Die Pferde sind ausgerissen

So richtig spannende Sachen passieren in Stipshausen eigentlich ganz selten. Nur manchmal vergißt Papa, die Tür zum Keller richtig zu verschließen, und dann besucht uns schon einmal eine Maus. Einmal habe ich den Wasserhahn nicht richtig zugedreht, da floß die ganze Nacht Wasser in die Scheune. Am nächsten Morgen sind dann alle Vorräte von uns im Wasser geschwommen. Ja, also so etwas kommt schon einmal vor, aber etwas richtig spannendes? Kaum.

Aber wie das so geht, kaum beschwert man sich, schon geschieht auch etwas. Etwas richtig spannendes.

Alles hat ganz harmlos angefangen. Mama brauchte unbedingt rotes Nähgarn, denn an Lenas Hosenrock war ein kleiner Riß. Wirklich nur ein kleiner. Ich muß es wissen, denn wir spielten gerade in der Scheune mit einem selbstgebastelten Holzboot, als Lena mit ihrem Rock an einem Nagel kurz hängenblieb. Jedenfalls sollte ich bei Frau Astheimer rotes Nähgarn holen. Diesmal mußte Frau Astheimer passen. Sie fand blaues, grünes und sogar gelbes Nähgarn in irgendeinem Winkel ihres Ladens, das rote Nähgarn war aber ausgegangen. Also mußte jemand nach Rhaunen fahren. Papa erklärte sich sofort bereit dazu, er wollte sich sowieso noch eine Zeitung kaufen, sagte er. Was ich im Grunde ziemlich übertrieben fand, am Morgen hatte er sich nämlich schon eine Zeitung bei Frau Astheimer geholt. Doch der “Hunsrücker Bote” reichte ihm wohl nicht. Da Lena und ich gerade nichts besseres vorhatten, beschlossen wir mitzufahren.

Von Stipshausen nach Rhaunen sind es ungefähr 5 Kilometer. Das heißt, gerade wenn man sich richtig angeschnallt hat, ist man auch schon da. Unterwegs gibt es allerdings eine Menge zu sehen. Als erstes, gleich hinter dem Schild “Rhaunen 5 Kilometer”, steht auf der rechten Seite ein hoher Schornstein. Der gehört zum Sägewerk. Dann kommen zwei Hochsitze, viele Felder und Weiden und ungefähr in der Mitte der Strecke liegt ein kleines Waldstück. Papa fuhr ganz langsam, so konnten wir Tiere beobachten. Im Sommer laufen ab und zu Rehe vom Wald zur Straße hinunter, Hasen haben wir schon ganz oft gesehen und in letzter Zeit sitzen immer öfter große Raubvögel am Feldrand. Es sind bestimmt Habichte oder Bussarde. Manchmal sitzen sie sogar ganz unerschrocken am Straßenrand, am liebsten oben auf den Pfählen mit den Katzenaugen. Papa sagt, sie sind einfach faul geworden. Früher mußten sie sich ihre Mäuse mühevoll selbst fangen und heute warten sie in aller Ruhe an der Straße, bis eine Maus oder ein Maulwurf von einem Auto überfahren wird. Dann schnappen sie sich schnell ihr Fressen. Ich hatte jedenfalls gerade wieder einen Habicht erspäht und wollte fragen, ob wir nicht kurz anhalten könnten, als Lena rief: “Da vorne sind ja zwei Pferde!”

Das war nun an und für sich nichts besonderes, denn ich kenne in Stipshausen zwei Bauern, die auch Pferde halten, doch als Papa plötzlich ganz scharf auf die Bremse trat und die Reifen richtig quietschten, sah ich es auch. Die zwei Perde, die Lena gesehen hatte, grasten nämlich nicht ordentlich auf ihrer Weide, wie man vermuten konnte, nein, sie galoppierten quer über die Straße.

Papa war ganz aufgeregt. “Was machen wir denn nur?” wollte er von uns wissen.

Zuerst fiel mir nichts gescheites ein. Schließlich sagte ich: “Wenn ich mein Lasso dabei hätte, könnte ich eins der beiden einfangen und die Vorderfüße zusammenbinden, so daß es nicht mehr davonlaufen kann. Und damit locken wir dann das zweite Pferd an.”

Papa hörte gar nicht aufmerksam zu, obwohl er sonst gerne solche Geschichten mit mir zusammen erfindet.

“Schau mal,” rief Lena jetzt, “das eine springt ja!”

Das sah allerdings nur so aus. Die beiden Pferde, das eine ganz dunkelbraun, das andere auch braun, aber mit einem großen weißen Fleck an den Nüstern, galoppierten zurück zu ihrem Gatter, und man konnte meinen, sie nähmen Anlauf, um darüber zu springen. Mußten sie aber gar nicht, denn das Gattertor war nur angelehnt! Das dunkelbraune Pferd konnte das Tor mit seinem Kopf ganz einfach aufdrücken. Die beiden Pferde blieben nur kurz auf der Weide, dann trabte das braun-weiße wieder durch das halb geöffnete Gatter hinaus und sein Freund, das dunkelbraune Pferd kam auch mit. Zusammen galoppierten sie um die Wette hoch zur Straße. “Oh weh,” sagte ich, “hoffentlich kommt jetzt nicht gerade ein Auto. Das wird sonst ein Unglück geben.”

Die beiden Ausreißer schien dies alles nicht zu kümmern. Sie stoppten kurz vor der Straße, drehten um und rasten wieder zurück zum Gatter. Es sah so aus, als spielten sie miteinander.

“Wir müssen schleunigst herausfinden, wem die Pferde gehören. Die Besitzer können sie bestimmt am besten einfangen.” Papa überlegte laut. “Wie kriegen wir die nur heraus? Es sind bestimmt Leute aus Rhaunen oder Stipshausen, nur, wir kennen sie nicht.”

“Dann frag´ doch einfach jemand.” Das war natürlich Lena, der fiel wirklich nichts gescheites ein. Doch es war wie verhext. Jetzt, wo es so wichtig gewesen wäre, einen tolle Ideee zu haben, blieb mein Kopf ganz leer.

“Die Polizei!” rief ich nach langem Nachdenken. Und Lena im gleichen Augenblick “Die Feuerwehr!” Nicht schlecht von Lena. Doch Papa winkte ab. “In Stipshausen gibt es keine Polizeistation und nur eine freiwillige Feuerwehr. Das dauert lange, bis wir die zusammengetrommelt haben.”

Schweigen. Plötzlich sagte Lena: “Ich hab´s. Wir fragen beim Friseur.”

Mensch, diese Lena. Ich war ganz neidisch. Wieso war ich nicht darauf gekommen? Beim Friseur, genau, in Stipshausen beim Friseur. Dort erzählen die Leute, während ihre Haare geschnitten werden, allerlei Geschichten. Friseure sind neugierig und fragen immer, wo man herkommt, was man so macht und so weiter. Der Friseur weiß also bestimmt, wem die Pferde gehören.

“Auf zum Friseur!” sagte Papa und startete den Motor. In Windeseile waren wir zurück in Stipshausen und standen vor dem Friseurladen. Geschlossen! Verflixt. Wieso denn das?

“Es ist Montag, da haben die Friseure alle zu. Warum habe ich nicht gleich daran gedacht?” Papa sagte das. Lena war ganz traurig. Jetzt hatte sie so eine blendende Idee gehabt, und dann war doch nichts draus geworden. Die Tür zum Friseurladen jedenfalls war fest geschlossen. Im Briefschlitz steckte eine Zeitung.

“Ich hab´s, ich hab´s!”

“Was hast du?” fragte ich Papa erschrocken, denn er hatte richtig losgeschrien.

“Na, ist doch klar. Wir fragen den Briefträger, der weiß genau, wer hier wohnt. Und der Briefträger wird auch wissen, wem die Pferde gehören.”

Gesagt, getan. In dem kleinen Postamt fanden wir zwei freundliche Frauen, und eine konnte uns sofort die Adresse angeben. Das Haus lag am Waldrand, weit weg von den anderen Häusern. Zwei Minuten später klingelten wir dort an Tür.

“Was wollen Sie?” fragte unwirsch eine Frau, nachdem Papa noch zweimal geklingelt hatte.

“Haben Sie Pferde? Oben in der Koppel, an der Straße nach Rhaunen? “

“Warum wollen Sie das wissen?” Mein Gott, dachte ich, diese Frau ist vielleicht unfreundlich. Dabei wollten wir nur, daß den Pferden nichts geschieht.

“Was wollen die denn?” brummelte eine Stimme im Hintergrund. Hinter der Frau erschien ein ziemlich bärbeißig dreinschauender Mann in der Tür. Er wurde dann jedoch sehr schnell munter, als Papa ihm alles erklärte. Lena fügte hinzu: “Fast hätte Ihr Pferd uns umgerannt!”

Das stimmte nun zwar nicht so ganz, half aber, den Mann anzutreiben. Er lief mit schnellen Schritten zu seinem Auto, ohne sich noch weiter um uns zu kümmern, und startete. Wir natürlich hinter ihm her.

Er fuhr mit dem Auto direkt auf die Weide und stieg aus. Mit kurzen hellen Pfiffen lockte er seine Pferde an. Und wirklich, das dunkelbraune kam bald schon angetrabt und der Mann konnte ihm eine Trense umlegen. Er führte es langsam in Richtung Koppel zurück, machte noch einen kleinen Bogen vor dem Gatter, und da kam auch schon das Pferd mit dem weißen Fleck auf den Nüstern. Beide ließen sich widerstandslos in die Koppel hineinführen. Der Mann zog hinter ihnen das Gatter zu und holte aus dem Auto ein Stück Draht. Er machte eine große Schlaufe, und damit verband er das Gatter mit dem Zaun. Bevor er ins Auto stieg und zurückfuhr, drehte er sich kurz um und winkte uns zu.

“Immerhin,” murmelte Papa.

Lena und ich wollten natürlich schnell zurück zu Mama, um ihr die ganze Geschichte zu erzählen. Von den ausgerissenen Pferden und den unfreundlichen Pferdebsitzern. Deshalb drängten wir Papa, schnell nach Stipshausen zurückzufahren.

Als wir zur Tür hereinstürzten, sagte Mama vorwurfsvoll: “Für ein kleines Röllchen Nähgarn, auch wenn es rot ist, braucht ihr ja eine Ewigkeit.”

“Nähgarn? Welches Nähgarn?” fragte Papa entgeistert. Oh je. Wir sollten ja rotes Nähgarn holen. Das hatten wir vor lauter Aufregung ganz vergessen. Und deshalb

hat Lenas Hosenrock bis heute einen ganz merkwürdigen schwarzen Flicken, mit gelbem Garn angenäht.

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