Blues vor Sonnenuntergang

Manuskript

Maximilian Preisler

Blues vor Sonnenuntergang

“18. Mai. Keine besonderen Vorkommnisse. Business as usual. Oder doch, dieser Traum heute nacht, eine wüste Phantasie.“

I

Er betrachtete seine Schrift, das Blau des Füllfederhalters auf dem weißen Papier, und schüttelte leicht den Kopf. So ging es nicht. Entweder müßte er nun erklären, welche Phantasie es war, die ihn heute nacht gequält hatte, oder er mußte den zweiten Satz kurz entschlossen ausstreichen. Dann blieben allerdings nur die Worte “Keine besonderen Vorkommnisse” übrig. Lächerlich. Sollte er wirklich seinen Traum unterdrücken? Übrigens, wieso hatte er eben in Gedanken das Wort “gequält” benutzt? War das nur eine Nachlässigkeit des Denkens? Jedenfalls war der Begriff nicht präzise. Und das Wort “wüst“ erst. Zumindest unpassend, wenn nicht in die Irre führend. Der Traum hatte eine ungewöhnliche Mischung aus Gefühlen in ihm geweckt: Panik und Begierde, Wohlbefinden und Bedrohung. Geweckt stimmte, im wahrsten Sinne des Wortes. Immerhin war er wach geworden und hatte einige Minuten mit dem Gedanken gespielt aufzustehen und sofort alles aufzuschreiben. Nur zu oft war es schon geschehen, daß er am nächsten Morgen die Bilder nicht mehr präzise vor Augen hatte. Regelmäßig waren nur noch vage Erinnerungen übrig geblieben. Und so sehr er sich auch plagte, jene surrealen, klaren Bilder, die er nachts gesehen hatte, jene Dreidimensionalität, die ihn fasziniert hatte, war im Licht des Morgens zweidimensional flach geblieben. Ohne Geheimnis. Auch diesmal war er liegengeblieben und hatte sich nicht lösen können aus dem Zwischenzustand des Träumens und Wachens. Und doch war es an diesem Morgen ganz anders. Selbst jetzt, am späten Nachmittag, sträubten sich ihm noch die Nackenhaare, so greifbar blieb die rasende Fahrt zu zweit, auf die ihn der Traum entführt hatte. Was er jetzt gerade notiert hatte, in diesen dürftigen Sätzen, sagte nichts, aber auch gar nichts, über die Wirklichkeit des Traums aus. Er müßte schon genauer sein.

Wenn er in zwei Jahren das Tagebuch wieder öffnete, hätte er keine Ahnung mehr von diesem speziellen Traum. Dieser Mischung aus Lust und Idylle. Dann stünde da einfach “dieser Traum heute nacht”. Es war ihm schon einmal so gegangen. Beim Blättern in einem früheren Tagebuch, das er sehr unregelmäßig während seiner Studentenzeit geführt hatte, fand er vor kurzem folgende Eintragung: “C. schon wieder abgründig, auch im Bett.” Zwei Tage hatte er gegrübelt, auf was sich das “abgründig” bezog. C stand für Connie, Connie war inzwischen seine Frau und in einem ersten Impuls wollte er sie einfach fragen, was das wohl zu bedeuten hatte. Ob sie sich daran erinnern könne, daß sie vor zehn Jahren, am 20. Juli 1987, abgründig gewesen war? Und zwar im Bett. – Er hatte sich nicht getraut, offen zu sprechen.

Früher war das anders gewesen, ganz anders. Connie hatte oft andere Bedürfnisse gehabt und sie auch offensiv vertreten. Ihm war das damals zuerst peinlich gewesen. Erst im nachhinein spürte er, wie sehr er diese offenen Gespräche vermißte. Schuld daran waren die Ärzte, da war er sich ganz sicher. Deren verstohlen-wohlwollenden oder auch drastisch-offenen Hinweise wann und wie es zu geschehen habe, wenn sie denn ein Kind wollten. Von Spontaneität war schon lange keine Rede mehr.

Jetzt also saß er an seinem freien Tag vor dem geöffneten Tagebuch und kam nicht weiter. Sollte er die Eintragung verändern? Wie? Einfach so: Zuerst einmal würde einen weiteren Satz hinzufügen: Kann ich das aufschreiben? Nein. Das war ja lächerlich. Er könnte ja wohl in seinem Tagebuch aufschreiben, was ihm einfiel, was ihm gefiel. Dann lieber überhaupt nichts darüber aufschreiben.

Er griff entschlossen zum Füllfederhalter, er wollte nun den zweiten Satz ohne weiteres Zögern ausstreichen. Dies sollte er aber nicht mit dem Füllfederhalter machen, damit würde er nur die Tintenschrift verschmieren. Er schaute links und rechts auf dem Schreibtisch nach dem Lineal und einem Bleistift. Seinen Drehbleistift hatte er sofort zur Hand. Das Lineal blieb verschwunden, das mußte Connie sich entliehen haben. Sie war ständig auf der Suche nach einem Lineal oder einem Bleistift oder einem Notizzettel. Er war der ordentlichere im Haushalt, bei ihm fand sich immer alles auf seinem richtigen Platz. Connie dagegen griff sich im Vorbeigehen das, was sie gerade brauchte, und danach fand er seine Sachen nie mehr. Typisch Connie, dachte er. Also nahm er eine Kassette aus dem Regal neben seinem Schreibtisch, um mit dem Stift am scharfen Rand des Plastikgehäuses entlang einen geraden Strich zu ziehen. Gedankenverloren sah er in das braune Gesicht des Bluessängers B. B. King, das die obere Hälfte des Covers einnahm. Live in Memphis, stand darunter in roter Schreibschrift. B. B. King lachte ihn mit breitem Mund an, seine Goldzähne blitzten auf. Er öffnete und schloß den Kassettendeckel, leer. Nein, so ging es nicht. Er schüttelte er unwillkürlich den Kopf. So könnte er die Eintragung nicht stehen lassen. Wenn der letzte Satz durchgestrichen wäre, könnten die Buchstaben natürlich immer noch mit Leichtigkeit entziffert werden. Ohne große Mühe. Und bestimmt würde jeder, der das Tagebuch in die Hand nahm, zuerst die durchgestrichenen Zeilen lesen wollen. Das ginge ihm genau so. Wie bei einem Palimpsest, es reizt ungemein, die ursprüngliche Schrift zu entziffern, weil man immer glaubt, ganz tief unten sei die wirkliche Wahrheit verborgen. Verhüllung oder Entblößung? Sollte er weiter schreiben oder sollte er lieber das Blatt herausreißen? Er lachte bei dem Gedanken leicht schnaubend durch die Nase. Das wäre ja noch schöner. Zumal es auch auffallen würde. Was tun also?

Weiter schreiben, na klar. “Es ging mir zuerst durch den Kopf,” notierte er langsam und bedächtig, als wollte er, daß jeder Buchstabe, jedes Wort einfach und leicht zu lesen war. “allerdings nur wenige Sekunden lang, diese Eintragung wieder zu streichen. Dann beschloß ich, alles aufzuschreiben.” Alles? Kaum merklich hatte er bei dem Wort “alles” mit dem Schreiben kurz innegehalten und die Feder des Füllfederhalters nachdenklich betrachtet. Jetzt wurde es spannend. Alles. Mit wem er die Phantasie durchlebt hatte, welche Art von Phantasie es war. Bis jetzt war noch alles offen. Nein, das wohl doch nicht. Ein Traum, eine wilde Phantasie, nein, wüst, so hatte er die Phantasie genannt, es mußte sich einfach um einen erotischen Traum, um erotische Phantasien handeln, etwas anderes könnte wohl niemand vermuten, der dies las. Überhaupt. Bevor er weiter schrieb, mußte er eine Sache ganz rational durchdenken. An wen dachte er eigentlich, wenn er davon ausging, einer würde das Tagebuch, sein Tagebuch, öffnen, durchblättern, süchtig auf Stellen, auf ausgestrichene Zeilen, schnell eine Seite nach der anderen mit den Augen überfliegend, um etwas zu finden. Wieder dieses “etwas”. Das “etwas” konnte nur etwas Sexuelles sein, also mußte es nicht einer sein, vor dem er fürchtete sich bloßzustellen sondern eine, es mußte Connie sein, der er eine solche nicht zu unterdrückende Neugier auf sein Taschenbuch zutraute. War es eine unbegründete Unterstellung, daß er ihr sofort zutraute, sie habe nichts weiter im Sinn, als seine geheimsten Gedanken zu lesen? Immerhin, als er vor kurzem jene merkwürdige Einladung einer alten Schulfreundin bekommen hatte, zeigte sich Connie bestens informiert, kein Zweifel, sie hatte die Karte, diese Einladung zu einer Art Klassentreffen à deux gelesen. Connie also, die abgründige Connie, die selbst im Bett ihre Undurchdringlichkeit nicht ablegen wollte. Oder konnte. Würde sie denn in seinem Tagebuch herumschnüffeln? Was für ein Wort: herumschnüffeln. Es mußte ja nicht hinter seinem Rücken sein. Nicht hinter seinem lebenden Rücken.

Aber was wäre, wenn .. Er könnte ja morgen mit dem Auto einen Unfall haben, irgendein Verrückter nimmt ihm die Vorfahrt, knallt von links gegen die Fahrertür, er wird heraus geschleudert – oder wird man nur heraus geschleudert, wenn ein Aufprall von rechts geschieht? – Es könnte ja sein, daß er gegen das Lenkrad fliegt, weil hinter ihm ein Lastwagenfahrer von seiner Freundin geträumt hat. Der alte Buckel Volvo, den sie fuhren, besaß natürlich noch keine Airbags. Diese technische Neuerung, die angeblich in solchen Fällen das Leben retten kann, war zu jener Zeit, als ihr Auto gebaut wurde, selbst in Schweden noch unbekannt gewesen. Er schüttelte sich, aus einem Impuls heraus, geradeso wie es ihn als Kind immer geschüttelt hatte, wenn er plötzlich einsah, daß er Unrecht hatte, es aber noch nicht eingestehen wollte. Vor sich selbst noch nicht eingestehen wollte. Unsinn, es würde gar nichts passieren. Es passierte nur dann etwas, wenn man sich zuviel Gedanken machte. Wishful thinking im Negativen. Er durfte sich nicht verlieren in diesen trübsinnigen Gespinsten. Also sollte er jetzt sofort damit aufhören. Trotzdem, er müßte – rein theoretisch – davon ausgehen, es könnte passieren, irgend etwas, der berühmte Backstein fiel herab, ein Ziegel löste sich vom Dach, eine Straßenlaterne wird eingeknickt, ein Gewitter kommt plötzlich auf, ein Blitz schlägt neben ihm ein, oder fährt gegen einen Baum, oder er läuft eine Allee entlang, eine plötzliche Windböe hebt sich, ein bereits morscher Ast bricht ab und trifft auf seinen Kopf. Das hatte man schon gehört. Irgend etwas. Schnell, ohne Schmerzen. Er war tot.

Und dann, was käme am nächsten Tag? Zuerst Trauer, einige Tage später: Aufräumen. Connie an seinem Schreibtisch. Was würde durch ihren Kopf gehen? Neugier erst einmal. Das Tagebuch, was hat er wohl so geschrieben? Ach, C., das bin ich wohl, C. hat er mich in seinem Tagebuch genannt. 15. Mai: Abends zu viel getrunken. Ja, das stimmt. Daran erinnere ich mich. Das war bei der Feier, bei seinem Architektenfreund, fünf Jahre Büro. Der ertrug den Streß auch nur noch mit Hilfe von Chablis. Scheint ja sehr ehrlich zu sein, was er sich auf diesen Seiten notiert hat. 16. Mai. Schwimmbad. Waren wir am 16. Mai im Schwimmbad? Gemeinsam bestimmt nicht. Vielleicht war er morgens ganz früh dort, um sich fit zu halten. Seit kurzem hatte er ja diese merkwürdigen Anwandlungen. Er spürte wohl, daß auch er älter wurde, und Sport, besonders Schwimmen, war sein Gegenmittel. Und dann der Unfall, das abrupte Ende von allem, welche Ironie. So, und was kommt hier noch? Die letzte Eintragung ist vom 18. Mai, letzte Woche. Traum, wilde Phantasie. Davon hat er mir nichts erzählt.

Unsinn. Diese Hirngespinste. Närrischer Unsinn. Es reichte.

Entschlossen sprang er vom Stuhl auf, fühlte in seiner Hosentasche nach dem Autoschlüssel und rannte wie besessen die vier Treppen hinunter. Erst als er bereits auf dem Stadtring fuhr und sich in Richtung Avus einfädelte, atmete er wieder ruhiger. Verblüfft stellte er fest, daß er die leere Hülle der B. B. King Kassette immer noch krampfhaft in der linken Hand hielt. Die einzige Neuerung, die in ihrem Volvo Platz gefunden hatte, war ein Autoradio mit Kassettenrecorder. Mit der rechten tastete er im Handschuhfach nach Kassetten; zuerst steckte er eine Kassette mit Haydn-Sinfonien in den Schlitz, probierte danach Debussy und Stravinsky aus, stellte dabei aber schnell fest, daß die Musik im Auto nicht wirkte. Zweimal ging er darauf die Skala der Berliner Sender durch, bis ihn die Erkennungsmelodie einer Blues-Sendung aufhorchen ließ. “Blues vor Sonnenuntergang”, na ja. Jetzt hatte er die Avus erreicht, niemand würde ihn nun die nächsten Kilometer stören. Ein Ansager, der vergeblich seinen süddeutschen Akzent zu unterdrücken suchte, erzählte etwas von Lucille, B. B. Kings Instrument, und wie die Gitarre zu ihrem Namen kam. Was für ein Zufall. Er schaute sich die Kassettenhülle, die er auf den Beifahrersitz gelegt hatte, noch einmal an, konnte jedoch kein Geheimnis daran entdecken. Es mußte mehr sein als nur ein Zufall, doch was konnte es bedeuten? Endlich begann die Musik.

The thrill is gone,

The thrill is gone away for good.

Eine hell und klar klingende Blues Gitarre, eine sehr männliche, schwarze Stimme, und ein endloses Ausklingen mit Streichern, die sich schließlich gegen die Gitarre behaupten können.

Although I still live on,

So lonely I will be.

Ganz kurz schloß er die Augen. Oh Gott. Einfach die Augen zumachen und zuhören.

II

Die Sonne stand bereits tief und die Strahlen ließen das obere Stockwerk des Hauses gegenüber in einem sanften Gelb leuchten. Das Fenster zu Freds Arbeitszimmer war geschlossen, wie auch das Fenster des Wohnzimmers, denn die Straße war einfach zu laut. Die beiden anderen Zimmer, das Schlafzimmer und die Küche, die zum Innenhof schauten, waren dafür ruhig. Eigentlich war es nicht richtig, daß sie immer noch eine solch lächerlich geringe Miete zahlten, doch warum sollten sie freiwillig auf die gesetzliche Begrenzung ihrer Altbaumiete verzichten?

Freds Einstieg als Geschäftspartner in das neu gegründeten Architekturbüro seines alten Freundes hatte anfangs nur viel Geld gekostet, damals waren sie froh gewesen, daß sie ihre Stelle an der Schule behalten hatte. Und jetzt hatten sie zwar mehr Geld, doch ihr Standard, ihre Ansprüche waren kontinuierlich gestiegen, und sie wollte ihre Unabhängigkeit auch nicht aufgeben. Wenn es eines Tages nötig wäre, könnte sie sich selbst ernähren, das sagte sie sich, wenn er unausstehlich war. Eine helle Wohnung, im Grunde, wenn nur der lange, dunkle Gang nicht wäre, der die Zimmer miteinander verband. Auch die beiden herzförmigen Neonröhren, die am Anfang und am Ende des Flures einen Hauch von amerikanischem Kitsch in ihre ansonsten grundsolide eingerichtete Wohnung brachten, konnten nichts daran ändern. Nur wenn beide Lampen angeschaltet waren, konnte man die vier Masken gut erkennen, die an der Wand des Flurs hingen. Von der letzten Reise nach Thailand hatten sie die große Masken mitgebracht, und schließlich, nach langem Nachdenken, neben dem großen, getrödelten Spiegel an robusten Haken aufgehängt. Zwei längliche Masken, mit schwarzen Haaren, die angeblich auch heute noch während einer Art Fruchtbarkeitszeremonie getragen werden. Sie hatten von Bangkok aus mehrere Ausflüge gemacht, einer davon nach Chiang Mai, ganz oben in den Norden des Landes. Dort hatten sie einen wunderbaren Führer gehabt, der auch ausgezeichnet Deutsch sprach. Wie er sein Deutsch gelernt hatte, wollte er partout nicht sagen. Alle sonstigen Fragen hatte er ihnen mit einer sehr weichen Stimme und einem ganz sanften Lächeln erklären können. Zu gerne wären sie hinter sein Geheimnis gedrungen. Die beiden Tage waren die schönsten des Urlaubs gewesen, das Geheimnis blieb aber ungelöst.

Und gerade diese Masken hatte er ihnen ans Herz gelegt, in dem kleinen Laden, zu dem er vielleicht alle Gruppen führte, denn einige Dollar Provision konnte er bestimmt gut gebrauchen. Es war wirklich merkwürdig, daß er sie gerade auf diese Masken aufmerksam gemacht hatte, denn natürlich hatten sie ihm gegenüber kein Wort von ihrem Problem erzählt, so intim waren sie nun mit dem jungen Thai doch nicht geworden. Und jetzt hingen diese beiden augenlosen Gesichter, über deren Stirn lange, schwarze Strähnen fielen, in einer Berliner Altbauwohnung, harrten darauf, getragen zu werden. Das war natürlich lächerlich. Wahrscheinlich gerade so lächerlich wie die Arztbesuche, die auch kein Ergebnis gebracht hatten.

Zuerst stutzte sie, als sie sein Tagebuch aufgeschlagen fand. Nun gibt er sich solche Mühe, sein Schreiben vor mir geheimzuhalten, und dann, als sei es eine Provokation, läßt er das Buch offen auf seinem Schreibtisch liegen. Aufgeschlagen am 18.Mai, also heute. Er muß wohl heute nachmittag darin geschrieben haben, als ich noch einmal in die Schule mußte, wegen dieser völlig unnötigen Klassenkonferenz, sonderbar. An seinem freien Nachmittag. Nun, und was schreibt er? Wenn er das Tagebuch so offen liegen läßt, ist das ja wohl eine Aufforderung an mich zu lesen, was er geschrieben hat. Was will er mir sagen? Eine wilde Phantasie. Lieber Himmel, davon hatte sie am Morgen nichts gespürt. Früher, sie seufzte leicht auf, früher waren solche Phantasien beim Aufwachen sofort in die morgendliche Wirklichkeit verwandelt worden. Und heute vertraute er sie seinem Tagebuch an. Nein, noch nicht einmal das. Er hatte Angst, sie vor sich selbst einzugestehen. Woher kommt das nur? War er feige? Oder war sie daran schuld? Es konnte nicht sein, dazu gehörten immer zwei Menschen, nie einer alleine. Ihre Naivität war vorbei, ihre Unschuld im Umgang mit ihm. Ja, gewiß. Leider fiel dieser Verlust, oder, wenn man so wollte, ihr Gewinn, genau in jenen Zeitraum, als er zum ersten Mal signalisierte, nun sei er bereit, auf ihren Kinderwunsch einzugehen. Und nun dies hier. Er traute sich selbst nicht über den Weg, wie konnte er ihr da trauen. “Alles” wollte er notieren, und dann beläßt er es bei dem abstrakten Wort, hört auf, hört einfach auf, geht weg. Sie schaute aus dem Fenster und suchte die Straße mit den Augen ab. Das Auto war nicht zu sehen. Setzt sich also in den Wagen und fährt los, sagt kein Wort, sagt nicht, wohin er fährt, und läßt das Tagebuch offen liegen.

Wie hatte es so weit mit ihnen kommen können? Bestand darin nun ihr einziger Weg der Kommunikation, in angefangenen Sätzen, abgebrochenen Tagebucheintragungen? Was verlangte er von ihr? Und wenn sie es verstand, sollte sie wirklich darauf eingehen? Was wäre, wenn sie sich einfach nicht darum kümmerte? Sie könnte das Buch zuklappen, es in die Schublade legen, die er sonst immer so sorgfältig verschloß. Ohne daran zu denken, daß von allen Schlüsseln ein Double existierte, und daß alle Double am großen Kellerschlüsselbund hing. Es war wohl mehr eine symbolische Handlung. Aber völlig unnötig, es hatte sie nie wirklich gereizt, die Schublade aufzuschließen, hinter seinem Rücken, und zu schauen, was er denn seinem Tagebuch anvertraute. Während der ersten Jahre ihres Zusammenlebens wäre sie nie auf diese Idee gekommen, später, nun später war die Spannung einfach nicht mehr da, die für solch eine Tat notwendig ist. Und heute?

Sie spürte, daß sie ganz nahe daran war zu entdecken, was sie eigentlich trennte. Abenteuerlust gegen Kinderwunsch? Das war zu einfach. Einen kurzen Augenblick lang wußte sie es, sie wußte es in einer Weise, die es nicht zuläßt, klar und deutlich ausgesprochen zu werden. Vielleicht hätte sie überhaupt keine Worte dafür finden können, aber sie wußte es. Sie wünschte, er wäre hier, neben ihr, säße auf seinem Schreibtischstuhl, vor seinem Tagebuch, nach Worten suchend. Jetzt, sie war sich sicher, sogar ganz sicher, jetzt, in dieser Sekunde wüßte sie die Antwort, sie hätte es ihm mitteilen können. Jetzt war es hier. Jetzt, jetzt immer noch.

Sie zuckte zum zweiten Mal mit den Schultern und blätterte unentschlossen in dem Buch, ohne wirklich etwas zu lesen. Schließlich klappte sie es zu, immer noch zögernd. Sie fuhr mit dem Zeigefinger langsam über den Goldschnitt, gab sich endlich einen kleinen Ruck und legte das Tagebuch genau in die Mitte des großen, aufgeräumten Schreibtischs.

Auf dem Weg zur Küche klopfte sie mit gekrümmten Zeigefinger an die beiden hölzernen Masken rechts und links neben dem Spiegel. Ein mechanisches Klopfen, so wie sie, ohne groß daran zu denken, im Vorbeigehen in den Spiegel schaute und ihre Haare schüttelte. Ein Cappuccino, ein starker Cappuccino, das würde ihr nun gut tun. Mit der rechten schaltete sie das kleine Radiogerät ein, das in der Küche über der Spüle stand und drehte sofort danach den Wasserhahn auf. Automatisch ging ihre linke Hand hoch zum Regal, auf dem eine Dose mit Lavazza stand. Sie achtete nicht auf die Nachrichten und hörte nur mit halbem Ohr auf die Wetternachrichten. Ein Moderator, Musik folgte. Eine Blues Sendung. Sie registrierte nicht, welcher Titel angesagt wurde. Dann kam ihr der Sänger bekannt vor, sie kam nur nicht auf seinen Namen. Plötzlich fiel ihr ein, daß sie noch vor kurzem diese einschmeichelnde und doch so kräftige Stimme auf einer Kassette gehört hatte. Sie wußte sogar genau, wann es gewesen war. Vor drei Tagen, sie hatten miteinander im Bett gelegen. Miteinander? Nein, nebeneinander. Mit diesem Lied hatte die Kassette geendet und keiner von ihnen beiden war danach aufgestanden, um die Kassette umzudrehen. Ja, es war genau dieses Lied. Was für ein Zufall. Sie hörte genauer zu. The thrill is gone, the thrill is gone away for good. Streicher setzten ein, die Stimme kam wieder, diese warme, klagende Stimme sang noch einmal den Refrain, die Gitarre schien an ein Versprechen zu erinnern, das Lied nahm und nahm kein Ende, als würde der Sänger ahnen, daß tatsächlich alles vorbei sein würde, wenn er nicht weiter sang, wenn die Gitarre nicht weiter diese klagenden Töne erklingen ließ.

The thrill is gone,

The thrill is gone away for good.

And now that it´s all over,

All I can do is

Wish you well.

Sie schloß für einen Augenblick die Augen. Oh Gott. Einfach die Augen zumachen und zuhören.