Peter Weiss Filme im Filmkunsthaus Babylon

Manuskript: Maximilian Preisler

radio kultur (SFB/ ORB)

Journal 12. Juni 2001

Red.: Heike Kalnbach

In seiner theoretischen Abhandlung „Avantgardefilm“ sagt Peter Weiss über Bunuel, dieser „seziere das Innere der bürgerlichen Gesellschaft“ mit surrealistischen Mitteln. Und so charakterisiert Weiss Bunuels Film „Ein andalusicher Hund“: „Der Film vermittelt einen Eindruck der Wirklichkeit, geschildert mit den Mitteln des Traums – Traum und Wirklichkeit sind eins.“

Dies ästhetische Programm, Weiss nennt es „anti-ästhetisch und anti-artistisch“, läßt sich auch an den frühen Experimentalfilmen von Peter Weiss ablesen. Die „Studie II (Halluzinationen)“ besteht aus 14 Einstellungen, jede einzelne führt uns ein Bild vor, ein komponiertes schwarz-weißes Bild, in dem Körper, oder Körperteile, ein Arm, ein ausgestreckter Fuß, eine nackte Frauenbrust, und alltäglich Gebrauchsgegenstände, ein Hammer, ein Teller, in ein neues Verhältnis zueinander gesetzt werden. Sprache spielt keine Rolle, dafür expressive Mimik und Gestik, sowie Kameraeinstellung und Schnitt. Es sind Collagen, die an jene in der Nachfolge von Max Ernst entstandenen Bilder denken lassen, die Weiss einigen seiner Prosatexte – etwa dem „Abschied von den Eltern“ hinzufügte.

Später folgten weitere Filme., 12 kurze und zwei lange insgesamt, die Filmsprache wurde verfeinert, die Expressivität blieb erhalten, jedoch die äußere Wirklichkeit erhielt ein viel größeres Gewicht. Weiss entwickelte einen fast abstrakt zu nennenden dokumentarischen Stil. 1957 entstand „Im Namen des Gesetzes“, in dem das Leben von jugendlichen Gefängnisinsassen geschildert wird. Die Auflage der Behörde, die Gesichter der Jugendlichen nicht zu zeigen, wird vom Filmemacher als Chance begriffen, eine Dramaturgie der Lichter und Schatten zu entwerfen und Intensität durch Beiläufigkeit zu erreichen. Der große Schlüsselbund, das knallende Zuschlagen der Türen, die nackten Köper unter der Dusche, der Schlagstock hinter der Tür des Wärters, das wird in einer Partitur zusammengeschnitten, die dem russischen Vorbild Eisensteins viel verdankt. Ein gewisser Endpunkt wird erreicht mit „Was machen wir jetzt?“, von 1958. Eine Reportage, so verkündet der Vorspann, doch in Wirklichkeit ein Dokumentarfilm mit den Mitteln des Spielfilms. Unangepaßte schwedische Jugendliche, Halbstarke hat man sie wohl genannt, spielen sich selbst. Ihre Langeweile und ihr ereignisloses Leben stehen im Mittelpunkt. Alkoholismus, Drogen, Leere, das sind die Stichwort,e, dabei hält sich Weiss von jedem Moralismus fern. Statt dessen zeigt er die Schönheit ihrer Gesichter, ihrer Bewegungen, gibt eine Ahnung von dem Potential, das in den Jungen und Mädchen steckt, aber das die Gesellschaft nicht einfordert. Gleichzeitig glaubt man, einen Schrei zu hören, einen existenzialistischen Aufschrei, der von einer Not spricht, die auch durch bessere Arbeitsbedingungen und wirksamere Fürsorge nicht zu befriedigen wäre.

Peter Weiss wandte sich in einer Übergangszeit dem Film zu, es waren die Jahre von 1952 bis 1960, und Weiss, der bis jetzt gemalt hatte, dessen Zeichnungen, Bilder und Collagen jedoch beim schwedischen Publikum nicht auf großen Widerhall stießen, und der auch zu schreiben begonnen hatte, dabei aber unsicher war, welche Sprache er nutzen sollte, das schwedisch der Emigration oder das deutsch des Herkommens, Peter Weiss suchte nach neuen Ausdrucksformen. Dabei darf das Filmen nicht als Nebensache abgetan werden, wenn er mehr Geld zur Filmproduktion zur Verfügung gehabt hätte, so Weiss selbst in einem Interview, dann wäre diese Form der Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit nicht so schnell abgeschlossen worden.

Besonders spannend ist es natürlich, diese Filme aus dem Blickwinkel des späteren Schritftstellers Weiss zu betrachten. Welche Mittel der Formsprache greift er in seiner Literatur wieder auf, gibt es thematische Übereinstimmungen? Vor allem von der „Ästhetik des Widerstands“ her, lohnt sich einer neuer Blick auf die filmischen Arbeiten. Ein griechischer Torso taucht in der Studie 4 (Befreiung) auf, dazu skizzenhafte Studien nackter Körperansichten. Und natürlich denkt man sofort an den fulminanten Beginn der Trilogie, dem Treffen der drei Freunde und Widerstandskämpfer vor dem Parthenonfries, im gleichen Kurzfilm finden sich autobiographische Verweise, oder auch Fingerzeige auf eine Wunschbiografie, die ganz ausgeführt sich dann leitmotivisch durch die drei Bände des Romans zieht. Und die Bemerkung von Peter Weiss: Ich will unter den Schwachen bleiben, trifft sowohl auf die Gestrandeten seiner dokumentarischen Filme zu, als auch auf die Freunde Coppi und Heilmann, die der Erzähler im Roman bis zu ihrem Tod begleitet, als sie zu den Schlachterhaken in Plötzensee geschleppt werden. Und natürlich müssen seine avangardistischen Filmarbeiten insgesamt ebenfalls als ein weiterer Mosaikstein einer immer wieder neu zu formulierenden Ästhetik des Widerstands begriffen werden.

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