Der Wind des Bösen

Manuskript: Maximilian Preisler
für DeutschlandRadio Berlin

LEISES MOTORENGERÄUSCH

AUTOR:
Anflug auf Albuquerque, New Mexico. In der Dämmerung breitet sich unter uns ein Lichterteppich aus, im Westen kann man den dunkel aufragenden Mount Taylor ausmachen, einer der vier heiligen Berge der Navajo. Hier also beginnt das Reservat der Navajo und der Hopi: Indian Country.

MOTORENGERÄUSCH

MUSIK

ERSTER SPRECHER :
Talking God führte eine Reihe maskierter yei an, die sich langsam mit den komplizierten, abgehackten, schleppenden Schritten der Geistertänzer voranbewegten. Die Geräusche der Menschenmenge verstummten. Chee konnte das Klingeln der Glöckchen an den Beinen der Tänzer hören, den Gesang der yei in Lauten, die kein menschliches Wesen verstand. Der Fächer starrer Adlerfedern oben auf Talking Gods weißer Maske blähte sich in der frischen Brise. Staub wirbelte um die nackten Beine der Tänzer auf, als sie in ihren Kilts heranrückten.

MUSIK

AUTOR:
Am Flughafen. Ein freundlicher junger Mann sucht in seinen Unterlagen nach der Vorbestellung für das Mietauto. „Was führt Sie im späten Herbst hierher“. Die Neugier auf das Indianerland, eine Verabredung mit Tony Hillerman, dem Autor. „That’s cool, man. That’s very, very cool!“

MUSIK

AUTOR:
Beim Einchecken im Motel, an der Rezeption eine ältere Frau. Ihre müden Augen hellen sich auf: Sie wollen Tony Hillerman sprechen? Sagen Sie ihm, dass ich alles von ihm gelesen habe. Nein, ein Buch fehlt noch, aber sonst alles. Sie sagen es ihm? Ganz bestimmt?

MUSIK:

ERSTER SPRECHER:
Chee atmete auf. Das war einer der Wachrunden, von denen Cowboy ihm erzählt hatte. Priester der Bruderschaften suchten das Dorf nach Eindringlingen ab. Wer bist du?, riefen sie während ihres Wachgangs, und natürlich bekamen sie keine Antwort, da sich um diese Zeit niemand außer den Kachinageistern im Frien aufhalten durfte. Wären die Wächter aber einem der Kachinageister begegnet, so hätte er geantwortet: Ich bin ich.

MUSIK:

AUTOR:
Am nächsten Morgen, auf dem Parkplatz vor dem High Noon, unserem vereinbarten Treffpunkt, ein Restaurant in der traditionellen Adobe Bauweise, die Wände aus rötlichen, in der Sonne getrockneten Lehmsteinen. Ein cremefarbener Jaguar nähert sich langsam, aus dem offenen Fahrerfenster winkt mir ein Mann zu. „Max, I’m late. So sorry.“ Ich sage: „Stimmt nicht, ich bin zu früh. But I can’t help it, I’m German. Hillerman, im kurzärmligen Sommerhemd, lacht und nimmt sofort den Ball auf. „Same with me. Mein Vater hat uns deutsche Sitten eingebläut. Pünktlichkeit stand ganz oben auf seiner Liste. Hillermann, ja. Wir haben nur ein „n“ weggenommen, und schon waren wir Amerikaner.“

MUSIK

AUTOR:
Im „High Noon“ ist der Chili Eintopf zu scharf und die Musik zu laut. „O. K., let’s go to my place. It’s nice and cool out there.”

AUTOGERÄUSCHE

AUTOR:
Lange habe die Familie in Santa Fe gewohnt, als Hillerman noch für die Zeitung gearbeitet habe und als er an der Uni dort Journalismus unterrichtete. Nach Albuquerque zogen sie, weil er die Ruhe suchte, Ruhe zum Schreiben.

AUTOGERÄUSCHE

AUTOR:
In allen Pressetexten zu Hillerman ist zu lesen, dass er als kleiner Junge acht Jahre lang eine Indian Boarding School in Oklahoma besuchte. Weniger bekannt ist, dass es eine Schule für Mädchen war.

O-TON HILLERMAN TAKE 1
darauf ERSTER SPRECHER
Ja, das war tatsächlich ein Internat für indianische Mädchen. Es war von den Sisters of Mercy gegründet worden. Die Schule gehörte zu einer verarmten Farmer-Gemeinde, und sie ließen auch Nicht-Indianer zu, sogar einige Jungs. Sie vergaben uns Jungs zwar, dass wir keine Indianer waren, jedoch sie vergaben uns nie ganz, dass wir keine Mädchen waren. Es war jedoch gar nicht so schwierig, denn als Kind war mir das alles gar nicht bewusst, für mich war das völlig in Ordnung. In der achten Klasse jedoch, als die Pubertät über uns hereinbrach, war’s dann aus. Danach fuhren wir mit dem Schulbus zur High School in die kleine Stadt Konawa, Oklahoma.

AUTOGERÄUSCHE, ausblenden

AUTOR:
Das großzügige, lichtdurchflutete Haus der Hillermans liegt weit von Albuquerques „Old Town“ entfernt. Unterwegs machen wir Halt bei einer Buchhandlung: Yes, Mr Hillerman, your book is selling really well.“ Damit ist die Autobiographie gemeint, gerade erschienen: „Seldom Disappointed“, Selten Enttäuscht. „Das erste Mal, dass ich wirklich gute Rezensionen bekomme, sogar in der New York Times.“ Wir kommen in eine ruhige Residential Area, die Eingänge der Häuser, viele im Stil der Ranches erbaut, liegen im Schatten hoher Cottonwood Trees. Wir betreten das geräumige Haus durch die breite Garage, wer mag von den sechs Kindern, fünf davon adoptiert, noch zu Hause wohnen? Die Familie Hillerman zog von Santa Fe nach Albuquerque, als Tony Hillerman mit seinem ersten Roman begann. Seine Frau unterstütze ihn, machte ihm Mut, seinen Traum vom Schreiben in die Tat umzusetzen.

O-TON HILLERMAN TAKE 2
darauf ERSTER SPRECHER
Einen Plan für mehrere Romane hatte ich nicht, ich plane überhaupt nicht gerne. Als ich meinen ersten Roman, „Blessing Way“, im Navajo Reservat spielen ließ, überlegte ich mir vorher, was ich am besten konnte. Ich kann eine Situation entwerfen und ich kann eine Geschichte vorantreiben. Ich bin auch ganz gut im Beschreiben. Ob ich Charaktere entwickeln kann? Schon weniger gut, das liegt mir genauso wenig wie das Aushecken von Verwicklungen. Wenn ich mir also, so überlegte ich, einen interessanten Schauplatz auswähle, das Navajo Reservat, dann hätte ich, um im Theaterjargon zu sprechen, vielleicht eine ziemlich schwache Drehbuchvorlage, dafür aber eine tolle Bühnenausstattung. Die Leser würden mir sogar mein schlechtes Schreiben nachsehen, weil ich so einen guten Hintergrund zur Verfügung habe. Viel mehr überlegte ich mir damals nicht. Und ich wollte zeigen, wie interessant die Navajo sind, was für eine wertvolle Kultur sie besitzen.

AUTOR:
Tony Hillerman und die Navajo. Auf deren Reservation, Big Rez genannt, ein Gebiet, das etwa die gleiche Fläche umfasst wie ganz Neu England, allerdings mit nur knapp 200 000 Bewohnern, sind die meisten seiner Geschichten angesiedelt, die Kultur der Navajo, spielt eine entscheidende Rolle im Geschehen, Hillerman ist ein Miterfinder jenes Genre, das den leicht schief klingenden Namen Ethno-Krimis trägt.

O-TON HILLERMAN TAKE 3
darauf ERSTER SPRECHER
Das erste, das mich beeindruckte, und das beeindruckt mich immer noch, war die Wichtigkeit, die sie der Familie zumessen. Der erweiterten Familie, dem ganzen Klan. Das steht im Gegensatz zu der Wichtigkeit, der viele Amerikaner dem Erwerb von Dingen, dem Besitz zumessen. Diese ganz andere Haltung der Navajo ist tief verwurzelt in ihrer Mythologie. In einer Geschichte, die zu ihrem Ursprungmythos gehört, kommt First Man, einer ihrer Geister, ihr yei, aus der Unterwelt in diese Welt. Und da fällt ihm ein, dass er vergessen hat, das Böse mitzubringen. Das ist nämlich seine Fähigkeit als Hexer. Also sendet er einen Vogel aus, einen Reiher, der soll zurückfliegen und ihm das Wissen bringen, wie man Geld macht. Ich glaube, dieses Symbol ist sehr wichtig.

MUSIK

O-TON HILLERMAN TAKE 4
darauf ERSTER SPRECHER
Und dann ist tief in die Navajo Tradition eingeschrieben, dass es falsch ist, dass es böse ist, dass es ein ziemlich guter Indikator ist, ob jemand ein schlechter Mensch ist, wenn jemand mehr hat, als er braucht. Weil man nämlich umgeben ist von Menschen, die weniger haben, als sie brauchen. Wenn sich dieses Denken in der ganzen Welt verbreiten würde, dann hätten wir einen ziemlich guten Planeten.

MUSIK

AUTOR:
Szenenwechsel. Berlin, das ethnographische Museum in Dahlem. Hier ist man stolz darauf, eine weltbekannte Indianer-Sammlung zeigen zu können. Hans-Ulrich Sanner hat die Ausstellung mit-konzipiert, für den vorzüglichen Katalog hat er das Kapitel über die Indianer des Südwestens geschrieben. Mehrere Monate lang hat er in der Reservation gelebt, in einem Hopi Dorf. Die Hopi sind die engsten Nachbarn der Navajo, ihr Reservat ist völlig umgeben vom Reservat der Navajo.
Hans-Ulrich Sanner ist – wen überrascht’s – begeisterter Hillerman-Leser. Jedoch die „ethnische Korrektheit“ des Autors imponiert ihm nur in zweiter Linie.

O-TON SANNER TAKE 6
Was ich an den Hillerman Krimis sehr schön finde, das sind zunächst mal die Landschaftsbeschreibungen. Also, wenn man dort gewesen ist, und wenn man vor allem auch länger dort gelebt hat, und intensive Naturerfahrungen gemacht hat, das ist ja das, was mich ewig dorthin zurückziehen wird, die Stimmungen am Morgen, wenn nach einem heißen Sommertag plötzlich ein Gewitter aufzieht, in dieser Landschaft, auf einer Höhe von etwa 2000 Metern, wo die Luft dünn ist und entsprechend die Atmosphäre sehr klar, wo es wenig Umweltverschmutzung gibt, wo es auch sehr ruhig wird, wenn man ein bisschen abseits der Straße geht, und man hört nur noch den Wind und seinen eigenen Herzschlag, also das ist etwas, was ich in den Hillerman Büchern immer wieder finde, und was er sehr schön beschreibt, Landschaftsstimmungen, Wetterveränderungen, ein Sommergewitter, eine aufziehende Kälte, ein Sonnenaufgang, all das, wenn ich das lese, dann bin ich plötzlich dort.

ERSTER SPRECHER:
Kurz vor dem Scheitelpunkt des Passes bog Lieutenant Leaphorn von der Fahrbahn ab auf einen schmalen Sandweg, der durch ein Gelbkieferwäldchen bis zu einem Felsvorsprung führte. Leaphorn hielt an und sie stiegen aus. Zu ihren Füßen ausgebreitet lag das Canyonland, überzogen von einem ständig wechselnden Muster aus Licht und Schatten. Seine Weite wurde im Norden und Osten eingerahmt durch die dunklen Umrisse der Mesas und einzelner Berge. Eine Weile standen sie schweigend da.
„Wow“, sagte Louisa. „Ich kann von diesem Anblick nie genug bekommen.“
Das da unten ist die Landschaft, in der ich groß geworden bin“, sagte Leaphorn. „Jedes Mal wenn ich überlegte, ob ich nicht vielleicht doch eine Stelle in Washington annehmen sollte, hat Emma mich gedrängt, hierher zu fahren und mich umzusehen.“ Er wies mit der Hand nach Nordosten. „Da unten, ungefähr zehn Meilen von hier, zwischen dem Trading Post von Two Grey Hills und Toadlena, habe ich als Junge gelebt. Nach der Geburt hat meine Mutter meine Nabelschnur auf dem Hügel hinter unserem Hogan unter einer Nusskiefer begraben. Das schaffte eine unzerstörbare Bindung, die auch weiter besteht, wenn das Kind einmal fortzieht.“ Er lachte. „Emma kannte diesen Brauch auch.“

AUTOR:
Wenige Zeilen später erwähnt Tony Hillerman eine Abkürzung nach Two Grey Hills. Die verpasse ich, nun muss ich den ganzen Weg zur US 666 fahren, dann hoch in den Norden bis Newcomb, von hier sind es noch gut 15 Kilometer über eine Dirt Road, einen Schotterweg, bis ich endlich vor dem Trading Post meinen Wagen abstelle. „Oooh, Mr. Hillerman sent you. Very good.” Cynthia Belay gibt mir einen Kaffee aus, stark gesüßt, zeigt mir die Indian Rugs, die im Nebenzimmer gestapelt liegen. „Ohh, this is a fine one. It’s from my mother.” Aber er ist teuer. „Ohh, very expensive. Yes. My mother, she can also tell wonderful stories. Ohh, yes.”

O-TON HILLERMAN TAKE 7
darauf ERSTER SPRECHER
Meine Theorie lautet folgendermaßen: Ja, ich will den Leuten etwas beibringen, aber, wenn ich ganz ehrlich bin: vor allem will ich sie unterhalten. Ich muss ein Entertainer, ein Geschichtenerzähler sein, ich muss das Interesse meiner Leser aufrecht halten, ich muss sie in die Geschichte verwickeln. Das sind ja zwei völlig verschiedene Sachen, einen Kriminalroman zu schreiben oder ein Fachbuch für Ethnologie zu veröffentlichen. Mir sind keine Fußnoten erlaubt. Wenn ich meinen Lesern etwas über eine Zeremonie mitteilen will, etwa die yei bichey Zeremonie, eine Heil-Zeremonie, die bei Geisteskrankheiten abgehalten wird, dann muss ich einen passenden Weg finden, diese Zeremonie in die Geschichte einzubringen. Zum Beispiel so: Um zu verstehen, wer der Mörder ist, oder das Opfer, oder um zu verstehen, wie die Geschichte weitergeht, müssen wir jetzt unbedingt zu dieser Zeremonie gehen.

ERSTER SPRECHER:
Die Deckenwand war über dem Eingang des Patienten-Hogans herabgelassen worden, und alle Heilungszeremonien gingen nun im Verborgenen vor sich. Die Feuer, die den hergerichteten Tanzbezirk markierten, loderten hell auf.

MUSIK

ERSTER SPRECHER:
Dann wurde der Vorhang aufgezogen und der hataalii kam rückwärts daraus hervor. Er ging den Tanzbezirk hinunter zum yei Hogan. Einen Augenblick später kehrte er denselben Weg zurück mit langsamen Schritten und singend. Old Woman Tsosie tauchte aus dem Medizin Hogan auf. Sie war in eine Decke eingeschnürt, das Haar auf traditionelle Weise zu einem Knoten gebunden. Sie stand auf einer andren Decke, die auf dem gestampften Boden ausgebreitet lag und hielt ihre Hand in Richtung Osten. Dann hörte Chee den typischen Ruf von Talking God.
« Huu tu tu. Huu tu tu. Huu tu tu. »

MUSIK

AUTOR:
Eine ganze Schule hat sich inzwischen entwickelt, von Krimi-Schriftstellern, die den Schauplatz ihrer Bücher in die Wüstenlandschaft des Südwestens oder ins Indianerreservat zu legen. Tony Hillermans Bücher zeigten ja, dass die großstädtischen „mean streets“ sehr wohl durch ländliche „dirt roads“, Schotterwege, ersetzt werden können. Und seitdem sein erster Roman „The Blessing Way“ 1971 für den Edgar Allan Poe Preis nominiert wurde, sind „Ethno Thriller“ in jedem Buchgeschäft zu finden.
Jeder der Autoren dieses jungen Genres versucht dabei, sich durch eine Besonderheit von der Gruppe abzuheben.
Ron Querry, dessen Vorfahren der Choctaw Nation entstammen, ist sowohl bei der Auswahl der Örtlichkeiten im Navajo Reservat als auch thematisch dem Vorbild Hillerman sehr nahe, dabei ist oft aber ein ironischer Unterton des Erzählers nicht zu überhören: FBI haben indianische Jugendliche an einen Wohnwagen gesprayt, das aber, so wird der Held des Romans „Der Tanz des Kojoten“ belehrt, hat nichts mit den Technokraten aus Washington, D. C. zu tun, es steht für „Full Blooded Indian“.

MUSIK

AUTOR:
Einen ganz eigenen Zugang hat J. A. Jance gefunden. Sie ist in Arizona aufgewachsen, benutzte aber zuerst einen Detektiv in Seattle als Zugpferd. Dann ging sie, literarisch, zurück in das Land ihrer Kindheit. Und formte eine weibliche Sicht der Dinge. Mit ihren Joanna Brady Romanen ist Jance in die erste Liga der Mystery Writers aufgestiegen. Brady, knapp dreißig, seit kurzem verwitwet, ist der erste weibliche Sheriff, den es je in Bisbee County, im äußersten Süden Arizonas gegeben hat. Sie liebt das Land, sie hasst Vorurteile, sie ist längst nicht so selbstsicher, wie sie gerne sein möchte, und sie besitzt eine gehörige Portion weiblicher Intuition.

SPRECHERIN:
Joanna war aufgewachsen mit jener unbändigen Freude des Wüstenbewohners an der Aussicht auf ein Sommergewitter. Also wollte sie an diesem Morgen vor allem eins: auf ihrer Veranda zu sitzen und zuzuschauen, wie sich der Sturm herausbildet. Sie wollte die Spur des Windes und den aufsteigenden Staubwolken verfolgen, wie sie vor dem Regen über die Wüste zogen. Sie wollte sich zurücklehnen und die zuckenden Blitze beobachten, die den Himmel mit Elektrizität aufluden, sie wollte dem Trommeln des Donners zuhören, aber zuerst wollte sie sich einen Kaffee brauen und die Sonntagszeitung lesen. Um das zu tun würde sie die Zeitung unten am Rindergatter holen müssen, dort steckte sie in der Röhre ihres Briefkastens.

AUTOR:
Geronimo, der legendäre Häuptling der Apachen, focht seinen letzten Kampf im Skeleton Canyon, dort, im Skelett-Canyon, ist Joanna Brady nun einem Frauenmörder auf der Spur. Als sie ihn endlich eingeholt hat, greift sie zu den Waffen einer Frau, um ihn zu überwältigen.

SPRECHERIN:
Sie überlegte nur einen Augenblick lang, dann schlüpfte sie aus ihrer Jacke, der Bluse und der kugelsicheren Weste. Nachdem sie auch den BH ausgezogen hatte, zog sie Weste, Bluse und Jacke wieder über. Sie duckte sich zur Erde und suchte nach kleinen Steinen. Jetzt fühlte sie sich als moderner David, der gegen einen bewaffneten und gefährlichen Goliath antritt. Mit den drei kleinen Steinen füllte sie eins der Körbchen ihres BHs, dem sie dadurch mehr Gewicht verlieh. Dann schwang sie den BH zwei-, dreimal über ihrem Kopf und ließ ihn schließlich durch die Luft segeln. Sie war gut in Form, denn schon seit Monaten warf sie für ihren Hund Tigger, der nie genug davon kriegen konnte, die Frisbee Scheibe. Und so verlieh sie ihrem BH nun wirklich einen guten Schwung, er flog durch die Luft. Etwa zwölf Meter zu ihrer Rechten wurde er durch einen Schuss aus einem Gewehr vom Himmel geholt.
Joanna war einen Moment lang betäubt von dem Knallen und vermutete, dem Schützen würde es ebenso gehen, sie riskierte deshalb einen weiteren Sprung den Hügel hoch und schaffte es bis zu einem massigen Felsen zu kommen, direkt unterhalb des Kamms der Hügelkette.

AUTOR:
Sind die weiblichen Attribute ihr hier noch Hilfe, könnte eine feminine Intuition sie im nächsten Augenblick das Leben kosten. Der flüchtende Mörder ist mit seinem Wagen den Hügel herabgestürzt, er liegt eingeklemmt im Jeep und ruft flehentlich um Hilfe.

SPRECHERIN:
Sie hielt einen Sicherheitsabstand ein, während sie langsam um den Jeep herumging, bis sie schließlich von schräg oben durch die Windschutzscheibe schauen konnte. Von hier aus konnte sie das bleiche Gesicht eines Mannes erkennen. Aber sie sah nicht nur sein bleiches Gesicht und seinen eingeklemmten Arm, sie sah auch noch etwas anderes. In seiner anderen Hand, die fast unsichtbar war, weil er sie zwischen seinen eng zusammengepressten Schenkeln hielt, war der Griff eines Messers.
Joanna fühlte einen Moment lang Schwäche in sich hochsteigen. Wenn sie ihrer lebenslangen Drang, anderen zu helfen, nachgegeben hätte, wenn sie nicht ihr natürliches Empfinden, loszugehen und erste Hilfe zu leisten, unterdrückt hätte, dann hätte er sie in seine Gewalt gebracht. Was hatte sie zurückgehalten?

AUTOR:
Wir ahnen es bereits, auf wen sich Joanna verlassen kann, auch diesen Fall wird sie glücklich lösen, in Bisbee County wird noch lange von ihr die Rede sein.

SPRECHERIN:
„Vielen Dank, Gott“, flüsterte sie, und richtete das Herzensgebet an den Himmel hoch über sie. Dann wandte sie ihre Augen und ihren Colt wieder dem Mann im Jeep zu.

MUSIK

AUTOR:
Zuerst kam Joe Leaphorn. Als Hillerman die Figur des Joe Leaphorn entwarf, dachte er an einen Sheriff, den er als junger Mann, als Polizeireporter, getroffen hatte. Ein guter Mann, ein vorzüglicher Polizist.

O-TON HILLERMAN TAKE 8
I was in my twenties. And I really was impressed with this fellow. He was smart, and wise, and humane, and a good cop.

AUTOR:
Leaphorn hatte einen kleine Rolle in diesem Roman, und hätte Hillerman auf seine Agentin gehört, dann wäre dieses Buch gar nicht veröffentlicht worden. Sie konnte mit der Navajo Figur nichts anfangen. Sein Verleger um so mehr, er verlangte, dass Leaphorn die Hauptrolle übernehmen sollte. Später kam dann der jüngere Jim Chee hinzu, der Leaphorn bewundert, der in der Gegenwart des älteren aber auch verunsichert ist. Das könnte als Vater-Sohn Konstellation betrachtet werden.

O-TON HILLERMAN TAKE 9
Darauf ERSTER SPRECHER
Beabsichtigt war das nicht. Als ich Buch drei oder vier anfing, war der Schauplatz die sogenannte Schachbrett Reservation. Dort ist alles völlig vermischt, die Landrechte, teils Navajo, teils US Government, teils private Rancher, und die Kultur ist ebenso vermischt, Weiße, Arbeiter bei den Ölgesellschaften, dazu Navajo, Hickory Apachen, Heamus Indianer, und alle Arten von Religionen finden sich in diesem Landstrich: Katholiken, Protestanten, Mormonen, Peyotekult Indianer, traditionelle indianische Religionen. Leaphorn war einfach zu weit herumgekommen in der Welt, der hätte sich nicht darüber gewundert. Aber ich brauchte dieses Erstaunen. Also führte ich einen zweiten Cop ein, Jim Chee, jünger, weniger an die Anglo-Kultur assimiliert, er will sogar Schamane werden. Und – ganz typisch dafür, wenn ein junger Kerl und ein alter Hase zusammenarbeiten, Chee fühlt gleichzeitig Bewunderung für Leaphorn und auch Ablehnung. Ja, vielleicht eine Art Vater-Sohn Verhältnis. Viele Väter und Söhne haben so eine Beziehung.

AUTOR:
Joe Leaphorn und Jim Chee, zusammen sind die beiden unschlagbar.

O-TON NELSON TAKE 10
My name is Steven Nelson, I’m the District commander for the Window Rock District from the Navajo Police Department.

AUTOR:
Die Polizeistation in der kleinen Stadt Window Rock, „Hauptstadt“ des Navajo Reservats, habe ich auf Anhieb gefunden, gleich zwei Polizeiwagen mit Blaulicht fuhren vor mir her, dazu ein Übertragungswagen von Fox TV, der aus Gallup, New Mexico kommt: gerade heute morgen ist ein grausamer Mehrfachmord in der Reservation entdeckt worden. Das weite, offene Land, der unendliche, blaue Himmel mit den sich türmenden weißen Wolken, die bunt gescheckten Pintos, die neugierig meinem Wagen nachblickten, alles sah heute morgen so friedlich aus. Nun sitzt mir Steven Nelson gegenüber, in peinlich sauberer, frisch gebügelter Uniform der Tribal Police. Für ihn sind Chee und Leaphorn zu gut um wahr zu sein.

O-TON NELSON TAKE 11
darauf ZWEITER SPRECHER:
Ich habe einige der Bücher von Mr Hillerman gelesen. Und die beiden Cops, na ja, das sind Super Cops. Die wenigsten unserer Leute erledigen so viele Fälle, decken so ein großes Gelände ab. Mich würde das völlig fertig machen. Aber es macht Spaß, die Bücher zu lesen. Das ist sehr bunt, und wie er die Geschichten erzählt, zeigt, dass er sich gut mit der Navajo Nation auskennt, auch wie er die Gegenden beschreibt, wo seine Super Cops ermitteln.

AUTOR:
Super Cops, das klingt nicht sehr positiv.

O-TON NELSON TAKE 12
darauf ZWEITER SPRECHER
Ich bin Chef eines Abschnitts, mir unterstehen 42 Beamte, ich habe einen Stab von Leuten, die mir zuarbeiten, ein Archiv, ein Kommunikationszentrum, eine Verwaltung und dazu die Polizeibeamte, die ich täglich beim Dienst anleite. In jeder Behörde, die sich mit Strafverfolgung beschäftigt, gibt es Mängel. Vor allem, weil unsere Polizisten nur eine bestimmte Anzahl von Stunden arbeiten dürfen, wegen ihrer eigenen Sicherheit. Wenn man ihnen zu viele Stunden zumutet, dann sind sie schnell ausgebrannt, sind nicht mehr in der Lage, klar zu denken. Sie könnten sich und andere gefährden. Deshalb habe ich Super Cops gesagt. Es scheint, als ob die beiden nie müde seien. Die rasen quer durch das ganze Reservat, von einem Punkt zum nächsten. Das ist wirklich weit hergeholt.

AUTOR:
Aber Stolz ist auch da, denn von den Taten der Navajo Tribal Police kann man inzwischen in der ganzen Welt lesen, Hillermans Bücher sind in siebzehn Sprachen übersetzt worden.

O-TON NELSON TAKE 13
darauf ZWEITER SPRECHER
Wenn Besucher kommen und Jim Chee sehen wollen, was kann ich ihnen dann sagen? Ich selbst sehe doch auch viel von der Identität unserer Polizisten in diesen beiden Charakteren von Tony Hillerman.

AUTOR:
Steven Nelson ist froh, dass ich mich für seine Arbeit und die Tätigkeit der Tribal Police interessiere, leider könnten die Aufgaben schon lange nicht mehr so effektiv angegangen werden, wie es erforderlich sei. Das riesige Gebiet des Reservats ist nur einer der Gründe dafür.

O-TON NELSON TAKE 14
darauf ZWEITER SPRECHER:
Unsere Kriminalitätsrate ist ansteigend, in jüngster Zeit hatten wir viele gewalttätige Fälle. Vor allem hängt das mit finanziellen Dingen zusammen. Zum Beispiel macht die Navajo Nation zur Zeit insgesamt Defizit. Was wir an öffentlichen Dienstleistungen anbieten, kann nicht mehr gehalten werden, die Gelder fehlen. Für uns heißt das, wir arbeiten seit 10 Jahren schon mit der gleichen Anzahl von Beamten. Das Resultat ist, dass wir nicht mehr das ganze Gebiet richtig bearbeiten können, dass wir keinen angemessenen Schutz mehr bieten können. Und das führt dann am Ende wieder zu noch mehr Kriminalität.

AUTOR:
Captain Nelson, wenn Sie Tony Hillerman träfen, was würden Sie ihm raten?

O-TON NELSON TAKE 15
Good job! Keep writing!

MUSIK

ERSTER SPRECHER:
Sie besaß jene klassische, beinahe perfekte Schönheit, die man sonst nur auf den Titelblättern von Vogue oder anderen eleganten Modezeitschriften sah.

AUTOR:
So beschreibt Hillerman Janet, die Freundin des Super Cop Jim Chee. Sie ist ebenfalls Navajo, doch ihr Glück will sie nicht in der Reservation machen, sie möchte als Anwältin die große Welt der USA erobern.

ERSTER SPRECHER:
Janet stand noch immer in der Tür.
Chee ging langsam auf sie zu.
„Hallo, Jim“
„Hallo, Janet“. Er holte tief Luft. „Es ist schön, dich wiederzusehen.“
„Selbst unter diesen Umständen?“ Sie machte eine leichte Handbewegung, die den Raum umgriff, und versuchte zu lächeln.
„Ich muss dich unbedingt sprechen.“
„Gut,“ sagte Chee. „Wie wäre es, wenn wir heute Abend zusammen essen gehen?“
„Heute Abend geht es nicht. Außerdem siehst du ziemlich erschöpft aus, Jim. Du solltest dich ausruhen. Ich glaube, du arbeitest zuviel.“
„Nein, das ist es nicht“, antwortete er. „Aber du siehst großartig aus. Bis du morgen in der Stadt?“
Sie schüttelte den Kopf. „Ich muss nach Phoenix.“
„Wollen wir dann morgen zusammen frühstücken? In deinem Hotel?“
„Einverstanden“, antwortete sie. Sie verabredeten die Zeit.
„Ich muss weg“, sagte sie und wandte sich zum Gehen, drehte sich aber dann noch einmal um. „Jim“, bemerkte sie, „erschöpft oder nicht – du siehst gut aus.“

AUTOR:
Zuerst gab es da eine weiße Lehrerin in Chees Leben, sie kehrte zurück in ihre Heimat, in den Mittleren Westen, und Janet, wird sie denn bleiben? Wir fühlen mit Chee, doch ahnen, zu einem Happy End wird es auch in diesem Roman nicht kommen.
Und was ist mit Leaphorn? Er ist nach dem Tod seiner Frau jetzt viel alleine, hat seinen Beruf aufgegeben, hängt trüben Gedanken nach. Da taucht eine selbstsichere Frau in seinem Leben auf, eine Ethnographin.

ERSTER SPRECHER:
„Du bist viel zu müde für so eine lange Fahrt“, sagte Louisa. „Warum bleibst du nicht einfach hier, schläfst dich richtig aus und fährst morgen.?“
„Hm“, brummte Leaphorn unentschieden. „Eigentlich wollte ich in aller Frühe zu diesem Woody, um herauszufinden, ob er mir vielleicht etwas über das Verschwinden der jungen Frau sagen kann.“
„Woody läuft dir nicht weg“, sagte Louisa energisch. „Ob du nun gleich frühmorgens mit ihm sprichst oder erst gegen Mittag, macht doch keinen Unterschied, oder?“
„Du meinst also ich soll bleiben?“
„Ja, warum nicht? Du kannst das Gästezimmer haben. Mein Kurs beginnt erst um halb zehn, aber wenn du richtig früh aufstehen willst – auf dem Schreibtisch dort steht ein Wecker.“

AUTOR:
Und während Leaphorn im Schlaf noch von seinen neuen Gefühlen gerüttelt wird, und Zuflucht bei Shakespeare sucht: Sie liebte mich um der Gefahren willen, die ich bestanden, ich liebte sie, weil sie gerührt davon – bringt ihn Louisa prosaisch und energisch in die Realität zurück.

ERSTER SPRECHER:
„Leaphorn, bist du schon auf? Falls nicht, beeil dich, die Spiegeleier werden sonst hart.“
„Ich komme gleich“, rief Leaphorn, sprang aus dem Bett, schnappte sich Hemd und Hose und lief ins Bad. Was Othello hatte sagen wollen, war, dass er Desdemona liebte, weil sie ihn liebte. Es klang so einfach, aber inzwischen war er alt genug, um zu wissen, wie kompliziert und schwierig es in Wirklichkeit war.

AUTOR:
Und darf man denn nun fragen, in welchem Verhältnis die beiden wirklich zueinander stehen?

O-TON HILLERMAN TAKE 16
darauf ERSTER SPRECHER:
Das kann jeder auf seine Art lesen. Ich möchte überhaupt eine Menge meinen Lesern überlassen. Sie sollen das Buch zusammenbasteln, ich muss doch nicht so tun, als würde ich alles besser wissen. Ich weiß auch nicht, was ich am Ende aus dieser Beziehung machen werde. Vielleicht nichts. Irgendwie mag ich es so unbestimmt. Wenn sie gegenseitig zu Besuch sind und der Leser glaubt, sie schlafen im gleichen Bett, das ist mir ganz recht. Und wenn der Leser meint, da gäbe es doch aber auch ein Gästebett, dann ist das auch völlig in Ordnung.

ERSTER SPRECHER:
In Louisas Gästebad fand er Seife, Handtücher, eine Zahnbürste und Zahnpasta. Da Leaphorn wie alle Indianer nur sehr spärlichen Bartwuchs hatte, machte es ihm nichts aus, dass es keinen Rasierer gab. Unwillkürlich musste er an seinen Großvater denken. Der hatte, wenn die Rede auf den unterschiedlichen Bartwuchs bei Indianern und Weißen kam, immer behauptet, der schwächere Bartwuchs der Indianer sei der eindeutige Beweis, dass diese weiter vom Affen entfernt seien als die Weißen, folglich also höher entwickelt.

AUTOR:
Hier die bösen Weißen, da die guten Indianer, diese Rechnung macht Tony Hillerman nicht auf. Auch unter den Indianern des Südwestens gibt es scharfe Rivalitäten, Navajo und Hopi, zum Beispiel, haben das Kriegsbeil nie begraben.

ERSTER SPRECHER:
Der alte Mann unterbrach seine Arbeit, er faltete die Hände im Schoß. Dann drehte er sich um und sagte etwas nach hinten ins Dunkel, offenbar zu dem Jungen, der sich wohl im Nebenzimmer aufhielt.
„Was hat er gesagt?“ wollte Chee wissen.
Cowboy übersetzte ihm: “Er hat gesagt, der Junge soll uns Kaffee machen.“

AUTOR:
Chee, der Navajo Polizist, ermittelt außerhalb der Navajo Reservation, da er der Hopi Sprache nicht mächtig ist, muss Cowboy Dashee, sein Freund und Mitglied der Hopi Tribal Police, für ihn den Dolmetscher spielen.

ERSTER SPRECHER
Nun erzähle ihm, dass ich dabei bin, ein yataaliii in meinem Volk zu werden. Sag ihm, dass ein alter Mann mich dabei anleitet, einer, der auch in seinem Volk in hohem Ansehen steht, mein Onkel. Erzähl’ ihm, dass mein Onkel mich gelehrt hat, Respekt vor alledem zu haben, was die Hopis beherrschen. Von dem, was ihnen von ihrem Heiligen Volk überliefert wurde.

O-TON SANNER TAKE 17
Eine wichtige Rolle bei den Hopi Zeremonien spielen die Kachinas, das sind heilige Wesen, die sämtliche Kräfte der Natur verkörpern, und die Kachinas bringen auch den Regen, das ist eben immer der zentrale Punkt, der zentrale Wunsch aller Hopi Zeremonien, den Regen zu bringen, der die Feldfrüchte, den Mais wachsen lässt und überhaupt das Überleben in dieser sehr trockenen, fast lebensfeindlichen Umwelt gewährleistet. Also, darauf sind alle Bestrebungen der Hopi im Alltag und ganz besonders in ihren Zeremonien gerichtet, das richtige zu tun, und auf die richtige Art und Weise zu leben und zu handeln, weil nur dann die Regenwolken eintreffen, die die Voraussetzungen für den Fortgang des Lebens sind.

ERSTER SPRECHER:
Cobwoy übersetzte es ins Hopi. Sawkatewa hörte zu, sein Blick ruhte auf Chee. Er saß ganz still da, rührte sich nicht. Erst als Cowboy fertig war, nickte er Chee zu.
Chee sagte zu Cowboy: „Erzähl ihm, dass ich von meinem Onkel gelernt habe, wie groß die Unterschied zwischen den Dinee und den Hopis sind. Unser Heiliges Volk und unsere Gottheiten, Changing Woman und Talking God, haben uns gelehrt, wie wir leben sollen und was wir beachten müssen, damit wir in Harmonie bleiben mit der Welt rings um uns. Aber sie haben uns nicht gelehrt, wie man die Regenwolken ruft. Wir können den Segen des Wassers nicht vom Himmel zu uns herablenken, wie es den Hopis gelehrt wurde. Uns ist diese Macht nicht gegeben. Wir sehen, dass sie den Hopis gegeben wurde, und wir haben Ehrfurcht davor.“

MUSIK

ERSTER SPRECHER:
Cowboy wiederholte es in der Sprache seines Volkes. Ãœber ihnen grollte der Donner jetzt ganz nah. Ein scharfer, peitschender Knall, danach der Widerhall, der langsam verebbte. Genau aufs Stichwort, dachte Chee. Und wieder sah er den alten Mann nicken.

AUTOR:
Das Böse kommt in Hillermans Romanen fast immer von außen in die Reservation, in Gestalt geldgieriger Bodenspekulanten, skrupelloser Bergwerksbesitzer, pietätloser Grabräuber und verantwortungsloser Wissenschaftler, deren Arroganz und Blindheit das Navajo Leben aus dem Gleichgewicht werfen. Nun ist es dringend notwendig, die vom Kosmos vorgegebene Harmonie wieder herzustellen. Ist es für den weißen, katholischen Schriftsteller Hillerman denn kein Problem, aus dem Blickwinkel eines Navajo zu schreiben? Ist das nicht sogar eine Anmaßung?

O-TON HILLERMAN TAKE 18
darauf ERSTER SPRECHER
Nein, aber das ist schwierig zu erklären. Es gibt ja in der sozialen Struktur der Welt immer dieses Paar „wir“ und „sie“. Dort, wo ich aufwuchs, bedeutete „wir“ die Bauernjungen vom Land, und „sie“, das waren die gebildeten Stadtjungen. Zu „wir“ gehörten einmal die Potawatomi- Indianerjungs, dann die Hillerman-Jungs und die Weidenheimer-Jungs, alles Jungs von Eltern, die Mühe hatten, über die Runden zu kommen, die draußen auf dem Land, auf Farmen lebten. Mit denen identifizierte ich mich. Leute vom Land, die isoliert sind von anderen, haben oft ähnliche Züge, gleich wo sie herkommen. Zum einen sind sie meist freundlich, zum anderen glauben sie, dass die Gebildeten auf sie herabschauen. Da sind sie sehr empfindlich. Wenn ich in die Stadt kam, mit meinen Overalls, mit meinen Arbeitsschuhen, dann dachte ich, Gott, was für ein Tollpatsch bist du. Und das war ich ja auch.

AUTOR:
Wir haben Besuch bekommen bei unserem Gespräch in Albuquerque. „Meet my wife, Marie. You can talk German to her, ihre Leute kamen vom Niederrhein.“ Mrs Hillerman, Marie Unzner, weist entschuldigend auf die wunderbaren Teppiche auf dem Boden, Indian Rugs, Sammlerstücke, die braun-weißen aus Two Grey Hills und die dunkelroten aus Ganado, einmal im Jahr müssen sie feucht gereinigt werden. Der Gast hat die dringende Hausarbeit unterbrochen. Ich zücke meinen Photoapparat und schaue durch den Sucher: So werde ich Tony Hillerman im Gedächtnis behalten, ein großer Mann, mit leicht spöttischem Lächeln, bequem im weichen Sofa sitzend, hinter sich die hohe Bücherwand, auf einem Bord davor eine bronzene Figur, auf einem Bronco reitet ein Indianer, er hebt die Hände zur Sonne empor.

O-TON HILLERMAN TAKE 19
darauf ERSTER SPRECHER
Den Menschen vom Land ist es gleichgültig, ob einer irisch ist oder Navajo.
Ich gab meinen Figuren also eine Navajo Art zu denken. Die Navajo legen vor allem keinen übergroßen Wert auf materiellen Besitz, sie betrachten Besitz eher sogar negativ. Dann erhoffen sie sich immer Regen, und es regnet nicht. Dabei sind sie nicht besonders abergläubisch. Nicht mehr als wir, wenn wir nicht über einen Friedhof gehen wollen in der Dunkelheit, oder wenn eine schwarze Katze uns über den Weg läuft, so wollen sie partout nicht über einen Fleck gehen, wo in einem Arroyo ein Wasserlauf war. Sie treten da nicht drauf, weil sie das Wasser respektieren. So etwas arbeite ich in die Geschichten ein. Die Leser sollen eine andere Perspektive erhalten, die Sachen anders sehen als wenn man sein ganzes Leben auf der Wall Street verbringt, oder in Berlin, Unter den Linden.

O-TON BEYAL TAKE 20
darauf ZWEITER SPRECHER
Er ist kein Navajo, das muss man als erstes festhalten. Am Anfang kannte er sich also nicht aus in der Kultur, kannte die Menschen und die Zeremonien nicht so recht. So etwas lernt man auch nicht über Nacht, oder wenn man ein Buch gelesen hat, das dauert eine Weile, das war bei ihm auch so.

AUTOR:
Von einem Ausflug ins Hopi Land, in die verlassen wirkenden, hochgelegenen Dörfer der First and Second Mesa, bin ich zurückgekehrt in das Navajo Reservat. Ich bin mit Mr. Duane Beyal verabredet, dem Chef vom Dienst der Navajo Times, sie erscheint wöchentlich, hat eine Auflage von 17 000 und richtet sich an die Bewohner der Four Corners Region, also New Mexico, Arizona, Colorado und Utah.

O-TON BEYAL TAKE 21
darauf ZWEITER SPRECHER:
Die Navajo leben in einer Gegend, die fast Wüste ist und es scheint auch so, dass wir nicht so weit entwickelt sind wie die Gesamtgesellschaft der Vereinigten Staaten. Aber dann gibt es die andere Seite, schauen Sie sich doch einmal die Details etwas genauer an. Zum Beispiel unsere schwierige, komplizierte Sprache. Um sie wirklich verstehen und sprechen zu können, muss man sie eigentlich von Kindes Beinen an gelernt haben. Das gleiche gilt für die Zeremonien, einige sind sehr zeitaufwendig, sie dauern mehrere Tage lang, man kann sagen, sie sind ebenfalls äußerst kompliziert. Oder unsere Familienverhältnisse. Wir folgen nicht den traditionellen Blut-Verwandtschaften, als da sind Mutter, Vater und ihre Kinder. Bei uns ist das anders, wir sind über Klans verwandt, ich habe zum Beispiel alle Arten von Brüdern. Ebenfalls also eine komplizierte Sache.

O-TON SANNER TAKE 22
Ich denke, Hillerman gelingt es schon ganz gut die Welt der Indianer des Südwestens einzufangen, so weit einem Weißen das überhaupt möglich ist, das merkt man an gewissen Reflexionen von Jim Chee über solche Dinge wie Respekt, eine gewisse Form der Höflichkeit. Er fährt irgendwo hin, um jemand aufzusuchen, dann parkt er seinen Pickup Truck und macht den Motor aus und wartet erst mal, bis jemand an der Tür erscheint, so die Südwest Etikette..

MUSIK

AUTOR:
Auf der Suche nach dem Büro der Navajo Times hatte ich vor dem Navajo Inn, dort wo Leaphorn und Chee sich gerne treffen, um ihre Untersuchungsergebnisse zu vergleichen, einen hochgewachsenen Indianer nach dem Weg gefragt. Mit breitem Grinsen sagte er: Warum soll ausgerechnet ich wissen, wo die Navajo Times Leute arbeiten? Ich bin Hopi!

MUSIK

AUTOR:
Duane Beyall, Anfang vierzig, korrekt gekleidet, gibt sich im Gespräch so, wie er die Navajos in Hillermans Büchern, seiner Meinung nach völlig zurecht, beschrieben findet: gentle and warriorlike, sanft und doch wie Krieger. Er spricht freundlich mit mir, hört aufmerksam meinen Fragen zu, lässt mich aber die Entfernung zwischen ihm und mir immer spüren.

O-TON BEYAL TAKE 23
darauf ZWEITER SPRECHER:
In den Büchern, die ich von Mr Hillerman gelesen habe, lernt man wirklich etwas über unsere Navajo Kultur. Das Zusammenweben der Tradition, der Menschen, und ihr Leben. Hillerman beschreibt seine Navajo Charaktere sehr genau, sie sind zwar weich, aber sie sind auch kampfbereit, wie Krieger. Vor allem ist wichtig, was er über unsere zentrale Idee sagt, unser Konzept vom Leben in Harmonie. So wurde es uns gelehrt, so sollen wir leben: in Harmonie. Und Leute aus Ihrem Land, aus Deutschland, oder aus Japan und aus vielen anderen Ländern kommen und suchen nach dem, was wir im Innern besitzen. Was unsere Kultur und unser Glaube uns gegeben hat. Darüber spricht Hillerman, und wenn die Menschen seine Bücher lesen, können sie es sehen, sie können es fast fühlen. Vielleicht verstehen sie es sogar, und dann ist dieses Konzept von Harmonie etwas Nützliches für sie.

AUTOR:
Hans-Ulrich Sanner plagen Zweifel. Hier wissenschaftliches Interesse, da eine – noch intakte – Kultur, die nur weiter existieren kann, wenn sie sich abschottet.

O-TON SANNER TAKE 24
Das ist das ganze Spannungsverhältnis und das hat in meinem Fall dazu geführt, dass ich im Nachhinein, ich habe meine Forschung abgeschlossen, dann über ein religiöses Thema auch promoviert, aber im Nachhinein bin ich zum Schluss gekommen, dass wir vielleicht doch die Hopi eigentlich besser in Ruhe lassen sollten.

AUTOR:
Seine Selbstkritik führt den Wissenschaftler dann zu einer – vorsichtig formulierten – Kritik des Schriftstellers, der sich nicht scheut, auch zutiefst heilige, und damit auch wenig bekannte Zeremonien in seinen Büchern einzusetzen. Wie zum Beispiel die „Nacht der Haarwäsche“, eine der geheimsten Hopi Zeremonien.

ERSTER SPRECHER:
Lang anhaltendes Donnergrollen übertönte das Klappern. Die richtige Geräuschkulisse für Chee, um rasch unter herabgestürzten Dachbalken durchzukriechen und nach vorn zu huschen, zur Frontseite des Hauses, die zur Plaza lag. Durch den leeren Türrahmen konnte er den Mann sehen. Er trug ein knielanges Zeremoniengewand, an seinen Waden baumelten Schildrötenpanzer, die bei jedem Schritt klappernd aneinander schlugen, auf den Kopf hatte er sich einen Helm gestülpt, mit zwei großen, gekrümmten Widderhörnern geschmückt. Auf einen Stab gestützt, umrundete er langsam den kleinen Platz. Plötzlich blieb er stehen, drehte sich um und schaute in die Richtung der leeren Türhöhle. „Haquimi?“, rief er, als habe er Chee entdeckt.
Chee erstarrte, er hielt den Atem an.

O-TON TAKE SANNER 25
Das ist eine sehr heilige und sehr wenig bekannte, oder sagen wir besser, von Ethnologen wenig erforschte Zeremonie, gerade weil Hopi nicht bereit sind, darüber etwas zu erzählen und nun nimmt Hillerman diese Zeremonie gewissermaßen zum Schauplatz des Showdowns. Was ein bisschen fragwürdig natürlich ist. Wie wirkt das jetzt auf Hopi, wenn sie das lesen?

MUSIK

ERSTER SPRECHER:
Der Mann im Zeremoniengewand war inzwischen drüben auf der linken Seite der Plaza angekommen. Wieder rief er seine Frage ins Dunkle. Und diesmal bekam er sofort Antwort: „Pin u-u-u“. Wie ein Pfeifen klang es, einem Vogelruf ähnlicher als einer menschlichen Stimme. Chee sträubten sich die Nackenhaare. Ein Kachinageist, der seinem menschlichen Bruder antwortete? Fern grummelte Donner, die Schildkrötenpanzer schlugen ihre schaurige Kadenz. Ein Blitz zuckte über den nächtlichen Himmel, warf fahles Licht auf die Szene. Der Platz war leer.

MUSIK

AUTOR:
Atemlos liest man weiter, man will unbedingt wissen, wie Chee aus dieser gefahrvollen Situation herausfindet. Noch immer ahnen wir nur, wer der Mörder ist, noch immer können wir uns kein klares Bild von seinen Motiven machen. Hillerman ist – auch – ein großer Meister des „suspense“, er weiß, wie er uns auf die Folter spannen kann. Bis zur letzten Seite. Erst dann können wir aufatmend das Buch zur Seite legen.
Meine Zeit mit Tony Hillerman geht zu Ende, eine Frage noch: Wie sagt man eigentlich Auf Wiedersehen in der Sprache der Navajo?

O-TON HILLERMAN TAKE 26
Ya’eh t’eeh

O-TON HILLERMAN TAKE 27
darauf ERSTER SPRECHER:
Na ja, die Sprache spreche ich kaum, und mit dem wenigen habe ich auch Schwierigkeiten. Ich habe ja schon Probleme in Englisch. Als ich eins meiner eigenen Bücher für eine Aufnahme las, ließ mich der Produzent ständig Wörter wie „water“ oder „helicopter“ wiederholen. Und Navajo ist geradezu phantastisch kompliziert, ich kann wirklich nur wenig. Die Navajo finden das lustig und bringen mir bestimmte Worte bei, ich muss die dann aussprechen und alle brechen in lautes Lachen aus, denn der Ton verändert bereits die Bedeutung eines Wortes. Die Navajo haben Sinn für Humor, aber sie passen auf, dass ich mich nicht zum Narren mache. Ob ich Guten Tag und auf Wiedersehen sagen kann? Das ist leicht, es ist ein Wort. Ya’eh t’eeh, das bedeutet so viel wie Aloha in Hawaii, Gehab’ dich wohl. Bleib gesund. Schön, dich zu sehen.

MUSIK

AUTOR:
Wie wird es weiter gehen mit Hillerman und den Navajo Krimis? Eine Antwort darauf findet sich auf der letzten Seite seiner Autobiographie, die unter dem Titel „Seldom Disappointed“, „Selten enttäuscht“, im letzten Jahr in den USA erschienen ist.

ERSTER SPRECHER:
Wenn ich versuche, meine 75 Jahre zusammenzufassen, dann muss ich zugeben, die glücklichen Zeiten waren weit in der Ãœberzahl. Aber wie findet man ein Ende für eine Autobiographie, wenn es noch so viel Schönes zu erzählen gibt? Einer meiner Pokerfreunde, mit denen ich seit 40 Jahren zusammen bin, riet mir: Selbstmord, das würde ein gutes Ende abgeben. Nein, sagte ein anderer, das geht nicht, dann müsste er doch einen Abschiedsbrief folgen lassen. Ich werde es einfach so machen: Morgen, wenn ich meinen Computer anschalte, werde ich mich zu Lieutenant Leaphorn (inzwischen pensioniert) setzen, der im Navajo Inn auf einen Gast wartet. Am Nachbartisch unterhalten sich zwei ältere Lehrerinnen über einen merkwürdigen Vorfall an Halloween, vor 15 Jahren, als zwei Schulschwänzer ganz furchtbar von einem Spaßvogel erschreckt wurden, der eine Frau nachahmte, die um Hilfe schrie. Das erinnert Leaphorn an einen merkwürdigen Mord, der vor genau 15 Jahren verübt wurde, an Halloween. Und plötzlich fragt er sich … Da wird’s morgen weitergehen.

MUSIK