Auf dem Hochsitz

Das war ein schlechter Tag für Lena und mich. Früh am Morgen fing es schon an.

Weil wir in Stipshausen, in unserem Ferienhaus, einen Komposthaufen im Garten haben, stehen in der Küche zwei Abfalleimer. In den einen wird alles Plastikzeug geworfen, in den anderen kommt der Abfall aus der Küche. Zum Beispiel Eierschalen, ausgepreßte Zitronen oder Käserinden.

Diesen Abfalleimer also sollte Lena nun in den Garten tragen. Motzig sagte sie: “Kann das nicht Thomas machen? Immer muß ich den Abfall raustragen.” Die Wahrheit war wohl eher, daß sie zu faul war. Das sagte sie allerdings nicht.

“Nein, du bist dran,” bestimmte Mama. “Vielleicht,” antwortete Lena. “nein, nicht vielleicht, sofort,” bestimmte Mama.

Jetzt hätte man Lena hören müssen. Sie rief: “Ich will aber nicht, ich will aber nicht, ich will aber nicht.”

“Dann will ich dich nicht länger in der Küche sehen. Geh´ bitte auf dein Zimmer.” –

Das war deutlich.

Kurze Zeit später war ich dran. Ich hätte meinen Schlafanzung in die Ecke geknallt, hätte meine Zähne nicht geputzt und wäre bockig. Und als Papa begann, Mama zu unterstützen, reichte es mir. Allerdings reichte es Papa und Mama auch, und ich fand mich plötzlich ebenfalls aus der Küche verbannt.

“Die sind vielleicht blöd heute,” meinte Lena, und ich gab ihr völlig recht. “Und wenn die denken, ich entschuldige mich, haben sie sich ganz schön getäuscht.” Dann fragte sie mich: “Ich bleibe den ganzen Tag hier oben, sollen wir zusammen spielen?” Also fingen wir gleich mit einem Puzzle an.

Als Papa später hochkam und uns fragte, ob wir uns jetzt wohl beruhigt hätten, dann könnten wir nämlich wieder herunterkommen, schwankten wir beide kein bißchen. Selbst als Papa uns mit Kirschkuchen ködern wollte, da sei nämlich noch welcher von gestern übrig, wurde ich nur ein klein wenig unsicher, weil ich doch so gerne Kirschkuchen esse. Lena gab den Ausschlag. Sie sagte: “Aber den Mülleimer bring ich nicht in den Garten. Auf keinen Fall.” Ich nickte zustimmend, ohne etwas zu sagen. Papa sah mich fragend an, ich blieb aber bei meiner stummen Ablehnung.

“Na, wenn das euer letztes Wort ist, dann bleibt oben.” Und bevor wir auch nur “Pieps” sagen konnten, drehte er sich um und öffnete die Tür. Bevor er die Tür zumachte, sagte er dann noch: “Damit ist auch klar, daß wir heute keine Rehe beobachten werden.”

Oh, das war schlimm. Da hatten wir gar nicht daran gedacht. Heute wollte Papa ja mit uns abends noch einmal in den Wald gehen, zu einer Schonung, wo er schon einmal ein ganzes Rudel Rehe gesehen hatte.

Lena schaute mich ganz traurig an. Sie hatte sich so darauf gefreut. “Was hältst du davon,” sagte ich, “wenn wir selbst Tiere beobachten?” Lena schaute mich ungläubig an.

“Wo denn? Die Rehe sind im Wald, und wir dürfen nicht alleine in den Wald.”

“Ich hab´s,” rief ich. “Wir schleichen uns heimlich weg. Dann laufen wir zum Hochsitz. Zu dem am Waldrand. Der Förster geht auch immer auf den Hochsitz, wenn er Tiere jagt. Und von dort können wir nicht nur Rehe beobachten sondern auch Hirsche und Wildschweine. Was hältst du davon?”

Lena war begeistert. Sie schlug vor, sofort loszuziehen. Ich sagte ihr, das sei unklug. Wir sollten warten, bis wir alleine waren. Und wirklich, nur kurze Zeit später hörten wir, wie Mama und Papa im Flur rumorten. Wir taten so, als seien wir immer noch sauer und Mama rief: “Wir gehen jetzt einkaufen. In spätestens einer Stunde sind wir wieder zurück.”

Kaum hatten wir die Tür zufallen gehört, rannten wir hinunter in die Küche. Klar, so eine Wanderung muß vorbereitet werden. Lena holte eine flasche Saft und füllte sie in ihre kleine Umhängeflasche. Leider floß einiges daneben. Ich besorgte in dieser Zeit Kekse aus der großen Keksdose in der Kammer und nahm auch für jeden noch eine Banane mit. Und dann noch den Rest vom Brot, so konnten wir die Tiere anlocken.

Bevor wir gingen, schrieb ich noch eine kleine Botschaft für die Eltern. Man weiß ja nie. “Sind zum Hochsitz,” schrieb ich auf einen Zettel und als Unterschrift malte Lena ein L und ich schrieb ein großes T dahinter. Das genügte wohl.

Zuerst ging alles gut. Wir machten unterwegs zweimal Pause, aßen die Kekse und die Bananen, knabberten auch an dem Brot, doch der Kanten war ziemlich hart. Die Umhängeflasche von Lena war schnell leer. Lena hatte wohl das meiste verschüttet.

Nach der zweiten Pause kamen wir zum Waldrand. Ich fand, daß der Wald heute besonders dicht und dunkel aussah, sagte aber lieber nichts, sonst bekam Lena noch Angst. Ab und zu hörte ich auch merkwürdige Geräusche hinter uns. Ob uns jemand folgte? Ich wollte mich nicht so oft umdrehen, deshalb tat ich so, als ob meine Schnürsenkel ständig locker wären. Beim Bücken schielte ich jedes Mal nach hinten. Es war niemand hinter uns. Lena schien nichts zu merken, sie deutete nach vorn und rief: “Schau, da ist der Hochsitz.”

Wir mußten eine ziemlich steile Leiter hochklettern. “Und was passiert, wenn Brummi von hier oben hinunterfällt?” Brummi ist der Lieblingsteddy von Lena und hatte natürlich mitgemußt. “Der fällt ganz weich,” beruhigte ich meine Schwester, “schau, da unten liegt alles voller Nadeln. Aber halt ihn trotzdem ganz fest.”

Am schönsten hätte ich es gefunden, wenn jemand dagewesen wäre, der mich auch manchmal ein bißchen festgehalten hatte. Leider, leider waren wir ja alleine.

“Wenn du willst,” schlug ich Lena großzügig vor, “kannst du dich jetzt zu mir setzen. Hier auf der Bank ist Platz genug.”

Das tat Lena und nun saßen wir oben auf dem Hochsitz auf einer kleinen Holzbank, ganz eng beieinander. Ich links, Lena rechts, und Brummi in der Mitte. Wir warteten und warteten. Nichts passierte. Dann knackte es hinter uns. “Bestimmt ein Hirsch, der mit seinem Geweih hängengeblieben ist,” vermutete ich. Als wir uns vorsichtig umdrehten, und nach unten schauten, sahen wir nur einen Eichelhäher. Einmal galubte Lena einen Hasen entdeckt zu haben, vielleicht war es allerdings auch nur einWindstoße, der einen Busch bewegt hatte. Als ich gerade schon vorschlagen wollte, vielleicht sollten wir jetzt lieber wieder hinunterklettern und langsam nach Hause laufen, da passierte es.

Direkt unter uns konnten wir merkwürdige Geräusche hören, erst grunzte es, dann kam ein Trappelnn und schließlich sahen wir sie – eine ganze Wildschweinfamilie kam aus dem niedrigen Wald, an dessen Rand der Hochsitz stand. Lena war ganz begeistert. Sie hielt Brummi hoch, damit der auch besser die kleinen Wildschweine, die braun-weiß gstreiften Frischlinge, sehen konnte. “Sind die nicht süß,” flüsterte sie aufgeregt, und ich knurrte “Und der Eber erst.” Denn Lena hatte ja keine Ahnung, daß so ein Wildschweinvater ganz schön gemein sein konnte. Als Lena mir wieder etwas sagen wollte, mußte ich ganz laut nießen.

Die Wildschweine verschwanden wie ein Blitz in der dunklen Schonung, die großen Tiere zuerst und hinterdrein stolperten die Frischlinge.

“Siehst du, jetzt sind sie alle fort,” beschwerte sich Lena, “nur wegen dir.” Ich war heilfroh, daß sie wegwaren, sagte aber lieber nichts. Ganz, ganz vorsichtig stiegen wir die Leiter wieder hinunter, und als wir unten waren, pfiff ich ganz laut vor mich hin, auch wenn Lena sagte, das klänge schrecklich. Vielleicht fanden die Wildschweine die Melodie ja auch scheußlich und blieben in ihrem Versteck. “Und Brummi?” fragte Lena auf einmal aufgeregt. Oh weh, den hatten wir oben auf der Bank vergessen. Ich konnte Lena unmöglich alleine hier unten lassen. Ohne mich wollte sie aber nicht nach oben klettern. Also stiegen wir beide noch einmal die Leiter hoch, Lena vorne, ich hinten, holten Brummi ab, der schon zu warten schien, und kletterten wieder herunter. “Uff,” seufzte ich. Hätte ich gewußt, daß weglaufen so anstrengend sein kann, wäre ich lieber mit Lena zu Hause geblieben und hätte nur Puzzle gespielt.

Auf dem langen Heimweg, immer am Waldrand entlang und dann noch ein Stück über die Obstwiese, mußte ich alles tragen, die Flasche, den kleinen Rucksack, in dem unser Proviant gewesen war, einen Stock, den ich gefunden hatte, und Brummi. Lena behauptete sie sei müde. Komisch war nur, daß sie am Ende des Weges noch rennen konnte. Da sahen wir Mama und Papa vor dem Haus stehen.

“Na, ihr zwei Ausreißer,” begrüßten sie uns, sie schienen gar nicht böse zu sein. “Ihr seht ja ganz müde aus.”

“Ich habe mir was überlegt,” sagte Lena, auf Papas Arm, nachdem wir das ganze Abenteuer mit den Wildschweinen erzählt hatten. “Was denn?” “Wenn ihr wollt, bringe ich morgen den Abfalleimer in den Garten. Aber nur vielleicht.”

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>