Die Postfrau

Am Dienstag wollten uns die Großeltern besuchen. Da wir in unserem Ferienhaus in Stipshausen kein Telefon haben, gingen am Montagmorgen zur Telefonzelle in der Hauptstraße, um Oma noch einmal anzurufen. Abends ist es zwar billiger, wenn man telefonieren will, Oma und Opa gehen aber am Montagabend immer zum Kegeln, deshalb mußten wir morgens anrufen. Ich mußte nämlich Oma noch etwas wichtiges sagen: Sie sollte unbedingt mein neues Puzzle mitbringen, das ich bei ihr vergessen hatte. Die Schwierigkeit war nur, daß ich schon angefangen hatte, und nun wußte ich nicht, wie Oma die fertigen Puzzleteile transportieren sollte. Mein Vater machte sich lustig über mich: “Deine Probleme möchte ich auch gerne haben.” Eine Antwort konnte er mir allerdings auch nicht geben. Und es ist ja wirklich schwierig, wie Oma das halbfertige Puzzle tragen sollte, ohne daß alles wieder auseinanderfiel. Ich war sicher, Oma würde eine gute Idee haben.

Als wir, meine Mutter und ich, zur Telefonzelle kamen, war sie natürlich besetzt. In Stipshausen gibt es zwei Telefonzellen, eine oben am Sportplatz, da geht nie jemand hin, weil der Weg dahin so weit ist. Die andere ist direkt gegenüber der Post. Und die ist fast immer besetzt, selbst morgens. Ein Jugendlicher in blauem Overall telefonierte. Da es auf der Straße recht ruhig war, konnten wir genau hören, was er sagte. Es war langweilig. Er sprach wohl mit einem Mädchen, die Susi oder Susanne hieß, er konnte sich nicht so recht entscheiden. Diese Susi sollte mit ihm in die Disco gehen. Dreimal hatte er sie schon gefragt, und es schien, als ob sie immer noch keine Lust hatte. Er fand kein Ende.

Gerade wollten wir umdrehen, da winkte die Postfrau aus ihrem kleinen Büro zu uns herüber.

“Sie können gerne das Telefon in der Post benutzen,” bot sie uns an, “wenn es dringend ist.”

“Ach nein!” wehrte meine Mutter ab, “es ist nicht so wichtig.”

“Und wie!” widersprach ich heftig. Als ich der Postfrau alles erklärte, gab sie mir recht.

Oma hat dann übrigens versprochen, das Puzzle mitzubringen, ich könne mich auf sie verlassen. Ich war beruhigt. Es wäre auch alles gut gegangen, wenn nicht Lena Omas Tasche ausgekippt hätte, kaum daß sie und Opa in Stipshausen angekommen war. Ich wurde furchtbar wütend mit Lena, weil ich wieder von vorne beginnen mußte. Aber das ist eine andere Geschichte.

nach dem Telefonieren schauten wir noch eine Weile der Postfrau zu, die gerade beim Sortieren der Briefe war. Wir wollten gerne wissen, ob Post für uns dabei war. Einmal fiel ein Brief auf den Boden und ich hob ihn auf.

“Vielen Dank,” sagte Frau Brand, die Postfrau. “Sag´ mal, ich könnte heute gut einen Helfen geebrauchen. Wie wär´s mit dir Kannst du mir helfen, die Briefe auszutragen?”

“Ich?”

“Ja, natürlich du!”

“Toll.”

Meine Mutter nickte zustimmend, und so wurde ich Hilfszusteller. So nannte mich nämlich die Postfrau später, als sie mich einigen Leuten vorstellte.

In Stipshausen arbeiten übrigens nur Frauen auf der Post, und es ist ein Familiebetrieb. Die Leiterin ist eine dicke, gemütliche Frau, und sie hat eine dicke, gemütliche, grau-weiße Katze. Frau Brand, die Postfrau, die immer die Briefe austrägt, ist ihre Tochter. Und Frau Brand hat selbst schon wieder eine Tochter. Die ist allerdings noch winzig und liegt die meiste Zeit im Kinderwagen. Manchmal steht der bunte Wagen den ganzen Vormittag im Vorraum des Postamtes. Dann paßt die Oma des Mädchens, die Postamtsleiterin, neben ihrer Arbeit noch auf das Baby auf. Es gibt auch einen Mann, der wohl der Vater des Babys ist. Er fährt den Schulbus und schaut immer ziemlich griesgrämig drein. Ich nehme an, weil er der einzige in der Familie ist, der nicht bei der Post arbeiten darf.

Postaustragen ist nämlich eine sehr schöne Arbeit. Jetzt, nachdem ich einmal die große Tour mitgelaufen bin, kann ich gut mitreden. Wir hatten aber auch gewisse Problem, davon erzähle ich gleich. Zuerst muß ich zugeben, daß Stipshausen wirklich nicht sehr viele Einwohner hat, und deshalb reicht auch eine Briefträgerin. Und die Briefe, die Frau Brand austragen muß, passen alle gut in ihre kleine blaue Tasche hinein. Die Tasche verstaut sie immer auf ihrem Wägelchen, das sie bequem hinter sich herziehen kann.

Zuerst wurden also die Briefe sortiert. Das muß Frau Brand tun, um nicht später ganz durcheinander zu kommen. Als alle Briefe nach Straßen geordnet waren, marschierten wir los. Die ersten Briefe durfte ich gleich selbst einwerfen. Es ging alles glatt. Viele Leute haben gar keinen Briefkasten. Dann klingelte Frau Brand oder rief laut den Namen. Wenn gar niemand zu Hause war, dann schoben wir die Post unter der Tür durch. Einige Frauen warteten schon auf uns. Sie schauten aus dem Fenster und begrüßten die Postfrau. “Oho, Frau Brand,” sagte eine Frau, “sie haben sich aber einen schmucken Helfer angelacht.” Damit meinte sie mich. Es ist jedenfalls eine schöne Arbeit. Alle Leute freuen sich, wenn sie Post bekommen, selbst wenn es nur Reklame ist. Wir hatten schönes Wetter, und ich fand, Postaustragen machte richtig Spaß.

Dann begannen allerdings unsere Schwierigkeiten.

Unser erstes Problem hieß Cäsar. Cäsar ist ein großer Schäferhund. Wir wollten gerade ein Gartentor öffnen, um einen Brief zur Haustür zu bringen, als Cäsar angehetzt kam. Der große Hund lief ziemlich böse knurrend am Zaun entlang und schien uns nicht zu trauen. Wir ihm auch nicht. Ich hielt mich ganz dicht hinter Frau Brand, die begütigend auf Cäsar einredete. Es nutzte nichts, Cäsar wollte uns nicht in den Garten lassen. Wir riefen, doch im Haus rührte sich nichts. Da gaben wir es auf. Frau Brand steckte achselzuckend den Brief wieder in ihre Posttasche und meinte: “Vielleicht ist ja morgen jemand zu Hause. Im übrigen sieht der Brief ganz nach Werbeprospekt aus.”

Aufatmend überquerten wir die Straße und bogen in die Bergstraße ein, die hoch zum Wald führt. Die letzte Straße unserer Tour.

“Jetzt gibt es nur noch eine Klippe,” murmelte Frau Brand. Ich wunderte mich und fragte “Was denn für eine Klippe?”

Frau Brand wies zum Gasthof Müller hinüber, und da konnte ich schon ahnen, was sie mit der Klippe meinte.

Die Besitzerin des Gasthofs Müller war bekannt für ihren Geiz. Früher hatte sie Zimmer für Wochenendgäste vermietet, doch seit einiger Zeit wohnten in den früheren Gästezimmern Familien aus Vietnam. “Boat people” nennt sie Papa, weil sie mit einem Boot aus ihrem Heimatland geflüchtet sind. Hier in Stipshausen haben sie keine Boote. Sie leben sehr zurückgezogen, lachen immer sehr freundlich, wenn wir am Gasthof Müller vorbei zum Wald hochwandern, können aber noch nicht gut Deutsch sprechen.

Kaum hatten wir geklingelt, kam Frau Müller zur Tür.

“Ach du meine Güte”” rief sie. “Schon wieder drei Briefe für die da.” Dabei machte sie eine abfällige Handbewegung in Richtung ihres Gästehauses. “Und die Namen kann kein Mensch auseinanderhalten. Alle heißen sie Ngui oder Ngoi, furchtbar. Alles die gleiche Chose.”

Da war sie bei der Postfrau aber an die falsche Adresse geraten. “Und wissen Sie wie viele Leute in Stipshausen Müller heißen?” fragte sie schnippisch. “Zehn, ohne Sie.”

Frau Müller vom Gasthof Müller war rot angelaufen, sie sagte aber kein Wort mehr sondern streckte wortlos ihre Hand aus.

Frau Brand drückte ihr die Briefe in die Hand und sagte “Auf Wiedersehen, Frau Müller.”

Sie sagte es ganz freundlich, doch als sie “Frau Müller” sagte, klang das irgendwie spöttisch.

“Prima!” flüsterte ich, und Frau Brand zwinkerte mir fröhlich zu.

Dies war das Ende meiner Arbeit als Hilszusteller, und ich muß zugeben, ich war ziemlich durstig. Als Frau Brand mir im Postamt eine Fanta anbot, konnte ich nicht nein sagen. Den Weg zu unserem Haus rannte ich, Lena sollte so schnell wie möglich alles erfahren, kam ich auch wieder an der Telefonzelle vorbei. Und niemand wird es erraten, wer da drin stand, mit blauem Overall und ziemlich traurigen Gesicht. Der Jugendliche von heute morgen. Ich an seiner Stelle hätte schon länst aufgelegt und wäre alleine in die Disco gegangen. Oder mit Lena.

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