Lena macht ihren Freischwimmer

Die Sommerferien waren schon zur Hälfte herum, als Lena eines morgens sagte: “Wenn ich wollte, könnte ich meinen Freischwimmer machen.”

“Dann will doch mal”, sagte ich sofort.

“Na, na, du kleiner Angeber”, unterbrach mich Papa, der immer meinte, Lena vor mir in Schutz nehmen zu müssen.

“Lena hat ja noch nicht einmal ihr Seepferdchen”, triumphierte ich.

Das war zuviel, jetzt wurde Lena wütend.

“Von wegen, das Seepferdchen habe ich wohl. Schon ganz lange. Und zwar hab ich das gemacht, als ich sechs war.”

“Du bist ja immer noch noch sechs.”

“Bin ich nicht mehr.”

“Bist du doch.”

“Gar nicht wahr. Ich bin sechseinhalb.”

“Stop!” rief Papa und im gleichen Augenblick kam Mama in die Küche, noch ziemlich verschlafen, und fragte: “Warum schreit ihr denn alle so?”

Papa und Lena versicherten, sie schrien überhaupt nicht, und ich bot Mama an, ihr vorzuführen, wie richtiges Schreien geht. Sie wollte das aber leider nicht hören.

“Ihr hättet ruhig mit dem Frühstück warten können”, sagte Mama vorwurfsvoll und wir schauten alle ziemlich betreten auf unsere Teller, die voller Krümel waren.

“Wir wollten nur mal probieren, ob die Hörnchen gut sind”, fiel Lena ein.

Das war so ziemlich die dümmste Ausrede, die es gibt, denn die Hörnchen in Stipshausen, wo wir unser Ferienhaus haben, sind immer gut. Es sind wahrscheinlich sogar überhaupt die besten Hörnchen auf der Welt, vor allem die gefüllten. Leider weiß man nie vorher, wenn man ins Geschäft von rau Astheimer kommt, ob sie noch welche hat. Wenn nicht, muß man ungefüllte Hörnchen kaufen. Um ganz ehrlich zu sein: Die sind auch nicht schlecht – nur, sie haben eben keine Füllung.

Heute morgen waren Lena und ich zusammen einkaufen gegangen und hatten Hörnchen geholt, gefüllte und ungefüllte, und auch noch andere Brötchen, alles hätte sehr friedlich sein können, wenn dieser Streit mit dem Schwimmen nicht gekommen wäre. Lena hatte sich auf ihrem Stuhl herumgedreht, damit sie mich nicht ansehen mußte, und schaute zum Fenster hinaus. Ich sah auch gerade hinaus, und draußen fuhr gerade Bauer Sauer vorbei, unser Nachbar in Stipshausen. Er saß auf seinem Traktor und war wohl unterwegs zu seinem Feld. Ich hätte gern gesagt: “Schau mal Lena, Bauer Sauer, sollen wir ihn fragen, ob er uns morgen noch einmal mitnimmt auf seinem Traktor?”

Das ging jetzt nicht, so wie Lena guckte, und ich wollte nicht jedes Mal der erste sein, der nachgibt. Alleine hatte ich allerdings auch keine Lust zu Bauer Sauer rauszurasen. Der würde dann nur wieder fragen: “Und wo ist deine kleine Schwester, hatte sie keine Lust mitzukommen?”

Mitten in diese düsteren Gedanken platzte Papa mit einem Vorschlag: “Es sieht zwar so aus, als ob wir heute noch Regen bekämen, ich schlage aber vor, wir gehen trotzdem ins Schwimmbad. Dann kann Lena ihren Freischwimmer machen.” Und mit einem Seitenblick auf Mama fügte er noch hinzu: “Ins Wasser müssen ja nur die gehen, die wirklich Lust haben.”

Dazu muß man wissen, daß Mama sehr gern schwimmt, aber wenn es kühl ist, braucht sie immer eine Weile, bis sie endlich im Wasser ist. Und Papa macht sich dann jedes Mal über sie lustig.

Lena war so verblüfft über den Vorschlag, daß sie sich an ihrem Kakao verschluckte und erst einmal furchtbar husten mußte. Ich beugte mich zu ihr hinüber und klopfte ihr ganz leicht auf den Rücken, damit sie nicht dachte, ich wollte sie hauen, und sagte: “Wir müssen uns beim Schwimm Meister anmelden, sonst nimmt er die Prüfung nicht ab.”

“Ach was,” winkte Papa ab, “bei dem regnerischen Wetter wird kaum jemand im Schwimmbad sein. Der gute Mann wird sich freuen, wenn er etwas Abwechslung hat.”

“Dann friert es ihn auch nicht so sehr,” sagte Mama und schüttelte sich leise.

Gesagt, getan, zwei Stunden später standen wir alle am tiefen Becken. Die ganze Familie, der Schwimm Meister, und dazu noch zwei Zuschauer, zwei ältere Frauen aus Braunen, die gerade ihre Gesundheitsrunden geschwommen waren.

“Also, dann zeig mal, was du kannst,” munterte der Bademeister Lena auf, und die hopste einfach ins Wasser. Ich pfiff anerkennend durch meine Zahnlücke. Nicht schlecht. Das mußte sie mit ihrer Freundin im Hallenbad gelernt haben, ich hatte es jedenfalls noch nie gesehen bei ihr. Es war zwar kein ganz echter Kopfsprung, mehr ein Bauchplatscher, doch immerhin, sie war gesprungen. Letztes Jahr war sie immer noch an der Leiter ins Wasser geklettert, und hatte geschrien, wenn ich sie nur ein bißchen naß spritzte. Lena schwamm also los, eine Runde nach der anderen. Sie machte keine Pause, sie hielt sich nicht am Beckenrand fest – was man ja nicht darf, wenn man seinen Freischwimmer machen will – sie schwamm immer weiter. Ohne Pause.

Nach fünf Minuten schaute der dicke Bademeister auf seine Uhr und verkündete laut, so daß Lena es auch hören konnte, “Noch zehn Minuten!” Papa und Mama feuerten Lena an und die beiden alten Frauen nickten einander zu. “Nein, diese Mädchen heutzutage. Hättest du dich das damals getraut, Else? ” Und Else schüttelte verneinend den Kopf. “Das holen wir heute alles nach, nicht wahr, Friede?” Und Friede war auch ganz ihrer Meinung. Mama, die über ihren Badeanzung noch einen Pullover gezogen hatte, schaute den Bademeister fragend an: “Ist denn das Wasser auch warm genug?” Der konnte ihr keine Antwort geben, weil er immerzu auf seine Uhr sehen mußte. Er tat so, als sei er die wichtigste Person bei der ganzen Sache.

Und Lena schwamm und schwamm. Manchmal, so schien es mir, grinste sie sogar, wenn sie an uns vorbeikam. “Na warte nur,” knurrte ich dann, “das dicke Ende kommt noch.” Ich wußte nämlich genau, daß sie eine Sache immer noch nicht gut konnte. Lena haßte es, die Augen unter Wasser aufzumachen. Sie beschwerte sich immer, daß das Chlor in ihren Augen brannte.

“So,” sagte der Bademeister nachdem die fünfzehn Minuten um waren, “das war der erste Teil. Den hast du bereits bestanden. Und wenn du den zweiten Teil auch so gut machst, dann kann dir deine Mama heute noch das Freischwimmerabzeichen am Badeanzug annähen.”

“Sie muß einen Ring hochholen, vom Boden des Beckens,” erklärte der Bademeister gerade den beiden alten Frauen. Lena schluckte, dann nickte sie tapfer. Der Bademeister warf den Gummiring ins Wasser, wartete bis er langsam auf den Boden des Beckens getrudelt war und sagte dann: “Jetzt zeig uns mal, was du kannst.”

Lena sprang ins Wasser, tauchte ganz tief hinunter – und kam ohne den Ring zurück.

“Du mußt auch schon hinschauen, wo der Ring liegt,” meinte der Bademeister. Doch der hatte gut reden, er hatte seinen Freischwimmer ja schließlich schon. “Die Kleine muß wohl noch etwas üben,” sagte er halblaut zu Papa. Der schaute ihn grimmig an und schwieg. Mir ging er allmählich auch auf die Nerven. Der sollte sich nur nicht so anstellen. Wahrscheinlich kam er nur auf den Boden runter, wenn er Sauerstoff Flaschen auf dem Rücken hatte.

Beim zweiten Versuch kam Lena wieder ohne den Ring zurück. Sie sah aus, als mache ihr das gar nichts aus, ich sah aber, daß sie ganz stark die Zähne aufeinanderbiß. “Der letzte Versuch,” verkündete der Bademeister unbarmherzig.

Da hatte ich plötzlich eine Idee. Ich rannte zuerst zu Lena und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Dann ging ich zum Bademeister und fragte, ob ich den Ring diesmal werfen könnte. “Na meinetwegen,” knurrte dieser und sah mich mißtrauisch an.

Ich holte weit aus und warf den Ring ziemlich hoch in die Luft. Ins Wasser fiel er aber ganz nahe am Beckenrand und dort sank er auch auf den Grund. Das war nämlich so mit Lena abgesprochen. Der Bademeister merkte natürlich nichts, er meckerte nur: “Ha, ha, der tollste Werfer bist du auch nicht.”

Lena tauchte, holte den Ring hoch und alle klatschten laut, selbst Friede und Else waren begeistert. Nur der Bademeister blieb still, er fand Beifallklatschen wohl unter seiner Würde.

Danach gingen wir alle ins Wasser und schwammen. Lena mußte Mama zeigen, wie man taucht und weil das so aufregend war, blieben die beiden länger im Wasser als Papa und ich, uns war es zu kühl.

Als mir Lena auf dem Nachhauseweg ihren neuen Freischwimmerpaß zeigte, mit Foto und Stempel, flüsterte sie mir zu: “Das war ein guter Trick von dir. Ich mußte meine Augen überhaupt nicht aufmachen unter Wasser. Ich fühlte nur, wo der Beckenrand war, tastete etwas auf dem Boden herum, und schon hatte ich den Ring. Ganz einfach.”

Ich winkte großzügig ab: “Nicht der Rede wert.” Dann dachte ich nach und sagte: “Wenn du übrigens willst, kannst du heute abend zu Bauer Sauer gehen und ihn fragen, ob er uns morgen ins Feld mitnimmt.”

“Denk mal an,” erwiderte Lena, “diese Idee hatte ich auch schon.”

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