„Oskar und Jack“ von Frauke Sandig im Babylon

Manuskript: Maximilian Preisler

Radio Kultur

Journal, 25. 02. 1998

Red.: Steffen Brück

Zwei ältere Männer in Badehosen, mit gleicher Figur und ähnlichem Aussehen, beide gut gelaunt, schlendern eine sonnenüberflutete Straße entlang. Zwei Brüder beim gemeinsamen Ausspannen im Süden? Ja, Oskar und Jack sind Brüder, sind gar eineiige Zwillinge, doch damit hört erst einmal jede weitere Gemeinsamkeit auf:

O-TON TAKE 1

Ich bin Oskar, im Januar 33 auf der Karibikinsel Trinidad geboren. Ich bin im Sudetenland aufgewachsen. (Musik) My name is Jack, I was born on the southern Caribbean island of Trinidad. I grew up I met my twin brother for the first time in Germany in 1954.

AUTOR:

Die Eltern hatten sich auf einem Auswandererschiff Ende der zwanziger Jahre kennengelernt. Die Mutter war Deutsche, der Vater Jude und Deutscher. Kurz nach der Geburt der Zwillinge trennten sich die Eltern, und nun begann das, was die Dokumentarfilmregisseurin Frauke Sandig im Interview als „Puppenspiel der Götter“ bezeichnet:

Jack blieb mit dem Vater auf Trinidad, er besuchte die Synagoge und die englische Schule – Trinidad war damals noch englische Kolonie – Jack fühlte sich als Brite und als Jude. Nach dem Krieg fuhr er nach Israel, er wollte beim Aufbau des Staates helfen. Oskar wiederum ging mit der Mutter zurück nach Deutschland, ins Sudetenland, und dort wurde der Junge vor allem von der autoritären, mit den Nazis sympathisierenden Großmutter erzogen. Wenn er heute über die Zeit des Nationalsozialismus spricht, ist auffällig, daß er dafür zuweilen die Gegenwartsform benutzt.

O-TON TAKE 2

Ich war Deutscher und war katholisch, alles andere hatte ich verdrängt. Und daeswegen war ich eben so begeistert in der Hitlerjungend, weil ich dadurch wahrscheinlich die ganze Situation überspielen konnte. Wir glaubten also bestimmt, daß das alles wahr ist, was die Nationalsozialisten sagen, Berichte von Hitler und Goebbels begeisterten uns, und wir glaubten wirklich, bis zum Schluß, auch den Endsieg erringen werden.

AUTOR:

1954 trafen sich die beiden Brüder zum ersten Mal – im Ruhrgebiet, dorthin hatte es Oskar, die Mutter und den Stiefvater verschlagen. Die Voraussetzungen für ein Treffen waren denkbar ungünstig, beide verstanden die Sprache des anderen nicht, und zu alledem war der Stiefvater ein verbohrter Nazi. Heimlich kratzte Oskar vom Koffer des Bruders die Aufkleber aus Israel ab, er befürchtete antisemitische Ausfälle gegen Jack und dessen israelische Frau. Erst eine Einladung nach Amerika, Ende der 70er Jahre, brachte die beiden Brüder näher, sie nahmen an einem wissenschaftlichen Projekt über eineiige Zwillinge teil und waren irritiert, zuweilen auch konsterniert, als sie herausfanden, wie ähnlich sie sich in vielem waren. Schnurrbart, Brille, Hemd, Uhr, sie hatten den gleichen Geschmack. Jack sagt, er verspürte damals sogar Zorn: Dieser Kerl da, der hat sich meinen Körper, mein Gesicht angeeignet, wer gibt ihm das Recht dazu?

Im Laufe der Tests kamen sie sich näher, telefonierten danach öfter miteinander, nachdem Oskar wieder zurückgekehrt war, und geben sich beim Treffen heute, auf der Karibikinsel Trinidad, als vergnügte Brüder, die sich nach langer Zeit wieder gefunden haben.

Jedoch diese Bilder sagen nur die halbe Wahrheit, immer dann, wenn die Regisseurin einen der beiden alleine zu Worte kommen läßt, wird deutlich, wie stark sie durch Erziehung und Umwelt geprägt sind. Jack gibt sich offen und lässig, Oskar ernst und zugeknöpft, Jack ist fest verwurzelt in der bunten kalifornischen Welt, Oskar scheint sein Leben in Deutschland eher zu erleiden. Es hat sich bei beiden eine zweite Haut gebildet, die über die erste Haut gestülpt wurde – Oskar und Jack sind sich sehr nahe und gleichzeitig sehr fremd.

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