„Made at Ostküste“ – Die Filmreihe zu den 11. Jüdischen Kulturtagen

Manuskript: Maximilian Preisler

Journal, 13. 11. 1997

Red.: Werner Rhode

Wir nähern uns der Stadt New York auf dem Wasser. Sanft schaukelnd läuft das Schiff ein in den Hafen von Manhattan. Aus dem Dunst taucht die Freiheitsstatue auf, evoziert das Versprechen: „Kommt her zu mir, die ihr verfolgt werdet, ich will euch Zuflucht geben“. Jetzt sieht man die Türme der Wolkenkratzer von Downtown Manhattan. Ein leises Gemurmel hebt an, einzelne Stimmen sind nicht auszumachen. Es ist Nacht, das Schiff fährt weiter, den East River hinauf, die Lichter der Stadt und die Lichter eines vor Anker liegenden Schiffes wecken das Verlangen dazubleiben. Aus dem Off hören wir nun deutlich eine Stimme – ist es die Stimme der Regisseurin? – die eine alte jiddische Parabel erzählt. Von einem, der weder den Weg zu Gott kennt, noch die Worte des Gebets – und der dennoch erhört wird, weil er seinem Kind die Geschichte anvertrauen kann, weil er die Kraft hat, sich zu erinnern. Die gleiche Kraft, die gleiche Fertigkeit, mit der Chantal Akerman uns ihre „Geschichten aus Amerika“, „Histoires d´ Amerique“ erzählt.

Chantal Akermans Film ist (wieder) zu sehen in der Filmreihe „made at Ostküste“, die Teil der 11. Jüdischen Kulturtage ist. Ein ungeschickter Titel – handeln doch im Grunde alle Beiträge von New York und nicht von Connecticut oder Massachusetts – unter dem sich eine breite Auswahl von Filmen verbirgt. Spielfilme, die man noch vor wenigen Jahren im Kino sehen konnte, wie „Feinde – Die Geschichte einer Liebe“, von Paul Mazursky, oder gar selten zu sehende, wie der in schwarz-weiß gedrehte Film „Der Pfandleiher“ von Sidney Lumet aus dem Jahre 1964, mit Rod Steiger inder Hauptrolle. Daneben finden sich Ausgrabungen aus den 20er und frühen 30er Jahren und dazu rund zehn Dokumentarfilme. Allen Filmen gemeinsam ist das Thema – Wie leben die aus Europa emigrierten Juden im „verheißenen“ Land Amerika? Welche Geschichten, welche Kultur nehmen sie mit, aus dem Weg vom Shtetl in die Metropole? Welche Erinnerungen verblassen, welche sind so tief im kollektiven Gedächtnis eingegraben, daß sie auch in der zweiten oder dritten Generation präsent bleiben?

Unterschiedlich wie die Filmgenres sind die Menschen, die porträtiert werden. Die bunte Vielfalt jüdischen Lebens reicht vom „Stadtneurotiker“ Woody Allen bis zum „Familienneurotiker“ Alan Berliner, dessen witzig-scharfer Dokumentarfilm „Nobody´s Business“ schon bei der letzten Berlinale für Furore sorgte. Wir werden eingeladen zu einem „Stammtisch der Emigranten“, die in letzter Minute den effizienten Mördern aus Nazi-Deutschland entkamen und treffen auf New Yorker, die es auch nach über 40 Jahren noch nicht verstehen können, wieso man sie eigentlich aus ihrer deutschen Heimat vertrieben hat, denn, wie einer sagt: „We were so beloved“, „Wir waren (doch) so beliebt.“

Neben diesen bereits bei uns gezeigten Filmen werden auch deutsche Erstaufführungen präsentiert. Ein spanndener Film verspricht „Arguing The World“ zu sein, vier jüdisch-amerikanische Intellektuelle kommen hier zu Wort, Irving Howe, Daniel Bell, Nathan Glazer und Irving Kristol, von denen in Deutschland besonders die ersten beiden bekannt sein dürften, und stellen ihren Werdegang vor. Ein „clash of ideas“ läßt sich hier erwarten, ein Zusammenstoß von Ideen. Und schließlich sei auf ein Doppelprogramm mit zwei Dokumentarfilmen über eine Minderheit innerhalb der Minderheit hingewiesen. „Days Of Awe“ und „A Life Apart“ zeigen die Welt der chassidischen Juden in Brooklyn. Vielleicht etwas zu sehr durch eine rosa-rote Brille gesehen, wird eine ganz eigene Welt vorgestellt, die sich streng an überkommene Rituale hält, und die sich nur zögernd der amerikanischen Welt öffnet, einer Welt des Materialismus – aber auch der Versprechung des Glücks für jeden einzelnen. Hier dagegen zählt vor allem die Gemeinde: Männer mit schwarzen Hüten und hellem Gebetsmantel umgelegt, Jungen mit Tefillin, Gebetsriemen, an den Armen und am Kopf, Mädchen, die dem fröhlichen Treiben der männlichen Chassiden auf der Straße während des Laubhüttenfestes zuschauen. „Days Of Awe“ beschreibt das religiöse Leben der Chassiden während eines Monats, des Monats Tischri. Ganz am Ende dieses Films sieht man einen Chassiden, der auf der Straße mit einem großgewachsenen schwarzen Mann zusammentrifft. Was haben die beiden sich zu sagen? Dazu schweigt der Dokumentarfilm von Karen Kramer leider.

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