Der Rundfunkjournalist Studs Terkel

Manuskript: Maximilian Preisler
für DeutschlandRadio Berlin

Manuskript: Maximilian Preisler
für Südwestrundfunk
Redaktion SWR 2 (Wissen/Schulfunk)

20. Oktober 2005

Interviews mit Amerika
Der Rundfunkjournalist Studs Terkel

O-TON TAKE 1, Studs Terkel
darauf ERSTER SPRECHER:
Es war im Jahr 1926, als ich Lucy Parsons reden hörte, die Witwe von Albert, einem der Haymarket Märtyrer. Eine muntere, ältere Lady. Vierzig Jahre zuvor war sie zur jungen Witwe geworden, als Albert Parsons, der Hübsche, zum Galgen geführt wurde und dabei „Annie Laurie“ sang. Ein schottisches Liebeslied, das seinen Weg nach Amerika gefunden hatte. Diese Unruhestifter wollten einen 8-Stunden Tag durchsetzen!

AUTOR:
Hier lässt der legendäre Radio-Journalist mal nicht andere über ihr Leben berichten, sondern erzählt selbst. Ein Ausschnitt aus „Speaking To Myself“. Dabei erinnert sich Louis Terkel an seine Kindheit in Chicago, als er auf dem Bughouse Square, ganz in der Nähe des Hotels, das die Mutter leitete, den feurigen Sprechern zuhörte, die dort dem Privileg der freien Meinungsäußerung – free speech – frönen konnten. Es waren Anarchisten, die dort sprachen, wie die Witwe des wegen eines Anschlags – wohl zu unrecht – hingerichteten Albert Parsons. Vor allem hörte Terkel aufmerksam den Sozialisten und Progressiven aller Schattierungen zu, so den Vertretern der neu sich formierenden Gewerkschaften, oder einfache Arbeitslosen, die ihrem Zorn hier Luft machen konnten. Fünf Seifenkisten stellte man den Rednern zur Verfügung. Louis Terkel erwarb hier sein politisches Glaubensbekenntnis und hier begann auch die Neugierde, die ihn bis ins hohe Alter antrieb. In der Lobby des elterlichen Hotels kreuzte er die Wege einer Vielzahl von schillernden Menschen – Cops und Gangster, Reiche und Arme, Nachbarn und Fremde kamen hierher. Und auf dem Bughouse Square, nur wenige Straßen vom elterlichen Hotel entfernt, lernte er den Begriff Solidarität.

O-TON TAKE 2, Studs Terkel
darauf ERSTER SPRECHER:
Lucy Parsons ist schäbig gekleidet und hat dennoch etwas Elegantes. Jahre später sangen sie auf ihrer Beerdigung nicht mehr „Annie Laurie“ sondern „Joe Hill“, die Hymne der Wobblies, das waren anarchistische Bergarbeiter aus den Minen Montanas und freiheitsliebende Holzfäller von der Pazifikküste. Am Ende jeder Rede geht ein Hut herum, ganz gleich über was gesprochen wurde. Ich sehe 5 Cent und 10 Cent Stücke, manchmal auch eine Viertel-Dollar Münze oder ein Penny. Und ich sah Sprague, der einen Dollar in den Hut schlüpfen ließ, nach Lucys Ansprache. Sprague lebt von so gut wie Nichts, sein tägliches Abendessen: Toastbrot in Milch getunkt. Er hat keine Zähne mehr. McPherson erzählt mir, dass Sprague vor ein paar Jahren in Seattle übel zusammengeschlagen wurde, von Vigilanten, und seitdem ist er ein anderer geworden. Aber ich sah ihn, wie er ganz unauffällig eine Dollarnote in Lucys geblümten Hut stopfte.

AUTOR:
Louis Terkel wurde am 16. Mai 1912 in New York geboren, später pflegte er zu sagen: „I’m a Titanic Baby“, 1912 war das Jahr, als die Tragödie des stolzen Ozeanriesen die Schlagzeilen beherrschte. Der Vater, Samuel, war Schneider, die Mutter Näherin. Als Louis 12 war, zogen die Eltern und die vier Söhne der Familie nach Chicago. Keine Stadt in den USA erlebte in den 20er Jahren einen stärkeren wirtschaftlichen Boom. Die Rinderherden aus dem Westen wurden hierher geschafft und in den riesigen Schlachthöfen zu Wurst und Fleisch für die Großstädte des Nordens und Ostens verarbeitet. Aus dem Süden kamen schwarze Baumwollarbeiter, angelockt von den Löhnen in der Stahlindustrie, auch aus Europa, vor allem aus Italien und aus den osteuropäischen Staaten, machten sich Mittellose auf den Weg. Chicago gab ihnen freiwillig nichts, doch sie erkämpften sich ihren Platz in der Gesellschaft. Unterkünfte waren Mangelware, so eröffnete die Familie Terkel auf der West Side eine Pension, später ein Hotel. Louis wurde schon
bald Studs genannt, nach dem Helden eines damals sehr populären Romans, Studs Lonigan, von James T. Farrell. Die Romanfigur Studs Lonigan kam zwar aus einem irischen Elternhaus, dennoch blieb der Name Studs an Terkel hängen – so wie die Romanfigur sprühte auch der in einem jüdischen Elternhaus aufgewachsene hoch aufgeschossene Terkel vor Vitalität und Ehrgeiz. Terkel studierte Jura, fand sich aber bald schon auf der anderen Seite des Rechts. Er sprang bei einer Radiosendung ein.

O-TON TAKE 3 Studs Terkel,
darauf ERSTER SPRECHER:
1934 wurde ich ein Gangster. Ich war ein Soap Opera Bösewicht. Mein Debut als Gangster gab ich im Radio, in der Figur des Butch Malone. Sechs Wochen lang setzte ich die Hausfrauen in Terre Haute in Angst und Schrecken. Am Ende wurde ich dann, wenn ich es recht erinnere, nach Sing Sing geschickt. Lebenslang hieß das Urteil. Was noch schlimmer war, ich wurde aus dem Skript gestrichen.

AUTOR:
Die wirtschaftliche Depression hatte Amerika seit 1929 fest im Griff. Wie viele andere seiner Generation wurde Studs Terkel zutiefst geprägt durch diese Zeit, als die Zahl der Arbeitslosen auf über 20 Millionen anschwoll, als an der Rändern der großen Städte „Hoovervilles“ entstanden. Dort, dort hausten die Ärmsten in primitiven Blechhütten. Es gab keine Arbeitslosenversicherung, es gab keine allgemeinen Krankenkassen, wer in den Schlachthäusern eine Hand verlor, hatte eben Pech gehabt, und wenn die Arbeiter für höhere Stundenlöhne streikten, dann schickte die Firma bewaffnete Ganoven, die den Streikwillen brechen sollten, und wenn dies nicht ausreichte war der Gouverneur schnell bereit, die Soldaten der National Guard aufmarschieren zu lassen. Es war aber auch die Zeit, als die Linke in den USA bei Wahlen erstaunlich viele Stimmen gewinnen konnten, eine Zeit, in der der Glaube an den sich selbst schon irgendwie heilenden Kapitalismus zutiefst erschüttert wurde. Diese Generation ist auch geprägt durch das große Reformprogramm des Präsidenten Franklin Delano Roosevelt, das als „New Deal“ in die amerikanische Geschichte einging. Diese Ereignisse formten Terkel, sein Leben lang blieb er der politischen Linken verbunden. Ein amerikanischer Linker: sein Leben lang glaubte er daran, dass Probleme nur darauf warten, gelöst zu werden.

Terkel, der sein Jurastudium abgeschlossen hatte und für kurze Zeit in Washington D.C. für eine Regierungsbehörde arbeitete, kam schnell wieder nach Chicago zurück, er jobbte erst einmal, vor allem als Schauspieler, auf der Bühne und im Radio, und ergriff die Chance, die das staatlich finanzierte Writers Project Journalisten und Schriftstellern bot. „Sound of the City“ hieß sein mitternächtliches Radio-Programm.

MUSIK: Louis Armstrong And His Hot Five

AUTOR:
Es bot eine Mischung aus politischer Aufklärung und spannender Unterhaltung. Der Moderator im Studio präsentierte Ausschnitte aus Interviews, die sein Partner vor Ort, auf der Straße, in den Clubs und in den Hinterzimmern der Macht mit korrupten Politikern, populären Sportlern und stadtbekannten Gangstern führte. Und dazu wählte Terkel, als DJ, die passenden Musikstücke aus. Vor allem: Jazz.

MUSIK: Louis Armstrong

AUTOR:
“Giants Of Jazz” nannte Studs Terkel sein erstes Buch, es erschien 1956, der Autor stellte die großen Jazz Musiker der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vor, Louis Armstrong natürlich, daneben Bix Beiderbecke, die Sängerinnen Bessie Smith und Billie Holiday, die Bandleader Benny Goodman und Duke Ellington. Studs Terkel konnte sich auf Interviews mit den Musikern stützen, und gesehen und gehört hatte er wohl alle einmal, in einem Klub der South Side in Chicago oder im exquisiten Dreamland Ball Room.

MUSIK: Benny Goodman, 0:20

AUTOR:
Vom Beginn der 50er Jahre an verlief die Karriere von Studs Terkel zweigleisig. Der ehrgeizige Zufalls-Journalist wollte eigentlich zum neuen „heißen“ Medium Fernsehen, doch seine Weigerung den geforderten Loyalitätseid abzuliefern – der sicher stellen sollte, dass keine „Roten“ oder – noch schlimmer – keine „Mitläufer der Roten“ im Programm auftauchten – ließ ihn dort nicht zum Zug kommen. So war er gezwungen, dem Radio treu zu bleiben. „Senator McCarthy habe ich eigentlich meine Karriere zu verdanken“, diesen Scherz konnte er sich schon bald leisten, denn an jedem Wochentag war nun „Stud’s Terkel Almanac“ beim Chicagoer Sender WFMT morgens um 11:00 Uhr eine Stunde lang zu hören. Die Musik war immer noch wichtig, doch in den Mittelpunkt rückten Interviews, und die Gesprächspartner trugen illustre Namen. Künstler, die ebenfalls unter der McCarthy-Paranoia zu leiden hatten, waren bei ihm gern gesehene Gäste – wie etwa Pete Seeger. Terkel begrüßte Querdenker, wie den afro-amerikanischen Schrifsteller James Baldwin, oder Nobel-Preisträger, wie Isaac Bashevis Singer. Er sprach mit zeitgenössischen Musikern, Aaron Copeland wäre zu nennen, wie Terkel geprägt von der Aufbruchstimmung der 30er Jahre, oder mit dem Neutöner John Cage. Er befragte den Ökonomen John Kenneth Galbraith zu dessen These des „privaten Wohlstands bei gleichzeitiger öffentlicher Armut“, und er machte sich mit dem Neurologen Oliver Sacks auf den Weg, das Wunder des menschlichen Gehirns zu verstehen. Es kamen Filmemacher, Komödianten, Umweltschützer, Geschichtsprofessoren und Philosophen in sein Studio. Aber auch auf Reisen führte Terkel Interviews, in Frankreich sprach er mit Simone de Beauvoir, in England, zu einem Zeitpunkt als der Kalte Krieg in einen heißen Krieg umzuschlagen drohte, mit dem damals 90jährigen Philosophen und Pazifisten Bertrand Russell. Dieser fasste 1962, zum Zeitpunkt der Kuba-Krise, als vernünftige Argumente schnell in den Geruch von Hochverrat kamen, sein Dreipunkte-Programm für die Rettung der Welt so zusammen:

ZWEITER SPRECHER:
1.Einrichtung eine Weltregierung, die über den Einsatz von Waffen gebieten kann,
2.eine Verringerung des weltweiten Fanatismus, so dass die Argumente anderer Ernst genommen werden und
3.ein ökonomischer Ausgleich, damit die heute Ärmeren auf ein höheres wirtschaftliches Niveau gelangen können.

AUTOR:
Terkels nie befriedigte Neugierde, seine lebenslange Suche nach neuen Antworten, ließ ihn neben den Interviews im Studio schon bald auf die Straße gehen, um mit „normalen Menschen“ sprechen. Von Beginn an war ein deutsches Uher Bandgerät sein ständiger Begleiter. „Ich bin Neo-Cartesianer“, sagte er einmal, „Ich nehme auf, deshalb bin ich“. Seit den 60er Jahren veröffentlichte Terkel die gekürzten, aber nicht editierten Interviews in knapp einem Dutzend „oral history“ Bücher, Bände, in denen die „Leute von nebenan“ eine Stimme erhielten. Aus Hunderten von mündlichen Berichten entstanden diese Bücher, die der offiziellen Historiographie der Haupt- und Staatsaktionen eine vielstimmige „Geschichte von unten“ entgegenstellte. Als „Minstrel of the common man”, “Fahrende Sänger des gemeinen Mannes”, wurde Terkel bezeichnet. „American Dreams – Lost and Found“, 1980 erschienen, sprach von den Schwierigkeiten, den amerikanischen Traum im harschen Alltag zu leben, „The Great Divide“ – Das Amerika der Reagan Ära“, 1988 veröffentlicht, verglich die Versprechungen des Schauspieler-Präsidenten mit der Realität der „kleinen Leute“. In „Hard Times“, „Der große Krach“, aus dem Jahre 1970, erinnerten sich die Interviewpartner an die Zeit der Depression, die mit dem „schwarzen Freitag“ im Jahre 1929 begonnen hatte. Und „Race“ aus dem Jahr 1994, ging der Frage nach, wieso der Rassismus in Amerika immer noch eine alltägliche Erscheinung ist.

Alex Berteau,Teilhaber einer schwarzen Anwaltskanzlei, erzählt von seiner Zeit beim Militär. Er war 1968 der erste schwarze Offizier seiner Einheit und seine Hautfarbe stellte die anderen Offiziere vor ein Problem: in den Offiziersunterkünften war er nicht willkommen, in den Mannschaftsunterkünften konnte er auf Grund seines Ranges kein Bett finden. Wie viele andere schwarze Soldaten erhielt er bei seinem Einsatz in Vietnam eine Lektion in Sachen weißen Rassismus.

ZWEITER SPRECHER:
Einmal bekomme ich mitten in der Nacht einen Anruf. Ich soll unverzüglich zum Lazarett kommen. Großes Gebrüll und Geschrei. Auf dem Operationstisch liegt ein Weißer, den sechs Soldaten festhalten. Er blutet am Kopf. Was ist geschehen? Ein Prolo aus Arkansas geht in einen Soldatenklub. Dort steht eine Jukebox mit fünfzig Platten, achtundvierzigmal Country and Western und zweimal Soul. Die Einheit besteht zu sechzig Prozent aus Schwarzen. Bevor der Klub aufmacht, geben die Schwarzen der vietnamesischen Barfrau immer Münzen für die Jukebox. Wenn man genug davon einwirft, kann man den Kasten den ganzen Abend lang spielen lassen und immer dieselbe Platte mit Aretha Franklin hören. Sie trinken und ein Weißer sagt: „Mein Daddy hat immer gesagt, nur ein toter Nigger ist ein guter Nigger.“ Er hatte es geschafft, so viele Münzen einzuwerfen, dass die Jukebox dauernd Country and Western spielt. Und er redet dauernd über Nigger. Da reißt ein Schwarzer den Stecker der Jukebox heraus und sagt: „Du hast so viel über Nigger zu sagen, warum sagst du es nicht so, dass alle es hören können““ Der sagt es noch einmal, der Schwarze zieht ihm eins mit einer Eisenstange über den Schädel, und der Mann landet auf dem Operationstisch. De redet völlig irre daher, schimpft über die Nigger und ruft alle zur Rache auf. Draußen vor dem Fenster drängen sich die Weißen und rasten plötzlich aus: „Jetzt holen wir uns die Nigger!“ Und mitten in diesem Zirkus stehe ich da, der schwarze Offizier. Schwarze und Weiße brechen die Waffenkammern auf. Die Schwarzen stellen sich mit ihren Gewehren auf, gegenüber stellen sich Weißen mit ihren Gewehren auf. Ein toller Krieg!

Aretha Franklin: Respect 0:20

AUTOR:
Den größten Erfolg hatte Studs Terkel mit seinem Buch „Der gute Krieg – Amerika im Zweiten Weltkrieg“, 1984 veröffentlicht. Für diese Erinnerungen an die Schlachten im Pazifik und in Europa, seine Sammlung von Berichten über Bomber und Ausgebombte, erhielt Terkel den renommierten Pulitzer Preis. Der Titel „The Good War“ wurde übrigens im Original mit Anführungszeichen geschrieben:

ERSTER SPRECHER:
Die Anführungszeichen wurden nicht gesetzt aus einer Laune heraus oder als redaktioneller Kommentar, sondern weil das Adjektiv „gut“ für das Wort „Krieg“ so widersinnig ist

AUTOR:
Ebenfalls ungemein erfolgreich waren Terkels Interviews über die Arbeitssituation in Amerika. Dieses Buch trug den schlichten Titel „Working“, der Untertitel lautete: „Menschen sprechen darüber, was sie den ganzen Tag lang tun und was sie von dem, was sie da tun, halten“ und bot eine überbordende Fülle von Selbstbeschreibungen. Der Feuerwehrmann, die Sekretärin, die Lehrerin, der Stahlarbeiter, der Gasableser, der Parkhauswächter und die Kellnerin, alle kamen gleichberechtigt zu Wort. Wie Walt Whitman in seinen Gedichten, wie Woody Guthrie in seinen Songs, so feiert Terkel die arbeitenden Menschen. Seine Sammlung von Gesprächen mit Arbeitern, Angestellten und Managern ist erfüllt von einem demokratisch-egalitären Impetus, vor seinem Mikrophon sind alle gleich, alle besitzen eine ihnen angeborene Würde, selbst die Prostituierte. Der Erfolg dieser Interviews beschränkte sich nicht auf den Buchmarkt. Die Texte dienten als Vorlage für das Libretto des Broadway Musicals „Working“, das später auch erfolgreich verfilmt wurde. Über ein Dutzend Schauspieler sprachen und sangen darin, darunter die Soul Sängerin Pattie LaBelle, die für die Rolle der afro-amerikanischen Putzfrau gewonnen wurde. Jede Nacht leert sie die Papierkörbe, sie saugt und wischt und fegt und putzt. Dabei hat sie einen Traum: Ihre Tochter soll einmal ein College besuchen, das will sie ihr unbedingt ermöglichen, damit ihr Kind einmal ein besseres Leben wird führen können. Terkel führt in den Film ein:

O-TON TAKE 4, Studs Terkel
darauf ERSTER SPRECHER:
Wenn diese Menschen über ihren Beruf sprachen, sprachen sie über mehr als ihre Jobs. Sie redeten darüber, wie sie ihr tägliches Brot verdienen aber auch über die Bedeutung ihres Alltags, über Geld, aber mehr noch über Anerkennung, über die Apathie, die sie fühlen, noch mehr über ihr Staunen. Berichte über ein Montag-bis-Freitag Leben, und nicht über eine Montag-bis-Freitag Leere. Vielleicht war Unsterblichkeit Teil ihrer Suche. Dass man sich ihrer erinnerte, war der unausgesprochene Wunsch dieser unbesungen Heldinnen und Helden.

AUTOR:
In seinen beiden jüngsten Oral History Bänden – „Gespräche um Leben und Tod“ und „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, hat Terkel wieder viele verschiedene Stimmen zu einem Thema versammelt. Die gemeinsame Ãœberschrift könnte lauten: Engagement im Alter – oder Verzweiflung und Angst vor dem Tod. Es ist eindeutig, welcher Position sich Terkel, der inzwischen 93 Jahre alt ist, zuneigt. Gene LaRocque ist pensionierter Konteradmiral der US-Marine. Er diente während des Zweiten Weltkriegs, als sein Schiff in Pearl Harbour versenkt wurde, und er diente in der Marine bis in die Zeiten des Vietnam Krieges hinein. Von hier ab entwickelte er sich zu einem der schärfsten und gefürchtetsten Kritiker des Pentagon. Sein Motto heute lautet: Krieg ist ein dummer und lächerlicher Weg, um Differenzen zwischen Nationen zu lösen. Auch Admiral LaRocque stand Studs Terkel Rede und Antwort.

ZWEITER SPRECHER:
Mit dem Älterwerden bin ich ein immer überzeugterer Dissident geworden. Als ich jünger war, habe ich mich gegenüber den Älteren und dem Establishment fast ehrfürchtig verhalten. Wenn man älter wird, erkennt man jedoch, dass jeder – ob Richter am Obersten Gerichtshof oder Präsident der Vereinigten Staaten – auch nur ein Mensch mit menschlichen Schwächen ist. Und dass wir, einzelne Bürger, offen unsere Meinung äußern können. Wir müssen es tun. Schließlich zahlen wir ihre Gehälter. Sie sind unsere Diener.

AUTOR:
In seinen Oral History Bänden sind die Fragen des Journalisten meist weggelassen. Was Terkels Begabung ausmacht, mit welchen Mitteln er arbeitet, wieso er über so viele Jahre lang die Menschen dazu brachte, sich zu öffnen, dass sie eine Wahrheit ausdrückten, die ihnen selbst vielleicht gar nicht bewusst war, dass sie zeigten, welches menschliches Mitgefühl auch in ihnen steckt, das kann man deutlicher seinen Radio-Interviews entnehmen. Dabei kümmerte sich Terkel herzlich wenig um die technische Seite. Für unterwegs genügte ihm sein einfaches Uher Tonbandgerät und ein Handmikrophon. Und wenn eine Uhr im Hintergrund schlägt, während des Gesprächs, dann kommentiert er dies unbefangen, er raschelt mit seinen Papieren, zündet sich eine Zigarette an, hustet, ab und zu unterbricht er seine Gäste abrupt. Sein Geheimnis liegt wohl vor allem in seiner Empathie. Der Komponist John Cage, der ein wichtiges Buch über das Schweigen veröffentlichte, und den Terkel zuerst im Gespräch 1982 nach seinem Credo fragt, „Wie sollen wir beginnen: Am besten so: Wenn sie gefragt werden was ihr Glaubensbekenntnis ist, wie antworten Sie dann? – Cage erhält die Chance – kurz zu schweigen.

O-TON TAKE 5. John Cage

AUTOR:
Auch Terkels ansteckendes Lachen gehört zu seinen unübertroffenen „Techniken“, die Interviewpartner fühlen sich dadurch – paradoxerweise – Ernst genommen. Studs Terkel ist vor allem unersättlich in seiner Neugierde, wie ein Kind freut er sich, wenn seine Gäste etwas Kluges sagen, wenn sie spritzig sind, ohne oberflächlich zu sein, wenn sie tiefsinnige Antworten geben, und doch partout jedem verständlich bleiben wollen. Terkel und sein Gast sind durch einen Dialog verbunden. Den wichtigeren Part hat der Gast übernommen, doch der Interviewer ist stets präsent.

O-TON TAKE 5 A
Zero Mostel, one of the great clowns of our day, one of our great actors of our day.

AUTOR:
Studs Terkel stellt Zero Mostel vor, einen der großen Komiker Amerikas, wir schreiben das Jahr 1961, Mostel war bis vor kurzem noch auf der „Blacklist“, ein Opfer, wie Terkel selbst auch, des berüchtigten Senators McCarthy, der ja unter jedem Bett einen Kommunisten vermutete. Der Moderator formuliert umständlich eine sehr allgemeine Frage über moderne Malerei und möchte eine spezifische Antwort. Mostel spielt den indignierten Studiogast, der sich weigert, auf solch eine Frage überhaupt einzugehen. Terkel ist höchst erfreut darüber. Und dies gibt Mostel wiederum die Möglichkeit zu improvisieren.

O-TON TAKE 6, Studs Terkel / Zero Mostel
(A: You want a general answer?
E: It’ll never be over. Oh! Waiting for Godot.)

AUTOR:
Die afro-amerikanische Schrifstellerin Maya Angelou war zweimal Gast in Studs Terkels Programm, 1970 und 1974. Beim ersten Mal erinnerte sie sich an ihre Großmutter, die im Süden einen kleinen Laden führte. Die Baumwollarbeiter versammelten sich abends, nach der Arbeit, auf der Holzveranda und sangen. Die Großmutter schloss die Tür, denn es waren „sündige“ Lieder, doch einen kleinen Spalt ließ sie offen, dieser Musik konnte auch sie nicht widerstehen. Ihre Enkelin erinnert sich an diese Blues Songs und an die religiösen Lieder. Für Studs Terkel singt Maya Angelou eine der Gospelsongs ihrer Großmutter.

O-TON TAKE 7, Studs Terkel / Maya Angelou

AUTOR:
Beim zweiten Besuch ist Maya Angelou selbst überrascht, dass sie schon vor vier Jahren von den Liedern auf der abendlichen Veranda erzählte, die nun eine wichtige Funktion ihrem neuen Buch, dem autobiographischen Roman “I Know Why The Caged Bird Sings” erhalten. „Eine wunderbare Frau, ein bemerkenswertes Buch, ein Blues, eine Ballade, eine Gospel-Biographie“, so schließt Studs Terkel das Gespräch. Und Maya Angelou fordert ihn auf weiter zu machen. Einfach immer weiter zu machen. Studs Terkel verspricht es ihr. “Ich bleibe am Ball”.

O-TON TAKE 8, Studs Terkel / Maya Angelou