Gespenster, gibt’s die wirklich?

And diesem Tag wollte der Regen gar nicht aufhören. Lena und ich blieben den ganzen Tag oben in unserem Zimmer unterm Dach und schauten aus dem Fenster. Auf der Straße gibt es nämlich fast immer etwas zu beobachten. Zum Beispiel sieht man die Bauern, wenn sie mit ihren Traktoren aufs Feld fahren und dann, die Anhänger schwer beladen, wieder zurückkommen oder Herr Kirst führt seinen Hund Rina, einen ganz lieben Collie, spazieren. Oder man sieht wenigstens die großen Mädchen vom Haus gegenüber, die an der Straßenecke immer auf ihre Freunde warten. Die kommen dann knatternd mit ihren Mofas vorgefahren und nehmen die Mädchen ein Stück auf ihren Gepäckträgern mit, einmal die Straße hinauf und wieder zurück. Die Mädchen quietschen immer, so viel Spaß scheint das zu machen. Aur der Straße ist also fast immer etwas los. Nur heute nicht. Bei diesem Dauerregen ging niemand vor die Tür. Selbst die schwarze Katze unserer Nachbarin versteckte sich lieber unter unserem Auto und blinzelte verschlafen hinter dem rechten Vorderreifen hervor. Am Anfang schauten Lena und ich zu, wie die großen Regenblasen auf der Straße zerblatzten, bald machte das aber auch keinen Spaß mehr. Lena und mir fiel rein gar nichts ein, was wir drinnen spielen könnten. Deshalb fingen wir an, uns gegenseitig anzumotzen.

“Ich lese jetzt ein Buch,” sagte ich schließlich, und das machte Lena endgültig sauer.

“Immer liest du, nie kannst du etwas mit mir spielen. Ich will nicht, daß du immer liest.”

Ich konnte sehen, daß sie richtig wütend war, denn dann hat sie immer eine ganz steile Falte auf der Stirn. Und die konnte ich jetzt auch sehen. Also lenkte ich ein. Lena ist zwar jünger als ich, aber sie kann ganz schön grob werden.

“Ich lese nur ein kleines Kapitel in meinem neuen Vampir Buch, dann können wir zusammen ein Lego Haus bauen,” schlug ich großzügig vor.

Das nützte nichts.

“Du immer mit deinen Büchern. Wenn du anfängst, kannst du ja doch nicht wieder aufhören.”

Ich versuchte ihr zu erklären, was ein Kapitel ist, doch damit erreichte ich auch nichts. Im Grunde war sie wohl nur so verärgert, weil sie noch nicht lesen konnte. Also das stimmt nicht ganz. Zum Beispiel die Wörter Mama oder Papa oder Lena kann sie schon ganz gut lesen. Und manchmal kann sie sogar den Titel von ihren Bilderbüchern lesen, doch nur manchmal, denn einen Tag später konnte sie die Buchstaben schon nicht mehr lesen.

“Du könntest dir ja eins deiner Bücher anschauen,” versuchte ich einen letzten Ausweg. Ich wollte ihr nicht vorschlagen, Mama und Papa zu fragen, sonst hätte ich vielleicht auch mitspielen müssen, das wollte ich aber jetzt nicht.

Lena ließ nicht locker. Jetzt zerrrte sie mir sogar mein Vampir Buch aus der Hand und wollte es verstecken.

“Also gut,” lenkte ich endlich ein, “wir machen es so: Ich lese dir eine Seite vor, und wenn dir die Geschichte gefällt, dann lese ich weiter. Ein ganzes Kapitel. Nur für dich.”

Ich fand, das war eine schlaue Idee. Denn ich war sicher, daß Lena Angst haben würde. In der Geschichte kamen Geister vor, Gespenster, Vampire, die ihr Unwesen auf einem Friedhof trieben, Särge und andere unheimliche Sachen. Ich kannte ja schließlich meine Schwester. Spätestens nach der ersten Seite würde sie sagen: “Ach, ich spiele lieber mit meinen Lego Sachen. Das finde ich viel schöner.”

Und dann könnte ich in aller Ruhe ein Kapitel lesen, Für mich. Oder auch zwei Kapitel.

Diesmal hatte ich mich jedoch in Lena getäuscht. Sie hörte mir ganz gespannt zu. Die erste Seite war zu Ende, und sie sagte: “Weiter.”

“Hast du denn gar keine Angst?” fragte ich sie ziemlich verblüfft. Denn ich muß zugeben, mir selbst war immer etwas unheimlich, wenn ich ein Vampir Buch las.

“Nein. Gar nicht. Lies doch endlich weiter!”

So blieb mir nichts anderes übrig, als weiterzulesen. Und wenn Papa nicht gerufen hätte, es gäbe Kirschkuchen mit Streusel, wer weiß, vielleicht hätte ich sogar das vierte Kapitel ncoh lesen müssen. Ich war ganz heiser danach.

Abends, als meine Mutter uns ins Bett gebracht hatte, war ich schon fast am Einschlafen, als Lena plötzlich flüsterte: “Hör´ mal, Gespenster!”

“Gespenster gibt´s nicht, höchstens in Büchern,” versicherte ich ihr, und drehte mich um. Ich wollte endlich einschlafen.

“Gibt´s doch.”

“Gibt´s nicht.”

“Gibt´s doch.”

Was sollte ich da noch antworten? Ich versuchte geduldig, es ihr zu erklären.

“Hör´ zu, Lena. Früher, da gab es Gespenster. Sie kamen immer in alte Häuser oder Schlösser. Heute sind alle Gespenster tot. Du brauchst keine Angst zu haben.”

Eine ganze Weile war es still, dann sagte Lena ganz leise: “Und was sind das für Stimmen?”

Ganz plötzlich konnte ich es auch hören. Stimmen. Von oben. Ich erschrak. Unsere Eltern wollten noch kurz einen Spaziergang machen, wir waren alleine im Haus. Außer uns dürfte niemand da sein. Woher kamen die Stimmen? Wer war das?

Die Stimmen kamen von oben, kein Zweifel. Doch über uns war nur noch der Dachboden. Und der war leer. Also nicht ganz leer, denn ein paar alte Sachen standen da schon herum. Ein Schrank, bei dem die Tür klemmte, ein altes eisernes Bettgestell, ein Toaster, der die Toastbrote nicht mehr hergeben wollte. Eben solche Sachen. Ich war am Nachmittag erst oben gewesen und hatte meinem Vater geholfen, ein paar Dinge oben abzustellen. Einen Stuhl mit drei Beinen hatten wir hochgebracht und unseren alten Radiowecker, der nicht mehr weckte. Solche Sache also waren oben auf dem Boden verstaut.

“Ich komm´ zu dir ins Bett.” Kaum hatte Lena das gesagt, war sie auch schon bei mir.

“Na gut,” brummte ich. Dabei freute ich mich insgeheim, denn zu zweit kann man solche unheimlichen Geräusche und Stimmen viel besser aushalten. Aber Lena wollte nicht kuscheln, ich hatte mich schon wieder getäuscht. Sie flüsterte mir ins Ohr: “Laß uns nachschauen, was dort oben ist.”

“Und wenn es Gespenster sind?” versuchte ich sie zu stoppen.

“Du hast selbst gesagt, es gibt keine Gespenster. Also?”

Was blieb mir da noch anders übrig, als zu nicken. Wir zogen also unsere Hausschuhe an, ich nahm meine Taschenlampe in die Hand, die ich zum Glück immer auf meinem Nachttischchen liegen habe, dann zogen wir los. An der Tür zum Dachboden, die mit einem kleinen Stück Draht versperrt ist, machten wir Halt. Lena hatte ihren Kuschelbären fallen lassen, und er war ein paar Stufen heruntergepurzelt. Während Lena ihn wieder holte, legte ich mein Ohr an die Tür. Richtig, zwei Männerstimmen. Ganz tiefe Stimmen waren es. Plötzlich war es wieder still. Dann konnte ich einen Gongschlag hören und eine Frauenstimme sagte: “Beim Gongschlag war es genau 22 Uhr. Sie hören jetzt die Nachrichten.”

Auf einmal hatte ich gar keine Angst mehr. Ich mußte lachen. Lena legte den Finger auf den Mund und sagte: “Pst.” Ich kicherte aber immer weiter. Wie Schuppen fiel es mir von den Augen. Natürlich. Der Radiowecker. Heute nachmittag, als wir ihn nach oben gebracht hatten, hatte ich an den Knöpfen herumgespielt und auf allen Tasten herumgedrückt. Und irgendwie funktionierten die Batterien jetzt wieder und der Wecker ging wieder. Der Wecker wiederum hatte das Radiogerät angeschaltet. Das war die Lösung des Rätsels.

Gerade in dem Augenblick ging die Tür unten auf und unsere Eltern kamen zurück.

“Was macht ihr denn da oben an der Tür zum Dachboden?” wunderten sie sich.

Dann, als ich alles erzählte, mußten sie lachen. Vor allem auch, wie wir dastanden, ich, mit meiner Taschenlampe, und Lena, die vor Aufregung nur einen Hausschuh angezogen hatte.

Danach brachten sie uns noch einmal ins Bett. “Schade, daß es keine Gespenster waren,” hörte ich Lena noch sagen, bevor ich einschlief, “aber die gibt´s ja nicht, oder?”

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