Americano

Manuskript: Maximilian Preisler
für DeutschlandRadio Berlin

25. Januar 2004
Neue Literatur von der Tex-Mex Grenze.

ATMO 1
Austin Airport, englische Ansage

AUTOR:
Austin, Hauptstadt des Staates Texas. Nach zwanzig Stunden Flug bin ich angekommen, in der „neuen“ Welt. Einer zweisprachigen Welt.

ATMO 2
Austin Airport, spanische Ansage

AUTOR:
Mit dem Auto sind es von Austin noch gut sechs Stunden Fahrt bis zur texanisch-mexikanischen Grenze. Aber die Grenze ist längst in Austin angekommen. Wer sich auf die Suche nach der ganz eigenen Kultur von Süd-Texas macht, ist gut beraten, in Austin zu beginnen. Mein erster Anlaufpunkt ist das Haus des Schriftstellers Dagoberto Gilb; er ist mit Kurzgeschichten vom texanischen Grenzgebiet bekannt geworden. Als ich den gemieteten Wagen vor seiner Garage parke, steht er bereits vor der Haustür seines einstöckigen Hauses, das sich unter hochgewachsenen Bäumen duckt. Er hat sich Sorgen gemacht, ob ich zu später Stunde den Weg zu ihm finde. Schon auf der Türschwelle verkürzt er unsere beiden Namen zu Max und Dago, und kaum habe ich Platz genommen, bietet er mir etwas zu essen an. Chips stehen auf dem Tisch, dazu für jeden eine große Schale mit – Mole.

TAKE EINS
O-TON GILB 1, 0:52
SPRECHER
Mole. Wie man Mole macht? Man nimmt verschiedene Gewürze und Chilis, mischt alles mit Nüssen und Schokolade, gibt gestampfte Kürbis- und Sesam-Kerne hinzu und kocht dann alles. Ich mache es anders: Ich gehe zum nächsten Supermarkt und kaufe ein Glas Mole. Schwierig ist es, den richtigen Gang zu finden. Nur Leute mit dem korrekten kulturellen Verständnis wissen, wo man links oder rechts abbiegen muss, bis man endlich die Abteilung für Mole findet. Da stehen nur wenige Gläser, also muss man seine Augen schon weit aufmachen.

MUSIK: Lila Downs: Mi Corazón Me Recuerda
CD Border La Linea, Track 1

TAKE ZWEI
O-TON GILB 2, 0:57
SPRECHER
Ich schreibe über meine Erfahrungen. Viele Leute glauben deshalb, meine Geschichten würden exakt mein Leben wiederspiegeln. Manchmal ist das so, aber dann nur in einer harmlosen Variante. Die Wirklichkeit ist viel exotischer und komplexer, ich würde auch zu viel von mir preisgeben, also muss ich meine Geschichten reduzieren, bis zu einer Art Ur-Form. Ich glaube übrigens, dass „fiction“ wirklicher ist als die Wirklichkeit. Ein Mythos – wobei damit nicht die Unwahrheit gemeint ist, sondern der klassische Mythos – erzählt von einer tieferen Wahrheit. Und wenn das Schreiben gelingt, dann besitzt es eine mythische Qualität, es tritt aus der Zeit heraus und ist gleichzeitig eng gebunden an Ort und Zeit.

AUTOR:
Dago ist zweisprachig aufgewachsen, seine Mutter kam aus Mexiko. Ist er also ein „Latino Writer“?

TAKE VIER
O-TON GILB 4
SPRECHER
Die Bezeichnung Latino Writer hat Vor- und Nachteile. Ja, ich bin stolz darauf, ein Latino zu sein, andererseits macht es mich verlegen. Ich wuchs gar nicht als Latino auf, für die Latino Community war ich ein Bastard. Die Leute da hatten immer ein wachsames Auge auf mich. Wir haben das ja gerade bei den Präsidentschaftswahlen gesehen, die Tex-Mex Wähler sind konservativ. So lange ich mich zurück erinnern kann, war meine Mutter geschieden, und deshalb wurde ich nicht akzeptiert in meiner Nachbarschaft, ich durfte nicht in den Hinterhöfen der Nachbarn mit den anderen spielen. Meine kulturelle Identität wurde mehr geprägt durch die Tatsache, dass ich in einer zerbrochenen Familie aufwuchs, mit nur einem Elternteil.

MUSIK
Ernesto Guerra y su Conjunto: Calle Diez Y Siete (Guerra) Track 13, 0:27 bis 1:00
CD Taquachito Nights Conjunto Musikc From South Texas, LC 9628, SFW CD 40477

TAKE DREI
O-TON GILB 3, 1:02
SPRECHER
Ich mag es allerdings gar nicht, wenn die Leute mein Geschlecht verwechseln. Ich habe vor einer Weile in einem großen Buchladen in Austin gelesen, danach konnten sie eine Menge Bücher von mir verkaufen. Als ich nach einem Jahr wieder dort war, suchte ich mein neues Buch „Holzschnitte von Frauen“ in der Literatur-Abteilung. Ich wurde in die Latino-Abteilung geschickt, eigentlich war es die Latina-Abteilung. Mein Buch stand ganz oben. Es hätte also schon eine Latina von über ein Meter achtzig sein müssen, um da ranzukommen. Ich fand, meine Bücher sollten nicht nur in der Lesbischen Abteilung, sondern auch in der Latino-Abteilung und in der Abteilung für amerikanische Literatur stehen. Ich verstehe nicht, warum ich nicht einfach ein amerikanischer Schriftsteller sein kann.

MUSIK
Ernesto Guerra y su Conjunto: Calle Diez Y Siete (Guerra) Track 13
CD Taquachito Nights Conjunto Musikc From South Texas, LC 9628, SFW CD 40477

TAKE FÃœNF
O-TON GILB 4a
SPRECHER
Die Leute, die aus Mexiko nach Texas kamen, mussten weg aus Mexiko. Sie hatten kein Land, sie hatten keine Häuser, sie hatten keine Familie. Sie wagten unglaublich viel als sie hier eine neue Heimat für sich suchten. Also – eigentlich ist das ja Mexiko, wo wir hier sitzen. Nur haben wir Mexikaner im frühen 19. Jahrhundert den Krieg gegen die Anglos verloren. Heute geht es darum, wer hat gewonnen, wer hat verloren, wer braucht einen Job und wer braucht keinen – und das ist eine Klassenfrage.

AUTOR:
Dago arbeitete über 15 Jahre als Maurer, als Fliesenleger, als Steinmetz, als Zimmermann. Das waren alles „Blue-collar jobs”, wie die der anderen Latinos. Er zog von Los Angeles in die texanisch-amerikanischen Grenzstädte, nach Laredo, nach Del Rio, nach El Paso. Ein Job am Bau dauerte jeweils so lange bis der Auftrag erledigt war. Oder bis es Ärger mit dem Polier gab, der war unweigerlich ein Anglo. Das war die eine Seite. Aber es gab eine andere, über die schreibt er auch.

SPRECHER ZITAT
Für mich wurde das der beste Job, den ich jemals hatte, und je mehr Leute dazukamen – Zimmerleute, Hilfsarbeiter, Stahlbetonbauer, Klempner, Elektriker, Betongießer – , desto besser wurde es. Hämmer dröhnten und Sägen kreischten, Stahlnetze wurden verschweißt und Aluträger eingezogen; morgens dampfte der Beton, Männer patschten in Gummistiefeln durch den matschigen Brei, schleppten schwere pulsierende Schläuche, hüpften umher und strichen das Ganze glatt. Wir bauten ein Haus, es wuchs in die Höhe, und es war wie ein Fest.

MUSIK

TAKE SECHS
O-TON GILB 5, 0:50
SPRECHER
In El Paso, wo ich aufwuchs, gab es auf dem Bau nur sieben Arten von Jobs für Männer und drei oder vier für Frauen. Wir zogen Häuser hoch, und ich wollte schon immer gerne wissen, was die Leute in diesen Häusern später machen würden. Als ich zum ersten Mal auf einer Baustelle in New York war, wollte ich es unbedingt herausfinden. Was machen die Menschen in diesen Häusern, während wir draußen noch herum klopfen und der Wind uns um die Nase pfeift. Telefonieren sie? Also geh ich in ein Zimmer rein und sage: Was machen die Leute hier? Einer sagt: Ich verkaufe Rechte ins Ausland. Ach, du meine Güte. Was macht man da? Ich verkaufe Buchrechte an andere Länder. Was für ein Job! Ich komme also zurück nach El Paso und erkläre: Da gibt’s noch ganz andere Jobs. Und alle schauen mich an und sagen: Ganz bestimmt. Und denken: Was ist bloß mit dem los? Was hat der denn heute geraucht?

MUSIK:
Ritchie Valens: La Bamba

SPRECHER ZITAT
Die beste Musik gibt es in Austin, und dorthin waren wir unterwegs, Lee Roy und ich.

TAKE SIEBEN
O-TON Gilb 6, 0:50
SPRECHER
In der Kurzgeschichte “Tex-Mex Song” habe ich eine Liste von Musikern aufgestellt, die für meine beiden Helden große Vorbilder sind. Ihre Vorliebe für diese Musik soll die beiden charakterisieren. Sie ziehen ja los, um mit Musik Geld zu verdienen. Und die Musiker von der Liste waren auch für mich wichtig , das waren überhaupt einflussreiche Musiker. Ritchie Valens, zum Beispiel. „La Bamba“. Heute kann ich mir „La Bamba“ als Klingelton auf mein Handy runterladen! Aber als Mexican-American, der es ganz früh schon zum Superstar gebracht hat, der auch die Pop- Fans mitriss, da war Valens schon etwas Besonderes. Auch Jerry Jeff, der steht für Austin, für die wilde Country Music. Viele Leute wissen gar nicht, dass es Chicanos in der Country-Szene gibt. Heute heißt das wohl Progressive Country Music.

MUSIK:
Los Lobos: La Bamba (Trad. Arr. Valens) Track 1, unterlegen bis 0:16, dann frei stehend
CD Papa’s Dream, Music for little people 942562.2

AUTOR:
Mit O’Henry, dem klassischen US-amerikanischen Short-Story Autor aus dem 19. Jahrhundert, möchte Gilb nicht verglichen werden, er kann die Enden der O’Henry Geschichten nicht ausstehen, den großen „Puff“ zum Schluss, wenn sich alles in Wohlgefallen auflöst. Bei Dago gibt es eigentlich gar kein Ende, die Geschichten könnten auch weitergehen, das Drama könnte sich noch weiter entfalten. Fehlt hier nicht etwas, fragt sich der Leser und reibt sich die Augen. Doch mit Raymond Carver, dem ungekörnten König der modernen, offenen amerikanischen Short Story, möchte der Autor auch nicht verglichen werden.

TAKE NEUN
O-TON GILB 8 neu
SPRECHER
Ich mag das Episodische und das Poetische einer Short Story. Für mich hat die Kurzgeschichte vieles mit dem Gedicht gemeinsam, und ich mag Gedichte. Viele sagen, Short Stories befänden sich auf halbem Weg zwischen Gedicht und Roman, aber ich finde, nein, sie sind dem Gedicht viel näher.

SPRECHER ZITAT
Haben Sie jemals mit dem schönsten Mädchen getanzt? Ich sage Ihnen, da bewegen sich die Füße anders, und die Welt ist nicht mehr die alte. Da wiegt man sich mit der Erde, das animalische Herz pumpt junges Blut, und die müden Augen sprühen Funken. Man fühlt sich ganz wie ein Mann.
Sie hieß Alma und war siebzehn Jahre alt.

TAKE ZEHN
O-TON GILB 9, 1:16
SPRECHER
Ich schreibe in der Sprache, mit der ich aufgewachsen bin, ich beschreibe die Menschen so, wie sie sind, wie ich sie kennen gelernt habe: Wir haben einen Job, sitzen jetzt zur Mittagszeit zusammen, wir sind in der Wüste, so ungefähr fünf bis zehn Leute. Vielleicht ist es ein kalter Morgen, im Dezember, in der Wüste, in El Paso. Es ist so kalt, dass wir ein Feuer angemacht haben. Die anderen wärmen sich Tortillas, und der neben mir gibt mir einen Taco und eine frische Jalapeno, eine scharfe, grüne Chili-Schote. Und man isst gemeinsam, teilt sich diese Sachen. Das ist wunderbar, bewegend. Ich rede gerne mit solchen Leuten, sie lesen keine Bücher, aber sie führen ein ehrliches Leben. Sie haben eine Vergangenheit, sie lieben es, Geschichten zu erzählen. Und auch wenn sie glauben, ihre Geschichten seien nicht „bedeutend“, so sind sie doch wichtig. Und so komme ich an mein Material heran, das ist also leicht für mich. Ich weiß gar nicht, warum nicht jeder von solchen Geschichten Gebrauch macht..

MUSIK/ATMO

AUTOR:
Knapp zwei Stunden braucht man von Austin nach San Antonio. Rechts und links der Interstate 35 findet man überall Hinweise auf eine Minorität, die vor den Chicanos, vor den mexikanischen Grenzgängern, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Süden von Texas siedelten. Straßenschilder wie Guenther Street, Autobahnabfahrten zu Städten wie New Braunfels, St. Hedwig, New Berlin, oder ein riesengroßes Reklameschild, auf dem für eine „Schlitterbahn“, wohl eine Art Achterbahn im Wasser, geworben wird, erzählen von dieser Minderheit.
In San Antonio bin ich mit Sandra Cisneros verabredet, sie gab mir telefonisch eine genaue Wegbeschreibung zu ihrem Lieblingsrestaurant Taco Haven, Ausgangspunkt so mancher Geschichte der gefeierten Autorin.

ATMO 3

AUTOR:
Sandra trägt eine große, schwarz-gerahmte Brille, auf dem Kopf ein schwarzes Barett, ihr Mantel ist mit glitzernden Pailletten bestickt. Bevor uns der Kellner einen besonders schönen Tisch zuweist, überreicht mir Sandra ein Willkommensgeschenk. Am Eingang des Taco Haven hängt ein Automat für Kinder, man wirft 50 Cent ein und heraus purzeln Süßigkeiten oder durchsichtige Plastik-Kugeln, darin jeweils eine kleine Figur, ein Home Boy. Den kann man sich zum Beispiel an den Rückspiegel im Auto hängen.

ATMO 3

AUTOR:
Sandra Cisneros wuchs in Chicago auf, Schauplatz ihres ersten, sehr erfolgreichen Buches „Das Haus in der Mango Straße“ war ein Barrio in Chicago, ein Viertel, in dem nur Chicanos leben. Was hat die Autorin nach San Antonio verschlagen?

TAKE ELF
O-TON CISNEROS 8
SPRECHERIN
Ich liebe und verabscheue die Stadt. Es ist eine arme Stadt, wir haben viele Probleme, dazu unfähige Politiker und Geschäftsleute, die keine Vision für die Stadt entwickeln können. Wenn man die Zeitung hier liest, wird man schon wütend. Aber wo sollte ich sonst leben? In San Antonio lebe ich genau in der Mitte zwischen Chicago und Mexico City. Hier finde ich die beiden Sprachen, mit denen ich aufgewachsen bin, und hier habe ich schnellen Zugang zu einem Flughafen, so dass ich flüchten kann, wenn es mir endgültig zu viel wird.

AUTOR:
Viele Schriftsteller hassen es, als „Bindestrich“ Autoren zu gelten. Als African-Americans zum Beispiel, oder als Jewish-Americans. Wie steht es mit dem Begriff Latin-American Writers?.

TAKE ZWÖLF
O-TON CISNEROS 3, 0:47
SPRECHERIN
Ich sage nie, ich sei Latin-American. Ich nenne mich American Latina, US-Latina oder US-Latin American. Wenn ich sage, ich sei Latin-American könnten die Leute denken, ich käme aus Mexiko oder Zentral- oder Süd Amerika. Mit dem Bindestrich habe ich keine Schwierigkeit, darüber schreibe ich ja. Ich schreibe nicht über Mexiko, ich schreibe auch nicht über Amerika, ich schreibe über den Bindestrich, der beides verbindet. Die Mischung, dieses Mexikanisch-Amerikanische, das macht mein Schreiben aus. Das ist mein Geschenk für die amerikanische Literatur. Ich sehe den Gedankenstrich nicht als Trennung, nicht als Mauer, sondern als Brücke.

MUSIK:
Lila Downs: Hanal Weech, ab 1:18
O-TON CISNEROS 3 a) 0:30

TAKE DREIZEHN
O-TON CISNEROS
SPRECHERIN
Und dann überquere ich ja viele Grenzen in meinem Schreiben, die zwischen Kulturen, zwischen Geschlechtern, zwischen Genres. Ich habe schon immer gerne experimentiert, in jenem Grenzland zwischen Prosa und Poesie, zwischen Fiktivem und Nicht-Fiktivem, zwischen Fabel und Märchen, zwischen Märchen und Roman. Ich vermische Genres, ich möchte experimentieren, und ich möchte immer das Grenzland erforschen.

MUSIK:
Lila Downs: Hanal Weech

SPRECHERIN ZITAT
Sie ist eine Zauberhexe und weiß so allerhand. Wenn du Kopfweh hast, reib dir ein kaltes Ei übers Gesicht. Musst du eine alte Liebe vergessen? Nimm eine Hühnerkralle, bind sie an eine rote Schnur und wirble sie dreimal um deinen Kopf, und verbrenn sie dann. Lassen dich böse Geister nicht einschlafen? Schlaf eine Woche lang neben einer geweihten Kerze und spuck am achten Tag auf den Boden.

MUSIK
Lila Downs: Hanal Weech

SPRECHERIN ZITAT
Ich erinnere mich nicht, wann ich das erstemal merkte, dass er mich ankuckt. Aber ich wusste, dass er kuckt. Ich musste es mir beweisen, dass ich mir von Augen keine Angst machen lass, auch von seinen nicht. Und ich hab’s gemacht. Einmal hab ich’s gemacht. Aber damals, als er mit dem Rad an mir vorbei fuhr, kuckte ich zu lange hin. Ich kuckte hin, weil ich mutig sein wollte, mitten in das staubige Katzenfell seiner Augen, und das Fahrrad bremste, und er rammte gegen ein geparktes Auto, er rammte dagegen und ich ging schnell weiter. Es lässt dir das Blut in den Adern gerinnen, dass dich jemand so ankuckt.

MUSIK: ab 2:37 bis 2:55

AUTOR:
Jetzt kommt erst einmal der Kellner des Taco Haven mit einem riesigen Tablett. Darauf Schüsseln mit Chips und Saucen, dazu fast ein Dutzend in silbrig glänzendes Papier eingepackte mit Fleisch und Gemüse gefüllte Tacos, Tortillas und andere Köstlichkeiten wie Orejas und Pan dulce. Sandra hat uns das alles bestellt. EinTaco Haven Frühstück.

ATMO 3
Aufzählung der Speisen

AUTOR:
Der jüngste Roman von Sandra Cisneros „Caramelo“ beginnt mit der Beschreibung einer irrwitzigen Urlaubsfahrt der Reyes, einer mexikanisch-amerikanischen Großfamilie. Von Chicago aus geht es in Richtung Süden, quer durch Texas, über die Grenze bis nach Mexico City; denn dort leben die Großeltern. Angefeuert von den Kindern, liefert sich der Vater mit seinen Brüdern, Onkel Fettgesicht und Onkel Baby, ein rasantes Rennen, das nur kurzfristig durch einen Stop unterbrochen wird, wenn sich eines der Kinder übergeben muss.

TAKE VIERZEHN
O-TON CISNEROS 4a) ca. 1:13
Englische Lesung

AUTOR:
Neben diesem mitreißenden Ton klingen oft auch dunkle Töne in Sandra Cisneros’ Schreiben an. „Bach der schreienden Frau“ heißt eine gewaltgetränkte Short Story. Darin ist von einem Macho die Rede, einem Mann, der seine Macht unbarmherzig ausnutzt. Macho ist ein spanisches Wort, doch Sandra Cisneros beharrt darauf: Das Verhalten, das mit diesem Begriff umschrieben wird, bleibt nicht beschränkt auf den spanisch-sprachigen Kulturkreis.

TAKE FÃœNFZEHN
O-TON CISNEROS 5, 1:13
SPRECHERIN
Das ist ein Problem in Deutschland und in Mexiko, es ist auch ein Problem in Amerika. Es war meine erste Texas-Story, denn ich war geschockt von der Gewalt, die ich hier in Texas wahrnahm. Alle denken bei dem Wort Texas an den Wilden Westen, aber niemand denkt daran, dass die Gewalt des Wilden Westens auch überschwappt auf die Partnerbeziehungen. Dieser Staat wurde auf Gewalt gegründet, hier galt schon immer das Recht des Stärkeren. Als ich hierher kam und die Geschichten von Frauen hörte, die getötet und misshandelt wurden, und zwar nicht von Fremden, sondern von Menschen, die sie kannten, die sie liebten, da war ich wirklich entsetzt. Die Geschichte „Bach der schreienden Frau“ basiert auf einer wahren Begebenheit. Jemand bat mich, eine Bekannte mit dem Auto zu einer Busstation zwischen Austin und San Antonio zu bringen. Ich habe mit dieser Frau nur während der kurzen Fahrt gesprochen, und ich erfand dann die Geschichte „Woman Hollering Creek“ um diese Frau herum.

MUSIK
Tish Hinojosa: Déjame Llorar, Track 7, ab 2:40
CD Frontejas

AUTOR:
Suche nach Heimat, so könnte das letzte Kapitel in Sandra Cisneros’ Roman „Caramelo“ überschrieben sein. Heimat ist dabei aber nicht so sehr ein geographisch festgelegter Ort, es drückt sich darin viel mehr die Sehnsucht nach einer Zeit aus.

TAKE SECHSZEHN
O-TON CISNEROS 9) 1:24
SPRECHERIN
Ich spreche über Frauen und ihre Körper, Frauen, die zurück blicken, nicht auf ein Land, sondern auf eine Zeit in ihrem Leben. Heimat, das bezieht sich vielleicht auf die Kindheit. Ich hatte vorher nie über jene Zeit der „Körperlosigkeit“ geschrieben, die Frauen in ihrer Prä-Adoleszenz erfahren. Die sie dann nie wieder fühlen. Vielleicht nur später noch einmal, als alte Frau. Ich wollte diesen Zustand der Freiheit und der Leichtigkeit beschreiben. Ich schreibe über eine Frau, die noch keinen Körper hat. Ich erlebte das als kleines Mädchen so. Damals vergaß ich, dass ich einen Körper hatte. Nur wenn jemand mit mir schimpfte: Hast Du Dein Gesicht gewaschen? Hast Du Dein Haar gekämmt? – erst dann nahm ich wieder wahr, dass ich einen Körper besaß. Ich war reiner Geist und das war eine wunderbare Zeit. Ãœber dieses Gefühl wollte ich schreiben – und über Mexiko, Mexiko gehört auch zu meiner Kindheit. Dieser Ort und diese Zeit und die Nostalgie, die damit verbunden ist.

AUTOR:
Süd-Texas ist ein Land der Musik, von der Country Music des Willie Nelson und seiner Spießgesellen in Austin bis zu den Norteno Songs und der Tejano Musik am Rio Grande. Eine Reise durch den „Lone Star State“ ist immer mit Musik verbunden. Ich wollte also unbedingt meine Interviewpartner auch – singen lassen. Würden Sie zustimmen? Und welche Lieder würden sie aussuchen?
Sandra braucht nur eine Sekunde, dann weiß Sie, was sie singen wird. Hier im Taco Haven. Es ist ein Lied, das im letzten Kapitel ihres jüngsten Romans zitiert wird, dieses Kapitel hießt „Pilon“, Zugabe, das Lied: „Farolito“ – „Kleine Laterne“

SPRECHERIN
Kleine Laterne,
kaum erleuchtest du meine verlassene Straße,
So viele Male hast Du mich gesehen,
Wie ich an seiner Tür weinte.
Ohne ihm mehr zu bringen als ein Lied
Und ein Teil meines Herzens.
Ohne ihm mehr zu bringen als ein Kuss,
Frostig und ungezogen,
Bitter und süß.

TAKE SIEBZEHN
O-TON CISNEROS 11) 0:46
Little Lantern

AUTOR:
Sandra Cisneros ist ein Star der Latino-Szene, ihre Bücher sind Bestseller, werden in den Schulen besprochen. Umso wichtiger, dass sie ihre Stimme, die bei öffentlichen Auftritten so mitreißend, so voller Energie und Leidenschaft ist, auch bei politischen Auseinandersetzungen erhebt.

TAKE ACHTZEHN
O-TON CISNEROS 10)
SPRECHERIN
Gerade jetzt, während des Krieges, erinnere ich meine Zuhörer immer daran: In dieser Zeit der Zerstörung und des Todes müssen wir einen Ausgleich schaffen. Die Ungerechtigkeit, die in unserem Namen verübt wird, müssen wir durch ein Gegengewicht einschränken. Und das können wir – durch große Taten der Liebe. Jeder kann das tun. Wenn ich mein Haus verlasse und auf Buch-Vorstellungen gehe, oder wenn ich auf Lesungen unterwegs bin, dann ist das Teil meiner Friedensarbeit. Ich kann keine Friedensdemonstration organisieren, aber jedes Mal wenn ich spreche, kann ich etwas für den Frieden tun. Das können wir alle.

MUSIK:
Medley: Pastures Of Plenty/ This Land Is Your Land/Land, 2:29 bis 3:14

AUTOR:
Im gleichen Viertel von San Antonio, nur wenige Querstraßen vom Taco Haven entfernt, wohnt Naomi Shihab Nye. Man spaziert direkt am San Antonio River entlang, der sich durch diesen stillen Stadtteil schlängelt. Die niedrige Zauntür des von mir gesuchten Hauses ist mit einem rosafarbenen Tuch an einen Pflock gebunden, die Haustür ist nur angelehnt. Naomi empfängt mich in ihrem Studierzimmer. Ein gemütlicher, unaufgeräumter Raum, offenkundig eine feminine Höhle. Photos, Bilder, Karikaturen und Zeitungsausschnitte an den Wänden, Halsketten hängen an einem Silberhaken, Bücher bedecken den Boden. Ich habe Naomi eine Kunstpostkarte aus Dresden mitgebracht – die beiden verträumten Putten aus Raffaels großem Madonnenbild passen wunderbar in diesen kunterbunten Andachtsraum.
Naomi ist Dichterin, dazu schreibt sie Essays, sie hat einen Jugendroman veröffentlicht, jüngst hat sie eine Anthologie von Gedichten und Gemälden aus und über Texas herausgegeben. Ihren Lebensweg haben drei Städte bestimmt: St. Louis, dort wuchs sie auf, Jerusalem, dort lebte sie über ein Jahr bei Verwandten ihres arabischen Vaters, und San Antonio.

TAKE NEUNZEHN
O-TON NYE 5)
SPRECHERIN
Viele Menschen haben mehr als eine Welt, aus der sie stammen. Ich lebe seit einiger Zeit schon in San Antonio, ich fühle, dass ich ein Teil der Latino Welt von Süd Texas bin. Das ist meine adoptierte Welt, und diese Welt hat mich akzeptiert. Ich fühle mich der Kultur von Texas, von Süd-Texas sehr verbunden. Wir wachsen in einer Kultur auf, die uns mitgegeben ist, und dann gibt es da noch jene Welten, die wir uns aneignen wenn wir dorthin gehen, oder wenn wir darüber lesen. Viele dieser Welten lernen wir nur durch Bücher kennen.

AUTOR
„San Antonio“, ein Gedicht von Naomi Shihab Nye, ist eine Liebeserklärung an „ihre“ Stadt, sie setzte es auf die erste Seite ihrer großen Anthologie moderner texanischer Maler und Dichter – „Is This Forever, Or What?“ „Das gilt doch für immer, oder nicht?“ Diese Frage, die dem Buch auch den Titel gegeben hat, wird im Gedicht mit leiser, aber sehr intensiver und liebevoller Bestätigung bejaht.

TAKE ZWANZIG
O-TON NYE 8) 0:42

Tonight I lingered over your name,
The delicate assembly of vowels
A voice inside my head.
You were sleeping when I arrived,
I stood by your bed
And watched the sheets rise gently.

It was then I knew,
Like a woman looking backward,
I could not leave you,
Or find anyone I loved more.

SPRECHERIN ZITAT
Das war der Moment, als ich wusste,
Wie eine Frau, die zurück schaut,
Ich könnte dich nicht verlassen
Oder einen anderen finden, den ich mehr liebte.

MUSIK
Valerio Longoria: El Canoero (Longoria) Track 18, 1:22 -140
CD Accordion Conjunto Champs of Tejano and Norteno Music, Arhoolie 342

TAKE EINUNDZWANZIG
O-TON NYE 2) 1:35
SPRECHERIN
Als ich klein war, mochte ich den Dichter Langston Hughes, vor allem sein Gedicht „Curious“. Es heißt darin: Ich kann Dein Haus sehen, Babe, aber ich kann dich nicht sehen. Wenn Du in Deinem Haus bist, sag mir, Baby, was machst Du dann?“ Als Kind mochte ich das sehr, das klang wie ein Refrain, ich wollte mitsingen. Ich liebte Emily Dickinson, ihre kurzen, tief geheimnisvollen Gedichte verzauberten mich, obwohl ich manchmal nur eine einzige Zeile verstand: „Hoffnung ist das Ding mit Federn“. Als Siebenjährige verstand ich das, andere Teile verstand ich gar nicht. Aber mir gefiel es, dass ihre Gedichte mir in Teilen noch nicht zugänglich waren.

AUTOR
Als Teenager zog Naomi für ein Jahr mit ihrer Familie nach Jerusalem, dort ging sie zur Schule. In einem arabischen Dorf, unweit von Jerusalem, lebten ihre palästinensischen Verwandten, vor allem die von ihr verehrte und geliebte Großmutter, die vor nicht langer Zeit im Alter von 106 Jahren starb. In ihrem Roman „Habibi“, „Liebling“, gab sie ihren Erfahrungen dort eine literarische Gestalt. Sie erzählt von den Vorurteilen der Menschen, von der Gewalt der israelischen Armee, vom beiderseitigen Hass. Und von der Liebe, die es in einer solchen Umgebung besonders schwer hat.

SPRECHERIN ZITAT
Ihre Mutter grüßte Omer freundlich, konnte ihm aber, beladen wie sie war, nicht die Hand geben. Sie zeigte das typisch mütterliche Lächeln und fragte Omer: „Lebst du in Jerusalem? Gefällt dir deine Schule? Was weißt du über Liyanas Schule? Was machst du am liebsten in deiner Freizeit?“
Er antwortete: „Herumlaufen. In meinem Kopf und auf der Straße.“ Ihre Mutter schaute Liyana an, als würde sie jetzt verstehen, wie diese beiden zusammengekommen waren.
Auf dem Weg nach Hause sagte sie ganz ruhig: Liyana, ich glaube nicht, dass er Araber ist.“
„Und?“ Das war spontan reagiert, aber natürlich nicht die Art, seiner Mutter zu antworten, wenn man sie auf seiner Seite haben wollte.
Beim Abendessen fragte Poppy düster: „Was? Wer? Wo?“
Liyana antwortete: „Erinnerst du dich, wie du uns von den jüdischen Freunden erzählt hast und von den Nachbarn, mit denen du aufgewachsen bist? Erinnerst du dich, wie viele jüdische Freunde wir drüben in Amerika haben? Und warum auch nicht? Er wohnt in der Rashba Straße. Bist du als Kind nicht in der Rashba Straße gewesen?“
Poppy sagte: „Sicher“ und gleich darauf: „Niemals, niemals, niemals.“

AUTOR:
Das Leben einer Amerikanerin mit arabischen Verwandten kann nicht einfach sein, gerade jetzt, während des Irak-Kriegs, während der Intifada.

TAKE ZWEIUNDZWANZIG
O-TON NYE 4, 0:48
SPRECHERIN
Das war schon immer schwierig. Weil ich mich in die Menschen hineinversetzen kann. Nicht nur als Dichterin, nicht nur weil ich Bürgerin dieser Welt bin. Auch weil die Toten, die ich in den Nachrichten aus dem Irak oder aus Palästina sehe, wie meine Familie aussehen, wie meine Cousins, wie meine Onkel, wie meine Großmutter. Und deshalb ist es sehr schmerzhaft, zu sehen, wie der Reichtum meines Landes für Waffen vergeudet wird. Um Menschen im Nahen Osten Leid anzutun. Oft bin ich dann wütend. Aber zum Glück gibt es eine Menge Amerikaner, die keine arabischen Verwandten haben und dennoch diesen Zorn verspüren. Und wir können darüber reden.

AUTOR:
Das Wort „Patriotisch“ hat oft einen schalen Beigeschmack, drückt etwas Auftrumpfendes aus. Naomi beharrt jedoch darauf, im Gespräch und in ihren Gedichten über Texas: Es gibt einen Patriotismus, der tiefer ist, der echter ist als der von den amerikanischen Medien eingepaukte.

TAKE DREIUNDZWANZIG
O-TON NYE 7) 1:14
SPRECHERIN
Ich liebe diese Stadt, ich liebe den „Geschmack“ der Kultur hier. Mir gefällt es, dass die Menschen sich viel im Freien aufhalten, ich liebe die Hitze, das Essen, die Musik und die Kunstszene. Eine einfache Welt, ganz in der Nähe von Mexiko, einem Land mit einer tieferen, älteren Kultur. Mein Mann, mein Sohn und ich, wir sind stolz darauf, Texaner zu sein. Und wir fühlen uns einem Texas verbunden, das nicht nur ein Macho Staat ist, voll von falschem Patriotismus. Es ist auch ein sehr offener, liberaler Staat, demokratisch, der Kunst zugewandt, Texas besitzt eben auch diese Seite, von der wir ein Teil sind.

AUTOR:
Naomi schreibt auch Kinderlieder, „Lullaby Raft“, „Schlaflieder Floß“, so heißt ein liebevoll gestaltetes Kinderbuch, auf jeder Doppelseite eine Strophe und dazu farbige Bilder. Dieses Schlaflied wollte ich gerne hören. Naomi?

TAKE VIERUNDZWANZIG
O-TON NYE 10
Oh no, it wouldn’t be embarrassing. May I get my guitar?

TAKE FÃœNFUNDZWANZIG.
O-TON NYE 11
Lullaby

AUTOR:
Von San Antonio aus führen zwei Wege zur texanisch-mexikanischen Grenze. Die von den „18-Wheelers“ beherrschte Interstate 35 trifft bei Laredo auf den Rio Grande, der nur wenig befahrene Highway 37 führt an Corpus Christi vorbei, einer reinen Urlauber-Stadt, bis nach Brownsville. Hier mündet der Rio Grande in den Golf von Mexiko, Brownsville ist die südlichste Stadt von Texas. „Was ist das Gute an Brownsville?“ heißt ein Standard-Witz, den ich gleich mehrmals höre. „Dass die Stadt so nahe bei Texas liegt.“
In Brownsville lebt Oscar Casares: Kann man seinen Short Story Band – der als Titel den Namen der Stadt trägt – als Reiseführer benutzen?

TAKE SECHSUNDZWANZIG
O-TON CASARES 1) 1:04
SPRECHER
(Lacht) Als Straßenkarte würde ich das Buch nicht gebrauchen. Aber einige merkwürdige Dinge, die im Buch auftauchen, kann man tatsächlich in der Stadt finden. In Downtown Brownsville kann man zum Madonnen-Baum gehen. In einer meiner Geschichten endet die nächtliche Suche meines Helden genau dort, am Baum der Madonna. Vor einiger Zeit schon hat jemand herausgefunden, dass sich das Bild der Jungfrau Maria in der Rinde des Baumes erkennen lässt.
Solche kleinen Ikonen findet man, nicht aber den wichtigsten Orientierungspunkt im Buch, den Lincoln Park. Den gab es, der war gerade um die Ecke, von wo ich aufwuchs. Heute sucht man ihn vergeblich, denn jetzt führt ein Highway direkt über diese Fläche zur dritten, zur neuesten Brücke hinüber nach Mexiko.

MUSIK:
Paulino Bernal: Cuando Bebo, Track 4, 1:08-1:29
CD Accordion Conjunto Champs of Tejano and Norteno Music, Arhoolie 342

AUTOR:
Oscar Casares ist Mitte 30. Er sieht blendend aus, sein schwarzes, schweres Haar kontrastiert angenehm mit seinem hellbraunen Teint. Er trägt lässige Khaki Hosen, dazu einen Ledergürtel mit einer großen silberbeschlagenen Schnalle. Unter den Hosen blitzen polierte, spitz zulaufende Cowboy Stiefel hervor. Oscar ist ein Schüler von Dagoberto Gilb, der in einem privaten Zirkel anderen Latino-Autoren das Handwerkszeug des Schreibens beibrachte.

TAKE SIEBENUNDZWANZIG
O-TON CASARES 2) 1:11
SPRECHER
Die geographische Isolierung der Stadt ist von Bedeutung. Der Blick auf die Landkarte zeigt im Norden von Brownsville ein fast vollständig unbewohntes Gebiet, die King Ranch, die größte Farm von Texas, vielleicht der Welt. Ein riesiges Areal. Im Osten liegt der Golf von Mexiko, im Westen und Südwesten der Rio Grande und natürlich Mexiko. Bis man zur nächsten großen Stadt kommt, nach Corpus Christi, dauert es zwei ½ Stunden. Und im Süden der Stadt ist die Brücke über den Rio Grande, mit dem Zoll und der Grenzpolizei. Brownsville liegt wie auf einer Insel.

AUTOR:
Eine sehr belebte Insel. Der Strom der Fußgänger und Autofahrer über die Internationale Brücke über den Rio Grande nach Mexiko und zurück reißt nicht ab. Vielköpfige mexikanische Familien strömen auf der US-amerikanischen Seite des Flusses in die Geschäfte und kehren mit prall gefüllten Taschen zurück, US Bürger fahren am Abend über die Grenze, um mexikanische Souvenirs zu kaufen, um sich im populären Hotel Garcia’s scharf gewürzte Fajitas servieren zu lassen, um in den Bars von Matamoros tanzen zu gehen.

TAKE ACHTUNDZWANZIG
O-TON CASARES 3)
SPRECHER
Es hört sich wie ein Klischee an, wenn man sagt, Brownsville sei eine besondere Welt, und dass dieses Grenzgebiet weder zu Mexiko noch zu den Vereinigten Staaten gehöre, aber man hat in Brownsville wie überhaupt im „Rio Grande Valley“ tatsächlich dieses Gefühl. Das Leben hier hat oft einen eigentümlich fließenden Aspekt. Es ist zum Beispiel ziemlich normal, dass bei einer Hochzeit die Trauung in Brownsville stattfindet, und dann überquert die Hochzeitsgesellschaft die Brücke und geht nach Matamoros, um dort zu feiern.

MUSIK
Los Super Seven: El Canoero, bis 0:27

TAKE NEUNUNDZWANZIG
O-TON CASARES 4) 1:24
SPRECHER
In der Zeitung liest man von Drogenringen, man hört schreckliche Geschichten von Immigranten, die in Lastwagen bei der Grenzüberquerung ersticken. Aber das ist nicht alles. 97 % des Lebens hier besteht aus anderen Dingen, nicht aus Drogenhandel, nicht aus Schmuggel, nicht aus Mordgeschichten. Ich wollte diese andere Seite vorstellen, Menschen, die versuchen, ganz einfach ihr Leben zu leben, eine Familie zu gründen, so wie überall auf der Welt. Die großen Fernsehstationen senden nur dann Reporter in diese abgelegene Region, wenn sie eine Sensationsgeschichte haben. Schießereien, Zerschlagung von Drogenkartellen, solche Sachen eben, und die ruhigeren Geschichten werden ignoriert.

AUTOR:
Allerdings besitzen die „ruhigeren“ Geschichten von Oscar Casares aus seinem Short Story Band „Brownsville“ oft ein beunruhigendes Moment. Ein Junge muss damit fertig werden, dass sein erster Boss übel von seinem Vater spricht, und die Welt erhält damit einen scharfen Riss. Von Menschen auf dieser Seite des Flusses ist die Rede, die kein Englisch sprechen, die fest verwurzelt bleiben in der Kultur auf der anderen Seite des Rio Grande. In der zentralen Geschichte findet ein schon nicht mehr ganz junger Mann, auch er ein Hispanic, der noch bei seinen Eltern wohnt, eines Tages den Kopf eines Affen im Vorgarten – und möchte ihn behalten.

SPRECHER ZITAT
„Du willst ihn behalten?“ sagte sein Vater. „Estàs loco o qué? Wenn du mit Affen leben willst, dann fahre ich dich zum Zoo. Auf, steig’ ein, ich fahre dich direkt dorthin. Marta, por favor, hilf deinem Sohn ein paar Klamotten einzupacken. Er will im Zoo leben.“
„Du regst nur deinen Vater auf, Bony.“
„Ich habe gar nichts gemacht.“
„Nein,“ sagte seine Vater. „Du willst nur mit deinem neuen besten Freund ein Bier trinken, mit deinem compadre, statt loszuziehen und anzufangen, für dich selbst zu sorgen.“

MUSIK:
Los Super Seven: Un Beso Al Vient, bis 0:17

AUTOR::
Wie entstehen die genauen, umgangssprachlichen Dialoge? Muss man dafür eine Fähigkeit zum geheimen Mithören entwickeln?

TAKE DREIßIG
O-TON CASARES 5) 0:33
SPRECHER:
Das ist eine schlechte Gewohnheit, ich mache das schon seit meiner Kindheit. Ich habe andere Leute nachgeahmt, meine ganze Familie macht das, und zwar in übler Weise – um sich über Andere lustig zu machen. Wir haben die Sprechweise von anderen Leuten imitiert. Diese Gewohnheit hat mir beim Schreiben sehr geholfen.

AUTOR:
Vor kurzem erhielt Oscar Casares ein sechs-monatiges Stipendium auf einer Ranch in der Nähe von Austin. Der Schriftsteller im Sattel, der die Hügel empor reitet und den Barton Creek überquert. Ein sehr texanisches Bild. Für Oscar ist das nicht der Rede wert.

TAKE EINUNDDREIßIG
O-TON CASARES 6) 0:04
I grew up around horses, we always had them when I was growing up.

AUTOR:
Zum Vor-Reiten wäre Oscar Casares leicht zu bewegen gewesen, zum Vor-Singen nicht. Was haben denn die anderen Kollegen gesungen, will er zuerst wissen. Seine zögernde Wahl: La Mananitas. „Es ist früher Morgen“ – und wir sind gekommen, für Dich zu singen.

TAKE ZWEIUNDREIßIG
O-TON CASARES 7) 0:13
SPRECHER:

TAKE DREIUNDREIßIG
O-TON CASARES 8) 0:15
Song Las Mananitas

AUTOR:
Brownsville, Corpus Christi, San Antonio, Austin. Noch einmal ein Treffen mit Dagoberto Gilb, der heute Abend sein Latino Outfit trägt: schwarze Hosen, schwarze Stiefel, dazu ein schwarzes Rüschenhemd. Ein weiterer Freund ist gekommen: Thomàs. Er fährt in seinem Lieblingsspielzeug vor, einem himmelblauen Chevy Bel Air, Baujahr 1954. Thomàs sitzt am Steuer, neben ihm nimmt Chrystàl Platz, sie weiß sehr wohl, dass ihre blendend weißen Zähne wunderbar mit der leichten Bräune ihres Gesichts und ihres tiefen Dekolletes kontrastieren. Vom Rücksitz aus dirigiert Dago den Fahrer in die Innenstadt von Austin.
Wir gehen zuerst in eines der besten Tex-Mex Restaurants der Stadt, Chrystàl hat zarte Bande zu dem Chefkoch der Fonda San Miguel geknüpft, er lud sie ein, sie lädt uns ein. Die Hauptmahlzeit ist vorzüglich, wird aber vom unbeschreiblichen Dessert übertrumpft. Tres Leches Cake, ein süßes Etwas, das gerne als letzter Gang bei einem Chicano Hochzeitsschmaus gereicht wird. Danach geht es weiter in einen der 75 Musik-Clubs der Stadt. Wir entscheiden uns für eine mexikanische Punk-Sängerin, die im Stubb’s auftritt. Als sie ihre Lieder auf Englisch ansagt, sind einige der Fans empört und rufen: Sprich Spanisch!
Auf dem Rückweg ist Dago endlich bereit, mir sein Lieblingslied vorzusingen. Der Song passt zu unserem himmlischen Gefährt, dem 54er Chevy.

TAKE VIERUNDREIßIG
O-TON GILB 10, 1:01
Under The Boardwalk/MUSIK

SPRECHER:
Am Ende dieses Berichts sollen vier Sätze stehen, vier Gedanken, vier Apercus. Von jedem der vier texanischen Schriftsteller einige wenige Zeilen. Die Essenz ihres Schreibens? Nein, eher der Triumph ihres Erzählens.

MUSIK:
Flaco Jimenez: Juarez (arr. L. Jimenez) Track 10, 4 :08
CD Accordion Conjunto Champs of Tejano and Norteno Music, Arhoolie 342

SPRECHER ZITAT
Er starrte in Richtung des Horizonts, so weit hatte er noch nie schauen können. Über den Fluss, an den Nachtclub-Lichtern von Obregón vorbei, er sah die Schuhputzer auf dem Plaza Hidalgo, die Bus Station, von wo aus er heimfahren würde, weiter die kleinen Städte und „Ranchitos“ auf dem Weg nach Ciudad Victoria, die Sierra Madre, mit den Erinnerungen an die Leute, die hier auf der Straße starben, noch weiter sogar, bis zur Einsamkeit seines kleinen Zimmers neben dem Rad-Shop, wo er für den Rest seines Lebens arbeiten würde, wo er sterben würde, immer noch arm.
Oscar Casares

ATMO

SPRECHERIN ZITAT
Vor Jahren gab mir ein Mädchen eine Notiz, ich hatte in ihrer stolzen Stadt Albany, Texas, gelesen, ein winziges, liebenswertes Nest im weiten Westen unseres großen Staates. „Ich bin froh, dass es noch eine andere Gedichterin auf der Welt gibt,“ hatte sie geschrieben. „Ich wusste schon immer, dass wir uns eines Tages finden würden, und sich unsere Lichter kreuzen würden.“ Ihren zerdrückten Zettel trug ich Tausende von Meilen mit mir herum.
Naomi Shihab Nye

ATMO

SPRECHER ZITAT:
Die Sache ist nämlich die: Ich mag Frauen. Nein, halt. Ich liebe Frauen. Ich weiß, das hört sich nicht besonders originell an, so was könnte euch jeder andere Kerl auch erzählen. Aber bei mir ist es wirklich so.
Dagoberto Gilb

ATMO

SPRECHERIN ZITAT
Die Wahrheit ist: Diese Geschichte besteht nur aus Geschichten, losen Fäden, Flicken, die hier und da entdeckt und zusammengenäht wurden zu etwas Neuen. Was ich nicht wusste, habe ich übertrieben, denn ich wollte die Tradition meiner Familie bewahren, hilfreiche Lügen zu erzählen. Falls ich beim Erfinden gelegentlich auf die Wahrheit gestoßen bin, perdónenme.
Sandra Cisneros

Flaco Jimenez: Juarez (arr. L. Jimenez) Track 10, 4 :08
CD Accordion Conjunto Champs of Tejano and Norteno Music, Arhoolie 342