZITAT:
Draußen, als sie über die Straße zum Bus geführt wurden, wartete das englische Dokumentarfilmerteam. Das machte Mailer sofort wieder fröhlich. Einer der Rechtsanwälte hatte ihm nämlich kurz vor dem Abtransport noch berichtet, dass der Polizeirichter die Absicht gehabt hatte, ihn ganz bis zuletzt warten zu lassen. Nun die Filmleute hier zu sehen – das war wie ein belebender Drink!
„Sind Sie anständig behandelt worden?“
„Natürlich, die Behandlung war absolut korrekt. Amerikaner benehmen sich immer korrekt, außer vielleicht in Fällen. Wo sie kleine Kinder in Ländern verbrennen, von denen sie vorher noch nie etwas gehört haben.! So was hörten die Briten sicherlich gerne!
„Wollen Sie mal unsere Parolen hören?“ fragte Mailer.
„O ja, gerne.“
„Also dann singen wir doch mal ein Lied für unsere Freunde, Jungs!“ rief Mailer laut. Er konnte einfach nicht anders – der Komödiant in seinem Innern zwang ihn, sich wie eine Art Winston Churchill zu fühlen. Vor zehn Minuten noch war er in seiner Zelle in langwierige, schwerfällige Gedanken über seine vier Frauen versunken gewesen – und nun stand er wieder auf der Bühne, hatte ein Publikum und fühlte sich als Ergebnis fast wie ein Held. Könnte es sein, sagte er zu sich selbst, dass ich zwanzig Jahre meines Lebens als Schriftsteller vergeudet habe, während in Wirklichkeit eigentlich ein Schauspieler in mir schmachtete?
Der ganze Bus begann zu singen: We shall overcome, aber der Fahrer wollte anscheinend beweisen, dass Amerika heute totalitärer war denn je, und schaltete prompt das Licht aus. Also sangen sie im Dunkeln für den Tontechniker weiter.

AUTOR:
Norman Kingsley Mailer, geboren am 31. Januar 1923, Sohn einer aus Litauen eingewanderten jüdischen Familie, aufgewachsen in New Jersey und Brooklyn. Im Gegensatz zu anderen jüdisch-amerikanischen Schriftstellern, man denke an Grace Paley oder Henry Roth, war die eigene Kindheit in New York für Mailer nie ein Thema.

O-TON TAKE 22
Zum einen haben die anderen das so gut gemacht. Und dann, das war vor etwa 25 Jahren, da nahm ich mir vor einen Roman über das jüdische Leben zu schreiben, er sollte in den ost-europäischen Shtetls beginnen. Doch zufällig las ich Isaac Bashevis Singer, und er schrieb so elegant über dieses Thema, dass ich mir eingestand: Ich könnte das nie so gut wie er. Mein Gefühl ist ja, man schreibt nur dann über ein bestimmtes Gebiet, wenn man etwas ganz Spezielles darüber zu sagen hat. Deshalb suche ich nach Themen, über die ich wirklich etwas zu sagen habe, etwas, dass andere nicht sagen und beschreiben können, auch nicht anpacken wollen. Und wenn man nach einem Muster in meinem Werk sucht, das könnte es sein.

AUTOR:
„Born 1923, still going strong“, mit diesen leicht abgewandelten Worten einer Reklame für Mailers Lieblingsgetränk, möchte man ein Glas auf den 80. Geburtstag eines erstaunlich Junggebliebenen erheben. Seine harsche Kritik an der gefährlichen Politik der gegenwärtigen amerikanischen Regierung zeigt das. Und an vielen seiner Bücher werden sich wohl auch in Zukunft immer wieder neue Leser die Zähne ausbeißen. Professor Ickstadt, stimmen Sie in einen Geburtstagstoast mit ein?

O-TON TAKE 23
Sehr gerne, also, ich freue mich, dass er noch lebt, und ich hoffe, dass er in der Literaturgeschichte immer verankert bleibt. In meiner Erinnerung an die 60er und 70er Jahre hat er einen ganz festen Platz.