Chris Eyre – Smoke Signals

SFB/ ORB radio kultur
Journal 1998

Filmrezension

Bilder von Feuer und Wasser bestimmen den Debutfilm von Chris Eyre. „Smoke Signals“ beginnt mit dem Blick auf ein loderndes Feuer – während einer trunkenen Feier am Abend des amerikanischen Unabhängigkeitstages geht ein Wohnhaus in Flammen auf, zwei Erwachsene sterben, zwei Kinder können in letzter Sekunde gerettet werden – und der Film endet auf auf einer Brücke über den reißenden Spokane River, einem Zufluß des Columbia River. Dort, hoch oben über dem tobenden Wasser steht Victor Joseph und schüttet die Asche seines Vaters, der in der Fremde gestorben ist, in den heimatlichen Strom.

Zwischen dem tragischen Beginn und dem traurigen Ende spult sich ein Road Movie ab, vom hohen Norden der USA, vom Reservat der Coeur d´Alene Indianer, machen sich zwei junge Männer auf, um mit dem Greyhound Bus in den heißen Süden, nach Arizona, zu fahren, und wenn sie ihre Aufgabe erfüllt haben, wenn Victor Klarheit über den Tod seines Vater gewonnen hat, kehren sie wieder zurück nach Idaho. Das Besondere an dieser Geschichte: sie wird konsequent aus der Sicht der beiden Indianer geschildert. Und vor allem: sie ist nicht im geringsten larmoyant. Im Gegenteil, Chris Eyre, der Regisseur, auch ein „native American“, setzt auf Ironie und Witz. Das beginnt bereits im Reservat. Dort, an der Kreuzung der Holperstraße mit dem Highway, der am Stammesgebiet vorbeiführt, steht ein ausgedienter Wohnwagen, oben drauf sitzt der Wetter- und Verkehrsexperte der lokalen Radiostation. Jedes einzelne Auto wird von ihm ins Studio weitergemeldet und wenn es nicht regnet, dann kann er verkünden: Dies ist ein guter Tag, um Indianer zu sein.
Unterwegs möchte Victor Joseph dem gleichaltrigen , aber viel zarteren Thomas, in dessen Nachname Builds-the-Fire ein ironischer Verweis auf seine Rettung aus den Flammen mitschwingt, beibringen, wie ein echter Indianer zu sein hat, nämlich vor allen Dingen stoisch, und er muß einen Kriegerblick besitzen, das sei ein Erbe ihrer Jäger-Zeit. Aber, wendet Thomas zaghaft ein, der mit seinen schwarzen Zöpfen und der viel zu großen Brille einem hübschen Indianer-Mädchen viel ähnlicher sieht als einem draufgängerischen Büffeljäger, aber unsere Vorfahren haben doch vom Fischfang gelebt! Und als die beiden den Bus, der sie nach Arizona bringt, nach einer Kaffeepause wieder besteigen, da kann ein hergelaufener, betrunkener Weißer einfach ihren Platz okkupieren. Victor Josephs strenger Blick, sein Stammesgenosse Thomas kommentiert es feixend, kann in diesem Fall überhaupt nichts ausrichten. Vielleicht sollte der berühmte Indianerfilm doch umbenannt werden, neuer Titel: Der mit dem Fisch tanzt.

Voller Selbstironie auch die spritzigen Dialoge, alle Klischees über Indianer werden auf den Kopf gestellt, oder der Lächerlichkeit preisgegeben. Da sitzen die beiden ungleichen Freunde in einem Campmobil mitten in der Wüste von Arizona, und schauen sich an, was der kleine Fernsehapparat so zu bieten hat. Es ist früher Nachmittag, also werden alte Western-Filme gezeigt, die wohl hier in der Nähe gedreht wurden. Thomas Builds-the-Fire wendet sich an Victor Joseph und will von ihm wissen: Was ist noch peinlicher als Indianer im Fernseher? Er gibt die Antwort gleich selbst: Wenn Indianer sich Indianer im Fernsehen anschauen.

Dabei bleiben die dunklen Seiten des Indianer-Daseins heute nicht ausgespart. Der Vater, der seine Familie im Stich läßt, die verbreitete Trunkenheit, die auch Anlaß des schrecklichen Unfalls zu Beginn der Geschichte ist, die Armut der Indianer, ihre Trägheit, wenn es darum geht, die eigene Situation zu verändern, zumTeil noch gefördert durch die staatlichen Zuwendungen, all dies ist – beiläufig – ebenfalls Thema. Die abschätzigen Blicke der Weißen und ihre Vorurteile bleiben gleichfalls nicht ausgespart. Aber eben: sie sind Teil des Ambiente, sie geben den Hintergrund ab. Im Mittelpunkt steht zum einen die vorsichtige Annäherung der beiden jungen Männer, die lernen müssen, die Eigenarten des anderen zu ertragen, und eine im Grunde universelle Vater-Sohn Problematik. Warum ist der Vater so plötzlich verschwunden? Wieso kehrte er nie mehr zurück? Und die entscheidende Frage: Wie kann man erfüllt leben, wenn die Zweifel an der Liebe der Eltern am Selbstwertgefühl nagen. Am Ende des Films verläßt der Regisseur seine selbstgewählte ironische Distanz, jetzt wendet er sich ohne Scheu den großen Gefühlen zu. Die Bilder von Wasser, Feuer, Rauch und Asche werden begleitet von der bohrenden Frage eines Gedichtes: Wie können wir unseren Vätern vergeben? Und wenn wir unseren Vätern vergeben. Was bleibt dann noch?“

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