Der Igel im Garten

Gleich hinter der Scheune in Stipshausen ist der große Garten. Lena und ich spielen dort gerne, vor allem weil man so gut klettern kann. Ich klettere auf alle Bäume, auf die Weide, auf den Nußbaum und auf die beiden Apfelbäume, Lena dagegen klettert immer nur auf ihren Lieblingsbaum, den großen Walnußbaum. Da kann sie sich nämlich in der untersten Astgabel ganz gemütlich hinsetzen, wie in einen Sessel. Nur rutscht man leicht vom Sitz ab. Papa hat deshalb um den nächst höheren Ast ein Tau, ein festes, weißes Seil gewickelt, dessen Ende nach unten reicht. An dem kann sie sich gut festhalten, viel besser als an dem dicken, glatten Stamm des Nußbaumes, an dem die Hände immer abrutschen. Von dort oben entdeckte Lena auch als erste den Igel.

Zuerst war sie sich nicht ganz sicher, was das für ein Tier war. Sie hatte nämlich noch nie einen Igel gesehen. Na ja, gesehen schon, in einem Tierbuch, und außerdem hatte sie einen Igel als Kuscheltier. Der war sogar ihr drittliebstes Kuscheltier, nach dem Eichhörnchen und dem Pandabären. Ihre Oma hatte ihr den Igel an Weihnachten geschenkt, und es war ein ganz kleiner, niedlicher Kerl, mit einer schwarzen Stupsnase und ganz weichen Stacheln. Lena wußte also sehr wohl, wie so ein Tier aussieht, aber einen lebendigen Igel, der gerade im Garten spazierengeht, den hatte sie noch nie gesehen.

Sie staunte also erst einmal eine Weile, dann rief sie: “Thomas, schau mal, ein Igel!”

“Ein was?” schrie ich zurück. Ich war nämlich ganz oben auf der Weide, die viel näher zur Scheune stand, und konnte sie nicht sofort verstehen. Und dazu war ich auch damit beschäftigt, Pfeile gegen das Scheunentor zu schießen, ich konnte also nicht immer darauf aufpassen, was mir irgendwelche Leute zuriefen.

“Jetzt ist der Igel weg,” beschwerte sich Lena, “nur weil du so laut warst.”

“Ein Igel? Woher willst du denn wissen, daß das ein Igel war?” Das sagte ich natürlich nur, weil es mir leid tat, daß ich den Igel nicht selbst entdeckt hatte.

“Und wo ist er jetzt?” fragte ich scheinheilig-

Ja, das war das Problem. Wo war der kleine Kerl nur hin. Eben hatte Lena ihn noch gesehen, und nun war er spurlos verschwunden. Wie vom Erdboden verschluckt. Lena und ich waren von unseren Bäumen heruntergeklettert und standen am Zaun.

“Hier habe ich ihn zuletzt gesehen, hier an der Brombeerhecke.”

“Dann mußt du ganz still sein. Ich schleiche mich von der anderen Seite aus an.”

Als Trapper, das war klar, mußte man sich anpirschen. Wie an Großwild. Lena mußte auf der einen Seite der Hecke stehen bleiben, und ich sagte ich sie solle dort Posten stehen. Zum Glück fragte sich nicht, was man da machen muß, denn das wußte ich auch nicht so recht. Jedenfalls legte ich mich auf den Bauch und kroch vorsichtig, Pfeil und Bogen mit der linken Hand hinter mir herziehend, zur anderen Seite der Hecke.

“Das ist wie bei einem Indianerüberfall,” erklärte ich Lena. “Wir müssen dem Igel den Fluchtweg abschneiden.”

Lena war schon ganz aufgeregt. Weil ihr aber der Igel leid tat, stampfte sie ein paar mal mit dem Fuß auf, daß er schon hören konnte, daß sich jemand anschlich. Dann würde er nicht so erschrecken. Sie wollte so gerne, daß er wiederkäme.

Ich kroch zweimal um die Hecke, den Igel konnte ich leider nicht entdecken. In die Brombeerhecke hinein konnte ich allerdings nicht kriechen, denn die Stacheln waren viel zu spitz. Einmal hatte ich bereits gestochen, das reichte mir. Plötzlich bellte Rina, der Hund von Reinekes. Rina schreckte nämlich oft im Nachmittagsschlaf auf, und dann bellte sie und tat so, als sei sie ein ganz schrecklicher Wachhund. Dabei wedelt sie sofort mit dem Schwanz, wenn Lena oder ich freundlich mit ihr sprechen. Eigentlich konnte Rina keiner Fliege etwas zu Leide tun.

“Jetzt hat Rina den Igel endgültig vertrieben,” sagte Lena verärgert, und ich rief: “Ruhig Rina! Ruhig!” Und Rina, die wohl meine Stimme erkannte, verstummte auch gleich. Die Igelsuche blieb jedenfalls erfolglos.

Abends, als wir alle zusammen um den gemütlichen Tisch in der Küche zusammensaßen, berichteten wir unseren Eltern von dem fremden Besucher im Garten.

“Der Igel kann froh sein, wenn Bauer Sauer ihn nicht entdeckt,” meinte Papa düster, “die Bauern mögen die Igel nicht.”

“Wieso denn nicht? Die tun ihnen doch nichts.” empörte sich Lena.

“Ja, das stimmt schon. Im Grunde könnten sie sich sogar über die Igel freuen, denn die fressen ihnen die Schnecken vom Kohl, aber – es ist einfach so. Sie mögen keine Igel, und Bauer Sauer ist da keine Ausnahme. Er möchte am liebsten alle Igel von seinem Hof vertreiben, und neulich …”

Lena wollte unbedingt wissen, was neulich war, und warum Papa plötzlich verstummte. Da ich aber fürchtete, eine schlimme Geschichte hören zu müssen und unterbrach ich Lenas Fragen.

“Wir machen da nicht mit, wir vertreiben ihn nicht, bei uns ist jeder Igel willkommen.”

Bevor wir ins Bett gingen, durften Lena und ich noch einmal mit der Taschenlampe in den Garten. Es konnte ja sein, daß der Igel zurückgekommen war. Im Strahl der Taschenlampe sah der Garten ganz anders als am Tage aus. Sehr geheimnisvoll. Der Komposthaufen war ein richtiger dunkler Hügel, die Bäume warfen so tiefschwarze Schatten, wenn ein Windstoß in ihre Krone fuhr, schwankten die Äste gespenstisch hin und her, und die Hecken schienen im Dunkel der Nacht erst recht undurchdringlich zu sein. Wir beide wagten gar nicht mehr, laut zu sprechen.

“Ich habe da vorne etwas gesehen, das wie ein Igel aussah, dunkelbraun, glaube ich,” flüsterte ich.

Lena fragte genauso leise: “Wo soll ich hinleuchten?”

“In Richtung Zaun, da wo Reinekes wohnen.”

Lena richtete den Strahl der Lampe nach rechts und links und ließ ihn am Zaun entlang wandern, – wir konnten nichts sehen. Nur ein alter Fußball lag da, schmutzig-grau und eingdellt, den man nicht mehr aufpumpen konnte.

“Du darfst nicht so laut auftreten,” schimpfte Lena, denn ich war auf einen kleinen Ast getreten, der mit einem lauten Knacksen unter meinem Schuh zerbrach. Ich zischte zurück: “Und wenn du so laut sprichst, traut sich der Igel gar nicht aus seinem Versteck.”

Inzwischen war der Mond hinter einer Wolke hervorgekommen, und Lena knipste die Taschenlampe aus. Der Schein des Mondes erfüllte den Garten mit einem silbrigen Licht. Plötzlich hörten wir etwas. Ein merkwürdiges Geräusch. Es war, als ob jemand beim Schlafen mit den Zähnen knirschte. Lena tastete mit ihrer Hand nach meiner Hand, und ich war auch ganz froh, daß ich nicht so ganz alleine im Garten stand.

“Was war das? Hast du das auch gehört?” fragte sie, jetzt wieder mit ganz leiser Stimme.

“Ich habe keine Ahnung. Es scheint aus der Hecke zu kommen. Leuchte noch einmal hin. Oder sollen wir lieber ins Haus zurückgehen?”

“Einen Augenblick noch. Wir bleiben ganz still hier stehen. Vielleicht hören wir das Geräusch noch einmal.”

Sie hatte kaum ausgesrpochen, da war dieses eigentümliche Geräusch schon wieder zu hören. Diesmal klang es wie ein trockener Husten. Gerade hinter der Hecke, direkt am Zaun zu Reinekes, dort schien dieser Husten herzukommen.

Erschrocken machte Lena die Taschenlampe aus, da aber im gleichen Augenblick der Mond von einer großen Wolke verschluckt wurde, war es plötzlich stockfinster. Zum Glück fing Rina in diesem Momant an zu bellen, und wir atmeten erleichtert auf. Jetzt hatten wir allerdings erst einmal genug, und wir gingen zusammen zurück ins Haus. Heute nacht konnten wir wohl den Igel nicht aufstöbern, und wo diese Geräusche herrührten, konnten wir auch nicht herausfinden.

Im Bett erzählten wir noch eine Weile miteinander.

“Vielleicht ist es eine ganze Igelfamilie,” vermutete Lena, “Igelvater, Igelmutter und Igelkinder.”

“Das weiß man nie,” stimmte ich ihr zu, “auf jeden Fall müssen wir morgen eine Expedition starten.”

“Was ist das eine Expression?”

“Eine Expedition ist, na, so wie kleine Bär und der kleine Tiger, in deinem Lieblinsbuch, wenn sie aufbrechen, um Panama zu finden.”

“Wir wollen aber gar nicht Panama finden,” erwiderte Lena mit schläfriger Stimme.

“Ja, aber wir müssen eben einen Suchtrupp starten, einer der in die Wildnis vorstößt. Verstehst du?”

“Ja,” kam es sehr leise zurück.

Und nach einer kleinen Pause: “Nimmst du mich mit?”

“Klar,” versicherte ihr ihr, “eine Expedition kann man nicht alleine machen. Wenn einer verwundet ist,muß der andere doch Hilfe holen.”

“Du meinst, wenn der Igel piekt?” kam es aus Lenas Richtung, und danach waren nur noch regelmäßig Atemzüge zu hören. Mir war es recht so, ich drehte mich auf die andere Seite und murmelte nur noch “Gute Nacht.”

Am nächsten Tag passierte in Sachen Igel gar nichts. Lena und ich machten mit den Eltern einen Besuch bei Leuten im Nachbardorf, die eine Keramikwerkstatt betreiben. Die Erwachsenen redeten und redeten und redeten, es nahm kein Ende. Jede Vase mußten sie sich stundenlang betrachten und erklären lassen. Langweilig, wenn wenigstens einmal eine Tasse oder ein Teller oder eine Schüssel hingefallen wäre! Es war es schon ganz spät, als wir endlich nach Hause kamen, und Lena und ich gingen sofort ins Bett. Ich schaltete meine Taschenlampe unter der Bettdecke an und las noch ein paar Seiten, wurde aber auch schnell müde.

Spät in dieser Nacht wurden wir von Mama geweckt.

“Was? Was ist denn los? Hör auf, mich so zu schütteln, ich bin schon wach.” beschwerte ich mich mit schlaftrunkener Stimme, und Lena bekam kaum die Augen auf.

Mama sagte, wir sollten uns nur schnell etwas über die Schlafanzüge drüber ziehen und dann mitkommen, es gäbe eine Überraschung.

“Mitten in der Nacht! Hätte die Ãœberraschung nicht bis morgen früh warten können?” moserte ich.

“Kommt mit, ihr werdet staunen,” war alles was Mama erwiderte.

Ich suchte mit verschlafenen Augen meine Jogging-Hose und Lena ließ sich auf dem Arm von Mama die Treppe hinunter tragen.

In der Küche brannte noch Licht und im Vorbeigehen schaute ich auf die Uhr. Es war schon kurz vor zwölf. Also fast Mitternacht.

“Geisterstunde,” flüsterte ich Lena zu, doch die kuschelte sich in den Arm von Mama und hörte nichts.

“Wo ist Papa?” wollte sie wissen.

“Der steht vor der Tür und spricht mit Frau Reineke.”

Ich wunderte mich, wieso Frau Reineke so spät noch zu Besuch kam. Papa behauptete, sie und ihr Mann gingen immer mit den Hühnern schlafen. Da öffnete Mama die Tür und ich konnte sehen, was die nächtliche Überraschung war.

Frau Reineke hielt einen alten Pullover in beiden Händen, und darin gebettet lag ein zusammengerolltes, kleines, braune Bündel. Es konnte gar keinen Zweifel geben: ein Igel.

“Heute abend fing Rina schon wieder an zu bellen,” erzählte Frau Reineke gerade, “und weil mein Mann vor lauter Fußball nicht vom Fernsehapparat loskam, mußte ich hinunter in den Garten, um nachzuschauen, was los war. Ich wollte ja wissen, wen Rina da verbellt. Ich hatte Rina gerade beruhigt, da entdecke ich den hier. Na ja, ihr Stadtkinder, ihr wißt ja gar nicht, wie so ein Stacheltier aussieht, habe ich mir gedacht, und deshalb habe ich gleich an eure Tür geklopft.”

Es war ein niedlicher Bursche, das fanden alle. Lena und ich konnten ihn von ganz nahe betrachten. Seine Stacheln standen nicht alle einzeln ab, so wie ich das erwartet hatte, sondern es waren immer mehrere Stachel ineinander verdreht. Seine Stupsnase konnte man nur einmal ganz kurz sehen, dann versteckte er sie schnell wieder in seiner Stachelkugel.

“Darf ich ihn mal streicheln?” fragte Lena, die ganz wach geworden war.

Frau Reineke lachte: “Du würdest dich ganz schön pieken. Und dann,” fügte sie mit ernster Stimmer hinzu, “bei einem solchen Tier, das in der Freiheit lebt, muß man ganz vorsichtig sein. Er ist wohl noch nicht ganz ausgewachsen, und wenn du ihn berührst, riecht er nach Mensch. Dann wollen die anderen Igel nichts mehr mit ihm zu tun haben.”

“Frau Reneke, was machen Sie denn mit ihm? Lassen Sie ihn wieder laufen?” wollte ich wissen.

“Natürlich. Der ist nichts für die Wohnung. Der will zum Komposthaufen, nicht aufs Sofa. Und auf dem Sofa ist auch gar kein Platz für ihn, da liegt mein Mann und guckt Fernsehen. Und diese Geräusche, die Igel machen, als wenn ein Mensch mit den Zähnen knirscht, das macht mir eine Gänsehaut. Nein,” schloß Frau Reineke, “ich laß ihn gleich nachher wieder frei.”

“Oh toll,” Lena war begeistert, “dann können wir morgen auf unsere Expedition gehen.”

Frau Reineke wickelte den Igel sorgfältig in den alten Pullover, so daß sie ihn nicht mit ihren Händen berührte, dann sagte sie Gute Nacht und Lena und ich gingen wieder zurück ins Bett. Dreimal darf man raten, von was wir wohl beide in dieser Nacht träumten.

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