Müßiggang und Neubeginn

Manuskript: Maximilian Preisler
Journal, 26. April 2001
Red.: Werner Rhode

Wer glaubt, seine Kenntnisse über Slowenien, Teil der wiedergewonnenen Mitte Europas, etwas auffrischen zu müssen, kann dies in den nächsten Tagen im Filmkunsthaus Babylon auf ästhetisch anspruchsvollem Niveau tun. Am einfachsten vielleicht noch die Lektion in Sachen Geschichte – „Eine kurze Hymne für die Heimat“ nennt sich diese Unterrichtsstunde, im Grunde ist es nur ein Blick auf eine ganz gewöhliche Polizeistation, vom Fenster gegenüber aus betrachtet. In schneller Folge wechseln die Fahnen, die Uniformen und die Staatsoberhäupter. Gerade noch salutierten die Polizisten vor dem Bild des Kaisers, da müssen sie schon lernen, den Farben Grün-Weiß-Rot ihre Reverenz zu erweisen. Irridentisten werden abgelöst von Faschisten, diese wiederum von Titoisten. Am Ende, in der Neuzeit angelangt, ist die Polizeistation geschlossen und Heavy Metal rauscht durch die Luft. Nur die Betrachterin im Fenster gegenüber, sie scheint, von allem verschont, immer nur ihr beschauliches Leben geführt zu haben.

Wie gefährlich, wie tödlich der Alltag in den Städten während der jüngsten Balkan-Kriege war, bringt ein weiterer Kurzfilm noch einmal in Erinnerung. „Hop, Skip & Jump“, das war in Sarajewo und wohl auch anderswo kein Kinderspiel, sondern die Umschreibung für den Horror, den die Scharfschützen von den Hochhäusern aus unter den Menschen auf der Straße verbreiteten. Wieviel können Menschen Menschen antun? Für den Film gibt es erst dann eine Grenze, als die Scharfschützin erkennt, daß der Mann im Zielfernrohr, der sich eine Taube fangen will, um seinen Hunger zu stillen, ihr früherer Ehemann ist. Da wacht sie auf, wie aus einem Alptraum. Vielleicht noch mehr als dieses Happy End läßt die Tatsache, daß „Hop, Skip & Jump“ als Koproduktion von Bosnien-Herzegowina und Slowenien entstand, für die Zukunft hoffen.

Die Zukunft, die Planung der Zukunft, überhaupt jede Lebensplanung ist dem Protagonisten in dem Feature Film „Müßiggang“ ein Greuel. Dizzy, ein sehr sprechender Name, wird eingeführt mit einer Tirade gegen alle und alles; die Welt ist für Dizzy ein Zufall, warum soll er also, ein ewiger Student, eingesperrt in einem winzigen Zimmer eines heruntergekommenen Wohnheims, umgeben von stichwortgebenden Zechkumpanen, sich um den Zustand eben dieser Welt kümmern? „Ich bin mir selbst schon zuviel, und nun schicken sie mir auch noch einen Mitbewohner ins Zimmer“, so stöhnt er, als Marko auftaucht. Mit Hornbrille, frisch vom Land, Nichtraucher, Nichttrinker. So beginnt eine sehr vergnügliche Gesellschaftskomödie, die nicht nur ein Panorama der Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens bietet, sondern damit auch ein ironisches Bild des ganzen Landes entwirft. In Slowenien kann man im Fernsehen CNN schauen, man gehört also zum Westen, aber die Zweifel am eigenen Wert bleiben dennoch. Wie soll man der Lethargie entkommen, für was lohnt es sich denn überhaupt heute noch tätig zu werden? Dizzys Lernprozess geht nur mühsam voran. Daß der ihm auferzwungene Kumpel eifrig studiert, ist gerade noch zu ertragen, aber daß er schon bald eine Freundin mitbringt, die auch noch hochschwanger ist, das ist zuviel. Zumal Dizzy von seiner Freundin endgültig die Pistole auf die Brust gesetzt erhält.
Das alles wird elliptisch erzählt, in kurzen, fast sketchartigen Episoden, voller hintergründigem Witz, auch filmischem Witz, in Schwarz-Weiß und ohne jede Spur von Larmoyanz. Der Stil des Regisseurs Janez Burger erinnert stark an die frühen Filme von Jim Jarmush, die gleiche Lakonie, die gleiche Gelassenheit, die gleiche Trostlosigkeit auch, die sich aber eher zum Absurden hin auflöst als im Elend zu versinken. So sitzen sie im klapprigen Auto und stellen sich gegenseitig Fragen, die keiner zu beantworten weiß: Sie: Würdest Du mich heiraten? Er: Ist das nun eine hypothetische Frage? Sie: Würdest Du mich fragen, Dich zu heiraten? Er: Würdest Du mich heiraten? Sie: Nein.
Und noch eine Erkenntnis nimmt man mit nach Hause: in Slowenien wird gejodelt. Wenn das weiter bekannt wird, dürfte der europäischen Integration des Landes zumindest in bayrisch-österreichischen Gefilden nicht mehr länger Widerstand entgegengesetzt werden.

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