Lena geht einkaufen

Fast zwei Jahre waren wir nicht mehr in Stipshausen. Jedes Mal hatten unsere Eltern eine andere Ausrede gehabt. Einmal hatte Mama keinen Urlaub bekommen, ein zweites Mal mußte Papa irgendeinen Besucher empfangen. Billige Ausreden eben. Nur einmal konnten wir tatsächlich nicht fahren, da hatte Lena Windpocken und mußte die ganze Zeit über im Haus bleiben. Endlich war es wieder so weit. Und was passiert, gleich am ersten Tag: Lena bewies mir, wie schlau sie inzwischen war.

Wir waren gerade in Stipshausen angekommen und hatten noch nicht einmal alle Sachen, alle Rucksäcke, Taschen und Kisten aus dem Auto ausgepackt hatten, da sagte Lena auch schon: “Morgen früh´ gehe ich Brötchen holen.”

Das ist nämlich so. Wer als erster sagt, daß er einkaufen gehen will, ist gut dran. Frau Astheimer, das ist die Frau, der der einzige Laden in Stipshausen gehört, Frau Astheimer ist am ersten Tag immer besonders freundlich. Sie fragt, wie lange wir in unserem Ferienhaus bleiben wollen, wer alles mitgekommen ist und ruft sogar kurz ihre Katze in den Laden. Die darf nämlich sonst nie da rein. Und dann bekommt man auch noch etwas geschenkt. Eigentlich bekommt man immer eine Kleinigkeit, wenn man bei Frau Astheimer einkaufen geht. Papa sagt, das wäre so eine Art Reklame, damit nicht noch mehr Leute aus Stipshausen zum großen Einkaufsmarkt nach Braunen fahren. Uns ist es gleich, warum Frau Astheimer ihre Süßigkeiten verschenkt. Viel wichtiger wäre es, herauszufinden, an welchen Tagen man Schokoladenriegel und an welchen Tagen man Bonbons bekommt. Und manchmal, allerdings ziemlich selten, gibt es sogar Gummibärchen.

Mama behauptet, das hinge von der Höhe der Rechnung ab. Also wenn man wenig kauft, grieft Frau Astheimer in die kleine Kiste mit den Bonbons neben der Kasse. Wenn man viel kauft, sagen wir einmal über 10,00 DM, dann geht sie zum ersten Regal, dorthin wo die Schokoriegel liegen. Aber Mamas Theorie kann nicht stimmen. Ich habe nämlich schon einmal für weniger als 10,00 DM eingekauft und trotzdem eine Schokolade bekommen. Und dann ist da noch etwas, nämlich die Gummibärchen. Es hat noch niemand von unserer Familie herausfinden können, wann es Gummibärchen gibt. Selbst Papa hat es aufgegeben. Zuerst hatte er ja gemeint, die würden von Frau Astheimer nur dann verschenkt, wenn man besonders freundlich ist.

Das stimmt aber auch nicht, und das mußte er auch einsehen. Denn eines Tages waren wir beide, also Papa und ich, bei Frau Astheimer im Laden und sollten Wurst und Käse zum Abendessen einkaufen. Natürlich hat man bei Frau Astheimer keine so große Auswahl wie bei uns in der Stadt. Trotzdem überlegte Papa ziemlich lange. Er schwankte zwischen Gouda und Butterkäse. Dabei wußte ich genau, daß er sich am Ende für Butterkäse entscheiden würde. Denn Lena ißt sonst keinen Käse. Während Papa also noch an der Wurst- und Käsetheke stand, entdeckte ich eine ganz schöne kleine Flasche Ketchup. Papa wollte die nicht kaufen, angeblich hätten wir noch eine große Flasche Ketchup im Kühlschrank stehen. Er wollte noch nicht einmal zuhören, warum ich die so toll fand. Da waren nämlich neue Abziehbilder von Mickey Mouse auf der Rückseite. Jedenfalls wurde ich ziemlich sauer auf ihn, und er auf mich. Ich erklärte ihm, daß ich nie, überhaupt nie mehr, mit ihm einkaufen würde. Und er gab mir zur Antwort, darauf könne er gut verzichten. Er nähme eben in Zukunft Lena mit.

Wenn ich eins nicht leiden kann, dann ist es wenn Papa Lena und mich gegeneinander ausspielt. Deshalb wurde ich nun erst richtig wütend und maulte ganz schön laut. Frau Astheimer stand wie gewöhnlich hinter ihrer Kasse und bekam alles mit. Ja, und trotzdem gab sie mir an diesem Tag einen Beutel mit Gummibärchen. Obwohl ich ganz und gar nicht freundlich war. Ich denke also, es hängt viel eher mit Frau Astheimers Laune zusammen.

Und deshalb war Lena zu beneiden, daß sie morgen früh als erste einkaufen gehen dürfte. Am ersten Tag, wenn sie uns lange nicht gesehen hat, ist Frau Astheimer besonder gut aufgelegt. Und das konnte bedeuten, daß Lena morgen früh Gummibärchen in die Tasche eingepackt bekam.

Vor zwei Jahren war es noch ganz anders. Da durfte Lena noch nicht alleine in den Laden gehen, weil sie noch zu klein war. Sie mußte immer mit mir gehen. Ich gab ihr die Hand und wir marschierten los. Danach teilten wir uns alles.

Als wir damals im Herbst noch einmal für einige Tage kamen, weil Papa unbedingt die Äpfel und Birnen im Garten ernten wollte, da war Lena schon ein bißchen älter. Sie durfte zwar immer noch nicht den ganzen Weg alleine gehen, aber sie getraute sich schonohne Begleitung in den Laden. Mama oder Papa gingen also mit ihr bis kurz vor das Haus, in dem Frau Astheimer ihren Lebensmittelladen hat, dann gaben sie Lena einen kleinen Klaps und sie lief ganz ohne Eltern weiter.

Dieses Jahr durfte Lena also zum ersten Mal den ganzen Weg alleine machen, ohne daß ich oder jemand von den Eltern auf sie aupaßten. Und dann auch noch am ersten Tag, wo es vielleicht Gummibärchen gab.

Am nächsten Morgen war Lena schon ganz früh wach. Sie war ziemlich aufgeregt, galube ich. Mama und Papa schliefen noch, als wir schon hinunter in die Küche gingen. Sie schliefen aber nicht mehr lange. Und das kam so.

Lena und ich, wir wollten jeder unbedingt der erste in der Küche sein und deshalb gar nicht erst unsere Hausschuhe an. Stattdessen wir auf Strümpfen die Holztreppe hinunter. Und da passierte es auch schon. Ich rutsche aus, weil die Holzstufen so glatt gescheuert sind, versuchte mich dabei an Lena festzuhalten. Die rutschte gleichfalls, verlor das Gleichgewicht, weil sie mich nicht halten konnte, und wir purzelten beide die letzten Treppenstufen hinunter. Wir haben uns beide nicht besonders weh getan. Also von mir weiß ich es genau, und von Lena nehme ich es an, wir sind jedoch furchtbar erschrocken, so daß wir beide ein bißchen heulten. Lena ein wenig mehr als ich. Sie ist allerdings auch drei Jahre jünger als ich. Und vielleicht hat sie sich ja tatsächlich auch mehr weh getan. Jedenfalls sind Mama und Papa geschwind aufgestanden und kamen zu uns hinuntergerannt. Übrigens auch ohne Hausschuhe. Sie schimpften ein wenig, wohl einfach so, aus Gewohnheit. Zum lauten Ausschimpfen lohnte es sich nicht, ich glaube dazu waren sie auch zu aufgeregt, oder sie waren noch ein bißchen müde. Lena konnte jedenfalls schon ganz früh losgehen. Und das war gut so. Dann bekam sie bestimmt noch gefüllte Hörnchen und warme Milchbrötchen. Wenn wir später losgehen, sind die Hörnchen ausverkauft und die Bröchen kalt.

Zuerst mußte allerdings ein Zettel geschrieben werden. Das war sehr wichtig. Lena kann nämlich noch nicht sehr gut lesen, so daß sie Frau Astheimer den Einkaufszettel geben sollte. Deshalb mußte alles in Schönschrift aufgeschrieben werden. Das beste in so einem Fall ist es, wenn Mama den Einkaufszettel schreibt. Einmal, da war ich noch kleiner, hatte Papa nämlich die Liste geschrieben, und da konnte Frau Astheimer zwei Sachen nicht richtig lesen. An diesem Tag war ich alleine zum Einkaufen gegangen und ich konnte mich einfach nicht mehr daran erinnern, was Papa geschrieben hatte. Frau Astheimer fragte: “Wollt ihr nun Filtertüten oder Zuckerhüte?” Ich konnte ihr nicht helfen. Bis heute haben wir nun in Stipshausen zwei Dutzend Zuckerhüte, denn Papa wollte eigentlich Filtertüten. Was man mit Zuckerhüten machen soll, weiß niemand von uns so recht.

Mama schrieb also für Lena unsere Bestelltung auf, wobei jeder einen Wunsch äußern konnte. Ich entschied mich für Milchbrötchen und da wollte Lena natürlich auch ein Milchbrötchen. Dann sollte sie noch Milch und Butter mitbringen. Alle anderen Sachen zum Frühstück hatten wir vorrätig, vor allem Marmelade. Natürlich selbstgemachte Marmelade. Aus Johannisbeeren, die hatten Lena und ich im letzten Sommer selbst in unserem Garten gepflückt. Zum mindestens ein kleines Schälchen Beeren. Und der Ehrlichkeit halber muß ich auch zugeben, daß wir mindestens die Hälfte selbst aufaßen, bevor der Rest in den großen Marmeladetopf kam.

Bevor Lena endgültig loslaufen konnte, ermahnte Mama sie noch einmal, sie solle ja auf dem Bürgesteig bleiben – und weg war sie.

Ich half in der Zwischenzeit den Tisch zu decken. Zähneputzen und Waschen verschob ich auf später. Schließlich saßen wir alle am Tisch und warteten auf Lena und die Brötchen.

Doch Lena ließ sich Zeit.

“Die trödelt bestimmt,” beruhigte ich Mama, die schon anfing, sich Sorgen zu machen.

“Nein, Lena geht bestimmt nicht auf die Straße. Nein, man muß auch gar nicht auf die Straße. Man kann bis zum Laden von Frau Astheimer immer auf dem Gehweg bleiben. Nein, als wir letztes Jahr zu zweit gingen, sind wie auf die andere Straßenseite übergewechselt.”

Das und noch vieles mehr mußte ich vorbringen, sonst wäre Mama bestimmt mit dem Auto losgefahren, um nach dem Rechten zu schauen. Lena hätte das bestimmt nicht gut gefunden.

Schließlich konnte ich es nicht mehr aushalten. Die ständige Fragerei meiner Eltern und mein Hunger auf das warme Milchbrötchen trieben mich auf die Straße. Und wen sah ich da? Lena! Sie stand ungefähr vor Bauer Sauers Haustür und kramte in ihrer Tasche. Ich ahnte es schon. Sie hatte wahrscheinlich Gummibärchen bekommen und wollte sie unbedingt aufessen, so daß ich keine mehr davon bekäme. Gemein.

Zum Glück sagte ich das nicht laut, denn als Lena endlich ihre Tasche geleert hatte, stellte es sich heraus, daß ich sie völlig zu Unrecht verdächtigt hatte. Als sie in der Tasche gewühlt hatte, wollte sie nur nachschauen, ob sie auch den Geldbeutel wieder eingesteckt hatte. Sie konnte ihn in der Tasche nicht finden. Was auch keine Wunder war, denn es war ein Umhängebeutel und er hing um ihren Hals.

Warum sie lange gebraucht hatte? Ganz einfach. Da waren wieder einmal mindestens drei Erwachsene gewesen, die sich einfach vorgedrängt hatten. Und wenn nicht Frau Astheimer irgendwann einmal auf Lena aufmerksam geworden wäre, dann hätten wir noch viel länger auf unser Frühstück warten müssen. Ein sehr gutes Frühstück übrigens, wenn auch die Milchbrötchen nicht mehr ganz warm waren.

Ach, und noch eine wichtige Sache. Lena hatte von Frau Astheimer einen Schokoladenriegel eingepackt erhalten. Das könnte also bedeuten, daß ich morgen, wenn ich dran bin, Glück haben könnte. In diesem Fall nahm mir jedenfalls schon fest vor, Lena auch ein paar Gummibärchen abzugeben. Aber nur ein weißes. Denn die schmecken immer am besten.

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