Flußfahrt mit Hindernissen

Ganz in der Nähe von Stipshausen gibt es zwei Flüsse. Einen ganz großen, das ist der Rhein, und einen kleineren, die Mosel. Und wenn wir schon eine Weile in unserem Ferienhaus sind und es fast schon etwas langweilig ist, dann fahren wir immer an einen der beiden Flüsse.

Ich hatte die Idee, an den Rhein zu fahren, denn ich wollte gerne eine Ritterburg besichtigen. Lena erwiderte, sie fände alle Burgen stinklangweilig. Höchstens die mit Rapunzel könne ihr gefallen. Papa wollte unbedingt zur Mosel, dort könnten wir seine Cousine besuchen. Da schlug Mama die Hände über dem Kopf zusammen:

“Nicht schon wieder. Deine Cousine traktiert uns immer mit Sahnetorte und Eis.”

“Was heißt traktiert?” wollte Lena wissen.

“Sie zwingt uns, Eis mit Sahne zu essen,” erklärte ihr Mama.

“Eis esse ich gerne,” protestierte Lena, “da muß man mich nicht zwingen.”

Ich sprang Lena bei: “Genau, und du brauchst dir ja keine Sahnetorte aufzutun, wenn sie dir nicht schmeckt.”

Das war ziemlich frech, fand Papa, doch das mit der Sahnetorte hatte ich nur gesagt, weil mir etwas ganz anderes eingefallen war. Diese Cousine hatte einen Sohn, und dieser Sohn besaß ein Luftgewehr. Und nun war es so, daß ich nie und nimmer ein Luftgewehr geschenkt bekäme, wenn wir aber zu Besuch bei der Cousine waren, dann könnte es mir niemand verbieten, probeweise damit zu schießen. Also schwenkte ich jetzt vom Rhein zur Mosel um.

Mama moserte imer noch. Plötzlich überraschte sie uns dann mit einer tollen Idee.”Was haltet ihr davon,” fragte sie, “wenn wir heute eine Dampferfahrt auf der Mosel machen?” Wahrscheinlich sagte sie das nur, weil sie damit die Sahnetorte und das Luftgewehr umgehen konnte. Lena und ich stießen ein Freudengeheul aus, so daß sich Papa die Ohren zuhielt. Er behauptet immer, er sei lärmempfindlich. Dabei dreht er das Autoradio jedesmal furchtbar laut auf, wenn Lieder zu hören sind, die er von früher her kennt. Und wehe, wenn sich dann jemand beschwert.

Als wir in Traben-Trabach an der Mosel ankamen, lag dort im Hafen ein Ausflugschiff. Es war eigentlich kein richtiger Hafen, nur drei eiserne Stege waren am Ufer festgemacht, die in den Fluß ragten. Am mittleren Steg lag ein weißes Schiff. Lena buchstabierte den Namen, der am Bug stand:

“Mo-sel-pfer-de.”

“Quatsch,” rief ich, “das heißt Moselperle!”

Lena war beleidigt, sie ging nämlich bereits in die erste Klasse.

Papa tröstete sie: “Das war schon sehr gut. Ihr hattet ja auch noch nicht alle Buchstaben.”

“Hatten wir wohl schon,” beschwerte sich Lena, und ich rief: “Siehst du!”

Es kam aber nicht zum Streit, denn wir mußten uns beeilen, der Kapitän hatte gerade die Glocke laut geschlagen und das bedeutete, daß alle Passagiere an Bord kommen sollten. Wir rannten zum Steg und dann über eine Holzplanke auf das Schiff. Geschafft, das Schiff legte langsam ab.

“Uff,” stieß Mama hervor und schnaufte etwas. Lena schaute sie eigentümlich an und zupfte an ihrer Bluse. “Laß mich bitte einmal kurz in Ruhe,” bat Mama und drehte sich suchend nach Papa um. “Wo ist er denn schon wieder?” fragte sie halblaut. Lena zupfte sie noch einmal am Ärmel ihrer Bluse: “Papa steht da hinten und winkt uns.”

“Er winkt uns?” fragte Mama verständnislos.

“Ja, er steht an dem Häuschen und winkt.”

Jetzt konnten wir ihn alle sehen. Papa stand am Kassenhäuschen und winkte. Und das Kassenhäuschen, an dem Papa stand, war noch an Land.

Mama lief sofort zur Treppe, die zum Ausguck des Kaptäns führte. Dort stand auf einem großen Schild: „Für Unbefugte Betreten Verboten“, das kümmerte Mama jedoch überhaupt nicht. Sie kletterte einfach hoch und ließ dem Kapitän so lange keine Ruhe, bis er grimmig nickte. Das Schiff drehte einen großen Bogen auf der Mosel und kehrte noch einmal zur Anlegestelle zurück. Jetzt waren wir wieder zu viert.

Nun ging eine Weile lang alles glatt. Bis Lena die Wespe auf ihrem Kirschkuchen entdeckte. Das war im Schiffsrestaurant. Lena hat ziemliche Angst vor Wespen, weil sie als kleines Kind einmal gestochen wurde, und vor lauter Schreck stieß sie einen spitzen Schrei aus. Der Schiffskellner meinte, jemand sei ins Wasser gefallen. Er formte seine Hände zu einem Trichter und schrie zum Kapitän hinauf: “Mann über Bord!”

Papa, dem es wohl peinlich war, daß der Kapitän nur wegen ihm noch einmal zurückgefahren war, ging schnell zum Kellner, um alles zu erklären. Dann schimpfte er mit Lena und mit mir. Er wolle die ganze Fahrt keinen Ton mehr von uns hören.

Als wir schweigend unseren Kuchen fertig gegessen hatten, zogen wir los, um auf dem Schiff zu spielen.

“Aber fallt nicht ins Wasser,” ermahnte uns Mama. Das war eine ziemlich überflüssige Warnung, denn wer fällt schon gerne mit Anziehsachen ins Wasser?

“Wir haben doch jetzt beide den Freischwimmer,” beruhigte ich unsre ängstlichen Eltern und dann gingen wir los. Wir fanden ziemlich schnell noch andere Kinder und zusammen erkundeten wir das ganze Schiff. Nur hinter der Theke wurden wir vertrieben, der Kellner hatte etwas dagegen, daß wir in den Maschinenraum klettern wollten. Jedenfalls war es kein bißchen langweilig. Wir fanden es schade, als unsere Eltern riefen: “Schaut, da ist Bernkastel!”

Das Schiff legte am ersten Steg an und Lena lobte den Kapitän: “Der kann gut parken.”

Ich verbesserte sie und erklärte ihr, daß man beim Schiff nicht parken sagte. Das war Lena egal, behauptete sie wenigstens, und dann gingen wir alle von Bord. Papa nahmen wir in die Mitte, damit er nicht wieder verlorenging.

An diesem Tag hatten noch viele andere Leute die Idee gehabt, einen Ausflug nach Bernkastel zu machen. Papa stöhnte: “Schaut mal diese Menschenmassen.”

“Es war ja dein Wunsch, hierher zu kommen.” Das kam natürlich von Mama. Papa schnaubte sofort empört: “Meinst du etwa, am Rhein sieht es heute anders aus?”

Lena und ich zogen die Eltern sofort in verschiedenen Richtungen auseinander. Wir beiden geraten uns auch manchmal in die Haare, was wir allerdings überhaupt nicht leiden können, ist, wenn sich unsere Eltern streiten.

Nachdem wir alle alten Fachwerkhäuser zweimal angeschaut hatten und auch eine ganze Stunde im Moselmuseum gewesen waren, in dem außer zwei rostigen Ankern nicht sehr viel aufregendes ausgestellt war, bestanden Lena und ich darauf, endlich etwas vernünftiges zu machen. Also gingen wir Eis essen.

Im Eissalon war es natürlich genau so voll wie in den engen Straßen, und am Nachbartisch quengelten zwei Kinder in unserem Alter. Sie wollten unbedingt auch Hawaii Becher. So welche, wie wir hatten. Mit einer kleinen Palme aus Plastik im Eis, an der sogar ein Affe turnte. Gerade da schaute Mama auf die Uhr und stellte fest, daß unser Schiff bereits in fünf Minuten zurück ginge.

Lena meinte, der Kapitän würde bestimmt warten, er wüßte ja schon, daß einer von uns immer zu spät käme.

Papa konnte gar nicht über uns lachen. Er legte der Kellnerin das Geld auf den Tisch und dann sprinteten wir los. Zum Glück für Mama und Papa war es nicht sehr weit bis zur Anlegestelle. Dort war kein Schiff zu sehen.

“Oh weh, das ist schon weg,” klagte Papa. Und Mama fragte verstört: “Und wie kommen wir jetzt wieder zurück?” Sie machte sich bestimmt schon Sorgen, ob wir hier ein Zimmer zum Ãœbernachten fänden, und vor allem, wie wir wohl am nächsten Morgen die Zähne putzen könnten, wo wir doch keine Zahnbürsten dabei hatten.

Ich schaute inzwischen auf der Abfahrtstafel nach und konnte Mama beruhigen: “Unser Schiff geht erst in einer Stunde. Wir können also noch einmal zurück zum Eissalon joggen.”

Das taten wir dann doch nicht. Statt dessen fütterten wir am Ufer die Enten und die Schwäne. Ich kam dabei einmal – und auch nur ganz kurz – mit dem linken Fuß in die Mosel. Papa verstauchte sich leicht die Hand, als er Mama zeigen wollte, daß er sehr wohl noch eine Fechterflanke über die Absperrung machen könne.

Der Rest der Heimfahrt war dann ganz problemlos. Da passierte rein gar nichts mehr. Es war fast ein bißchen langweilig.

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