Buchvorstellung im Kino Arsenal – Marcel Ophüls: Widerreden und andere Liebeserklärungen: Texte zu Kino und Politik, herausgegeben von Ralph Eue und Constantin Wulff.

Manuskript: Maximilian Preisler

Radio Kultur

Der Morgen, 18. 11. 1997

Red.: Claudia Henne

AUTOR:

Wir kennen Marcel Ophüls als verschmitzten, schlitzohrigen Fragesteller, der in seinem Dokumentarfilm „Tage im November“ selbst einen Berliner Regierenden Bürgermeister zum Singen bringt, wir kennen ihn als einen nimmermüden Fallensteller, dem in „Hotel Terminus“, auch Großwild, nämlich Klaus Barbie, der frühere Gestapochef aus Lyon, nicht entkommen kann, und wir kennen ihn schließlich als selbstbewußten Sohn eines großen Filmregisseurs, der sich nicht scheut in seinem jüngsten Dokumentarfilm, „Veillées d´armes“, ausgiebig seinen Vater Max Ophüls zu zitieren. Nun lernen wir Marcel Ophüls als Verfasser von „Texten zu Kino und Politik“ kennen. Rund dreißig Essays und kleinere Arbeiten, zuerst in verschiedenen, vor allem französischen und amerikanischen Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht, haben die beiden Herausgeber, Ralph Eue und Constantin Wulff, unter dem Titel „Widerreden und andere Liebeserklärungen“ versammelt.

Im Kino Arsenal wurde das Buch gestern abend im Gespräch zwischen Herausgebern und Autor vorgestellt und eine der Fragen zielte auf das Verhältnis zu dem anderen großen Dokumentarfilmer unserer Zeit, zu Claude Lanzman. Ist es eine Verwandtschaft, die hier herrscht, oder gibt es Unverträglichkeiten?

O-TON TAKE 1

Ich glaube, daß das nicht eine Entweder-Oder Frage ist. Ich habe den Claude erst kennengelernt, nachdem ich „Shoah“ gesehen hatte und nachdem ich in „American Film“ – übrigens, das Essay ist in diesem Buch drin – über „Shoah“ geschrieben habe. Und ich stehe zu meinem Urteil, daß es – auch jetzt noch – daß es wohl der beste Film über die Schrecken von unserem Jahrhundert, und über Zeitgeschichte überhaupt ist. „Shoah“. Und nachdem ich das in einer amerikanischen Zeitschrift geschrieben hatte, hatte der Claude, der sich vorher nicht so sehr darum gekümmert hat, und der sich eventuell sogar geärgert hat, weil Leute ihn darauf angesprochen haben, daß er vielleicht beeinflußt worden ist von „Le Chagrin und La Pitié“, hatte er dann eben große Lust mich kennen zu lernen, und wir sind dann auch Freunde geworden. Das ist eine anekdotische Antwort. Ich glaube, daß ich nie, nie – weil ich im Grunde halt vom Show Business her komme, und im Show Business aufgewachsen bin, ich hätte, glaube ich, nie die moralische Durchhaltekraft und Mangel an Frivolität und diese wahnsinnige Courage, diese moralische, 11 Jahre lang in diese Welt ein…, ich habe nie einen Film über Holocaust gemacht.

AUTOR:

Das Buch zeigt einen Dokumentarfilmregisseur, der sich auch schreibend seiner Sache versichern kann, der reflexiv mit dem Medium Film umzugehen weiß. In den Texten zur Politik scheut er nicht vor deutlichen und starken Worten zurück: Handkes Partei-Ergreifung für Karadzic und dessen heftige Angriffe gegen jene Medien, die den „Dr. Karadzic“ bloßstellen, findet er skandalös; er prangert die Machtgelüste der „Männer auf der anderen Seite der Schreibtische“ an, ob diese Männer nun in den Büros der französischen Fernsehanstalten oder denen der Regierung Mitterands sitzen.

Seine Liebe gilt dem Film und der Literatur, sie gilt Francois Truffaut und Frank Capra, und sie gilt der Kultur Deutschlands. Das einleitende Essay des Bandes trägt den Titel: “Das Gras ist immer grüner auf der anderen Seite“ – darin findet sich fast so etwas wie eine Art Ehrenrettung für das Land, aus dem sein Vater vertrieben wurde. „Heimweh nach Deutschland ist ein deutsch-jüdisches Syndrom. Die deutschen Juden waren fast noch deutscher als die Deutschen. Die Größe der Kultur ist ein wirksames Gift gegen zu starke Verallgemeinerung über deutsche Schuld.“

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