Am Rhein – Kindheitserinnerung

in: MAINZ 3/2007, Vierteljahreshefte für Politik/ Wirtschaft/ Geschichte

Grün und kühl war das Wasser. Ein helles und dabei undurchsichtiges Grün, eine angenehme Kühle. Und der Geruch. Ein Geruch nach Moder und Schlamm, nach schwarzem Gummi und leichtem Dieselöl, nach faulen Blättern und frischem Grün zugleich.

Noch traute er sich nicht, gleich beide Füße dem neuen Element anzuvertrauen. Noch wagte er nicht, den ersten, quasi vorausgeschickten Fuß, der das getönte und nasse Terrain sondieren sollte, auf den nur undeutlich wahrzunehmenden Boden zu setzen, auch wenn dieser Grund ganz nahe war. Noch ahnte man diesen Boden nur. Noch blieben da Fragen. Würde der Boden fest sein, so fest und dennoch nachgiebig wie der vom Wasser des Flusses wellenförmig benetzte Sandboden, von dem aus die Expedition gestartet wurde? Ein großes Halbrund, nach hinten begrenzt durch struppige Grasbüscheln, leicht schlammig und doch fest, ein Boden, in den man mit der Fußspitze Linien und Kreise einritzen konnte, das war der Ausgangspunkt. Kreise und Linien wurden in die nasse Erde eingezeichnet, Spuren, die von der nächsten Welle wieder ausgelöscht wurden. Vorsichtig musste man einen Schritt zurück treten, wenn die Wellen kamen, und das Spiel konnte von neuem beginnen, Linien, Kreise, Wellen, ein Genuss im Wiederholen, im Wissen um die Vergeblichkeit und ein Ahnen von der Schönheit dieser Vergeblichkeit. Und bald schon würde er gar, ein glücklicher Fund, beim Spurenziehen mit der großen Zehe auf die flache, außen schwarze, fast ganz schwarze, wenn man noch genauer schaute vielmehr mit Höckern und weißen Linien durchzogene, innen jedoch völlig hell und grau und gelb schimmernde Schale einer Muschel stoßen.

Eine Muschel! Eine Flussmuschel! Vorsichtig musste man die Muschelhälfte, denn es war nur eine Hälfte, eine leere Hälfte, mit den Fingerspitzen aus dem Wasser holen, sie dann gleich wieder eintauchen und säubern. Winzige Schlammreste hatten sich festgesetzt, sie mussten ausgewaschen werden. Am Rand, dort, wo die beiden Muschelhälften ursprünglich miteinander verwachsen waren, musste ein kleines Partikel, das überstand, abgebrochen werden, schweren Herzens und ganz vorsichtig. Aber sonst, stellte er zufrieden fest, sonst war die Muschel, die aufgestöberte Muschelhälfte, ganz intakt, das helle Innere, noch nass glänzend, war von einer delikaten Elfenbeinfarbe und ganz glatt. Die Rückseite, mit den kleinen Höckern, grober, mit Rillen überzogen, sah dagegen abweisend aus. Wo war übrigens die Unterseite der Muschel? Von den durchsichtigen, leckenden Wasserzungen ins tiefe Grün zurückgeholt? Vorsichtig legte er die Muschelhälfte hinter sich ins Gras und wagte nun einen weiteren mutigen Schritt hinein ins Wasser des großen Flusses.

Das grün und schnell dahinfließende Wasser des Rheins war von der Augustsonne aufgewärmt, an der Oberfläche zumindest, nur an den Füßen, die sich nun beide mit den Zehen tiefer eingekrallt hatten in den leicht modrigen Untergrund, nach den vier, fünf Schritten weiter hinaus, spürte er eine angenehme Frische.

Er liebte die weit in den Fluss hinausgebauten Buhnen, aufgeschüttet aus Sand, grobem Kies und Schottersteinen, sie gaben dem Blick nach links und rechts Halt. Nur nach vorn war die Begrenzung ganz weit hinausgeschoben. Weiter draußen eilte das tiefe Wasser dahin, der offene Fluss, der große Rhein, und jenseits der immensen Wasserfläche lag das andere Ufer. Mit dem bloßen Augen war kaum zu erkennen, ob da drüben andere Menschen sich ebenfalls in das Wasser wagten. Die hohen Pappeln aber, die dort drüben den Fluss begleiten, gerade so wie auf seiner Seite, gaben dem Sommerbild einen dunklen Rahmen. Und über den spitz zulaufenden Wipfeln der Pappeln erstreckte sich ein unermesslich hoher, ganz tiefblauer Himmel. Der immer zumindest einen weißen Tupfer hatte. Ein kleiner oder größerer weißer Wolkenklecks in einem sonst so ganz von Blau und Grün bestimmten Bild.

Vom Ufer aus waren die in der Mitte des Flusses vorbeiziehenden Schiffe gut zu sehen, die hoch aus dem Wasser herausragenden leeren Frachtschiffe, die zumeist rheinabwärts unterwegs sind, und ihre tief im Wasser liegenden Schwestern, voll beladen mit hellem Kies und Sand oder mit tief-schwarzer Kohle, die aus dem Ruhrgebiet stromaufwärts gebracht wurde. Die aufgehäuften Mengen bildeten kleine Hügel, zwei, drei Hügel, je nachdem, wie viel Ladung der Bauch des Schiffes ertrug. Schwer kämpften diese Frachtschiffe gegen die starke Strömung an. Wie viel einfacher hatten es die geschwind dahinziehenden Schiffe, die flussabwärts unterwegs waren. So schnell würden sie an Mainz vorbei ziehen, würden den Mäuseturm meiden, die Strudel bei Bingen umgehen, sich am Märchenhain vorbeischlängeln, wer weiß, wie es dann weiterging.

Mühsam gegen den Lauf des Stromes ankämpfend, schob sich langsam der nächste Schleppzug ins gerahmte Bild vor seinen Augen. Zwei junge Burschen, die auf der Buhne warteten, knufften sich in die Seite und sprangen mit gewaltigem Spritzen und Platschen ins Wasser, ein dritter folgte ihnen. Mit ausholenden Kraulbewegungen nahmen sie Kurs auf die Strommitte. Gerade rechtzeitig kamen sie dort an, gerade rechtzeitig trafen sie dort auf den langsam sich vorankämpfenden Schleppkahn. Die ersten beiden Jugendlichen hatten keine Mühe sich hochzuziehen, so tief lag das Schiff im Wasser. Der dritte aber hatte kein Glück, auch beim zweiten Versuch schaffte er es nicht und er nahm nun schleunigst reiß aus, um nicht in den Sog des letzten Schiffes zu kommen. Eine Schraube brauchte er nicht zu fürchten, denn es waren Schleppkähne. Die anderen beiden Jungen waren die Helden, sie winkten und riefen und pfiffen. Ein Mann trat auf die Brücke des Schiffes und hob drohend die Hand, doch auch ihm winkten die beiden fröhlich zu. Was sollte er tun? Er konnte die blinden Passagiere ja doch nicht vertreiben, ein Sprung und sie wären ihm entkommen. Sie lachten und winkten und formten die Hände zu Trichtern, wollen uns etwas zurufen, doch zu hören waren sie nicht. Nur wenige Hundert Meter würden sie es sich als unerbetene Gäste bequem machen, dann würden sie sich kopfüber in den Fluss stürzen und sich gemächlich von der Strömung zurück ans Ufer treiben lassen.

Mit brennenden Augen und bangem Gefühl verfolgte er dieses Schauspiel. Oh, welche Gefahren! Doch welcher Mut! Welche Furchtlosigkeit! Der reißenden Geschwindigkeit des Flusses zu trotzen, den Untiefen geschickt auszuweichen, den Strudeln und anderen tückischen Stellen, der tödlichen Schraube des Dampfers und dem starken Sog der einzelnen Schiffe mit schnellen Schwimmbewegungen zu entkommen – es waren Helden, die so etwas konnten. Diese Jungen, sie lachten über die Gefahren, sie standen an der tiefliegenden Reling, winkten allen zu, sie waren tatsächlich wahre Männer. Angebetete Helden für diese Stunde, für diesen Tag. Morgen würde es andere geben. Doch heute waren sie die Bewunderten. Einmal würde er auch so sein wie sie. Da war er sicher. Ganz sicher.

Der Trampelpfad auf der Buhne führte bis ganz nach vorn, dort konnte man niederkauern, da, wo die glitschigen, spitzen Schottersteine von den Wellen des Rheins von zwei Seiten bedrängt wurden. Dann der gebannte Blick zur Strommitte. Flussaufwärts, flussabwärts. Von Mainz kommend, näherte sich ein Schiff, nein, es waren drei Schiffe. Vornweg mühte sich der qualmende Schleppdampfer, eine weißgekrönte Welle umspielte den Bug, zwei langgestreckte Kähne zog er an straff gespannten stählernen Tauen hinter sich her. Das Wasser des Flusses schwappte fast über den Rand der Schiffe, so tief drückte der schwarze Kohlenstaub ihre Bäuche hinab. Jetzt war der Schleppzug auf der Höhe der Buhne, wenn er jetzt die Hände zum Winken hochreckte, würde ihn der Kapitän erspähen. Doch dieser kümmerte sich nicht um die Menschen am Ufer, starr blickte er geradeaus, mit einer Hand drehte er das riesige Steuerrad ganz schnell in eine Richtung, korrigierte sich, drehte das Rad wieder um einige Drehungen zurück, war ganz in seine Arbeit vertieft. Doch eine Frau auf dem ersten der Schleppkähne winkte fröhlich zurück. Sie hielt ein kleines Kind auf dem Arm und nahm dessen Händchen in die eigene Hand, und wirklich, nun winkten beide. Ach, welche Wonne, auf dem Fluss aufwachsen zu können. Morgens den Anker zu lüften und bis zum Abend unterwegs zu sein, wenn das Schiff im Hafen mit starkem Tau am eisernen Poller festgebunden wurde. Nachts in einer kleinen Kajüte zu schlafen und dem leisen Murmeln des Wassers zuzuhören, irgendwann später wach zu werden und das Plätschern und Schwappen des Rheins zu hören und sich vom schwankenden Schiff wieder in den Schlaf wiegen zu lassen. Ach, wie herrlich musste das sein.

Auf dem Schleppkahn tauchte nun ein Mann auf, der mit festen Schritten die Planke vom Bug zum Heck entlang ging, mit traumwandlerischer Sicherheit bewegte er sich auf dem schmalen Grat, der ihn von dem hoch aufragenden schwarzen Kohlenstaub auf der einen Seite und dem eilig dahinfließenden Wasser auf der anderen Seite trennte. Daneben fand er sogar noch Zeit, sich für unser Winken zu bedanken, freundlich hob er seine Hand. Ein kleiner Hund folgte ihm, aufgeregt rannte er hin und her, konnte aber, da die Planke einfach zu schmal war, seinen Herrn nicht überholen. Zweimal drehte er sich um sich selbst, als suchte er seinen Schwanz zu erhaschen, dann ging es mit der gleichen Geschwindigkeit noch einmal hin und zurück. Welche Freude, welche Lust, solch ein Leben auf dem Rhein!

Da kam die erste einer ganzen Reihe von Wellen, die Schleppdampfer und Kähne ausgesandt hatten, die zweite war bereits stärker, die dritte schließlich leckte hoch, überflutete die Steine, selbst jene, die ihnen gerade noch als trockener Stützpunkt dienten. Schnell einen Schritt weiter nach oben, zu spät, schon waren die Sandalen und die nackten Füße nass. Die Flaggen der Schiffe waren schon nicht mehr richtig zu sehen, so weit weg waren sie bereits, nun waren auch der Hund, die Frau, das Kind und der Mann nicht mehr zu erkennen. Eine wunderbare Erscheinung war vorbeigezogen, sandte noch eine letzte Heckwelle, die aber schon keine Kraft mehr hatte, ganz schnell verlief sie sich zwischen den aufgeschütteten Steinen der Buhne. Dann hörte auch das auf, ruhig floss das dunkelgrüne Wasser seinen Weg.

Schon lange waren die von der Mutter mit Teewurst bestrichenen Brote aufgegessen, er nahm einen letzten Schluck aus der Wasserflasche, in die zuhause Pfefferminztee gefüllt worden war. Der Tee, lauwarm schmeckte ihm köstlich. Er ließ ihn ganz lange im Mund, dann schluckte er ihn herunter, ganz langsam, zuerst ein kleiner Schluck, dann noch einer, dann ein dritter und letzter, jetzt konnte die Heimfahrt angetreten werden. Die flache Fähre über den Altrhein würde sie von der Halbinsel, der großen, langgezogenen Nonnenau, zurückbringen an das feste Ufer von Ginsheim. Noch andere Fahrradfahrer, noch andere Badegäste würden sie auf der kurzen Fahrt begleiten. Stumm blieb der Abschied vom Rhein, auch war vom Altrhein gar nicht so viel Aufhebens zu machen, der ja gar keine Strömung hatte, dessen bräunliches Wasser undurchdringlich war und nur wenig aufgewühlt wurde von der Kettenwinde, die der Fährmann ganz geruhsam und doch kräftig drehte. Die hochgespannte Kette senkte sich, ging durch die Winde, und verschwand im trägen Wasser, versank völlig, nichts mehr war zu sehen von ihr. Ganz ruhig war es, nur das Rasseln der Kette auf dem Holzboden durchbrach die Stille, und danach das heller klingende Klirren, wenn die Kette auf dem Blech des vorderen Teils der Fähre entlang glitt. Die Menschen sprachen mit gedämpfter Stimme, aus der Ferne waren die Rufe von Jugendlichen zu hören, vielleicht jener, die zur Mitte des Stromes geschwommen waren, die die Schiffe erklommen hatten und nun den Freunden noch weiter und weiter davon berichteten. Auch ihr Rufen klang sonderbar matt. Ganz sacht nur war das Eintauchen der Ruder ins Wasser zu hören, als sich jenseits der Fähre ein Mann in einem hölzerner Nachen anschickte, den Altrhein zu überqueren. Der Abend war mit behäbigen Schritten herangetreten und umfing jetzt alle mit seinen müden Armen. Bald würden sie zuhause sein.