Milch von Bauer Sauer

Unser Nachbar in Stipshausen heißt Sauer, und von Beruf ist er Bauer. Lena macht sich immer lustig über seinen Namen. Bauer Sauer, sagt sie dann, kichert ganz laut und wiederholt es immer wieder: Bauer Sauer! Bauer Sauer! Einmal wurde ich ganz wütend und sagte Lena-Bena! Lena Bena! zu ihr. Das wollte sie gar nicht hören. Sie zog mich an den Haaren und das tat so höllisch weh, daß ich sie dafür in den Arm kneifte. Schließlich kam Mama und wollte wissen, was das für ein Geschrei sei. Ich erklärte ihr, daß Lena sich über den Namen von Bauer Sauer lustig gemacht hätte, und daß ich danach ihren Namen durch den Kakao gezogen hätte. Das mit dem Kakao verstand Lena nicht, so daß sie gleich wieder anfangen wollte, mich zu ärgern. Mama drohte, wir würden nichts von der Nachspeise, vom Schokoladenpudding, bekommen, wenn es so weiterginge. Mir war das ziemlich egal, weil ich viel lieber Karamelpudding esse, für Lena wäre das aber eine echte Strafe gewesen, denn Schokoladenpudding ist ihre Lieblings-Nachspeise.

“Statt euch zu streiten, solltet ihr lieber zu unserem Nachbarn gehen und frische Milch holen.” Ich hatte bemerkt, daß Mama “unser Nachbar” sagte und nicht “Bauer Sauer”. Sie wußte wohl genau, daß Lena wieder angefangen hätte. Na ja, jedenfalls fanden wir beide, es sei eine gute Ideee, Milch beim Bauern zu holen.

Nun muß ich erklären, daß an der Hautpstraße, weiter oben, ein kleiner Laden ist. Ein Laden, in dem alles zu kaufen gibt. Ich meine wirklich alles. An der Kasse steht Frau Astheimer, und wenn man ihr, mitten im Hochsommer, sagt, man hätte gern schwarze lange Schnürsenkel für Winterschuhe, überlegt sie nur ganz kurz und verschwindet dann in irgendeiner Ecke ihres Ladens. Und wenn sie wieder auftaucht, hat sie tatäschlich schwarze Schnürsenkel in der Hand. Lange, schwarze Schnürzsenkel. Alles, was man sich nur ausdenken kann, verkauft Frau Astheimer, Sicherheitsnadeln, Puderzucker oder Kniestrümpfe. Und Milch natürlich auch. Aber eben keine frische Milch, die bekommt man nur bei Bauer Sauer, unserem Nachbarn. Im Sommer, wenn wir im Freien frühstücken, kann man es immer deutlich riechen, daß der Stall direkt neben unserem Haus steht. Im Grunde könnte ich auch sagen es stinkt. Aber dann würden alle Leute denken, ich hätte etwas gegen die Kühe in der Nachbarschaft. Das wäre völlig falsch. Denn sonst bekämen wir ja keine frische Milch.

Lena und ich nahmen also die große Milchkanne, die im Küchenschrank steht, und da begann der Streit schon wieder. Natürlich wollte ich die Milchkanne tragen, schließlich hatte ich sie aus dem untersten Gefach im Schrank herausgeholt. Doch jetzt fing Lena gleich wieder an zu motzen. Sie wolle die Kanne tragen, immer wollte ich alles für mich haben. Mama schlichtete, sie schlug vor, Lena sollte die Kanne auf dem Hinweg tragen, und nachher, wenn die Kanne voll wäre, sollte ich sie tragen. So machten wir es auch. Als wir schon losgegangen waren, fiel mir ein, daß wir das Geld vergessen hatten. Ich raste zurück, um Mamas Geldbeutel zu holen. Lena versuchte, sich in der Zwischenzeit zu verstecken, leider hatte sie nicht an die Milchkanne gedacht, sie schaute ein Stück hinter der Hausecke hervor, so daß ich sie gleich entdeckte. Ich wollte sie gerade erschrecken, als neben mir, auf der Straße, ein Auto plötzlich ganz laut hupte. Ich fuhr zusammen. Es war der Sohn des Bauern, der mich erkannt hatte und nun hinter der Scheibe laut loslachte über mein erschrockenes Gesicht.

Es ist komisch, der Sohn von Bauer Sauer fährt ständig mit dem Auto. Seinen Vater sieht man nie in einem Auto, immer nur auf dem Traktor. Der junge Bauer aber scheint den Traktor nicht zu mögen. Wenn er auf das Feld fährt, um seinem Vater zu helfen, die Ernte einzubringen, oder auch wenn er einen Zaun ausbessern muß. nimmt er seinen klapprigen alten Opel. Mit ihm fährt er über die aufgeweichten Feldwege und sogar quer über die Weide.

“Ach, die Stadtkinde holen Milch,” ertönte nun eine Stimme von oben. Das war die Frau von Bauer Sauer, die aus dem Fenster schaute. Wahrscheinlich hatte sie das laute Hupen gehört und wollte nachschauen, wer das so einen Lärm machte. Ich hatte einmal gehört, wie Papa sagte: “Frau Sauer kommt noch einmal um vor Neugierde.” Und ich glaube, das stimmt. Sie will immer alles wissen. Jetzt fragte sie Lena gleich: “Sag´ mal, habt ihr denn Besuch? Da steht ein anderers Auto vor eurer Tür?” Und bevor ich eingreifen konnte, hatte Lena schon geantwortet. “Nein, das gehört dem Opa. Wir haben das nur geliehen. Opa will es wieder zurück haben.”

“Ach, und ich dache schon, der Opa hätte euch den Mercedes geschenkt.”

Ich knuffte Lena ganz leicht in die Seite, daß sie endlich ruhig sein sollte, und sagte ganz freundlich: “Wir sollen einen Liter Milch holen.” Nun ist Frau Sauer zwar ziemlich neugierig, sie ist aber auch sehr freundlich. Sie kam sofort herunter und ging mit uns in das Zimmer, wo die Milch in einem großen Kessel gesammelt wird.

Letztes Jahr hatte mir der Bauer genau erklärt, wie gemolken wird. Es geht nämlich so: Die Kühe stehen alle nebeneinander im Stall. An den Balken, die ihre Boxen voneinander trennen, laufen dünne, durchsichtige Plastikschläuche nach oben. Am unteren Ende der Schläuche sind kleine Aufsätze, die bekommen die Kühe an ihre Euter geklemmt.

“Das tut den Kühen gar nicht weh,” meinte der Bauer auf meine besorgte Frage. “Es ist nur so, wenn der Strom einmal ausfällt, und wir mit der Hand melken müssen, dann klappt das nicht mehr.”

“Wieso denn?” wollte ich wissen, denn ich hatte in einem Buch gelesen, daß die Kühe früher immer mit der Hand gemolken wurden.

“Na ja, das ist ganz einfach,” sagte Bauer Sauer und er mußte dabei lachen, “die Kühe sind keine Hände mehr gewöhnt, und sie sind am Euter sehr empfindlich. Wahrscheinlich kitzelt es die Kühe, wenn sie mit der Hand gemolken werden. Sie geben auf jeden Fall keine Milch.”

Ob das mit dem Kitzeln stimmt, weiß ich nicht, dann müßten die Kühe ja auch lachen. Jedenfalls konnte ich sehen, daß es den Kühen überhaupt nichts ausmacht, elektrisch gemolken zu werden. Die Schläuche baumeln an ihren Eutern und sie fressen seelenruhig weiter, kümmern sich überhaupt nicht darum, was mit ihnen geschieht. Da die Milch ganz weiß ist, sieht man, wie sie durch die Plastikschläuche läuft. Erst hoch zu den Querbalken, dann verschwinden die Schläuche in einem Loch in der Wand. Dahinter liegt das Zimmer mit dem großen Kessel. Es riecht immer säuerlich, obwohl alles ganz sauber und geputzt aussieht. Ein Motor brummt leise, und man wagt sich gar nicht, einfach in das Zimmer hineinzugehen.

Lena und ich blieben deshalb lieber an der Tür stehen und sahen zu, wie Frau Sauer einen kleinen Hahn am Kessel aufdrehte und uns Milch in unsere Kanne abfüllte.

“Wo habt ihr denn den Deckel?”

Den hatten wir natürlich vergessen.

“Na, es ist ja nicht weit, wird schon gutgehen,” sagte die Bäurin.

Auf dem Nachhauseweg zeigte ich Lena einen Trick, den mir Papa beigebracht hat. Früher, als er klein war, gab es keine Milch in Flaschen oder Kartons. Er mußte fast jeden Tag zu einem Milch- und Käsegeschäft laufen, um frische Milch zu holen. Und damit es nicht so langweilig wurde, hatte er sich etwas ausgedacht. Ich führte es Lena vor. Man muß den Arm ganz steif halten, dann fängt man an, Schwung zu holen. Wenn man genügend Schwung hat, kann man ganz große Kreise drehen, man schlenkert die Kanne so schnell man kann, so daß sie kurz, aber wirklich nur ganz kurz, sogar auf dem Kopf steht – und trotzdem bleibt die Milch in der Kanne. Ohne Deckel.

Lena war ganz begeistert, und sie wollte natürlich auch sofort üben. Das hätte beinahe den schönsten Streit gegeben, denn ich konnte ihr unmöglich die Kanne geben. Sie war einfach noch zu klein für solche Tricks.

“Lena,” sagte ich, “laß uns erst schnell nach Hause gehen. Mama braucht die Milch für den Schokoladenpudding. Sie wartet bestimmt schon.”

Das Wort Schokoladenpudding wirkte, es war eine Art Zauberwort.

Später haben wir im Garten geübt. Mit Wasser. Und ich war wirklich froh, daß Lena nicht mit der Milch in der Kanne geschleudert hat, sonst hätte es bestimmt keine Nachspeise gegeben. Und so schlecht schmeckt Schokoladenpudding nun doch nicht.

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