Cheerleader Stories – Eine Doku-Serie von Alice Agneskirchner

Manuskript: Maximilian Preisler
Radio Kultur
Red.: Ina Beyer
2000

Sie heißen Mandy, Susi, Patty und Lucy, sie sind jung, zwischen 17 und 23, sind hübsch, zu ihrem Kummer jedoch nicht alle gertenschlank – und sie sind tanzbegeistert. Alle haben das Casting für die Ausbildung zum Cheerleader bestanden und nun beginnt die Arbeit. Aus über vierzig ziemlich verkrampft wirkenden Berliner Mädchen soll ein einheitlich tanzendes, beine-schwingendes, Pom-pons schwenkendes Cheerleader-Team werden. Ihre Aufgabe: die Begeisterung der Football Fans anzuheizen. In Amerika gehören sie zu jedem Spiel dazu, nun, nachdem es eine europäische Footbal League gibt, braucht man sie auch in Frankfurt und Berlin. “Berlin Thunder”, so heißt der zuständige Club in der Hauptstadt, doch über das Spiel Football und das Berliner Team erfährt man in “Cheerleader Stories” nur wenig. Und auch die Fortschritte in der Tanzausbildung werden eher nebenbei behandelt. Statt dessen, und das ist viel spannender als jedes Football Spiel und jede Einstudierung des Cheerleader-Teams, erlauben uns die fünf Filme der Doku-Serie einen intimen Einblick in das Leben dieser jungen Frauen. Was heißt es für sie, erwachsen zu werden.

Da ist Mandy, sie ist hoch emotional, wenn ihr ein Tanzschritt daneben gerät, grimassiert sie heftig, wenn ihr etwas gut gelingt, jauchzt sie laut auf vor Freude. Ein Junge taucht in ihrem Leben auf, Jan, wir sind dabei, wenn sie sich in der Disko verabreden, und wir sitzen am nächsten Morgen mit in der U-Bahn, wenn sie der besten Freundin gesteht: “Ich habe nur eine Stunde geschlafen heute nacht.” Die Freundin umarmt sie und fragt: “Seid ihr jetzt zusammen?” “Ich glaube schon,” antwortet Mandy mit strahlenden Augen. Und fügt hinzu: “Es ist wie ein Traum, aber voll komisch.”

Mit der Cheerleader Karriere wird es allerdings nichts für Mandy. Sie muss mehr für die Schule lernen und – vor allem – die amerikanische Ausbilderin Amber ist unzufrieden mit ihr: sie kritisiert Mandys Figur. “You´re a little loose in the middle”, soll heißen: Bauch und Po, das muss alles straffer aussehen. Mandy ist beim Blick in den Spiegel zu Hause empört: Ich bin eben eine Frau, und manche können vielleicht ohne Süßigkeiten leben, ich nicht.

Auch andere springen ab: Anais findet eine Lehrstelle in einem schicken Hotel, gerade haben wir noch gesehen, wie sie und ihre Mutter sich bei der Formulierung eines Bewerbungsschreibens abgequält haben; Susi, blendend aussehend, mit Berliner Mutterwitz ausgestattet, erhält ein Angebot zu einem Praktikum in Hong Kong und sie muss der Mutter und dem Cheerleader Team Adieu sagen. Am schwierigsten ist der Abschied von Max, eine immerhin schon dreijährige Liebesbeziehung verbindet die beiden. Fast kommt es in Gegenwart der Kamera zu einem Heiratsantrag, dann versteckt sich Susi wieder schnell hinter dem Konjunktiv und Max bietet eine traurig-ironischen Scherz als Ausweg an.

Neben diesen individuellen Geschichten ums Selbständigwerden zieht sich durch alle Folgen eine Konfrontation besonderer Art, zwei unterschiedliche kulturelle Vorstellungen prallen aufeinander. Amber, aus St. Louis, MS, ist professionell bis ins Herz hinein. Sie hat einen Job übernommen, und den will sie hundertprozentig ausführen, sie fordert viel von sich und genauso viel von den jungen Frauen. Sie verlangt Änderungen im Make-up, sie besteht auf einer positiven Einstellung, ja, auch ein Lächeln gehört dazu, sie verbietet das Anbändeln mit den Jungs vom Football Team, sie ist mit allem Mittelmäßigen unzufrieden: “I want you to do better.” Nicht alle zukünftigen Cheerleader sind damit einverstanden, es gibt Reibereien, es kommt zu dramatischen Aussprachen. Und auch wenn Amber vor dem wichtigen Spiel ein Gebet spricht, “Gott, schau auf uns, wir haben hart gearbeitet”, dann spürt man, dass die deutschen Mädchen nicht so ganz überzeugt sind.

Es ist wirklich erstaunlich, wie nahe und wie genau wir die Protagonistinnen erleben können, dies mag mit der Medienvertrautheit der jungen Leute zu tun haben, oder mit der Einfühlsamkeit des fast ausschließlich weiblichen Filmteams, es zeigt sich jedenfalls, dass der dokumentarische Wahrheitsanspruch des unbeteiligten Beobachtens des Cinéma verité, auch Direct Cinema genannt, weiterhin Gültigkeit hat. Die Regisseurin arbeitet mit mehreren Teams, fügt eine stark narrative Komponente hinzu und leiht sich aus dem Bereich der Soap-Operas die serielle Gestaltung. Das Ergebnis kann sich sehen lassen.

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