Besuch beim Förster

In unserem Ferienhaus in Stipshausen haben wir keine Heizung. Frieren müssen wir trotzdem nicht, in jedem Zimmer steht nämlich ein Ofen. Die Öfen machen schön warm, sie werden sogar ganz heiß und man muß höllisch aufpassen, daß man sich nicht verbrennt. Einmal, da war ich noch kleiner, wollte ich meiner Schwester Lena zeigen, wie gefährlich es ist, im Winter mit den Fingern an den Ofen zu kommen. Lena konnte noch nicht richtig sprechen, deshalb mußte ich ihr alles vormachen. Dafür hat Lena alles gut begriffen, wohl besonders wegen meines lauten Schreiens, als ich mit der Hand aus Versehen die Ofenplatte wirklich berührte. Lena hat sich jedenfall in Stipshausen noch nie die Finger verbrannt.

Alle Öfen in unserem Ferienhaus werden mit Holz oder Kohle geheizt. Einer bestimmten Art von Kohle. Es sind lange, gepresste Kohlestücke, man nennt sie Brikett. Früher, als ich noch viel jünger war, sagte ich immer “Baguette” dazu, also so wie das französische Wort für Weißbrotstangen. Und wenn ich fragte: “Wo sind denn die Baguette für den Ofen?”, lachten alle ganz laut. Die Brikett müssen wir im Nachbardorf kaufen, in Rhaunen, das Holz für unsere Öfen bekommen wir aus dem Wald. Allerdings dürfen wir nicht in den Wald gehen und irgendeinen Baum, der uns gut gefällt, einfach mit der Säge oder mit der Axt abholzen. Nein, das ist viel umständlicher. Als wir in den Herbstferien nach Stipshausen fuhren, stellte Papa gleich am ersten Tag fest, daß in der Scheune nur noch wenige Holzscheite übrig waren.

“Wir müssen unbedingt zum Bürgermeister,” drängte Papa beim Abendessen, “sonst sitzen wir im Kalten, wenn wir in den Weihnachtsferien wieder herkommen.”

“Wir wollten aber an Weihnachten zu Oma und Opa fahren,” unterbrach ihn sofort Lena, die bei solchen Gesprächen immer besonders genau zuhört. Sie machte ein Gesicht, als ob sie gleich losheulen wollte. Das kann bei ihr immer genau sehen. Zuerst zieht sie ihre Mundwinkel nach unten, danach verdreht sie so komisch die Augen und dann heult sie los. Papa hatte es wohl auch bemerkt, denn er verbesserte sich sofort: “Ich meine natürlich nach Weihnachten. Den Heiligen Abend feiern wir mit Oma und Opa zusammen.”

“Aha,” seufzte Lena. Sie war nur bis zum Herunterziehen der Mundwinkel gekommen und hatte noch nicht begonnen, die Augen zu verdrehen.

Am nächsten Tag gingen Papa, Lena und ich zum Bürgermeister, die Bäume im Wald gehören nämlich allen im Dorf. Wir mußten spät am Abend zu ihm gehen, denn der Bürgermeister fährt am Tag zur Arbeit ins Büro in die nächste Stadt. Er zeichnet dort Pläne für einen Architekten. Und nur abends, wenn er nach Hause kommt, ist er Bürgermeister. An diesem Tag konnten wir nichts ausrichten. Der Bürgermeister war zum Kegeln gegangen, und seine Frau meinte, wir sollten lieber gleich zum Revierförster gehen, der wisse besser Bescheid als ihr Mann. Es war allerdings zu spät, um zum Förster zu fahren. Der Förster arbeitet nämlich den ganzen Tag als Förster und nicht nur abends.

Am nächsten Morgen sind wir deshalb gleich nach dem Frühstück mit dem Auto zur Revierförsterei gefahren, in die größere Nachbargemeinde. Mama fuhr auch mit, wir sollten sie allerdings unterwegs absetzen. Sie wolle bestimmte Sachen kaufen, die sie in Stipshausen, im Laden von Frau Astheimer nicht bekäme. Das konnte ich mir nun überhaupt nicht vorstellen, denn Frau Astheimer hat wirklich alles in ihrem kleinen Laden. Mama wollte mit keinem Wort verraten, was sie vorhatte.

Wir hatten Glück, der Förster war zu Hause. Er hatte schon von uns gehört, und als wir anklopften, sagte er gleich: “Ach, Ihr seid die aus der Stadt!”. Es ging ganz schnell, die Hauptsache, ob wir Holz bekommen könnten, war in windeseile geklärt. Der Förster erklärte uns, wo die gefällten Bäume lagen. Und er riet uns, einen Bauern aus Stipshausen zu bitten, die schweren Stämme für uns zu transportieren. Darum könnten wir unseren Nachbarn, Bauer Sauer bitten. Bezahlen mußten wir das Holz dann beim Bürgermeister. Also, es hätte alles ganz schnell gehen können, doch wir hatten nicht mit Lena gerechnet.

Lena fragte nämlich plötzlich: “Hast du denn keine Tiere? In meinem Buch hat der Förster ganz viele Tiere.”

“Was denn für Tiere?” fragte der Förster.

“Einen Hund, ein Reh, zwei Ponies – und ein Raubtier.”

“Was, ein Raubtier auch?” Der Förster lachte dabei dröhnend.

“Ja, der hat sehr wohl ein Raubtier,” beharrte Lena trotzig und sah mich hilfesuchend an.

“Das stimmt, ich habe das Buch auch schon gelesen,” sagte ich und kam Lena zu Hilfe. Auch Papa hatte nämlich schon zu grinsen begonnen. “Der Förster in Lenas Buch hält nämlich einen Marder in einem Käfig.”

“Genau, einen Marder”, triumphierte Lena, “und das ist ein Raubtier.”

“Da hast du natürlich Recht”. Der Förster lachte zwar immer noch, doch man konnte es ihm nicht übel nehmen. Er sah sehr gemütlich aus dabei. Sein dicker Bart wackelte etwas, wenn er loslachte. An der Wand seines Zimmers hingen, geradeso wie im Buch, zwei große Geweihe und über dem Kamin prangte ein langes Gewehr.

“Na gut, junges Fräulein”, sagte er, mit vergnügt blinzelnden Augen, “dann werde ich jetzt einmal eine kleine Pause einlegen mit meinem Schreibkram, und dir und deinem Bruder meine Tiere zeigen.”

Es wurde ein ziemlich spannender Morgen. Denn, man stelle sich vor, dieser Förster hatte tatsächlich auch eine Menge Tiere. Ich zähle sie einmal auf: zwei Hunde, einen braunen Jagdhund und einen gemütlichen alten Hofhund, vier Schafe, hinter dem Haus, denen wir altes Brot zum Fressen geben durften, ein winzig kleines Wildschwein, das noch die weißen Längsstreifen auf dem Fell hatte, eine schwarz-weiße Katze, und – fast so etwas wie ein Raubtier. In einem Käfig saß nämlich ein Falke auf dem Ast eines abgestorbenenen Baumes.

“Dem ist bei einem Unfall ein Flügel angeknackst. Wahrscheinlich ein Zusammenprall mit einem Auto,” erklärte der Förster.

“Und jetzt kann er nie mehr fliegen?” erkundigte sich Lena gleich teilnahmsvoll.

“Ich befürchte, nein”, antwortete der Förster, “aber bei mir hier kann er wenigstens überleben. In der Natur wäre er schon längst eingegangen. Wir geben ihm täglich etwas zu fressen, und vielleicht, vielleicht, wächst sein Flügel auch wieder zusammen, so daß er irgendwann einmal doch wieder draußen auf Jagd gehen kann.”

Als wir aus dem Garten zum Forsthaus zurückkehrten, schaute ein junger Mann, der wohl ein Gehilfe war, aus dem Fenster. “Sie brauchen sich nicht zu beeilen,” rief er, “ihre Besucher vom Landratsamt kommen erst später.”

“Die können mir gestohlen bleiben,” brummte der Förster und schaute einen Augenblick lang gar nicht mehr so vergnügt drein.

Dann pfiff er zweimal scharf und seine beiden Hunde kamen um die Ecke gerast. Also eigenlich sprintete nur der eine, der braune. Der andere, der graue Hofhund, kam langsam hinterdrein getrottelt.

“Wißt Ihr was?” wandte sich der Förster an Papa, Lena und mich, “Wenn Ihr Lust habt, zeige ich Euch, wo das Holz liegt. Dann müßt Ihr später nicht so lange suchen. Ihr Städter verlauft Euch ja doch immer im Wald.”

Bei seinen letzten Worten hatte er schon wieder zu lachen begonnen. Papa schien etwas beleidigt zu sein, wo er doch immer behauptet, er hätte sich noch nie verlaufen. Jedenfalls stimmten Lena und ich begeistert zu. Wir zogen gleich los. Es war ein weiter Weg, und doch wollte Lena kein einziges Mal auf den Arm genommen werden, und auch mir kam es gar nicht langweilig vor. Denn, das war die größte Überraschung, Lena und ich durften während der ganzen Wanderung die Hunde an der Leine halten. Lena führte Cäsar, den Hofhund, und ich hatte Toby, den Jagdhund mit den kurzen braunen Haaren, an der Leine. Ein paar Mal wollte Toby mich wegzerren, und ich mußte recht heftig ziehen, sonst hätte er es auch geschafft. Cäsar war sehr ruhig dagegen. Mein Toby blieb zwar immer recht friedlich, ich konnte mir aber gut vorstellen, daß er ganz schön zupacken konnte.

Auf der Heimfahrt holten wir zuerst Mama ab. Wir mußten alles genau erzählen und Lena und ich gerieten fast in Streit, weil jeder von uns am liebsten alleine berichten wollte.

“Und was hast Du eingekauft?” fragte ich endlich. Mama antwortete einsilbig: “Dies und das. Wir brauchten verschiedenes.” Ich hatte inzwischen einen Verdacht. Nächste Woche war mein Geburtstag, und wenn mich nicht alles täuschte, hatte ich in Mamas Einkaufskorb, ganz unten, so etwas wie Geschenkpapier gesehen. Es sah so aus, als sei ein Buch darin eingepackt. Ich tat so, als ob ich nichts gesehen hatte. Wer weiß, viellicht bekam ich ja das Buch geschenkt, daß ich mir schon lange gewünscht hatte, “Klaus beim Förster”. Und mit Förstern kannte ich mich ja nun gut aus.

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