Briefe für den Postboten

Manuskript

Maximilian Preisler

Briefe für den Postboten.

Mailman, bring me no more blues

One blue letter is all I can use.

Es klingelte. Ein Blick auf die Uhr sagte mir: das mußte der Postbote sein. Spät war er dran heute.

Nun, es war Donnerstag. An jedem Donnerstag beginnt die heiße Phase der Woche. Für die Postboten. Ich drückte auf den Summer und hörte, wie draußen die Tür geöffnet wurde.

 

Nun hat unser Postbote einen Schlüssel zum Haus, wie zu jedem Haus in der Straße, dennoch klingelt er gerne. Eine Sache, die nur zu verständlich ist. Schöner ist es auf jeden Fall, die Briefe einem Menschen in die Hand zu drücken, als sie anonym durch einen Schlitz in der Tür zu stecken. Es dauert natürlich länger – hier ist ein Mann noch im Bad, dort schlüpft eine Frau gerade noch in ihren Rock (und hören Sie mir auf mit den Geschichten von der Verführung der Postboten! Ich habe schließlich früher selbst einmal Post ausgetragen, in meiner Studentenzeit. Nie, nie ist mir jene Frau aus den Witzblättern begegnet, deren Morgenmantel sich öffnet, sobald der morgendliche Briefträger sich dem Haus nähert. Andererseits – die Geschichte mit den Hunden ist wahr. Einige Anekdoten über die Gefährlichkeit dieser Tiere, gerade für Fremde, die mit gutem Gewissen die Tür öffnen, könnte ich erzählen. Aber lassen wir das. Es gehört nicht hierher. Eine Geschichte mit einer verführerischen Frau, die einen Studenten mit Haut und Haaren auffrißt, nur weil er morgens nicht auf der Hut ist, die hätte hierher gepaßt, aber die kann ich nun leider nicht bieten) – auf jeden Fall ginge es schneller, die Briefe zu falten, zu knicken, auch schon mal zusammenzuknüllen und durch den Schlitz hindurchzustecken. Das ist der unpersönliche Weg. Höflicher ist es auf jeden Fall, dem Wohnungsinhaber die Post des Tages in die Hand zu drücken. Oft auch problemloser. Ich bekomme oft Päckchen oder dicke Briefsendungen, die partout nicht durch den Schlitz hindurchpassen. Sehr oft habe ich also schon dem Postboten gesagt: Sie können diese Sendungen gerne vor die Tür stellen. Hier im Haus sind alle Leute ehrlich. Der Briefträger nickte dann immer zustimmend, aber am nächsten Morgen, oder am übernächsten Morgen war alles vergessen, sie klingelten, und drückten mir eine weitere Streifbandzeitung oder eine ungewöhlich dicke Briefsendung in die Hand. Im schlimmsten Fall schrieben sie eine Mitteilung, es sei niemand zu Hause gewesen, ich solle mir morgen die Postsendung am Postamt selbst abholen. Ärgerlich, vor allem dann, wenn es sich um irgendein unbestelltes Exemplar einer neuen Zeitschrift handelte. Vielleicht – das kann ich nicht sagen, und ich kann mich auch nicht erinnern, ob früher davon die Rede gewesen war, vielleicht gibt es tatsächlich eine Post-Dienstvorschrift, die etwa so lautet: Nichts im Hausflur abstellen! Dann geht´s halt nicht. Schlendrian darf ja nicht sein.

 

Es klingelte also, ich drückte den Summer, hörte wie unten die Haustür geöffnet wurde und ging zur Wohnungstür, in der Erwartung des Postboten. Bis vor kurzem hätte ich gewußt, wer da klingelte und wer vor der Tür stünde. Herr Weber.

Ein Allerweltsname, aber ein ganzer Kerl, ein Beamter, ein deutscher Beamter. Nicht preußisch, auch wenn unsere Geschichte in Berlin spielt, nein, preußisch-korrekt war er nicht. Sein Alkoholkonsum war einfach zu hoch dafür. Unser Haus lag etwa auf dem Scheitelpunkt seiner Tour. Das heißt, mit dem Wägelchen, dessen beide gelbe Seitentaschen zu Anfang prall gefüllt sind, kam er gerade bis zu uns. Er verteilte unter den acht Parteien in unserem Haus die letzten Briefe aus seiner Tasche und füllte danach die Backen des Wägelchen erneut. Denn in der Zwischenzeit, zwischen dem Zeitpunkt seines Weggehens vom Postamt und seiner Ankunft bei uns, hatte einer seiner Kollegen, einKurier, der von der zentralen Postverteilungsstelle geschickt wurde, einen Sack mit weiterem Postgut in einem kleinen grauen Behälter deponiert, der just an unserem Gartenzaun befestigt ist. Da nun unser guter Herr Weber durch die jahrelange Routine genau wußte, wo seine Pappenheimer wohnten, hatte er den Bogen gut raus. Und da er sich auch im Laufe der Zeit eine gewisse Großzügigkeit zugebilligt hatte – so machte es ihm rein gar nichts aus, Briefe für das Ehepaar Cusick, das vor etwa zwei Jahren Hals-über-Kopf aus der Wohnung über uns ausgezogen und nach Amerika geflüchtet war (Steuerhinterziehungen größeren Ausmaßes steckten dahinter, doch das ist ebenfalls eine andere Geschichte!), bei uns abzugeben und damit viel Zeit zu sparen. Denn in diesem Fall klingelte er keineswegs, dies versteht sich von selbst. Er schob diesen Brief an Mr. und Ms. Cusick einfach durch unseren Briefschlitz und setzte darauf, daß ich schon das richtige unternehmen würde. Dabei wußte er geradesogut wie ich, daß die beiden Cusicks keinen Nachsendeantrag hinterlassen hatten und daß überhaupt niemand wußte, wie ihre neue Adresse lautete.

 

Ach ja, der gute Herr Weber! Zu mir war er auf eine vertrackte Art freundlich und abweisend zugleich. Einerseits hatte er Respekt, immerhin bekam ich viele Briefe, auch aus dem Ausland und an Neujahr bekam er regelmäßig ein kleines Trinkgeld. Andererseits, war es ihm wohl suspekt, daß ich immer zu Hause war, wenn er etwas abzugeben hatte. Gar zu oft passierte es, daß mich meine Arbeit noch bis tief in die Nacht am Schreibtisch festgehalten hatte. Übersetzungsarbeiten, eine Tätigkeit, die Geduld erforder, Intuition, und viel Sitzfleich. Die Nächte eignen sich gut dafür. Am nächten Morgen, nach einer langen Nacht, würde unweigerlich Herr Weber vor der Tür stehen und mir mit mißtrauischen Blicken einen dicken Brief überreichen. Leicht verächtlich streiften seine Augen über meinen Morgenmantel – im Sommer der Kimono mit dem bunt eingesticktem Drachen auf dem Rücken, im Winter das flauschige Geschenk aus längst verflossenen Tagen – kritisch prüfte er, zumindest schien es mir so, mein verschlafenes Gesicht und meine unrasierten Wangen und zückte seinen Bleistift, den er stets hinter das Ohr geklemmt hatte, weil ich die Empfangsquittung für einen eingeschriebenen Brief unterschreiben mußte.

Was dachte er von mir? Sehr oft fragte ich mich das. Er sprach an der Tür nie mehr als zwei, drei Sätze, wenige Bemerkungen über das Wetter, den Schnee, den Regen, die Sonne oder die ansteigende Flut der Briefwurfsendungen, ein leidiges Thema unter Postbediensteten. Wenn wir uns unterwegs begegneten, ich auf dem Fahrrad, mit dem Einfkaufskorb auf dem Gepäckträger, grüßte ich schon von weitem. Ich war dann heilfroh, daß er mich bei einer nützlichen Tätigkeit beobachten konnte. Also, so überlegte ich, würde er seine negative Einschätzung von mir, über die ich mir keine großen Illusionen machte, revidieren müssen. Seine Gedanken konnte ich geradezu lesen: Er ist also doch kein Nichtsnutz, kein Tagdieb, sondern ein sorgender Vater, der Milch und Butter und Eier für die Kinder holt.

 

Wenn er allerdings mit seinem Kollegen an der Ecke stand und ein Bierchen trank, oder mehrere Bierchen, dann übersah er mich geflissentlich. Das meinte ich mit seinen mangelhaften preußischen Tugenden. Ein Postbote, der – im Dienst! – an der Ecke steht und Bier trinkt. Preußens Friedrich würde vom Sockel springen und diesem pflichtvergessenen Beamten Beine machen, wenn er nur von seinem Postament herab könnte. Stundenlang standen die beiden Kollegen im Vorgarten des kleinen Ladens an der Ecke, einem rechten Tante-Emma-Laden, ihre Postwägelchen hatten sie demonstrativ draußen vor dem Zaun geparkt. Ihnen schien es nichts auszumachen, daß sich die Nachbarn in der Straße das Maul über sie verrissen. Gemächlich plauderten sie miteinander, jeder mit einer kleinen braunen Bierflasche – Berliner Kindl – in der Hand. Die Post war ausgetragen, der Tag war gelaufen. Wer sollte ihnen das Recht streitig machen, nun ein kühles Blondes zu zischen? Etwa die Anwohner in der Straße, da, wo ihre Touren sich kreuzten? Sie sollten froh sein, daß sie hier standen. Schließlich hatten sie nur deshalb ihre Strecke im Sauseschritt durchlaufen.

 

Diese geruhsamen Tage fanden ein Ende. Vor einem halben Jahr ungefähr ging Herr Weber in Pension. Und nun begann eine unruhige Zeit. Ständig wechselten unsere Briefträger. Mal hatten wir einen jungen Mann mit langem, braunen Zopf, der die Stufen zur Wohnung im Sturm nahm, dann kam für eine längere Zeit, wenigstens einen Monat lang, eine seelenvolle Briefbotin, deren blonder Schopf auf der Straße schon von weitem zu sehen war. Ihre wohlgerundeten Proportionen wurden durch die biedere Dienstkleidung nicht unbedingt zu ihrem Vorteil betont. Sie war von gemächlicher, gemütlicher Art; besorgt um jede falsche Postleitzahl, konnte sich nicht beruhigen, wenn jemand aus Versehen eine falsche Nummer angegeben hatte, und einmal wies sie mich sogar darauf hin, daß mein Name auf der Adresse mitunter falsch buchstabiert sei.

Nachdem auch diese treusorgende Seele wieder versetzt worden war, begann eine wahrhaft chaotische Episode. Innerhalb von vier Wochen mühten sich drei Briefträger, zwei Frauen und ein Mann, damit ab, die Adressen auf den Briefen zu entzifferen, die Schlüssel für die ihnen anvertrauten Häuser zu entwirren und die feinen Unterscheidungen wie Akazienallee 20, unser Haus, ein Haus, das Ecke Kirchenallee steht, seinen Eingang aber in Akazienallee hat, vom Nachbarhaus, das die Bezeichnung Akazienallee 20 A trägt, zu unterscheiden. Das ebenfalls an der Ecke steht, auf der gegenüberliegenden Seite unserer Straße, dessen Eingang jedoch nur von der Kirchenallee zu erreichen ist. Eine heillose Verwirrung herrschte, und man war froh, daß die Nachbarn nachsichtig waren und die falsch eingworfene Post im Normalfall bis zum späten Nachmittag austauschten.

 

Am 21. Oktober bekamen wir wieder einen neuen Briefboten. Das war der Tag, an dem Herr Ayazi zum ersten Mal klingelte. Ich weiß es deshalb so genau, weil dieser Tag mein Geburtstag ist. Am Tag vorher hatte eine junge Frau, die höchst mürrisch meinen Guten Morgen-Gruß erwiderte, mir ein Päckchen in die Hand gedrückt. Ein Geburtstagsgruß meiner Mutter. Jetzt fehlten allerdings noch zwei Postkartengrüße von alten Freunden, die ich zwar schon jahrelang nicht mehr gesehen habe, die aber regelmäßig zu Weihnachten und zum Geburtstag eine Karte sendeten. Eher aus alter Gewohnheit, denn aus tiefer Freundschaft. Wobei aber auch die Gewohnheit ein Zeichen der Freundschaft sein kann. Wie auch immer, ich freute mich auf die noch ausstehenden Karten, wie ich überhaupt, das ist vielleicht schon deutlich geworden, ein unbedingter Anhänger der Briefpost bin, auch wenn das etwas altmodisch klingen mag.

Es läutete also, an jenem 21. Oktober im letzten Herbst, und vor der Tür stand ein strahlender Mann. Er strahlte wirklich über das ganze Gesicht.

 

Ich muß es so sagen: Vor der Tür stand ein strahlender schwarzer, nein nicht schwarzer aber zumindest dunkelbrauner Mann. Die Augen blitzten, der Mund war zu einem breiten Lachen bereit, die Zähne schimmerten bei jedem Wort. Der Mann versprühte eine Zuversicht und Freude, die mich spontan berührten. Und ansteckten. Ich mußte ihn unwillkürlich anlächeln und fragte ihn: “Haben Sie die Tour bei uns hier übernommen?”

Er antwortete in einem sehr präzisen Deutsch, dem ich deutlich anhören konnte, er hatte die Sprache als Fremdsprache gelernt. Er wußte, wann ein Infinitiv gebraut werden mußte, und nie hörte ich aus seinem Mund den Berliner Infinitiv, nie hätte er Formulierungen gebraucht wie: Was haben Sie denn da zu liegen? Er wußte, wann Plusquamperfekt und wann Imperfekt zu benutzen war. Es macht Spaß, ihm zuzuhören, darauf zu warten, wie er zum Ende seines Satzes kommen würde. Denn er haßte es, Sätze in der Luft abbrechen zu lassen.

 

“Das ist so: Das Postamt hat mich als Aushilfe eingestellt. Ich bin Ihr neuer Postbote, nur weiß ich nicht, für wie lange. Ich bin Student, ich werde mir Geld verdienen für mein Studium. Dies wird meine neue Route sein, die ich von jetzt ab täglich laufen werde. Ich bin noch ungeübt, am Anfang wird es etwas länger dauern. Leider!”

 

Bei den Worten “Ich bin Ihr neuer Postbote!” grinste er mich mit so ansteckendem Wohlgefallen an, daß ich unwillkürlich lachen mußte. Das sah wie einstudiert aus, als habe er vor seiner Posttätigkeit Kabel getragen für einen Privat-Sender, und dort, bei einer Game Show, gelernt, wie man, und wann man – auch ohne Grund – sein Gesicht mit der Farbe der Freude übergiessen muß, wie man sich bereit hält, um so “spontan” wie möglich loszuprusten, wenn die Kamera mit dem roten Licht auf einen gerichtet ist.

 

Nun hatte gerade gerade in jüngster Zeit ein Vorfall in irgendeinem brandenburgischen oder mecklenburgischen Nest viel Wirbel ausgelöst, bei dem es um einen schwarzen Briefträger ging. Die Post hatte den guten Mann aufs Land geschickt und der hatte auch brav seine Aufgabe erfüllt. Der Ärger begann, als eine kleine Gruppe von Dörflern protestierte. Sie wollten ihre Briefe partout nicht aus der Hand eines Schwarzen entgegennehmen. Vielleicht glaubten sie ja, das Schwarz seiner Hände würde auf die Briefe abfärben. Oder, sie sahen die Ehre Deutschlands in den Schmutz gezogen. Hoch die Fahne: ein deutscher Postbote muß blütenweiß sein.

Wie auch immer, der Beifall der Mehrheit, die zuerst geschwiegen hatte, für den Mann, der gar nicht wußte, wie ihm geschah, kam zu spät und war zu lau. Die Postbehörde reagierte statt dessen überstürzt auf die Krakeeler, entband den schwarzen Postboten von der neuen Aufgabe und schickte an seiner Stelle einen ordentlichen Weißen. Das fiel mir natürlich sofort ein, als ich unserem neuen Briefträger ins Gesicht sah. Eine gewisse Verlegenheit stellte sich bei mir ein, bei ihm jedoch gar nicht. Er reichte mir mit elegantem Schwung meine Briefe und schritt die Treppenstufen zum ersten Stock hinauf.

 

Am nächsten Morgen klingelte es wieder. Unser neuer Mann stand vor der Tür und schaute mich mit freundlichem Lächeln an. Es hatte etwas Entwaffnendes, und obwohl ich gar keine Abwehr verpürt hatte, fühle ich mich, als sei eine Rüstung von mir abgefallen.

Nach einer Woche freute ich mich bereits darauf, ihn zu sehen. Der Morgen war danach gerettet. Selbst die Briefe, die ich sonst schnippisch zur Seite legte, erhielten einen zweiten Blick, gnädig gestimmt betrachtete ich aufmerksamer als sonst die Angebote eines Hamburger Weinhändlers und die Anpreisungen einer staatlichen Lotterie. Das hatte, mit seinem Lächeln, der Postbote getan.

 

Dann fing es an zu regnen. Es regnete am Samstag, am Sonntag und am Montag morgen. Es war schon spät am Nachmittag, als es klingelte.

Dieses Mal konnte man nur seine Augen sehen, Stirn und Kinn verschwanden in einer Kapuze, der ganze Oberkörper steckte in einem riesigen Cape. Dennoch lachte er mich an. Ich lachte zurück.

“Guten Morgen!” so begann unser kleiner Austausch, und ich antwortete: “Guten Tag!”

“Es regnet. Ziemlich stark sogar.” Das war meine Feststellung.

“Ja, es regnet. Es regnet schon den ganzen Morgen. Sie sind trocken. Ich bin naß.”

“Was für ein Wetter. Und das, obwohl wir schon Mai haben.” Ich versuchte das schlechte Wetter etwas zu entschuldigen.

“Ach, es regnet nicht nur im Mai in Deutschland.”

“Sie sind spät dran, haben Sie sehr viel Post? Und das bei diesem Sauwetter?”

Das Wort Sauwetter rief ein einvernehmliches Grinsen in seinen Augen hervor, doch er schüttelte vor seiner Antwort den Kopf.

“Nein, heute gibt es nicht viel Post. Für die anderen Leute, so muß ich es sagen, gibt es nicht viel Post. Sie bekommen viele Briefe, heute schon wieder.” Dabei nickte er anerkennend, als sei dies nur gut für ihn. Viele Briefe – viel Geld. Ob die deutsche Bundespost im Zuge ihre verzweifelten Bemühungen um Rationalisierung und Privatisierung jetzt eine Art Prämiensystem eingeführt hatte?

“Ich habe gewartet heute morgen, bevor ich losging, wissen Sie.”

“Sie haben gewartet? Auf was haben Sie gewartet?”

“Nun, ob der Regen aufhört. Ich wartete eine ganze Weile. Es wollte aber nicht aufhören. So bin ich dann doch losgelaufen.”

Afrikanische Verhältnisse! Das war ja unglaublich! Er lief nicht los, weil es regnete. Wo war Deutschland hingekommen? Friedrich, steige wieder auf den Sockel hinauf und hebe drohend deinen Stock. Jage ihnen Angst ein! Der Schlendrian greift um sich in deinem geliebten Land.

 

“Bitte schön.”

Wieder erhielt ich meine Briefe. Diesmal einzeln. Jedem Brief wurde eine gewisse Würde verliehen dadurch, auch wenn es nur überhöhte Rechnungen der Kieferorthopädin waren, deren Augen bei jedem offenen Kindermund schon zu glänzen begannen, oder dümmliche Werbeangebote und griesgrämige Mahnungen des Tennisvereins.

“Ich möchte Sie gerne etwas fragen.”

“Bitte – fragen Sie mich!”

“Wo sind Sie eigentlich geboren?”

“Ich komme aus Afghanistan.”

Also keine afrikanischen, sonder asiatische Verhältnisse.

“Warum wollen Sie das wissen?”

“Ach, es interessierte mich einfach. Ich weiß so wenig von Ihnen.”

“Ich weiß von Ihnen nur, daß Sie viel Post bekommen. Und das gefällt mir.”

“Sicher, man muß aber auch schreiben. Schreiben Sie denn? Die Zauberformel lautet so: Wer viel schreibt, bekommt oft Briefe.”

“Nun, ich schreibe. Nicht oft, nein. Aber immer muß ich lange, lange auf Antworten warten. Und manchmal kommt gar kein Brief zurück.”

“Sie dürfen nicht den Mut verlieren. Auf einen schönen Brief kommen auch bei mir ein Dutzend Allerweltsbriefe.”

Er schaute mich an und nickte erfreut. Es schien ihm einzuleuchten.

“Ja, dann noch einen schönen Tag.”

“Das wünsche ich Ihnen auch.”

 

Das Spiel wiederholte sich nun täglich. Am frühen Nachmittag klingelte es, ich öffne die Tür und freute mich auf ein scharzes, bei näherem Hinsehen eher dunkelbraunes Gesicht, mit braunen, warmen Augen.

Nach einer weiteren Woche erkundigte ich mich nach dem Namen des Postboten aus Afghanistan.

“Mein Vater hat mich Sharam genannt. Von meinen Eltern habe ich den Namen Ayazi. Ich werde Sharam gerufen. Nennen Sie mich auch so, wie mich alle nennen: Sharam.”

“Ach, ich würde lieber Herr Ayazi zu Ihnen sagen.”

“Das geht auch. Ja, das geht. Wie es Ihnen besser gefällt.”

 

Nach zwei Wochen konnte er seine Neugier und Bewunderung – und seine Enttäuschung nicht länger zügeln.

Wieder und wieder hatte er mir jeden Brief, jede Rechnung, jedes Päckchen, jede Streifbandzeitung und jede Monatszeitschrift einzeln und gesondert in die Hand gedrückt, jetzt brach es aus ihm heraus.

“Sie bekommen so viel Post! So viele Briefe, kleine Briefe und große Briefe. Viele Päckchen, viele Zeitungen – es nimmt kein Ende. Wissen Sie – ich bekomme im Monat so viele Briefe, wie ich Ihnen an einem Tag bringe. Ich bekomme im Monat nur ungefähr einen Brief.”

Es hatte etwas Endgültiges, wie Sharam Ayazi das sagte, er war schon auf den ersten Treppenstufen, als er den letzten Satz noch einmal loswerden mußte. In verstärkter Form.

“Ich bekomme einen Brief im Monat, einen einzigen. Verstehen Sie? Und Sie …”

 

An diesem Abend traf ich Mae Fayenne Sing im Literaturhaus. Sie war eingeladen worden zu einem Symposium mit dem leicht schrägen Titel “Soul On Rice – Seele auf Reis”.

Das sollte natürlich an Eldridge Cleaver erinnern, an seine Essaysammlung “Soul on Ice”, und da die eingeladenen Schriftsteller alle einen chinesisch-amerikanischen Hintergrund hatten, war man auf diesen Titel der Veranstaltung gekommen. Die Lesungen waren wohl nicht so schlimm, wie der Titel der Verantstaltung es vermuten ließ. Näheres kann ich allerdings nicht sagen. Mae, eine entfernte Bekannte, die ich bei einem New York Aufenthalt bei Freunden kennengelernt hatte, bat mich ausdrücklich, nicht zu ihrer Lesung zu kommen, und ich hatte mich daran gehalten.

“Ach, diese Lesungen, sie sind so – langweilig. Und dumm. Wir treffen uns lieber am Abend darauf. Was werden die Leute schon fragen? Was werden sie schon wissen wollen? Kennen denn die Besucher mein Buch? Bestimmt nicht. Sie sollen lieber mein Buch lesen. Und was werde ich schon antworten können. Sie haben das bestimmt schon dutzendmal erlebt – diese klugen Fragen! Welche Schreibmaschine bevorzugen sie? Und welche Software können Sir mir empfehlen, denn ich möchte auch gerne schreiben? Solche langweiligen Fragen eben. Nein, komme lieber morgen abend in mein Hotel. Wenn Du willst.”

 

Falsch, falsch, falsch. Falsch: Meine Entscheidung nicht hinzugehen. Falsch: Ihren Wunsch, mich erst einen Abend später zu sehen, wirklich ernst zu nehmen. Falsch: an die angebliche Langeweile des Leseabends zu glauben.

Es muß ein ausnehmend spannender Abend gewesen. Mae hatte ein Stück auf Englisch gelesen, aus ihrem Erstlingsroman, danach hatte es eine anregende Diskussion über die Möglichkeiten des Übersetzens gegeben. Oder über die Unmöglichkeiten des Übersetzens.

Zum Beispiel: Wie sollte ihre Sprache ins Deutsche übertragen werden? In ihrem Roman spielt sie mit der Sprache. Eine Erzählerin spricht durchaus standardisiertes Amerikanisch, das allerdings leichte Untertöne hat. Ein unterirdischer Fluß begleitet dieses Amerikanisch, und dieser Fluß, man ahnt es mehr, als daß man es liest, spricht von etwas Fremdes. Etwas schwingt mit, das im Widerspruch steht zu der glatten Ruhe der Oberfläche. Und dann natürlich noch die Sprache der chinesischen Emigranten, der Einwanderer der ersten Generation, die ihr Pidgin-English benutzen, durchsetzt mit chinesischen Flüchen und Ausrufen. Wie ist so etwas in einer anderen Sprache wiederzugeben? Benutzt man einen Dialekt? Kann man alles in ein gleichförmiges Hochdeutsch übertragen? Natürlich hatte der Abend keine fertigen Antworten geliefert, immerhin war darüber gesprochen worden, verschiedene Möglichkeiten waren diskutiert worden. Sie hatte ein Stück des amerikanischen Textes gelesen, dann wurde die Übersetzung eines anderen Teils vorgelesen. Und kritisiert. Mit Recht, wie sie sagte. Denn Mae sprach zwar kein Deutsch, merkte aber an der Reaktion der Zuhörer, daß bei der deutschen Übersezung etwas fehlte. Die ironische Doppelbödigkeit – das war ihre Vermutung, denn gelacht hatten die Hörer nur bei ihrem Vortrag. Alle die Englisch verstanden, waren von dem ironischen Ton des Originlas begeistert. Während der Lesung des deutschen Textes hatte niemand gleacht. Dennoch: ein Gewinn war dieser Abend, so Mae. Warum war ich nicht gekommen? Die Frage wurde nicht gestellt, doch sie schwang mit, als Mae mit Andacht von den Gesprächen des Abends berichtete.

 

Wir saßen in einer kleinen Pension in Pankow, in einer Sackgasse gelegen, mit Blick auf das Maiengrün draußen im Garten. Die Zeit war hier stehengeblieben, oder vielmehr so langsam nur vorangeschritten, vorangekrochen, daß die alte Zeit noch immer vorhanden war, neben der neuen Zeit. Die braune Wandtäfelung, das war die alte Zeit, ebenso die unbequemen Sessel im Aufenthaltsraum, und natürlich die Wandteppiche und der Geruch, der in der Rezeption – unbesetzt – und im Vorraum in der Luft stand. Die neue Zeit hatte ein Faxgerät gebracht und hatte neue Pensionsgäste hierhergeführt. Schriftsteller wie Mae hatten die zweitrangigen Regierungsgäste abgelöst. Den Gästen der ersten Kategorie hatte der Arbeiter- und Bauernstaat ein besseres Domizil angeboten.

 

“Weißt du, was ich Deutschland verdanke?”

“Deutschland? Was hast du für eine Verbindung zu Deutschland?”

“Zwei Dinge. Ich lernte, was Disziplin bedeutet und ich erfuhr zum ersten Mal, was Kunst ist.”

“Das mußt du erklären.”

“Disziplin lernte ich von einer deutschen Lehrerin, die uns in San Francisco in der Grundschule unterrichte. Vormittags ging ich zur amerikanischen Schule, nachmittags zur chinesischen Schule. Frau Schmitz unterrichtete uns Mädchen am morgen. Wenn wir nicht aufpaßten, mußten wir unsere Hand hinhalten. Zum Beispiel war es strengstens verboten, im Heft zu schmieren. Das brachte sofort eine ganz ernste Ermahnung und wir mußten unsere Hand hinhalten. Oder wenn wir nicht auf dem Platz sitzen blieben. Dann gab es wieder eine auf die Hand.”

“Oh Gott!”

“Das half mir.”

“Das half dir? Das ist genau das, was wir abschaffen wollten. Und abgeschafft haben. Ich meine, unsere Generation, also wir, haben die sinnlose Disziplin abgeschafft. Meine Tochter darf sogar in der Klasse herumlaufen, so lange es die anderen nicht unnötig stört, sie darf sich ein Buch holen, sie darf sich in die Kuschelecke verkriechen. Und wir, alle Eltern, fast alle Eltern, wir freuen uns sehr, daß die Kinder das dürfen.”

“Kuschelecke? Was ist das? Nein, das war nicht sinnlos. Nein, du verstehst mich nicht. Disziplin ist vielleicht nicht das richtige Wort. Ich drücke mich nicht richtig aus. Es liegt wohl daran, daß meine Sprache nicht präzise genug ist. Für eine Schriftstellerin ein schlechtes Zeugnis. Sollte ich Selbstdisziplin sagen? Disziplin, oder Selbstdisziplin, wenn diese Wort besser ist, heißt für mich: Ordnung, Regeln, Verläßlichkeit. Disziplin ist eine Art geheimer Übereinkunft. Ich brauche das, sonst könnte ich meine Arbeit nicht tun. Ich könnte nicht schreiben. Wenn ich keine Selbstdisziplin hätte …”

 

Wir saßen im leeren Aufenthaltsraum und schauten in den Garten. Mae trug ihre langen schwarzen Haare offen. Was noch mehr als die wunderschönen glattgebürsteten tiefschwarzen Haare meine Neugier weckte: da war ein einzelnes silbernes Haar in dieser schwarzen Haarpracht. Mit Bedacht wohl darin gelassen. Ein Memento. Ich konnte das gut verstehen. Und es verstärkte die Schwärze der lackfarbenen Haarfülle.

 

“Und die Kunst, wie war das mit der Kunst aus Deutschland, die dir half, Deine Kunst zu entdecken?”

“Bei uns in Chinatown konnten wir Bilder von Käthe Kollwitz sehen. Das Bild einer Mutter, einer schwer arbeitenden Mutter. Da merkte ich zum ersten Mal, daß Kunst etwas Kleines und Armes zeigen kann und dennoch groß ist. Etwas Armes und Kleines kann gleichzeitig große Kunst sein. Das machte mir Mut. Es machte mir Mut, über meine Mutter zu schreiben. Sie war eine kleine Frau, aber dennoch groß. Sie war arm, sie war eine Näherin, sie war anscheinend so wenig wert. Ich begann, sie zu beschreiben. In ihrer Schönheit, die ich empfunden hatte als Kind. Als Teenager konnte ich mir lange Zeit nicht eingestehen, daß sie schön war. Käthe Kollwitz hat mir geholfen dabei, mich und sie wiederzufinden.”

 

Mae schaute mich lange an, ohne weiterzusprechen. Ich schaute ihr in die Augen und dachte: Eine andere Frau würde nun ihre Haare leicht schütteln, oder die Haare aus der Stirn streichen – und ich wartete. Nichts geschah.

 

Warum also war ich nicht dagewesen bei der Lesung? Um abzulenken von dieser unter der Oberfläche schlummernden Frage begann ich zu reden. Als erstes fiel mir unser Postbote ein. Ein Zufall? Wer weiß.

 

Mae war neugierig auf meine Geschichte. Die Geschichte mit dem Cape mußte ich zweimal erzählen, das zweite Mal machte ich sie noch dramatischer als beim ersten Mal. Sie lachte über sein langes Zögern, ob er beim Regen denn auch Briefe austragen solle, freute sich mit mir, als ich von seiner Grandezza erzählte, mit der er mir meine Briefe überreichte und sie war sofort voll Mitgefühl, als ich seine traurigen Augen erwähnte. Die traurigen Augen des Postboten, als er scih beklagte, nur wenig Post zu bekommen.

“Er bekommt nie Post?”

“Das sagte er mir. Vielmehr, er litt darunter. Er sagte, einmal im Monat komme ein Brief oder eine Karte.”

“Vielleicht hat er e-mail. Seit einem Jahr besitze ich auch eine e-mail Adresse. Er wird e-mail haben und deshalb bekommt er keine Briefe. Dort werden seine Briefe ankommen.

Auch wenn es keine richtigen Briefe sind.”

“Die Wahrscheinlichkeit ist gering. Ein afghanischer Aushilfspostbote mit einer e-mail-Adresse? Ach, wahrscheinlich hat er nicht mal ein eigenes Telefon. Nein, er hat kein Telefon, kein Fax und schon gar keine e-mail Adresse. Wenn er im Heim wohnt, dann muß er draußen vor die Tür zum öffentlichen Telefon. Wenn er sich krankmeldet, muß er vor das Tor. Nein, er hat bestimmt kein e-mail.”

“Warum schreibt ihm niemand?”

 

Im Hintergrund wurde ein Tür geöffnet und ein Staubsauger war nun zu hören. Eine Frau, die eine altmodische Kittelschürze trug, kam rückwärts zu uns in den Raum hinein, in den großen, leeren Aufenthaltsraum, in dem wir uns gegenübersaßen. Als sie ihren dicken Po und sich selbst ganz durch die Tür gezwängt hatte, zog sie mit der linken Hand die Schnur des Staubsaugers nach. Jetzt erst drehte sie sich um.

“Störe ich sie? Bin gleich mit dem Saugen durch. Was sein muß, muß sein. Manche Dinge bleiben eben immer gleich. Verstehen Sie?”

Ich nickte, obgleich mir nicht klar war, worauf sich ihr Satz bezog. Sie konnte ja unmöglich eine Antwort auf meine Gedanken über die heutige Zeit und die verflossene Zeit und die Verbindung zwischen den beiden Zeiten gegeben haben. Oder hatten Mae und ich laut über den Unterschied zwischen früher und heute gesprochen? Plötzlich fiel mir auf, daß die Stereo-Anlage, die in der Sofaecke auf einem Plaste-Board aufgebaut war, das Aussehen eines nur kläglich getarnten Abhörapparats hatte. Meine Phantasie ging mit mir durch.

 

“Ich werde ihm schreiben.”

“Eine schöne Idee. Er wird sich bestimmt darüber freuen. Ganz sicher. Eine ausgezeichnete Idee. Bravo!”

“Wie heißt das auf deutsch: Dear Mr. Postman?”

Ich schrieb es Mae auf eine kleine Karte und wir verließen die Frau, den Staubsauger, die Abhöranlage und die nur langsam sich an die Neuzeit herantastende Pension.

 

Knapp drei Wochen später kam eine Karte aus Amerika. Vorne war die Brooklyn Bridge abgebildet. Die mächtigen Stahlstränge der Aufhängung, die hoch zum steinernen Portal in der Brückenmitte führen, leiten den Blick hin zu den Hochäusern von Manhattan. Unten, aufgedruckt auf den Holzplanken des über der Straßen-Ebene liegenden Boardwalks, auf dem am frühen Morgen die Manhattan Executives mit Rollschuhen zu ihrem Tagwerk eilen, stand der Schriftzug: Get ready for … New York City.

 

Auf der Rückseite war in großen Lettern zu lesen: New York. Dann ging es kleiner weiter: A walk across the Brooklyn Bridge, next stop: Manahattan!

Darunter folgte Maes Gruß. Sie hatte die Worte in kräftigen Waterman-Füllfederhalter Tinte geschrieben. Wie Pinselstriche standen die Buchstaben nebeneinander.

Hier die wenigen Zeilen der ersten Karte:

 

Lieber Postbote!

Finally a postcard for you. Only for you and you alone. How do you like that? If you ever want to take a walk across the bridge, give me a call! Or, even better: drop me a few lines.

Yours sincerely,

Mae.

 

Natürlich drückte mir Sharam, wir hatten uns inzwischen geeinigt, uns mit Vornamen aber mit Sie anzusprechen, natürlich drückte mir Sharam Maes Karte mit der anderen Post zusammen in die Hand. Vielmehr, so war es seine Art geblieben, auch nachdem er etwas schneller mit der Tour zurechtkam, er übergab mir die Briefe einzeln und die Karte bildete den Schlußpunkt, er reichte sie mir sie als letztes Stück der spätmorgendlichen Post mit einer gewißen feierlichen Geste.

“Halt! Die ist nicht für mich.”

“Wieso nicht? Die Karte ist an Sie adressiert. Sehen Sie: da steht der Name. Und die Straße. Sogar die Hausnummer. Richtige Postleitzahl. Ich mag es gerne, wenn die Leute, die Briefe verschicken, die richtige Postleitzahl benutzen. Es erleichtert uns die Aufgabe und es macht Deutschland groß. Diese Zahlen, sie sind so exakt, so präzise. Man kann sich darauf verlassen. Wie auf die Busse, sie kommen immer zur Haltestelle. Was also, bitte, stimmt nicht? Was ist falsch daran?”

“Richtig. Alles ist richtig. Aber schau her, hier, auf der Rückseite, steht: Lieber Postbote! Damit kann ich nicht gemeint sein.”

“Wer kann damit gemeint sein?”

“Na, wer schon? Ist das so schwer zu erraten?”

 

Sharam war auf einmal sehr praktisch.

“Woher kommt die Karte? Aus New York? Ich kenne keinen einzigen Menschen in New York. Also – Sie sehen, das ist eine falsche Vermutung von Ihnen. Dies ist keine Karte für mich. Vielleicht ist die Akazienstraße in Ost-Berlin gemeint.”

“Also, jetzt erkläre ich Ihnen die Geschichte. Es ist so: Diese Karte ist von einer guten Bekannten, sie ist Amerikanerin, ihre Eltern kommen aus China, doch sie ist Amerikanerin. Sie lebt in New York, sie hat von Ihnen gehört, und meinte, sie könne Sie etwas aufmuntern. Weil ich ihr von Ihrer Traurigkeit erzählt habe.”

“Sie haben ihr von mir erzählt? Wann war das? Und warum haben Sie von mir erzählt. Sie haben von meiner Traurigkeit gesprochen zu dieser Fraut? Wieso von meiner Traurigkeit? Überhaupt: Ich bin selten traurig.”

“”Na, weil Sie so wenig Post erhalten. Sie selbst haben es mir selbst gebeichtet.. Ich habe die Geschichte nur weitergegeben. Und siehe da – eine Fee hat geantwortet.”

“Das ist ihr Name: Fee?”

“Sie ist eine Fee. Sie heißt nicht Fee, sie ist eine Fee.”

“Und wie heißt sie wirklich?”

“Ihr Name ist Mae.”

“Fee? Mae? Was sind das für Namen?”

“Also bitte! Keine Diskriminierung. Sie hat chinesische Eltern, warum soll sie keinen chinesischen Namen tragen? Im übrigen: Ich könnte einige andere merkwürdige Namen auf der Welt aufzählen. Soll ich?”

“Mae? Wirklich Mae? Wie sieht sie aus?”

“Einen Augenblick. Einen Moment Geduld, bitte.”

 

Es war klar, an diesem Morgen würden einige Menschen, vor allem Menschen, die in Häusern mit höheren Nummern in der Akazienstraße wohnten, ihre Post noch viel später als gewöhnlich bekommen. Ich holte Maes Roman, den Sie mir dagelassen hatte, zeigte Sharam den Titel und die Umschlagseite und ließ ihn das Buch selbst anschauen – mit spitzen Fingern blätterte er bis zur Widmung und stellte vermutlich schnell fest, daß die Zeilen der Widmung und der Kartentext von der gleichen Hand geschrieben waren. Am Ende drehte er das Buch unschlüssig hin und her, und entdeckte plötzlich das kleine Foto, das der Verlag auf der Rückseite fast versteckt hatte.

 

“Das ist sie?”

“Das ist Mae. So sieht sie aus. Ziemlich gut getroffen, finde ich.”

“Sie ist wunderschön.”

“Sie gefällt Ihnen?”

“Solche Haare. Lang und schwarz. Wie aus dem Märchen.”

“Aus einem afghanischen Märchen?”

“Ich weiß nicht. Aus irgendeinem Märchen.”

“Also doch eine Fee.”

“Und hübsche Augen. Sie hat sehr schöne Augen. Welche Farbe haben ihre Augen?”

“Braun. Ganz dunkelbraun.”

“Braun! Ich habe es mir gedacht.”

“Und sie riecht gut. Sie riecht nach grünem chinesischen Tee.”

“Wie riecht das? Wir kennen das nicht.”

“Eben, das ist ein ganz eigenes Fluidum.”

“Noch so ein Wort. Was, bitte, bedeutet Fluidum?”

“Sie hat ein solches Fluidum, das wirft die stärksten Männer um.”

“Das habe ich nicht verstanden. Welche starken Männer? Was heißt das?”

“Ach, nichts. Aber eins stimmt: Ja, Sie haben völlig recht, sie ist schön.”

“Wunderschön,” verbesserte mich Sharam Ayazi, der Postbote.

 

Von nun an lief alles wie geplant. Nur war es nicht geplant.

Hier ein Auszug aus den ersten brieflichen Mitteilungen von Mae, Karten, später Briefe, die ich, manchmal in der Tür stehend, dann öfter bei einer Tasse Kaffee und in der Küche sitzend, nachmittags, nach dem Ende der Tour, übersetzen mußte.

 

Lieber Postbote!

Wie gerne würde ich auf das schöne Angebot eingehen – doch so schnell wird es keine Einladung nach Deutschland mehr für mich geben. Man hat kein Geld mehr übrig für die Literatur! Wer braucht so etwas? Das fragen die Menschen – und wissen gar nicht, wie dumm das ist.

Warum sagen Sie, ich habe “ein starkes Fluidum”? Was bedeutet dieser Ausdruck? Meine Freundin, die sehr gut Deutsch spricht, konnte diesen Satz nicht für mich übersetzen. Ich finde es übrigens sehr lästig, daß jede Zeile unserer Briefe übersetzt werden muß. Es ist nicht so sehr die Gewißheit, daß jemand anderes “mit-liest”, es ist mehr jenes andere Unbehagen, da bei jeder Übersetzung etwas verlorengeht. Ich grüße Sie ganz herzlich aus San Francisco!

Ihre Mae.

 

Sie machte einen Ausflug nach San Francisco, besuchte dort ihre Eltern. Wie ich wußte, sprachen die Eltern kaum Englisch, so daß sie das Buch ihrer Tochter nur in groben Zügen kannten. Eine chinesische Ausgabe war noch nicht erschienen.

 

Oder, das ist ein Auszug aus einem längeren Brief, etwa vier Wochen später:

“Lieber Sharam! (sic!)

Ihr letztes Gedicht hat mir gut gefallen. Nein: es hat mir sehr gut gefallen. Es ist schön, daß Sie jemand in Ihrem Quartier gefunden haben, der es aus Ihrer Sprache in meine Sprache übersetzt hat. Ich zögere deshalb nicht länger und schicke Ihnen den Anfang eines meiner Lieblingsgedichte. Schreiben Sie bald, was es für einen Eindruck auf Sie macht. …

Ganz herzlich

Ihre Mae.

 

Das Gedicht hieß “Im Maisfeld”, und ich mußte es auch ins Deutsche übertragen, Sharams Freund war auf Jobsuche in jener Woche. Im übrigen: Es soll mir keiner nachsagen, ich hätte diese Affäre – denn daß es eine solche werden sollte, deutete sich immer deutlicher an, es war klar, hier enspann sich eine Liebesaffäre – durch eine schlechte Arbeit im Wege gestanden. Deshalb gebe ich eine Kostprobe meiner Übersetzertätigkeit.

 

Im Maisfeld

 

Im Maisfeld sitze ich verborgen

spiele die Mandoline, summe mir ein Lied.

Und nur der Mond besucht mich hier im stillen,

da mich ja sonst kein Menschenauge sieht.

 

Das Gedicht ging noch eine Weile so weiter. Der Ton, der im Englischen gar nicht so elegisch kling, war übrigens gar nicht leicht zu treffen. Es kamen weitere Gedichte, an denen ich mich versuchen mußte. Sie hießen eta “Nachts am Ufer”, mit einer merkwürdigen Zeile darin – “Du legtest an bei Nacht” – das schien mir ein Hinweis zu sein auf die Wünsche, die vielleicht noch nicht deutlichen Sehnsüchte, die sich da unbwußt in lyrischer Form artikulierten. Oder zwei sehr liebliche Gedichte, das erste mit dem Titel “Pflaumenblüte”, das zweite mit “Das Frühlingsseidentüchlein” überschrieben. Das zweite handelte von einem “zarten Mädchen”, das “kahle Zweige bunt bestickt”.

Was Sharam darauf antwortete, kann ich nur ahnen. Der Freund war inzwischen wieder zurück, er hatte keinen Erfolg gehabt, so daß er nun seine Zeit dem Übersetzen widmen konnte. Auch weiß ich bis heute nicht, ob die Gedichte, die Sharam nach Amerika schickte, Gedichte von ihm waren, oder ob er sie nur für Mae aussuchte. Jedenfalls ging diese merkwürdige Korrespondenz eine ganze Weile hin und her über den Atlantik. Und wenn ich es beurteilen sollte, dann würde ich sagen: Die Gedichte und die Begleitzeilen, die aus Brooklyn kamen, wurden immer offenherziger, sprachen immer unverhohlener von dem Wunsch, den Unbekannten bald kennenzulernen.

 

Mae ist sehr delikat, ein offenes kritisches Wort kommt nicht so leicht über ihre Lippen. Auch in ihren Geschichten, die oft Liebesgeschichten sind, sagen die Helden nur sehr selten unpassende Worte, und unpassende Handlungen würde man nie in ihren Stories finden. Ihre Art des Schreibens ist dabei in erstaunlicher Weise mit ihrem Äußeren und ihrem Auftreten deckungsgleich. Um so überraschter war ich, daß ich bis jetzt Zeuge dieses Austauschs von ziemlich unverhohlenen Gefühlsbekundungen – zumindest einer Seite des Austausches – hatte sein dürfen.

Und wenn ich gerade das Wort unverhohlen benutzte, dann muß ich das natürlich relativieren.

Mae schrieb vom “zerknüllten Seidentüchlein in der Ecke” und beschwor damit das Bild der einsamen, weinenden jungen Frau herauf, die auf etwas oder auf jemanden wartet. Oder ist sie enttäuscht, leidet sie an einem Verlust? Es bleibt offen. Oder sie erzählte von einem Eremiten, der in der Frühlingsnacht vom Gurren der Taube geweckt wird und nicht weiß, wem er das Sehnsuchtsgefühl mitteilen kann, das ihn befallen hat. Nach wem hatte die Schreiberin Sehnsucht? Nach dem dunkelhäutigen Postboten aus Deutschland, dessen Photo, wie ich wohl wußte, sie inzwischen auf ihrem Schreibtisch liegen hatte?

 

Und Sharam Ayazi? Er hatte mich eingeladen, zu sich “nach Hause” zu kommen. Ein schwieriger Besuch. Für ihn. Denn er wohnte in einem Asylbewerberheim, oder genauer: in einem Übergangsheim. Und er schämte sich für die Wohnverhältnisse, die er mir zeigen mußte.

Ich fand die Anlage gar nicht so übel, mit einem nicht zu dürftig ausgestatteten Kinderspielplatz, mit einem passablen Bolzplatz und einer viereckigen, betonierten Fläche zum Roller-Skating für die Jugendlichen, mit viel Rasen um die flachen Wohnbaracken herum. Fertigbaracken, nicht zu schäbig, nicht zu freundlich. Die Zimmer waren nicht groß aber aber auch nicht winzig, klein, mit dem Geruch von frischer Farbe, heiß. Die Heizkörper ließen sich nicht regulieren. Der Zaun um die niedrigen Häuser herum war ein Stück zu hoch geraten. Der Gesamteindruck: eine ordentliche Anlage.

Das Schlimmste war der unfreundliche Mensch an der Tür zur Straße. Das Gelände hat nur einen Eingang, man mußte also bei ihm vorbei. Hinter dem Fenster einer kleinen Hütte, ähnlich dem Kabäuschen auf einem bewachten Parkplatz, saß ein Mann mit einem rechten Bulldoggengesicht und bellte jeden an. Gleich ob Besucher oder Bewohner.

 

“Ich muß doch aufpassen, daß hier keine Anschläge vorkommen!” rechtfertigte er sich, als ich zurückhaltend und ausgesucht höflich, mir etwas mehr Offenheit und Entgegenkommen von seiner Seite wünschte. “Sie müssen mir schon genau sagen, wen sie beabsichtigen zu besuchen, und ins Besucherbuch bitte mit genauen Angaben eintragen! Den Namen mit Druckbuchstaben, leserlich.”

Vor meinen Augen entfaltete sich das wohl allabendliche Rendezvous mit dem Telefon, dem öffentlichen Telefon, dem einzigen des Komplexes. Kinder, Frauen und Männer standen in einer langen Schlange an.

 

Sharam holte mich von der Pforte ab. In seinem Zimmer, ds er sich mit einem seiner beidn jüngeren Brüder teilt, die Küche, das Bad und die Toilette benutzen er und seine Familie zusammen mit einer zweiten Familie aus Pakistan, sprang mir das Photo von Mae sofort in die Augen. Es hing an einer kleinen Pinwand, direkt neben einem Photo der Familie Ayazi. Der Vater, Arzt, konnte oder durfte hier nicht praktizieren, ich hatte diesen Teil der Familiengeschichte nicht so recht verstanden, die Mutter hielt die Familie zusammen in der Fremde. Eine Ähnlichkeit ihrer Züge mit denen von Mae, so etwas hatte ich erwartet, war nicht zu erkennen.

Sharam hat noch zwei jüngere Brüder und eine Schwester, die Brüder gehen auf ein Gymnasium, das ganz in der Nähe der Asylunterkunft lag. Mittelmäßige Schüler, die perfekt Deutsch sprechen, jedoch für ihre Klassenstufe zu alt sind. Beide sind begeisterte Basketballspieler. Das hilft bei der Integration, kostet dabei einiges, denn es müssen stets die richtigen Schuhe sein und die richtigen T-Shirts.

 

Mae schaute etwas verloren aus auf dem Porträtphoto, hatte jedoch ihre wunderbaren langen schwarzen Haare so um den Kopf fallen lassen, daß man sich nur noch wünschen konnte, ihr mit zarter Hand über den Kopf zu streichen. Genau das tat Sharam, mit der Kuppe seines kleinen Fingers fuhr er zärtlich über das Schwarz-Weiß des Photos.

 

“Keine Verlängerung! Aber es war mein Wunsch,” empfing mich Sharam. “Ich muß studieren. Für die Post habe ich keine Zeit mehr.”

“Ach, schade! So einen Postboten werden wir so schnell nicht mehr bekommen. Und Mae?”

“Ich werde sie besuchen. Schon bald. In den Semesterferien, wenn ich die Vorprüfung geschafft habe. Mae schickt mir ein Ticket.”

 

Es hätte so schön werden können. Eine Green-Ticket-Liebe wie im hoffnungsvollsten Hollywood-Film. ER käme mit dem von IHR bezahlten Flugticket am Flughafen JFK an, SIE fällt IHM um den Hals, ER beschließt, seine Gedichte nur noch IHR ins Ohr zu flüstern, SIE beginnt eine Short Story zu schreiben, die einen ungewöhnlich netten Briefträger zum Helden hat. SIE und ER heiraten, die afghanische und die chinesische Mischpoche heult auf vor Entsetzen und alle Anverwandten sind er dann völlig überzeugt und friedlich gestimmt, als das erste Kind geboren wird und sich beide Seiten nicht einkriegen können, wie niedlich die Kleine, oder Kleine ist. Ganz der Papa! riefen die Afghanen in der Familie. “Ganz die Mama!” reklamierten die chinesischen Verwandten von Mae. Und dabei schaut sie – oder er – aus wie keiner der beiden. Hollywood ruft IHREN Agenten an und fragt, ob Wayne Wang IHRE Short Story verfilmen darf. ER macht zur Bedingung, daß ER eine Nebenrolle erhält. And so they lived on happily ever after.

 

Leider ist es nicht so gekommen. Irgend etwas ging schief. Das Ticket kam an, doch als SEIN Flugzeug in JFK landete, stand SIE unten, und wartete und wartete. ER mußte inzwischen mit einem teuflich korrekten Immigration Officer fertig werden. SEIN Englisch war immer noch dürftig, trotz der häufigen Übersetzungsübungen an Hand von Liebesbriefen, und der Officer, obgleich ebenfalls von dunkelhäutigem Äußeren, mochte wohl asiatische Besucher nicht sonderlich. ER war also schon recht abgekämpft, als ER endlich sein Gepäck holen durfte. Das Band, auf dem nur noch drei unansehnliche Kartons ihre Runden drehten, wurde gerade abgestellt, als ER endlich den Raum betreten konne. Kein Gepäck mehr da. Das hieß auch: Sein Gepäck war nicht da.

“No, Sir, I´m sorry, that´s all there is.”

Die Reklamation bei den freundlichen Angestellten, die allerdings alle nicht zuständig waren, dauerte ebenfalls noch einmal eine gute halbe Stunde.

SIE hatte inzwischen einen weitreichenden Fehler gemacht, sie hatte ihrem Hunger und sich ein Sandwich gekauft. Ein Sandwich mit Schinken und Salat und Tomate. Leider auch mit einer schon nicht mehr ganz frischen Salatsauce aus Mayonnaise. SIE litt unter Magengrimmen, ER litt unter Jetlag, seinem ersten, außerdem stand er noch völlig im Bann der Unfreundlichkeit bei der Behandlung durch den Zoll. Und ER war in Sorge um sein Geschenk, das im Koffer eingepackt war, einem braunen Koffer, echtes Leder. Ein von mir ausgeliehener Koffer übrigens, der jetzt wohl einsame Runden auf irgendeinem amerikanischen oder kanadischen Terminal drehte.

 

Von da an, so hätte man hoffen können, konnte alles nur noch bergauf und besser gehen. Ein Trugschluß, alles wurde immer schlimmer. IHR Auto war zwar nicht abgeschleppt, als sie zum Parkplatz kamen, aber dafür ließ sich die automatische Sicherung nicht ausschalten. Oder immer nur für Minuten ausschalten. Dann startete der Heulton von neuem. Es dauerte eine ganze Weile, bis der Fehler gefunden war, ein Doppeldrücken auf die Fernbedienung schaltete schließlich die ganze Anlage aus. Das war einer der Gründe, warum ein Gespräch auf dem Weg nach Manhattan nur stockend in Gang kam.

 

Wie SIE IHN fand? Wie ER SIE fand?

Wenn IHR Magen in Ordnung gewesen wäre und SIE nicht überdies eine ausgesprochen schlechte Nacht gehabt hätte, und wenn SEIN Gepäck hinten im Kofferraum verstaut gewesen wäre und ER nicht ständig an diesen klotzigen Mann von der Einwanderungsbehörde hätte denken müßen – dann – kein Zweifel – hätten bestimmt bald die Hochzeitsglocken geläutet. Aber so – .

Überdies: nun stellte es sich sehr deutlich heraus, er war kein Chinese. Er war Asiate, das hatte ihn zuerst noch sympathisch erscheinen lassen. Beim näheren Hinschauen mußte aber einfach zugegeben werden: dieser Mann, dieser Postbote, dieser Aushilfspostbote, den es kurzfristig von Berlin nach New York verschlagen hatte, war kein Landsmann. Maes Augen sahen ihn nicht mehr mit den Augen der weit entfernt lebenden Briefeschreiberin, der Dichterin, die ihm ihre Zeilen gewidmet hatte, ihm, dem Unbekannten in der Ferne, dem romantisch Verklärten. Jetzt sah sie ihn, wie er wirklich war, und vor allem, sie sah ihn, wie er in den Augen ihrer Mutter erscheinen würde. Und da würde es kein Durchkommen für ihn geben. Das wußte sie in dem Augenblick, als sie sich zum ersten Mal gegenüberstanden. SIE mit der Mayonnaise, die das Verfallsdatum schon längst überschritten hatte, im Magen, ER mit der Wut über den Zollbeamten und dem vagen Gefühl des Verlorenseins in der Brust.

 

Sharam war allerdings, trotz, oder gerade wegen seiner Liebe zur Poesie, im Alltag sehr praktisch veranlagt. Und so dauerte es nicht sehr lange, bis er seinen Wut über die Einwandererbehörde und den – vorläufigen – Verlust des geliehenen Koffers hinuntergeschluckt hatte und sich Mae aus der Nähe betrachtete. Ihm gefiel, was er sah, doch ihm mißfiel, was er hörte. Sein Englisch war nicht ausreichend, um eine tiefgründige Konversation zu führen, seine Intuition war ausgeprägt genug, um zu spüren: Dieser Weg ist eine Sackgasse. Und schon war er dabei, das Beste aus der verfahrenen Situation zu machen.

“Ich würde gerne die Statue of Liberty sehen, die Türme des World Trade Center, und natürlich das Empire State Building. Ich möchte gerne dort hinaufahren mit dem Lift, dem Expreß-Lift, und die Stadt von oben betrachten. Dann sehe ich bestimmt klarer.”

“Einverstanden. Ich habe allerdings eine Klasse bis um fünf. Kann ich Dich so lange alleine in der großen Stadt lassen? Oder soll ich Dich zuerst zu meinen Freunden fahren?”

“Nein. Das möchte ich jetzt nicht. Später. Ich komme klar. Wo können wir uns treffen, um 6:00 Uhr?”

“Dann hole ich dich ab, um 6:00 Uhr. Um 6:00 UhrIch hole Dich ab, am Haupteingang des Empire State Buildings. An der 5th Avenue. Du mußt dann dort bereits stehen, weil ich nicht parken darf.”

“Einverstanden. Das ist gut. Und wenn ich einmal oben gewesen bin, weiß ich, wohin ich muß.”

“Ganz sicher? Geht das alles ohne mich? Gleich am ersten Tag in der fremden Stadt?”

“Die Stadt ist mir nicht fremd. Ich habe das Geühl, als kenne ich sie genau, ich habe sie schon so oft gesehen, auf Photos und Plakaten und in Filmen. Es ist, als ob ich schon einmal hiergewesen sei. Nur die Menschen kommen mir noch fremd vor.”

“Du bist …”

“Ach, nein. Bitte laß! No problem. Sagt man das so?”

Mae nickte und verstand, daß er verstanden hatte. Sie war traurig darüber. Sie fühlte sich auch schuldig. Deshalb nahm sie sich fest vor, ihm so viel wie möglich von der Stadt zu zeigen, ihn in die Lower Eastside zu führen und in ein Dum San Restaurant zu gehen, wo die Schälchen, die anzeigen, wieviel man gegessen hatte, aufeinandergestapelt werden. Sie würde mit ihm durch Chinatown zu schlendern, ihm die schönen Ecken des Village zeigen, ihn auf einen Kaffee ins Peacock einladen, mit ihm ins Kino gehen. Ihrer Mutter würde sie ihn nicht vorstellen.

“No problem”, wiederholte Sharam.

 

Mae hatte alles für ihn arrangiert. Und so geschah es. Sharam übernachtete zuerst bei einem – nichtchinesischen – Freund von Mae, dann, durch einen merkwürdigen Zufall, traf er in der U-Bahn Menschen, die aus der gleichen Stadt Afghanistans kamen wie er. Und sie kannten tatsächlich einen Cousin zweiten Grades von ihm, der in Brooklyn wohnte. Er wurde zum Essen eingeladen, er wurde fast gezwungen, seine Sachen zu diesem Cousin und seiner Frau zu bringen und von nun an bei ihnen zu wohnen. Der Koffer war übrigens zwei Tage nach seiner Ankunft von der Fluglinie an die Adresse, die er angegeben hatte, geliefert worden. Ohne ein Wort der Entschuldigung. Von nun würde Sharam, wenn er aus dieser neuen Welt zurückgekehrt war, sagen können: “Ich bin in New York gewesen. Ich kenne die Stadt. Ach ja, ich sehe es Ihnen an, sie glauben mir nicht. Im Grunde ist es wirklich eine ganz komische Geschichte. Ich mache uns einen Tee und ich werde die Geschichte erzählen. Von Anfang an.”

 

Wieso ich das alles weiß? Nun, morgens klingelt es ab und zu immer noch. Briefe aus Amerika, Luftpostbriefe erreichen mich. Nach und nach konnte ich mir ein Puzzle zusammensetzen. Hier und da mag ich ein Stück zu vorschnell eingesetzt haben, insgesamt ist das Bild sehr wohl zu erkennen.

 

Mae beendete gerade ihr zweites Buch. Wie schon zuvor, wurde auch ihr zweiter Roman, der ja oft der schwierigere ist, mit großem Wohlgefallen aufgenommen. Die Begebenheit mit dem deutschen, dem afghanisch-deutschen Postboten, tauchte in einer Nebengeschichte auf, die ein Unbekannter der Heldin erzählt. Aus Sharam machte Mae allerdings einen schwarzen Briefträger aus Tennessee. Das hatte etwas mit dem Plot des Romans zu tun, in dem es um eine Chinesin geht, die nach Memphis, Tennessee fährt und dort, auf der Suche nach den Gräbern ihren Vorfahren, in ein irrsinniges Komplott der chinesischen Mafia gerät. Der Postbote, in Maes Buch, hat traurige braune Augen und träumt von der großen Welt. Er trägt gerne Briefe aus, er liebt seinen Job, doch noch lieber erhält er Briefe. Er gewinnt einen Preis bei einer Game Show, sein Name und seine Adresse werden der Moderatorin genannt und daraufhin schreiben ihm Menschen aus allen Teilen der USA. Er ist glücklich. Aber, wie gesagt, seine Rolle in Maes Roman ist bloß episodisch. Er ist einer der ersten Opfer der Mafia und die Heldin heiratet am Ende einen früheren Schulfreund. Das wird zwar nur angedeutet, und auch die Zukunftsaussichten des Paares sind eher problematisch, gleichwohl ziehen die beiden erst einmal zusammen. Die Wohnung wird von der Mutter der Protagonistin bereitgestellt.

 

Am Ende meiner Geschichte möchte ich zwei Briefe zumindest in Auszügen zitieren, die mich beide schon vor einiger Zeit erreichten. Wem die Geschichte bis jetzt zu dunkel erschient, dem wird auch nicht viel geholfen werden. Denn die Briefe werden auch nicht viel Neues berichten können. Alles, was ich weiß, habe ich bereits auf den Tisch gepackt. Zumindest alles, was mitzuteilen mir wichtig schien. Aber – sei´s drum. Vielleicht können die Originalzeilen doch ein trefflicheres Bild entwerfen.

 

Der erste Brief ist von Mae. Sie schreibt:

 

“Natürlich weiß ich, daß ich Fehler gemacht habe. Ich verzeihe mir dies nicht. Sollte ich aber nicht dennoch ein Recht auf den morgigen Tag haben? Sharam hat mich nicht mehr angerufen, seit unserem letzten Treffen blieb er stumm. Sein Stolz, gewiß. Jeder hätte in seiner Situation … Nein, so meine ich das nicht. Was ich für ihn empfunden habe, ist mir auch heute noch nicht klar. Liebe war es nicht. Zuneigung, Sympathie, ein wenig Mitleid, ich dachte, ich wüßte genau, was es war. Ich dachte auch, ich wüßte genau, wer er sei. Als er dann hier war, da war er ganz anders. Da war es ganz anders. Und ich war ebenfalls anders, als ich es von mir erwartet hatte. Was kann ich machen?”

 

Und Sharams letzter Brief aus den USA, bevor er wieder zurückkam, klang im Grunde sehr ähnlich. Natürlich war er verbittert, natürlich war er enttäuscht. Und er war verletzt. Sharam hatte nicht nur Mae falsch eingeschätzt, er hatte vor allem sich selbst überschätzt. Sie konnte durch diese Episode reifen, bei ihm war das anders. Seine Selbstsicherheit hatte einen gehörigen Knacks erlitten.

 

“In wenigen Tagen werde ich zurückkommen. Meine Verwandten – von denen ich vorher noch gar nichts gehört hatte – sind großzügig, sie raten mir, mein Studium hier fortzusetzen. Doch das möchte ich nicht. Ich muß zurück. Für mich ist Deutschland eine zweite Heimat geworden. Es war unsinnig von mir, eine dritte Heimat zu suchen. Und Mae … was soll ein Postbote schon machen? Er soll seine Briefe austragen, er soll freundlich sein, er soll höflich sein. Doch soll er Briefe erhalten wollen? Nein. Es könnte ein Abschiedsbrief sein. Deshalb hatte ich immer Angst, Briefe in ein Haus zu tragen, in dem es eine Katze gab. Das habe ich gelernt in Deutschland: Die Katze, die dem Menschen, also auch mir, dem Postboten, über den Weg läuft, bringt Unglück. Niemand sagte mir, wem sie Unglück bringt. Ich nahm immer an, die Leute im Haus, denen ich die Post bringe, sie seien damit gemeint. Daß es auch der Postbote sein kann, den diese Katze ins Unglück stürzt, das ahnte ich nicht. In meiner früheren Heimat sagen sich die Leute folgendes – ich habe es von meiner Tante gehört, die immer recht abergläubig ist – wenn ein Mann zur Tür heraustritt, am frühen Morgen und er sieht als erstes eine Frau, dann wird sein Tag nicht erfolgreich sein. Ich habe viele Frauen gesehen und ich habe Katzen gesehen. Doch damals bekam ich keine Briefe. Sie hatten auch eine Katze. Sie versteckte sich, wenn ich klingelte, ich erinnere mich sehr gut. Als ich sie dann endlich sah, war es zu spät. Der Brief kam und mein Unglück begann. Denn einer Frau war ich ja auch begegnet. Das ist alles Aberglaube, gewiß, doch wer hat mein Schicksal nun wirklich bestimmt – diese Katze? Ich werde zurückkehren. Niemals mehr werde ich Briefe austragen, dann können mir die Katzen, alle Katzen gestohlen bleiben. Und wenn ich ein Brief bekommen sollte, der aussieht, als sei er von einer Frau geschrieben, dann werde ich ihn nicht öffnen. Nein, am nächsten Tag werde ich dem Postboten auflauern und ihm sagen: “Dieser Mann ist hier unbekannt. Er wohnt hier nicht mehr. Schon lange nicht mehr. Nein, er hat auch keinen Nachsendeantrag gestellt. Wissen Sie, er hatte Liebeskummer und deshalb ist er weggezogen. Was schrieb er auch so viele Briefe! Und warum wollte er überhaupt Briefe bekommen? Es geschieht ihm also ganz recht.”

 

Vor kurzem telefonierte ich mit Mae. Sie hofft, noch in diesem Herbst wieder eine Einladung der Berliner Literaturstuben zu erhalten. Pünktlich zur Frankfurter Buchmesse wird nämlich ihr zweiter Roman bei uns erscheinen. Der Verlag hat ihn bereits angekündigt. Ich bin mir übrigens noch nicht so ganz sicher, ob der Termin eingehalten werden kann, denn ich weiß um die Hintergründe. Diesmal hat man die Übersetzung einem anderen Übersetzer anvertraut. Sie können sich bestimmt schon denken, wer das ist. Ein hartes Stück Arbeit, aber ich freue mich darauf! Und ganz bestimmt werde ich diesmal am Abend ihrer Lesung im Pankower Literaturtreffpunkt sein. Ganz vorne werde ich mir einen Stuhl ergattern. In der allerersten Reihe werde ich sitzen. Ich bin schon jetzt gespannt, wie sie aussieht. Ob das zweite Buch ein weiteres silbernes Haar in ihre schwarze Haarpracht zauberte?