Chapeau zum Hundertsten

Manuskript: Maximilian Preisler
RBB Kulturradio

20. Januar 2006
Am 19. Januar 1906 wurde Lilian Harvey geboren

ANMODERATION

Eigentlich hieß sie Lilian Helen Muriel Pape und geboren wurde sie gestern vor 100 Jahren in London. Doch fest im Gedächtnis einer ganzen Generation blieb sie als Lilian Harvey. Am liebsten war sie dem Publikum, wenn sie mit Willy Fritsch auf der Leinwand erschien, gleich ein Dutzend Mal konnte man die beiden anschmachten. In der „Urania“ ist seit gestern eine Ausstellung über Lilian Harvey zu sehen, die am 27. Juli 1968 in Frankreich, in Juan les Pins, starb. Maximilian Preisler begab sich auf die Zeitreise.

AUTOR:
„Sehr geehrtes junges Fräulein“, so beginnt ein Telegramm aus Stuttgart-Untertürkheim, das der illustren Kundin in Südfrankreich versichert, ihre Sorgen seien unbegründet. Der Chauffeur mit ihrem neuen Cabrio sei bereits unterwegs. Man schrieb das Jahr 1932. Lilian Harvey war 26 Jahre alt und auf dem Höhepunkt ihrer Karriere angelangt. Das wusste sie natürlich nicht. Sie wusste nicht, dass ihre beiden populärsten Filme „Die Drei von der Tankstelle“ und „Der Kongreß tanzt“ bald schon von den Nazis aus den Kinos gedrängt werden sollten, da sei zu viel „Jüdisches“ enthalten; sie konnte nicht ahnen, dass ihr wenige Jahre später die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt werden würde, wie hätte sie 1932 an Staatszersetzung denken können. Auch sie ging letztlich dann nach Amerika – und wurde dort nicht glücklich. 1932 liebte das Publikum „die Harvey und den Fritsch“, sie galten als ideales Traumpaar und für den Produzenten Erich Pommer war sie „nicht aus Fleisch und Blut, sondern ein Märchengeschöpf“.

All dies ist nun in einer unauffälligen aber dennoch einprägsamen Ausstellung in der Lobby der Urania nachzulesen. Und zu sehen. Deutlich wird es bereits auf den ganz frühen Modephotos und Rollenporträts, hier wurde ein Star geschaffen, der sich nicht den Geboten des Vamp-Bildes fügen sollte. Ihre Rolle wurde anders definiert, sie ist „das patente Mädel“, sie ist „der Fratz“ und für Willy Fritsch ist sie „das süßeste Mädel der Welt“. Was nicht heißt, in ihr steckte nur Bravheit und ihr Appeal beschränkte sich darauf, die Männer anzuhimmeln. Sie kann losfegen, sie kann tanzen, sie kann das Kleid mit der rechten Hand raffen und steppen, sie kann die Beine werfen, so dass der Rock bedenklich hoch fliegt, sie kann keck ihren Filmvater „Mops“ nennen.

Wie nun kommt Lilian Harvey in die Urania? Ulrich Bleyer, der Hausherr, ist sehr angetan von diesem Besuch.

O-TON TAKE 1
Lilian Harvey begleitet uns schon länger durch das Programm, weil wir jeden zweiten Montag jetzt einen Filmklassiker zeigen. Und jetzt natürlich anlässlich des 100. Geburtstages auch zwei, am 30. Januar „Die Drei von der Tankstelle“ und am 06. Februar „Hokuspokus“, und da passt es natürlich sehr gut, dass aus dem Nachlass die Akademie der Künste hier eine Sammlung von biographischen Informationen, von Mode- und Szenephotos, von Nachlassdokumenten hier bei uns in den Foyers ausstellt. Sehr hübsch und sehr passend zum Filmprogramm.

AUTOR:
Lilian Harvey war ein deutscher Star und ein europäischer Star, sie sprach fließend vier Sprachen und als der Tonfilm eingeführt wurde, war sie die einzige der Crew, die auch in der englischen und französischen Filmfassung ihre Rolle selbst sprechen konnte. Ihr Image ist heute nicht so glänzend wie das von Marlene Dietrich, jedoch ihre Filme sind nicht nur für die Vorkriegsgeneration Allgemeingut geworden. Die Lieder daraus – „Ein Freund, ein guter Freund“, „Liebling, mein Herz lässt Dich grüßen“ und „Das gibt’s nur einmal“ kann jeder pfeifen.

O-TON TAKE 2
Es ist natürlich erst mal immer berührend, sozusagen die Geschichte zu erleben, mit der sind wir ja groß geworden. Also diese Filme, die kennt man ja seit seiner Kindheit, seit nunmehr auch für mich, was weiß ich, 50 Jahren hat man immer mal wieder solche Filme gesehen, mit Heinz Rühmann, Willy Fritsch. Und dann solche Originale zu sehen und dann auch die biographischen Daten zu sehen, wie sie aus Deutschland emigrieren musste, wie sie ausgebürgert wurde, wie sie dann doch wieder kam, wie sie versuchte, diese berühmte Schauspielerin, über die Kriegszeit zu kommen, hat Puppen bemalt aber keine Nebenrollen angenommen, sie hat dann nach dem Krieg ein Come back versucht, viel Theater gemacht. Also was auch so ein glanzvoller Star sozusagen für Auf und Abs im Leben durchlebt hat, das ist immer wieder sehr beeindruckend.

AUTOR:
Ganz am Ende der „Tankstellen-Operette“ öffnet sich der Vorhang für ein großes Finale. Noch einmal wirbelt Lilian Harvey mit fliegenden Haaren über die Bühne. Ganz links tanzt ihr dicker Rechtsanwalt mit grotesken Schritten. Das ist Kurt Gerron. Er wird gut 10 Jahre später nach Auschwitz deportiert.