Brause mit Waldmeistergeschmack

“Warum darf Thomas einen Freund mitbringen und ich nicht?” fragte Lena schon zum dritten Mal. “Das habe ich dir doch erklärt,” antwortete Mama geduldig, “in diesen Ferien ist Thomas dran, in den nächsten Ferien darfst du jemand mit nach Stipshausen bringen.” In Stipshausen hat unsere Familie ein Ferienhaus, und in der letzten Ferienwoche durfte mich mein Freund Konstatinos besuchen.

“Das ist gemein,” protestierte Lena schon wieder. Nun hörte aber niemand mehr auf sie, denn vor dem Haus waren die Eltern von Tinos – so wird Konstatinos von allen in der Klasse genannt – gerade angekommen. Sie blieben noch eine Weile und tranken Kaffee mit unseren Eltern. Tinos und ich gingen schon in die Scheune und spielten Musketiere. Lena motzte nicht mehr lange, bei den Erwachsenen war es ihr zu langweilig und sie kam zu uns in die Scheune, so daß wir jetzt die drei Musketiere spielen konnten. Und manchmal spielte Lena auch die Tochter eines armen Edelmannes, die wir vor den gemeinen Häschern des falschen Herzogs beschützen mußten. Wir waren jedenfalls so beschäftigt, daß wir nur “Tschüß” riefen, als Tinos Eltern weiterfuhren. In einer Woche würden sie ihn wieder abholen.

Am nächsten Morgen, als wir alle drei nach dem Frühstück in den Garten rannten, um Tinos unsere Kletterbäume zu zeigen, schaute unsere Nachbarin, Frau Reineke, über der Zaun, als sie gerade Rina, ihre Collie-Hündin, spazieren führte. “Na, wen habt ihr denn zu Besuch? Das ist ja ein Ausländerbübchen.” Das hörte sich komisch an, doch weil Frau Reineke zu mir auch manchmal Bübchen sagt, merkte ich noch nichts. Als dann später unser anderer Nachbar, Bauer Sauer, vorbeikam, stehenblieb und Tinos mit großen Augen ansah, aber nichts sagte, schaute ich Tinos auch genauer an, konnte an ihm allerdings nichts besonderes feststellen. Er sah aus wie immer.

Was die Leute störte, erfuhren wir erst später, als wir zusammen mit Tinos in den Laden von Frau Astheimer gingen. Wir wollten Brausepulver kaufen, denn in Frau Astheimers kleinen Laden gibt es das beste Tütchenbrausepulver der Welt. Wir wollten gerade zur Tür reinstürmen, als zwei Erwachsene, die ich nicht kannte, herauskamen, vollbepackt mit riesengroßen Tüten. Lena und ich drängelten etwas, weil jeder von uns erster bei den Brausetüten sein wollte, Tinos blieb hinter uns, er wußte ja nicht, wo die guten Sachen in Frau Astheimers Laden waren. Da hörte ich plötzlich die Leute an der Tür schimpfen: “Diese Türkenkinder. Jetzt sind sie auch schon hier in Stipshausen. Ja, und Manieren haben sie natürlich auch keine.”

Frau Astheimer sagte keine Wort, obwohl sie an der Kasse stand, und ich brauchte eine ganze Zeit, bis ich begriff, daß die beiden Tinos meinten.

“Tinos ist gar kein Türke,” rief ich schließlich empört. Zu spät, die Leute hatten bereits die Tür hinter sich geschlossen.

Zu Hause erzählten wir alles unseren Eltern. “Wißt ihr, die Leute haben eben Angst vor allen Fremden,” erklärte meine Mutter.

“Tinos ist gar kein Fremder, wir kennen ihn schon ganz lange,” widersprach Lena. Und ich sagte: “Und außerdem ist er kein Türke. Seine Eltern kommen aus Griechenland.”

“Und wenn seine Eltern aus der Türkei kämen, wäre er doch auch dein Freund, oder?”

“Natürlich, was denkst du denn! Mir es auch völlig egal, was er für ein Gesicht hat.”

“Was ist denn mit Tinos Gesicht,” fragte Lena, “da ist nichts besonderes dran. Ich sehe zumindest nichts.”

Tinos hatte die ganze Zeit sehr still am Tisch gesessen. Schließlich sagte er: “Die sind einfach blöd. Aber blöde Leute gibt´s überall.”

Von nun an paßten wir genau auf. Einmal hörten wir jemanden sagen: “Schau mal, schon wieder so ein Zigeuner.” Lena war die schnellste von uns, sie streckte den Leuten ihre Zunge heraus und rief: “Selber Zigeuner.” Und dann rannten wir ganz schnell weg.

“Was sind Zigeuner?” fragte sie mich ganz außer Atem. So genau wußte ich das auch nicht, Tinos erklärte uns: “Zigeuner leben in Jugoslawien oder Ungarn. Und viele Leute mögen sie nicht, weil sie nicht an einem Ort wohnen bleiben.”

“So wie Zirkusleute? Das ist doch toll.” Lena war begeistert vom Zirkus, sie träumte davon Zirkusreiterin zu werden.

“Warum sind die Leute nur so doof? ” fragte ich abends Papa. “Tinos ist in Deutschland geboren und geht schon seit der Vorschule in meine Klasse, er ist überhaupt kein Ausländer.”

“Das wissen die Leute hier eben nicht. In Stipshausen gibt es so gut wie keine ausländischen Kinder.”

“Und warum nicht?”

“Wegen der Arbeit. Hier findet man nicht so schnell einen Arbeitsplatz.”

Ich verstand das nicht, die hätten sich eigenlich freuen können, daß Tinos zu ihnen gekommen war. Sonst schwärmten sie immer davon, wie schön es im Urlaub auf Kreta oder in Spanien gewesen war, und nun schimpften sie, wenn ein Junge zu Besuch kam, nur weil er griechische Eltern hat.

Am nächsten Tag wollten wir ein großes Picknick im Garten machen. Wir schleppten ganz viele Sachen raus: eine große Decke, zwei Packungen gesalzene Erdnüsse, die Tinos mitgebracht hatte, Smarties, die Lena noch von ihrem Geburtstag übrig hatte, und dann noch Teller, Tassen und Gabeln und Löffel. Jetzt fehlte nur noch etwas zu trinken.

“Ich bin für Brause,” rief Lena, “Waldmeister,” stimmte Tinos zu. Leider waren unsere Brausetüten schon leer. Und Geld hatten wir auch keins. Also ging ich zuerst zu Mama und bat sie um einen Vorschuß auf mein Taschengeld, das ich immer Sonntags bekomme. Danach gingen Tinos und ich los, Lena sollte schon alles im Garten vorbereiten. “Und vergeßt nicht, einen Strohhalm für jeden mitzubringen,” sagte sie, als wir losgingen.

Bei Frau Astheimer im Laden gab es nur noch Dreierpackungen Brause mit unterschiedlichem Geschmack. Also entschieden wir uns für Zitrone, Erdbeer und Waldmeister und liefen wieder zurück. Auf dem Weg sahen wir zwei Jugendliche, die auf ihren Mopeds saßen und uns den Weg versperrten. “Komm, laß uns auf die andere Straßenseite gehen,” flüsterte ich Tinos zu. Der hörte aber nicht zu sondern lief einfach weiter.

“Na ihr zwei, was habt ihr denn schönes gekauft?” fragte einer der beiden Mopedfahrer.

“Brausepulver,” sagte Tinos.

“Ach, der kann ja Deutsch.” Dann wandte er sich an mich. “Und du bist auch nicht von hier, was?”

“Wir kommen aber immer in den Ferien hierher,” widersprach ich.

“So, dann rückt mal eure Brause heraus,” forderte der größere der beiden uns auf.

Was sollten wir tun? Ich schaute mich um, weit und breit war kein Erwachsener zu sehen, den wir zu Hilfe hätte rufen können.

“Los, wird´s bald,” herrschte der gleiche Junge uns an.

“Bei drei klettern wir über den Zaun,” sagte ich ganz leise zu Tinos, “da kommen sie nicht nach mit ihren Mopeds.”

Zwei – Drei. Und flugs stiegen wir über den Holzzaun und rasten durch einen Vorgarten zum nächsten Haus. Die Jugendlichen pfiffen hinter uns her, taten sonst jedoch nichts.

Dann passierten gleich drei Sachen. Tinos stolperte über eine große Schale mit Blumen darin, die Schale fiel um, zerbrach in tausend Teile und es gab einen solchen Lärm, daß ein Mann aus dem Haus trat, der ziemlich bärbeißig aussah..

“Oh weh,” sagte ich und zog mit zusammengepreßten Zähnen die Luft ein. Mama sagt, das mache ich immer wenn ich aufgeregt bin.

Da geschah jedoch etwas merkwürdiges. Tinos, der sich wohl am Knie ziemlich weh getan hatte, sagte nämlich etwas in Griechisch zu sich selbst. Und im gleichen Augenblick hellte sich die Miene des Mannes auf und er antwortete Tinos – auf Griechisch.

“Rotznasen!” rief er schließlich den großen Jungs, zu, die die immer noch am Zaun standen, “Ihr Rotznasen, macht das ihr jetzt wegkommt.” Und er drohte mit dem Finger. Die ließen sich das nicht zweimal sagen, starteten ihre Mopeds mit lautem Geknalle und fuhren die Straße hinunter.

“Er war im Krieg in Griechenland,” erklärte Tinos später, als wir alle drei im Garten saßen. “Er sagt, dort wären fast alle freundlich zu ihm gewesen, obwohl er Soldat war. Und er möchte so gerne noch einmal hinfahren, jetzt, als Rentner. Ganz friedlich diesmal.”

“Er hat uns übrigens eingeladen. Wir könnten morgen nachmittg zu ihm kommen, falls wir Lust hätten. Er würde auch etwas zu trinken vorbereiten. Sein Lieblingsgetränk. Wißt ihr was das ist?”

Ich war immer noch zu verblüfft, um richtig raten zu können, Lena aber hatte das lustige Glitzern in den Augen von Tinos entdeckt und wußte sofort, was das bedeutete.

“Bestimmt Brause!” rief sie.

“Jetzt sag nur noch Waldmeister,” stöhnte ich.

“Aber sicher. Was denn sonst?” strahlte mich Tinos an.

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