Holz hinterm Haus

Manuskript: Maximilian Preisler

Unser Ferienhaus haben wir jetzt schon zwei Monate. Es liegt mitten im Hunsrück, dort wo die Berge am höchsten, die Wiesen am saftigsten und die Wälder am dichtesten sind. Mit anderen Worten: dort, wo es im Winter am kältesten ist, wo im Frühjahr und im Herbst der Regen ohne Unterlaß fällt und wo man sich selbst bei einem kleinen Spaziergang sofort verirrt. Man könnte es auch ganz einfach ausdrücken: wir hatten unser Ferienhaus in einer Gegend gefunden, wo es uns Städter in Gedanken immerzu hinzieht, in die unberührte Natur.

Jetzt im Herbst galt es, erst einmal für den Winter vorzusorgen. Heizung gab es – natürlich – nicht. Statt dessen würden wir in der Küche dem singenden Wasserkessel auf dem Ofen lauschen und in der Wohnstube gemütlich vorm Kamin sitzen und den Funken zusehen, die von den Holzscheiten aufsprangen. Doch das war genau das Problem, die Holzscheite. Woher nehmen? Der Wald lag zwar sozusagen vor der Haustür, wie aber könnten wir den Wald, oder einen Teil des Waldes in unser Haus bringen? Wir beschloßen, Herrn Hirst zu fragen, unseren Nachbarn. Ein etwas brummiger, älterer Mann, der sich aber gleich als wir eingezogen waren große Verdienste erworben hatte. Meine erste Tat im Garten war es nämlich, mit der Sense, die ich auf dem Boden gefunden hatte, das Gras zu mähen. Bevor ich mir oder den Kindern einen bleibenden Schaden zugefügt hatte, war Herr Hirst, der zufällig am Zaun stand, eingesprungen. „Lo, die Städter“, hatte er gemurmelt, während er mir zeigte, wie man die Sense hält, sie schwenkt und wie man dabei unmerklich in die Knie geht. Ich wußte also, daß Herr Hirst, ein alter Hunsrücker, wichtige Sätze mit „Lo“ begann und daß er der richtige war, wenn es um praktische Nachbarschaftshilfe ging.

„Das ist ganz einfach. Ihr müßt den Förster fragen. Und der sagt Euch, wo Ihr Holz herkriegen könnt. Danach kommt zu mir, wir nehmen den Traktor, fahren raus und bringen die Stämme her.“

Gesagt, getan, der Förster bezeichnete uns ein Stück Wald und Herr Hirst steckte den Schlüssel in den Zündschlüssel. Der Motor des Traktors heulte vorwurfsvoll auf, doch er sprang nicht an. Er tat es einfach nicht.

„Zum Deibel damit,“ fluchte Herr Hirst und benutzte noch einige weitere, mir unbekannte, Hunsrücker Kraftausdrücke. „Verflixt, wir nehmen den alten Opel. Meine Frau will das nicht, doch was sie nicht weiß, das macht sie nicht heiß, was?“

Ich stimmte aus vollem Herzen zu, denn meine Frau wiederum hatte mich strengstens ermahnt, für die Fahrt in den Wald meinen uralten Parka anzuziehen. Da ich ihn in der Eile nicht gefunden hatte, war ich statt dessen in meiner neuen – ziemlich teuren – Weltenbummler-Jacke aus dem Scheunenausgang geschlichen.

Die Landstraße war glatt, der erste Waldweg war feucht, der zweite leider voller Morast. Es kam, wie es kommen mußte, der alte Opel blieb stecken. So leicht ließ sich Herr Hirst aber nicht unterkriegen.

„Lo, leg mal ein paar Äste unter die Hinterräder.“

„Hat der nicht Vorderradantrieb?“

„Gut, da leg vorne und hinten ein paar Äste unter.“

Auch hier war eigentlich alles vorhersehbar, die Räder wirbelten den Dreck und das Wasser der Pfütze auf, ich stand an der falschen Stelle und kriegte alles ab. Und das Auto rührte sich nicht von der Stelle. Nicht vorhersehbar war, daß ich mir am Ärmel meiner neuen Jacke einen Winkelriß einhandelte, denn wieso im Wald Äste herumliegen, in die Nägel eingeschlagen sind, konnte mir auch Herr Hirst nicht erklären.

Wir liefen nach Hause, holten klammheimlich den Traktor von Bauer Drückert, zogen den Wagen aus dem Schlammloch und beauftragten auf dem Rückweg den Bauer, uns die Stämme vor die Tür zu bringen. Jetzt blieb nur noch das Problem mit dem Riß in der Jacke.

„Es gibt Leute aus dem Dorf, die haben im letzten Winter einen Luchs hier rumstreichen sehen. Wie wäre es damit?“

Ich war überzeugt, daß unsere beiden Kinder die Geschichte mit dem Luchs und seiner plötzlichen Attacke genießen würden, bei meiner Frau war ich mir da allerdings nicht so ganz sicher.

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