Wir spielen Verstecken

Wenn Lena und ich mit unseren Eltern in das Ferienhaus nach Stipshausen fahren, bekommen wir dort oft Besuch. Manchmal kommen Freunde von Mama und Papa und verbringen ein Wochenende mit uns allen. Das sind meist Leute aus der Stadt, die keine Ahnung haben, wie eine Nacktschnecke aussieht, oder wie man Heuhüpfer fängt. Für Lena und mich sind solche Sachen natürlich reine Kinderspiele. Pipifax sagt Lena dazu, weil sie ja ganz oft schon Heuhüpfer mit der Hand gefangen hat oder Nacktschnecken in Gläser mit Salat hat kriechen lassen.

Am Sonntag kamen Ute, ihr Freund Jens mit ihren Kindern, den Zwillingen. Ute arbeitet in einem Buchgeschäft und das hat einen großen Vorteil. Sie bringt immer die neuesten Kinderbücher mit, die sie alle selbst liest.

“Und warum?” fragte Lena.

“Wenn die Kunden mich fragen, muß ich ihnen sagen können, was sie kaufen sollen,” erklärte ihr Ute. “Da kommt zum Beispiel jemand zu uns in den Buchladen und sagt: Können Sie mir ein Geburtstagsgeschenk für mein Patenkind raten, sie wird nächste Woche sechs? Dann muß ich ihn beraten, sonst kauft er ein Karl May Buch.”

“Und wieso nicht?” empörte ich mich, denn ich las gerade mein fünftes Karl May Buch, und ich konnte mir nicht vorstellen, daß jemand nicht von Old Shatterhand, Old Firehand und Winnetou begeistert war.

“Sechsjährige Mädchen lesen bestimmt nicht so gerne Karl May Romane wie Jungen in deinem Alter, Thomas.”

“Das stimmt überhaupt nicht,” widersprach Lena ganz aufgeregt. “Thomas hat mir ein Stück vorgelesen aus diesem Karl May und mir hat das gefallen, besonders die Schwester von Winnetou fand ich toll.”

Bevor der Streit sich ausweitete, schlug Ute ihnen vor, sich die Neuerscheinungen anzusehen. Allerdings nur, wenn sie sich vorher die Hände waschen würden, mit Seife. Denn diese Bücher bringt Ute wieder zurück in ihr Geschäft, und die anderen Kinder würden sich ja bestimmt ganz schön beschweren, wenn das Buch, das sie zum Geburtstag geschenkt bekommen, egal ob es ein Karl May Buch ist oder Hanni und Nanni, vorn und hinten rote Flecken hat. Flecken von Himbeermarmelade. Sie hatten nämlich gerade alle Butterbrot mit selbstgemachter Himbeermarmelade gegessen.

Ute und Jens haben zwei Kinder, die werden immer nur “Die Zwillinge” genannt. Sie haben auch richtige Namen, nämlich Sascha und Kolja. Da sie sich aber so ähnlich sehen, können nur ihre Eltern und ihre besten Freunde sie auseinanderhalten. Alle anderen Leute sagen immer nur: Ah, da sind ja die Zwillinge.

Zuerst schauten sie sich also zu viert neue Kinderbücher an, bis Lena sagte: “Und jetzt habe ich Lust, Verstecken zu spielen.” “Jawohl!” riefen die Zwillinge sofort, weil sie immer alles zusammen sagen mußten. Ich hatte zuerst keine Lust, ich wollte noch etwas weiterlesen, als sie mich aber immerzu nervten und abkitzelten gab ich nach.

“Du hast ja ganz rote Backen, vor lauter Lesen,” stichelte Ute, “ist das Buch so spannend?” Ich sparte mir eine Antwort, denn ich konnte mir nicht vorstellen, sie wüßte, wer General Custer war und wie er den großen Indianerhäuptling Sitting Bull besiegt hatte.

“Nicht schlecht, das Buch,” sagte ich beim Hinausgehen, “kannst du gut jemand verkaufen, der einen Jungen in meinem Alter hat.”

In Stipshausen kann man besser Verstecken spielen als irgendwo sonst auf der Welt. Hier hätte Custer die Indianer nie besiegt, Sitting Bull hätte sich wochenlang vor Custer verstecken können. Man hat das ganze Haus zur Verfügung, mit Keller, man kann in die große Scheune gehen, im Garten finden sich unschlagbare Verstecke und wenn alles nichts nützt, kann man sogar ins Backhaus kriechen. Im Backhaus haben die Bauern, denen das Haus früher gehörte, ihr Brot gebacken. Das ist allerdings schon eine ganze Weile her. Schon seit langem hat niemand mehr die beiden Öfen angefeuert. Die Wände sind allerdings noch ganz schwarz von Ruß, und mit etwas Ruß muß man also schon rechnen, wenn man hineinkriecht. Manche Erwachsene, eigentlich sogar die meisten, können es nicht ausstehen, wenn Kinder Ruß an den Händen, im Gesicht oder am Pullover haben. Dabei wird der Ruß immer weniger, auch ohne Waschen, man muß nur lange genug warten. Viele Eltern scheinen einfach ungeduldig zu sein.

Bevor wir mit dem Spielen anfangen konnten, mußten wir erst einmal auszählen. Wir stellten uns in einem Kreis auf und Lena begann. Sie zeigte zuerst auf ihre Schuhe und dann auf die der anderen und sagte dabei:

“Trumpf.

Zwischen euch beiden,

Muß ich entscheiden,

Wer die letzte Zahl hat,

Darf nicht traurig sein.”

Jetzt zählte sie noch bis fünf, und Nummer fünf war Sascha. Sascha mußte suchen. Wir anderen drei rannten weg, so schnell sie konnten.

Sascha drehte sich mit dem Gesicht zur weißgekalkten Wand der Scheune, hielt sich mit der rechten Hand die Augen zu, mir schien es allerdings, daß er zwischen den Fingern noch etwas hindurchschauen konnte und sagte, so schnell er nur konnte:

“Eins, zwei, drei, vier, Eckstein,

Alles muß versteckt sein.

Vor mir,

Hinter mir,

Darf keiner sein.”

Als er fertig war, rief er laut: “Ich komme!”, und drehte sich blitzschnell um. Da sah er gerade noch seinen Zwillingsbrunder um die Ecke der Scheune laufen. Kolja hatte viel zu lange gebraucht hatte, um sich für ein Versteck zu entscheiden, sein Pech.

“Kolja, der gerade hinter der Ecke vom Backhaus verschwindet!” freute sich Sascha. Es war wichtig zu sagen, wo man jemand gesehen hatte, sonst galt es nicht. Manche riefen nämlich einfach einen Namen, irgend einen Namen, ohne überhaupt zu wissen, wo das Versteck ist. “Kolja, der gerade hinter der Ecke vom Backhaus verschwunden ist,” rief Sascha also noch einmal, und Kolja kam mit mißgelauntem Gesicht zurück, er machte ganz kleine Schritte. Aus Trotz, und weil er wütend war. Nun konnte er nur noch hoffen, von Lena oder mir befreit zu werden.

Seinen Bruder hatte Sascha also schnell gefunden, bei Lena und mir brauchte er viel länger. Wir kannten sich in Stipshausen einfach zu gut aus. Blitzschnell waren wir in Verstecke verschwunden, auf die so schnell keiner kam. Lena war auf den Nußbaum geklettert, wo sie vor allen Blicken sicher sein konnte. Ich war in die Scheune gerannt und verbarg mich hinter dem großen Holzstoß. Ich konnte Lena von meinem Versteck aus durch die offene Scheunentür sehen. In unserem Haus in Stipshausen gibt es ja keine Heizung, dort müssen wir im Winter mit Holz und Briketts oder Kohle die Öfen heizen. Vor kurzem hatten unsere Eltern beim Förster Holz bestellt. Gestern, am Samstag, hatte Bauer Sauer, unser Nachbar, Zeit gefunden, das Holz mit seinem Trecker aus dem Wald zu holen. Er hatte die Ladung vor das Küchenfenster gekippt, und nachmittags mußten alle mitanpacken beim Aufschichten. Die Stämme wurden mit der Holzsäge kleingeschnitten und wir trugen die Holzscheite in die Scheune und stapelten sie zu einem großen Haufen. Dahinter also versteckte ich mich.

Als ich schon eine Weile ganz nahe an den Scheiten gekauert hatte, stellte ich plötzlich fest, wie gut das Holz roch. Frisch und duftend. Ein besonders großes Stück war auf einer Seite mit einer dicken Schicht aus Moos bedeckt. Ich schnupperte an dem dunklen, feuchten Grün, um möglichst viel von dem eigentümlich modrigen Waldgeruch in die Nase zu bekommen.

“Huch!” enfuhr es mir plötzlich, als ich den kleinen Käfer bemerkte, der geradewegs vom Moos auf meine Nase klettern wollte. Dieser Ausruf verriet mich, denn Sascha hatte gerade in dem Augenblick seinen Kopf zur Scheunentür hereingesteckt. Als letzte wurde Lena gefunden, der es zu langweilig geworden war und die mit kleinen Stöckchen, die sie von einem Ast abbrach, nach Sascha geworfen hatte.

Danach gab es beinahe Geschwisterstreit. Zwillingsstreit. Eigentlich war Kolja als nächster dran zu suchen. Der weigerte sich aber und behauptete, sein Bruder hätte sich zu früh herumgedreht.

“Habe ich nicht!”

“Hast Du doch!”

“Idiot”

“Selber!”

Bevor sich die Zwillinge wirklich in die Haare kriegen konnten, schlug Lena vor, noch einmal neu auszuzählen. Alle stimmten zu und diesmal begann ich:

“Ene, mene, miste,

Es rappelt in der Kiste.

Ene, mene, meck,

Und du bist weg.

Weg bist du noch lange nicht,

Sag mir erst, wie alt du bist.”

Ich deutete auf Sascha und der sagte: “Sieben.”

Jezt konnte ich weiter abzählen.

“Sieben ist keine ganze Zahl,

Sag mir erst dein Liebgemahl.”

Mein Finger zeigte auf Lena. Sie zierte sich etwas, dann sagte sie tapfer: “Kolja.”

“Ha, Ha,” lachte ich hinterhältig, denn ich wußte ja, wie es weiter ging:

“Kolja hat ins Bett geschissen,

Gerade aufs Paradekissen.

Mutter hat´s gesehen,

Und du mußt gehn.”

Kolja wurde beinahe sauer deswegen, vielleicht war es aber nur gespielt, und er schämte sich etwas, daß Lena gesagt hatte, er sei ihr Liebgemahl. Oder er war stolz darauf, und wollte es nur niemand zeigen. Lena sagte, “Na gut, dann bin ich eben dran.” Und wie der Blitz waren wir anderen verschwunden.

Um Sascha zu finden brauchte Lena nicht lange. Sein gelbes T-Shirt leuchte hinter der Brombeerhecke am Zaun hervor. Zum Glück hatte sie sich gemerkt, wer von den Zwillingen ein gelbes und welcher ein grünes T-Shirt trug, sonst hätte sie nicht gewußt,wer das hinter der Hecke da war. Sie hätte bestimmt den falschen Namen gerufen.

Für mich brauchte sie leider auch nicht viel länger. Ich hatte den großen Schubkarren umgekippt und mich darunter gelegt. Nur hatte ich anscheinend vergessen, daß ich seit letztem Jahr gewachsen war, mein linker Fuß schaute noch hervor. Aber wo war Kolja geblieben? Lena suchte im Haus – nichts. In der Scheune, hinter dem aufgeschichteten Holzstoß, hinter der Leiter, – nichts. Im kleinen Kohleverschlag – nichts. In die dunkle Ecke dort drinnen, wo die alten Fenster und Türen lagerten, und wo Spinnen riesige Netze gesponnen hatten, traute sie sich nicht. Sie mochte nicht dieses Gefühl, wenn man mit der Hand ein Spinnennetz zerreißt, oder wenn man mit den Haaren in solch ein Netz kommt. Kolja hätte sich aber bestimmt auch nicht dahin getraut, da war ich ziemlich sicher. Was blieb also noch übrig? Das Backhaus? Fehlanzeige. Der Garten? Er war nicht zu sehen.

“Wo kann Kolja nur sein?”

Sascha und ich, wir wußten ja, wo Kolja steckte, wir fingen schon an zu feixen: “Den findest du nie im Leben. Gib auf.”

Das spornte Lena nur noch mehr an. Sie regte sich immer auf, wenn ich mit anderen Jungs zusammen, sie etwas hänselte. Jetzt wollte sie es uns zeigen. Ganz, ganz langsam ging sie durch den Garten und schaute hinter jede Hecke. Da bewegte sich Kolja, nur ein ganz wenig, und sie mußte es aus den Augenwinkeln bemerkte haben. “In der Hängematte!” rief sie triumphierend, “Kolja, unter dem bunten Badetuch, in der Hängematte.” Eine tolle Idee, das gab sogar Lena zögernd zu. Kolja hatte sich in die Hängematte gelegt und ich hatte ihn mit einem riesigen Badetuch zugedeckt.

Nun war Sascha dran mit Suchen. Leider war er heute ein richtiger Spielverderber. Er machte eine Katzenwache. Keine zwei Schritte bewegte er sich von der Stelle. So konnte er keinen fangen, und niemand konnte befreit werden. Es war einfach langweilig. Ich kroch aus dem Backhaus heraus, in dem ich mich versteckt hatte, und verkündete, ich wolle nun wieder lesen.

“Oder wir suchen Schnecken,” schlug Lena vor.

“Nacktschnecken?” fragten wie aus einem Mund die Zwillinge. Man konnte ihren Gesichtern ablesen, daß sie sich vor Nacktschnecken ekelten.

“Jawohl, Nacktschnecken,” bestimmte ich, und dabei tat ich, als habe ich nicht bemerkt, daß Sascha und Kolja sich schüttelten.

Lena schubste mich an und flüsterte: “Du Angeber. Erinnerst du dich an die Geschichte mit der Maus neulich?”

“Na gut,” gab ich großzügig nach, “dann suchen wir andere Schnecken.”

“Richtige Schnecken?” fragte Sascha. “Mit Häusern?” wollte Kolja ganz sicher gehen.

“Ja, ja. Schnecken mit Häusern,” versicherte ich großzügig. Und dann zogen wir alle vier los, in Richtung Johannisbeersträucher. Denn dort konnte man die besten Schnecken finden. Vor allem Nacktschnecken.

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