Black & White Blues

Manuskript: Maximilian Preisler

Journal, 15. 12. 1997

Red.: Steffen Brück

Willie Dixon formulierte die Antwort am griffigsten. Ein Journalist wollte von ihm wissen: Was ist eigentlich der Blues? Dixon, ein gewichtiger Bassist, der in Chicago für seine Freunde Muddy Waters und Howlin´ Wolf Dutzende von Blues-Songs geschrieben hatte, zögerte nicht lange: „Der Blues ist die Wurzel, alle anderen amerikanischen Musikformen sind die Früchte.“

Aber – natürlich bringt der Blues auch selbst Früchte hervor. Und sie schmecken, so müßte Willie Dixons schlagfertige Antwort ergänzt werden, beileibe nicht alle sauer. Der Blues als Mittel, die Gewalt der weißen Ku Klux Klan Anhänger, die ökonomische Misere und die Angst vor dem ungewissen Morgen für Momente zu vergessen, das ist die eine Seite dieser Musik. Die andere Seite, die zu leicht vergessen wird, das sind die süßen Früchte: die Zelebrierung einer sinnenfrohen Sexualität, die stolze Versicherung der eigenen Identität, die ausgelassene Freude, wenn Nachbarn und Barbesucher die Musik im Tanz lebendig werden lassen.

In dem gerade erschienen Bild-Band „Black & White Blues“ der schweizer Edition Stemmle sind diese beiden Seiten des Blues enthalten, die dunkle und die helle Seite. Marc Norberg heißt der Photograph des Bild-Bandes, der mit diesem Buch, wie er selbst im Vorwort sagt, eine zwölfjährige Arbeit abschließt. Es ist ein gewichtiges Buch geworden, auf über 200 Seiten sind gut 80 großformatige Photographien von Blues Musikern vereint, zumdem ist zu jedem der Porträtierten ein meist kurzer biographischer Abriß oder ein Versuch der Einordnung seiner, oder ihrer, Musik in die vielfältigen Strömungen des Blues zu finden, die alle von Tom Surowicz stammen. Am Ende des Buches dann noch eine Diskographie und – eingeklebt – eine CD, die Musiktitel von einigen der „Stars“ vorstellt.

Besonders gelungen ist die Aufmachung des Bandes: jeweils eine ganze Seite ist den Photographien vorbehalten, auf der gegenüberliegenden Seite dann der Text. Die Photographien sind im klassischen Schwarz-Weiß gehalten, die Anordnung der Texte ist dagegen eher spielerisch. Hier konnten die Mitarbeiter aus der Lay-Out-Abteilung ein Fest feiern. Fett-Druck wechselt sich ab mit Normal-Druck, Querformat mit Längsformat; lange, schmale Kolumnen, riesige Überschriften, eng gesetzter Text, Verdoppelungen, alles, was sich das Herz eines Buch-Designers wünscht, hier ist es zu finden. Dieser verspielt-verschnörkelte Ton wird aber konterkariert durch die Photos, durch die lässige Eleganz der Schwarz-Weiß Porträts, so daß insgesamt ein reizvoller Kontrast zwischen Bild- und Textseite entsteht.

Natürlich sind aber die Photos von Marc Norberg der Höhepunkt des Bandes, diesen Photographien merkt man den Respekt vor den Musikern und der Musik an. Meist sind es Halbnah- oder Nahaufnahmen, die Umgebung spielt dabei keine Rolle, nur das jeweilige Instrument bringt die Welt mit ins Bild. Die Porträts zeigen würdevolle Gesichter von älteren Blues-Musikern, etwa Pinetop Perkins oder Sunnyland Slim; verschmitzte, lachende Musiker, wie Big Daddy Kinsey oder Billy Boy Arnold; junge, unbekannte Bluesmusiker sind abgebildet, etwa Mad Dog John; Frauen, wie Etta James oder die weibliche Gesangsgruppe Saffire, zwei schwarze und eine weiße Frau; überhaupt lobenswert, daß weiße Musiker, wie John Hammond und Tom Mooney, nicht ausgeschlossen sind, denn Blues-Musik ist längst nicht mehr von der Hautfarbe des Musikers abhängig; und auch jemand wie Buckwheat Zydeco, ein junger Mann aus dem tiefen Süden, geprägt von der französischen Tradition der Sumpfgebiete Louisianas, und der von vielen deshalb nicht als Bluesmusiker anerkannt wird, hier steht er neben den Großen. Ganz nahe beieinander zu finden: Buddy Guy und Junior Wells, zwei Freunde, die vielleicht so nicht mehr zusammen sein können, Junior Wells liegt, nach einer Herzattacke, seit Wochen im Koma. Und damit wird dieser Band auch zu einem Erinnerungsbuch an jene, die singen: The doctor says, I can´t live long. And when I´m dead, I´ll be a long time gone.

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