Pelym

SFB/ ORB radio kultur
Journal 1998
Filmrezension

Schon die ersten Bilder überraschen. Angekündigt ist ein Dokumentarfilm über das Leben und Darben in einem russischen Straflager, das, von Deutschland aus gesehen, nicht nur nach geographischen Maßstäben am Ende der Welt, am Rande des nördlichen Urals liegt. Man ist gefaßt auf Schwarz-Weiß Bilder, auf historische Erinnerungen, vielleicht auf eine Collage aus alten Wochenschauberichten, man erwartet Statements von Verantwortlichen und längere Interviews mit Gefangenen heute. Doch der Film beginnt so: lange Einstellungen von grünen Wäldern, gegen einen hellblauen Himmel gefilmt, der sich langsam mit weißen Wolken füllt. Auf der Tonspur: Schweigen.

Andrzej Klamt und Ulrich Rydzewski lassen sich Zeit und offerieren viel Raum. Sie wählten das klassische Format des 35 – mm – Films, der es ihnen erlaubt, Bilder der nordrussischen Weite fast genießerisch zu präsentieren, sie nähern sich dem Straflager Pelym, nur allmählich, eher beiläufig tauchen die ersten Drahtzäune auf, ohne Geschrei und ohne Aufregung formiert sich eine Gruppe von Männern, die zur Holzarbeit in den Wald zieht. Pelym, das erfährt man erst nach längerem, ist nicht nur der Name eines Lagers sondern gleichzeitig die Bezeichnung für eine ganze Region. Wobei dies durchaus kein Widerspruch sein muß, wie der Zuschauer erkennt. So wie der Begriff Freiheit hier gebraucht wird, sind die Grenzen fließend. Hier das Lager, dort das Dorf – diese Gegenüberstellung funktioniert nicht, und auch die Entgegensetzung Gefangener – freier Bürger schlägt fehl. Einige der Dörfler sind ehemalige Gefangene, die einfach nicht mehr zurückwollen in die Städte Rußlands, und sich in der Einsamkeit des Nordens, in der Nähe des Lagers, irgendwie eingerichtet haben. Noch erschreckender als diese gelähmten Menschen sind die Reflexionen der Insassen, die im Zweifelsfall die „Freiheit“ des Lagers vorziehen, man erhält Brot, Suppe, es gibt ein Bad, man arbeitet, für die Befriedigung primitiver sexueller Bedürfnisse stehen die Parias zur Verfügung, Schwule oder Schwache, die zu Sexualobjekten abgerichtet werden. Draußen herrschen die Banden der Jungen, die für Geld schnell töten, draußen gilt nicht der Ehrenkodex der „Wor“, wie sich die langjährigen Gefangenen stolz nennen.

O-TON
Es ist schwer für mich, den Begriff Freiheit zu beschreiben. Meine Vorstellung von der Freiheit habe ich von den Geschichten über das Leben draußen. Natürlich gibt es auch Gutes in der Freiheit, wie die Jagd, offen gesagt auch die Frauen und ähnliche Freuden und Vergnügen. Aber andererseits weiß ich nicht, was ich mit der Freiheit tun soll. Ich kann mich wohl nicht mehr an das Leben draußen anpassen. Besonders jetzt, wo draußen alles nach Mafia aussieht. Und ehrlich gesagt, wenn ich wieder in die Freiheit komme, werde ich einen überflüßigen Menschen erschießen. Ein Wor sollte sich nämlich auf keinen Kommerz einlassen. Er sollte, wie schon sein Name sagt, selber stehlen.

AUTOR
Konsequent halten die beiden Filmemacher auch bei den kurzen Interviewszenen ihre selbstgewählte Distanz aufrecht. Fast behutsam tastet die Kamera die Ganzkörper-Tätowierung des Interviewten ab, die Nacktheit der anderen Gefangenen, die sich im primitiven Badehaus waschen, wirkt nie spektakulär. Die ästhetische Qualität der Bilder hat etwas Provozierendes. Wie die großen Photographen Amerikas in den Jahren der Depression suchen die Dokumentarfilmer die ganz eigene Poesie der Armut und der Verzweiflung, nicht wegen des kitschigen, mitleidserregenden Effekts, sondern um die Würde auch dieser Menschen zu betonen. Die Würde der Alten in den verlassenen Dörfern, die Würde der wenigen Jungen, mit ihren vom Alkohol deformierten Gesichter, die Würde der Langzeit-Gefangenen, vor denen die Unendlichkeit der nächsten 15 oder 20 Jahre Schwerarbeit liegt. Und die erkennen, daß ihr Schicksal, das Schicksal ihres Lagers, eigentlich nur eine Spiegelung des Schicksals ihres Landes ist. Hoffnung ist nicht in Sicht, kein Roosevelt, kein New Deal, keine Gewerkschaften, die den Kampf aufnehmen könnten. Wenn von einem Funken Zuversicht an diesem gottverlassenen, schönen Ort gesprochen werden kann, dann ist der in den ganz wenigen Menschen zu finden, die der Hoffnungslosigkeit trotzen. Die in einem Lied ihr Leid klagen.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>