This Ain’t a Man’s World

SFB/ ORB radio kultur
Zeitpunkte

Der dunkelrote weiche Samtpulli der Kollegin stach mir sofort in die Augen, das wäre doch genau das richtige Geburtstagsgeschenk für meine Liebste.
Ich müßte in die Friedrichstraße, so wurde ich belehrt, dort habe nämlich ein absolutes Luxus-Kaufhaus eröffnet, der Spleen einer gelangweilten Unternehmers-gattin.

Leider hatte ich mir die Adresse nicht gemerkt, wo sollte ich hin, in den Block 218 oder war es der Block 280? Ich wollte gerade schon die Suche aufgeben, da sah ich die feinen, schwarzen Lettern an einer makellosen Glastür. Unten ein Seifen- und Parfümshop und im ersten Stock lagen vereinzelte Damenoberbekleidungsteile. Preisschilder konnte ich keine entdecken, oder die Anhänger waren dezent im Ärmel oder in einer Falte verborgen. Kaum hatte ich allerdings die Räume betreten, fiel mir auf, daß ich fehl am Platz war. Ich trug die falsche Kleidung, ich hatte das falsche Geschlecht. Eine junge Frau schwebte heran, ganz in blond und schwarz, und musterte mich diskret. Meine Frage konnte sie ohne Umschweife beantworten::
„Nein, Samtpullis für Damen führen wir nicht.“
„Das ist hier doch das Geschäftshaus, das einer Münchener Unternehmersgattin gehört?“
Ein vernichtender Blick. „Mit München haben wir nichts zu tun.“
Immerhin zog sie zwei weitere – ebenfalls blond-schwarze – Verkäuferinnen zu Rate, die jedoch alle noch nie in ihrem Leben etwas von einem dunkelroten Samtpulli mit Rollkragen gehört hatten. Auch die Abteilungsleiterin nicht, deren Blick zuerst eine Weile nachdenklich auf meinen Tennis-Schuhen geruht hatte.
„Und sehen Sie, das ist der einzige Samtpulli, den wir haben, er ist beige und aus Pan-Samt.“
„Aus Pan-Samt?“
„Ja, reiner Pan-Samt.“
„Was bedeutet Pan?“
„Das kann ich Ihnen leider auch nicht sagen.“
Und damit geleitete sie mich freundlich und bestimmt zum Fahrstuhl. Dort, im großflächigen Spiegel, erkannte ich, daß die junge Frau wohl recht hatte, mich schnell zu verabschieden. Ich paßte nicht in dieses Haus, zumindest nicht ins erste Stockwerk.
Was nun? Ich schlich unentschlossen an der Fassade entlang und redete mir Mut zu. Dann betrat ich das Geschäft noch einmal, diesmal von der Männerbekleidungsseite aus, hoffend, ich würde in der Damenabteilung nicht sofort bemerkt. Und wirklich, es gelang mir. Verzweifelt schüttete ich mein Herz einer weiteren Verkäuferin aus. Sie war rothaarig, das machte mir Mut.

Leider holte die einfühlsame Verkäuferin sich nun erst einmal Rat bei der kleinen Gruppe von Kolleginnen, die mich sofort wiedererkannten. Nun fing die Pein erst richtig an:
„Wer hat Sie denn hierher geschickt?“
„Dürfte es denn nicht auch ein Gürtel sein?“
„War es vielleicht kein Pulli sondern ein Schal?“
„Wissen Sie, die neue Mode, da vertut man sich als Mann sehr schnell.“
Die Frauen dufteten verführerisch, und ich stand da wie ein Tölpel.
„Hatte der Pulli einen Reißverschluß hinten?“
„Ja, ja!“ rief ich befreit.
„Ach so,“ lachte die Abteilungsleiterin kurz auf, „Sie meinen die Rollkragenpullis der Herbstkollektion. Das war ein einmaliges Angebot, die führen wir schon lange nicht mehr.“
Besiegt, aber nicht vernichtet, so verließ ich den ersten Stock. Im Erdgeschoß erstand ich ein Geschenkpaket mit drei Stück Seife. Es kam im Preis dem günstigen Pulli sehr nahe. Doch das war ich mir einfach schuldig.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>