Der Tramp und der Diktator – Chaplins Abrechnung mit Hitler

radio kultur (2002)
Filmrezension

Nach Monaten strengster Geheimhaltung war es im Herbst des Jahres 1940 endlich soweit, Charlie Chaplin beendete die Dreharbeiten seines jüngsten Films. Niemand hatte Gelegenheit gehabt, den Drehort zu betreten, niemand wusste genaues über den Inhalt des Films, gemunkelt wurde, es sei eine Satire auf das Nazi Regime in Deutschland. Und nun das: alle Zeitungen in den USA brachten die Nachricht, dass Chaplins neuestes Werk, The Great Dictator, in Berlin uraufgeführt werden sollte! Ein überaus gelungener Werbe-Gag, der natürlich nicht die geringste Chance auf Realisierung hatte, die Zuschauer merkten schnell, dass Chaplin mit seiner gnadenlosen Bloßstellung des bramarbasierenden Diktators den deutschen „Führer und Reichskanzler“ auf immer der Lächerlichkeit preisgegeben hatte. Wer Chaplin hörte, wie er als Adenoid Hynkel eine Ansprache an das Tomanische Volk herausbellte, der konnte sich beim Hören von Hitler Reden von jetzt ab nur noch den Bauch vor Lachen halten.

O-TON
The Great Dictator

Wie der wirkliche Hynkel auf Chaplin reagierte, ist leider nicht überliefert, eine Kopie des Films wurde von der Reichskanzlei gleich zweimal ausgeliehen, das immerhin ist sicher.

Ein Mann hatte übrigens doch Zugang zu den Dreharbeiten des „Großen Diktator“, Sidney Chaplin, der ältere Bruder des großen Regisseurs. Dessen Home-Movies, mit einer Amateurkamera gedreht und lange Zeit verschollen, wurden nun mit Ausschnitten aus dem fertiggestellten Film, Ausschnitten aus deutschen Wochenschauen und kürzeren Stellungnahmen von Historikern und Kritikern, zu einem ungewöhnlichen Dokumentarfilm zusammengefügt. Michael Kloft, einer der beiden Autoren des Films, über die Umstände des glücklichen Fundes:

O-TON
Was wir wissen, dass Sidney Chaplin, der diese Filme gedreht hat, 1965 verstorben ist, zwei große Schrankkoffer aus seinem Besitz, sind in Charlie Chaplins Villa in der Schweiz geblieben, dort wurden sie irgendwann in den 80er, 90er Jahren, wir wissen es nicht genau, von einer Tochter Chaplins, Victoria, gefunden, die hat die Filme wie Familienfilme angesehen, mit ihrem Bruder zusammen, und dann wieder weggestellt und hat gar nicht so sehr den Wert erkannt und erst vor etwas mehr als zwei Jahren ist es durch Zufall herausgekommen, dass diese Filme überhaupt existieren.

Autor:
Die 16 – mm – Filme sind bunt, ergänzen damit auf frappierende Weise die schwarz-weiß Bilder des „großen“ Films, sie zeigen, mit welch unglaublicher Sorgfalt Chaplin seine anscheinend so chaotischen Slapstick-Szenen choreographierte, mit welcher Perfektion inmitten der palmenbestandenen Boulevards von Hollywood die Ghetto-Szenerie errichtet wurde, man sieht Kurz-Szenen, die im Film keinen Platz fanden, und die beiden Regisseure können sogar mit handfesten Ãœberraschungen aufwarten – die zu neuen Fragen führen:

O-TON
Was wirklich spannend war, die berühmte Schlussszene des Films, wo er seinen großen Appell an Menschlichkeit und Freiheit spricht, dieses Farbmaterial zeigt uns ein bisschen was über den Entstehungsprozess, dass eigentlich die Schlussszene ganz anders geplant war, dass er mit sich gehadert hat, dass er es immer wieder neu geprobt, gedreht hat, da gibt es ein wenig Einblicke, aber warum er das im einzelnen geändert hat, das beantworten diese Aufnahmen auch nicht.

Und noch anderen unbeantworteten Fragen gehen die Autoren nach: Chaplins und Hitlers Geburtstage lagen, das ist bekannt, nur vier Tage auseinander, welche Gemeinsamkeiten also gibt es, die über die verblüffende Ähnlichkeit des wirklichen Diktators und des geschminkten Schauspielers hinausgehen? In einer Parallelmontage verfolgt der Dokumentarfilm die beiden Lebenslinien, bis sie sich 1940 schließlich im „Großen Diktator“ treffen, Hitler, auf der Spitze seiner Erfolge angelangt, wird von seinem Doppelgänger Chaplin in dessen teuersten und erfolgreichsten Film als Demagoge vorgeführt und sein brutales Wesen wird mit dem wahren Namen benannt. Auch wenn die Wirklichkeit viel schlimmer war, als die im „Großen Diktator“ imaginierte und Chaplin selbst im Nachhinein zweifelte, ob er nicht die Nazi-Barbarei verharmloste, die Dokumentation „Der Tramp und der Diktator“ macht es ganz augenfällig: von nun an konnte man auf die schärfste Waffe im Kampf gegen den Nationalsozialismus zurückgreifen: das Lachen über Hitler.

O-TON
The Great Dictator

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