Nachdemfilm.de

Manuskript: Maximilian Preisler
radio kultur (SFB/ORB)
10. Januar 2000
Red.: Heike Kalnbach

Das angeblich weltumspannende „Y2K Problem“ erwies sich als grandiose Schein-Fehlermeldung, weit und breit in der schönen, neuen Computerwelt konnte kein Großbetreiber ausfindig gemacht werden, dessen Festplatte wegen der vielen Nullen in der neuen Jahreszahl ihren Geist aufgegeben hatte. Allerdings: noch ist nicht aller Tage abend, noch stehen Umstellungen aus. Denn: ganz schlaue Web-Siten-Anbieter beließen es erst einmal mit der Jahreszahl 1999. Die klugen Einspeiser von „nachdemfilm.de“ gehören zu diesen Vorsichtigen im Lande. Preisen andere die Aktualität und die Schnelligkeit des neuen Mediums Internet, wollen sie gar nicht erst die Nase vorn haben, wer weiß was der weit vorgereckten Nase alles passieren könnte. So gibt denn dieses mit viel Vor-Lorbeeren behängte ejournal immer noch den Dezember des letzten Jahres als aktuelles Datum an. Und so wie man als Autofahrer gelernt hat, Hinweisen auf „vorübergehende“ Umleitungen zutiefst zu mißtrauen, so weiß auch der Internet Surfer: es gibt kein heimtückischeres Warnzeichen als jenes, das gleich beim Öffnen der Startseite von „nachdemfilm“ erscheint: An dieser WebSite wird immer noch gearbeitet.

Wagen wir dennoch einen Gang über die Baustelle. Vier Auswahlmöglichkeiten bietet die Homepage: Reviews, Report, Forum und Archiv. Fangen wir mit dem letzten Link an, Archiv. Man darf gespannt sein, was ein Journal, dessen erste Nummer man in der Hand hält, nein, dessen erste Nummer auf dem Bildschirm vor uns sich entfaltet, bereits im Archiv hat. Die Antwort: nichts, denn, so der neuerliche Hinweis, immerhin sehr höflich formuliert: Verzeihung, aber das Archiv funktioniert noch nicht. Für Fremdsprachenkundige wird dieser Satz auch gleich ins Englische übersetzt, und da beweist sich wieder einmal, daß nicht jeder, der weiß, was ein update ist, oder wie man downlädt, auch sonst der fremden Sprache mächtig ist. Wir lassen uns nicht entmutigen und klicken auf „Reviews“ – vier Filme und vier Bücher werden besprochen. „Nachdemfilm.de“ müßte sich hier allerdings „langenachdemfilm“ nennen, denn zumindest in Berliner Kinos ist keiner der rezensierten Filme mehr zu sehen. Dafür finden wir unter den Buchbesprechungen die Texte eines guten Bekannten, den inzwischen unvermeidlichen Benjamin von Stuckrad-Barre, an ihm führt kein Weg vorbei, wenn man jung, dynamisch und anti-feuilletonistisch sein möchte. Vielleicht wird ja in der Redaktion des neuen ejournals eines seiner Bücher herumgereicht, dann würden die Herren Filmkritiker zumindest nicht mehr wagen, von der „grotesken Düsterheit des travestierten Pathos der frühen Filme von David Lynch“ zu schwärmen. So zu schreiben ist nämlich „out“.

„In“ ist es, sich an Soap operas zu erfreuen. Da will sich das elektronische Journal nicht ausschließen und bietet an: „Suzie und Jack“, zwei Namen in einem blutroten Herzen, und auch der Hintergrund – ein knalliges Abendrot – stimmt uns auf Liebe und Schmerz ein. Allerdings wird der Besucher nun daraufhingewiesen, er müsse zuerst einen Shockwave Player installieren, ohne ihn laufe gar nichts. Nach kurzem Zögern – wer weiß, welche Millenium Bugs sich hier verbergen – drücke ich auf OK und nach knapp fünf Minuten ist alles vorhanden, na, sagen wir fast alles.

Shockwave weiß, das Herz zu erfreuen, mit Online-Multimedia Gemeinschaften, Interessantem E-Merchandizing, und, der absolut größte Thrill: Spannende Warenpräsentationen. Eins kann auch der Shockwave Player nicht leisten, er kann dem Betrachter das Herz von Suzie und Jack partout nicht öffnen. Immerhin, die Fehlermeldung „Director Player Error“ klingt sehr filmgemäß.

Und dann bietet „nachdemfilm.de“ noch kreuzbrave Texte, die schon im Titel verraten, in welchen kulturwissenschaftlichen Seminaren die Verfasser vor kurzem noch saßen: As the world ends. Traditional Gender roles in Apocalyptic Science Fiction Films of the Late 90s. Oder: „Leben auf der Titanic – Version 1.0 eines Kompendiums“. Da flüchten wir uns lieber zum Forum, da sind die elektronischen Leserbriefe zu finden, kurz und knapp, wie sich das für emails gehört. Zu Buena Vista Social Pub – ist das ein Scherz oder ein Versehen? – schreibt da eine Leserin: „Die Musik ist schön. Muß sie auch sein, zu einem kühlen Coctail in der karibik.“ Und am beeindruckendsten das Unterforum „Digitale Welten und unendliche Leere“ – da bleibt der Bildschirm schwarz. Wie soll man die digitale Leere besser beschreiben!

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